Prof. Nagel und Prof. Terberger
Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Evaluierung: Unabhängig, aber nicht losgelöst

Wenn Entwicklungsprojekte Noten bekommen, ist das nicht immer schmeichelhaft, aber immer wertvoll – denn Evaluierung hilft, künftige Fehler zu vermeiden. In einem lebhaften Gespräch analysieren die Leiterin der Evaluierungsabteilung, Professor Dr. Eva Terberger, und KfW-Vorstand Professor Dr. Joachim Nagel den Nutzen der Evaluierung, ihre Bedeutung für die Finanzielle Zusammenarbeit (FZ) und in der Welt von morgen.

Zur Person
Prof. Dr. Nagel

Prof. Dr. Joachim Nagel ist Mitglied des Vorstands der KfW Bankengruppe, zuständig für das internationale Geschäft der KfW.

Welchen Stellenwert hat die Evaluierung in der FZ, und was schätzen Sie besonders an ihr?

Prof. Dr. Joachim Nagel: Sie ist der Markenkern der Entwicklungsbank, denn bei allen Maßnamen geht es am Ende immer um Wirkungen. Mit Evaluierungen prüfen wir, ob erreicht wurde, was wir uns zu Beginn eines Projektes vorgestellt hatten. Wir messen uns damit an unseren eigenen Ansprüchen und Zielen – und natürlich an denjenigen der Bundesregierung als Auftraggeber. Gleichzeitig dokumentieren wir gegenüber der Öffentlichkeit, wie wir arbeiten und die uns anvertrauten Gelder einsetzen. Insofern hat die Evaluierung einen sehr großen Stellenwert.

Evaluierung klingt gut, nach Transparenz, Objektivität, Seriosität. Sind das nur Lippenbekenntnisse?

Prof. Dr. Eva Terberger: Nein. Unsere Evaluierungsergebnisse werden in der Entwicklungsbank ernst genommen, reflektiert und für die laufende Arbeit genutzt. Manchmal fragen die operativen Abteilungen sogar, ob wir uns ein Projekt anschauen könnten; darauf sind wir besonders stolz. Von außerhalb erhalten wir allerdings deutlich seltener Reaktionen oder Nachfragen zu unseren Berichten. Das bedauere ich.

Kritiker halten Evaluierungen dieser Art für eine Feigenblattaktion. Was entgegnen Sie ihnen?

Nagel: Solche Kritik ärgert mich, weil sie von Unkenntnis zeugt. Die Evaluierungsberichte sind keine Gefälligkeitsgutachten. Sie haben Substanz und tun mitunter auch weh. Die Ergebnisse fallen längst nicht immer so aus, wie man sich das gewünscht hätte. Aber es geht hier um die Bereitschaft zur Selbstkritik und Weiterentwicklung. Diese Bereitschaft haben wir.

Terberger: Die Evaluierung ist ein sehr effektives Lerninstrument. Wir geben Feedback ins Haus und erleben immer wieder, dass Konzeptionen von Folgeprojekten angepasst, schärfer gemacht werden.

Zur Person
Prof. Dr. Eva Terberger

Prof. Dr. Eva Terberger leitet in der KfW Entwicklungsbank die FZ Evaluierungsabteilung.

Wo zum Beispiel?

Terberger: In meinen ersten Jahren hier bemängelten Evaluierungen von Kläranlagen häufig fehlende Konzepte zur Entsorgung von Klärschlamm, weil unprofessionell gelagerter Klärschlamm eine Gefahr sein kann. Heute geht die Planung jeder Kläranlage mit einem Konzept zur Klärschlammentsorgung einher. Evaluierungsergebnisse halfen auch, „Green Finance“-Projekte passgenauer zuzuschneiden: Kleine, standardisierte Energieeffizienzmaßnahmen benötigen andere Förderkonzepte als größere Investitionen in die Erzeugung erneuerbarer Energie. Ich könnte fortfahren.

Herr Nagel, Sie sind jetzt seit rund eineinhalb Jahren Vorstand in der KfW. Was haben Sie selbst aus Evaluierungen gelernt?

Nagel: Vor allem, dass Entwicklungszusammenarbeit ein Prozess ist und man einen langen Atem braucht. Das zeigen die Berichte ganz klar. Häufig laufen Projekte in der ersten Phase gut, dann driften sie gelegentlich in eine falsche Richtung ab: Das kann mit den Partnern vor Ort zu tun haben, aber auch mit Umständen, die sich ändern. Die beabsichtigte Wirkung zu erzielen, ist immer wieder eine neue Herausforderung.

Terberger: Zumal die KfW häufig in fragilen Kontexten arbeitet. Dort muss man höhere Risiken eingehen und erreicht seltener das Gewünschte; dennoch ist es extrem wichtig, engagiert zu bleiben.

Flüchtlinge in Jordanien
Wirkung

In einer unruhigen Region der Welt legt die Evaluierung Wert auf die schnelle Sichtbarkeit von Ergebnissen, wie zum Beispiel bei der Unterstützung syrischer Flüchtlinge in Jordanien.

Nagel: Ich würde sogar noch weiter gehen: Scheitern gehört zu unserer Arbeit, gerade in fragilen Staaten. Das bedeutet nicht, sehenden Auges Steuergelder zu verbrennen. Aber nicht jede Maßnahme endet erfolgreich. Wenn wir aus einer schlechten Bewertung jedoch die richtigen Schlüsse ziehen, haben wir für die Zukunft gelernt. Wir wissen, dass schon heute fast jeder vierte Mensch in fragilem Umfeld lebt und dieser Anteil in den kommenden Jahren steigen wird. In der Perspektive dessen, was uns erwartet, spielt die Evaluierung eine sehr wichtige Rolle. Erkenntnisse, die wir heute über unsere Arbeit, unsere Stärken und Schwächen gewinnen, können unsere Projekte morgen stabiler und wirkungsvoller machen, gerade auch in unruhiger Weltlage.

Wie wichtig ist es, unter solchen Umständen schnell Wirkung zu zeigen?

Nagel: Extrem wichtig. Schnelligkeit ist ein zentraler Faktor, um die Lage zu stabilisieren. Die Menschen müssen sehen und spüren, dass sie unterstützt werden und sich ihre Lebensumstände verbessern. Wir müssen hier noch schneller werden, Verzögerungen vermeiden, die es auch bei Projekten in unruhigen Regionen immer wieder gibt. Einige Ursachen für solche Verzögerungen sind extern, andere liegen bei uns selbst, unseren Abläufen. Daran arbeiten wir.

Terberger: Ich kann nur zustimmen. Deshalb ist bei Evaluierungen in fragilem Kontext die schnelle Sichtbarkeit von Ergebnissen ein wichtiger Indikator zur Beurteilung der Wirksamkeit.

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Prof. Dr. Nagel in Jordanien
Vor Ort

Prof. Dr. Nagel in einem Flüchtlingslager in Jordanien. Engagement im fragilen Kontext, eine wichtige Säule der Arbeit der KfW Entwicklungsbank.

Die Weltlage ist unruhig, und sie wird komplexer und vielfältiger. Trotzdem arbeitet die FZ Evaluierung weiterhin mit einfachen Messlatten wie Noten und einer generellen Erfolgsquote. Können Sie damit etwas anfangen, Herr Nagel?

Nagel: Eine Art Bewertungsskala, ein Label hilft immer. Ich schaue als Erstes darauf, wie ein Projekt benotet ist. Man liest intensiver, wenn ein Vorhaben eine sehr gute oder eine sehr schlechte Bewertung erhalten hat.

Terberger: Man muss unterscheiden zwischen der Einstufung einzelner Projekte, hinter der differenzierte Daten und Beobachtungen stehen. Und dann gibt es die Erfolgsquote, die wir nach statistischen Standards auf Basis der evaluierten Stichprobe schätzen. Die Erfolgsquote stelle ich ungern in den Vordergrund, weil sie leicht missverstanden wird. Wie gesagt, Risiko und manchmal Scheitern gehören in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) dazu. Dennoch wird eine Erfolgsquote von 77 Prozent häufig so interpretiert, als seien 23 Prozent aller Projekte „in den Sand gesetzt", wie mal eine Überschrift in der Presse lautete. Wer so etwas schreibt, übersieht die Risiken, die die FZ eingehen muss, um innovativ und erfolgreich zu bleiben.

Nagel: Die EZ lässt sich vergleichen mit einer Venture-Capital-Maßnahme, nur dass unsere Erfolgsquoten besser sind.

Evaluierung weltweit
Im Regierungsauftrag

Seit dem Jahr 1960 unterstützt die KfW im Rahmen der Finanziellen Zusammenarbeit (FZ) die Bundesregierung dabei, ihre entwicklungspolitischen Ziele umzusetzen. Wir verbinden Finanzierungs-Know-how mit entwicklungspolitischer Expertise. Im Auftrag der Bundesregierung, vor allem des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), fördern und begleiten wir Programme und Projekte mit überwiegend staatlichen Akteuren in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Mehr Informationen über die KfW Evaluierungsarbeit

Die Evaluierung findet meist recht lange nach Ende eines Projekts statt. Müsste man früher ansetzen, eventuell mit Zwischenevaluierungen, um die Wirksamkeit von Projekten zu erhöhen?

Nagel: Davon bin ich ein großer Anhänger, weil man rechtzeitig nachsteuern, Projekte anpassen könnte. Breitflächig ist das mit den vorhandenen Kapazitäten nicht darstellbar. Aber wir sollten versuchen, das häufiger als bisher zu machen.

Terberger: Allerdings sollte sich die Evaluierung davor hüten, etwa Baufortschritte kontrollieren zu wollen oder gar zu einer Abteilung der „Ober-Kontrollettis" zu werden. Wir brauchen für unsere Arbeit das Vertrauen der Kollegen. Wir müssen unabhängig sein, aber nicht losgelöst. Eine Evaluierungsabteilung der Besserwisser passt nicht zu gemeinsamem Lernen.

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Wie garantieren Sie die Unabhängigkeit der Evaluierungsabteilung, wenn Sie zugleich Teil der Organisation sind?

Terberger: Unabhängig evaluieren heißt für uns, nie Verantwortung für das zu beurteilende Projekt getragen zu haben. Wir haben als Besonderheit der FZ ein Peer-Evaluierungssystem etabliert: Jemand, der sich operativ zum Beispiel um den Stromsektor in Asien kümmert, beurteilt ein Energieprojekt in einem afrikanischen Land. Wir nennen das interne Abordnung an die Evaluierungsabteilung. So haben wir unabhängige Gutachter mit sehr viel Wissen über die FZ. Und das Schöne ist, diese Erfahrung fließt wieder in ihre operative Arbeit ein. Sie werden quasi noch mal auf Wirkungen geeicht.

Nagel: Für mich ist die Unabhängigkeit der Evaluierung ein hohes Gut. Ich würde nie auf die Idee kommen, mich einzumischen. Die Beurteilung, die Ergebnisse sind für mich sakrosankt. Ich nehme sie zur Kenntnis, aber ich würde nie darauf dringen, eine Benotung zu ändern, aus einer Vier eine Drei zu machen.

Terberger: Ich habe das in all den Jahren nie erlebt, kein einziges Mal.

Quelle
15. Evaluierungsbericht

Dieser Artikel ist dem 15. Evaluierungsbericht, erschienen im Juni 2019, entnommen. Der Bericht dokumentiert die Arbeit der Finanziellen Zusammenarbeit aus den Jahren 2017–2018.

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Wie könnte die Arbeit der Evaluierung noch attraktiver werden?

Terberger: Ich würde mir wünschen, die Evaluierung mit ihren „lessons learnt" wäre nach außen noch sichtbarer. Hier könnten wir besser werden.

Nagel: Unbedingt. Die Themen sind global, sie sind wichtig, sie betreffen uns alle. Wir sollten noch mal über unsere Formate und Kommunikationsformen nachdenken. Vielleicht müssten wir visueller werden, das Potenzial der Digitalisierung noch stärker nutzen – für die Auswertungen selbst, aber auch für deren Veröffentlichung.

Frau Terberger, Sie gehen im Sommer 2019 in den Ruhestand. Was würden Sie Ihrer Nachfolge noch gerne mit auf den Weg geben?

Terberger: Die Bitte, Evaluierung als Lerninstrument zu erhalten und weiterzuentwickeln, und den Wunsch, die Aufgabe als genauso bereichernd zu empfinden wie ich.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Donnerstag, 6. Juni 2019