Syrische Familie in Siegburg
Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Eine Stadt macht Platz

Rund 700 Flüchtlinge haben in Siegburg ein vorübergehendes Zuhause gefunden. Die Kreisstadt in Nordrhein-Westfalen ist eine von mehr als 700 Kommunen, die von der KfW mit zinslosen Krediten für Flüchtlingsunterkünfte unterstützt wird.

Den 24. August 2015 wird Franz Huhn sein Leben lang nicht vergessen. An dem Tag kamen in Siegburg die ersten drei Busse mit Flüchtlingen an. Der Bürgermeister machte sich auf den Weg, um seine ‚Flüchtlingsgäste‘ persönlich zu begrüßen. „Ihr ganzes Hab und Gut trugen sie in Plastikbeuteln, sie waren körperlich am Ende, zum Teil richtig krank“, sagt der 65-jährige Bürgermeister. „Da wusste ich: Jetzt beginnt unsere Aufgabe, jetzt müssen wir auch anpacken.“

Sicherer Hafen

Die Flüchtlinge in Siegburg brauchen Unterkünfte, medizinische Hilfe, Perspektiven: eine Herausforderung für die Kreisstadt (KfW Bankengruppe/Thomas Schuch).

In der Flüchtlingskrise sind vor allem Kommunen gefordert, Lösungen zu finden – den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu bieten, Kindergartenplätze und Deutschkurse zu organisieren, zusätzliche Lehrer einzustellen.

Oft muss es sehr schnell gehen: So hatte Siegburg zunächst nur drei Tage Zeit, eine Unterkunft für die Flüchtlinge zu organisieren – Huhn konnte schließlich eine Woche aushandeln. Er stellte einen Dolmetscher ein, der acht arabische Dialekte spricht. Und fand eine Sporthalle, die sich zum Schlafen eignete, weil sie mit einer Brandmeldeanlage ausgestattet war. Darin wurden 150 Feldbetten aufgestellt.

Doch es kamen immer mehr Busse. Bald standen in der Sporthalle 260 Betten und die Wohnungen, die zusätzlich angemietet wurden, waren belegt. Die 40.000-Einwohner-Stadt kam schnell an ihre Grenzen. Da hatte die Wirtschaftsförderin der Stadt, Silke Göldner, eine Idee: Im Gewerbegebiet stehe ein Bürogebäude leer, das sich auch als Wohnraum nutzen ließe. 150 Flüchtlinge könne man dort unterbringen. Die Herausforderung: die Kosten.

Sporthalle Siegburg mit Feldbetten
Notunterkunft Sporthalle

Siegburg hatte zunächst nur drei Tage Zeit, eine Unterkunft für die Flüchtlinge zu organisieren. In der Sporthalle wurden 150 Feldbetten aufgestellt.

„Das Geld dafür hatten wir nicht, das hat keine Kommune“, sagt Huhn. Um den Kauf zu finanzieren, hat Siegburg bei der KfW einen Kredit in Höhe von zwei Millionen Euro aufgenommen – zinslos. Um den Kommunen dabei zu helfen, Flüchtlinge unterzubringen, gewährte die Förderbank von September 2015 bis Januar 2016 Darlehen von insgesamt 1,5 Milliarden Euro, die für die ersten zehn Jahre zinsfrei sind. Diese können die Kommunen nun in Neu- oder Umbau, Erwerb und Ausstattung von Erstunterkünften investieren.

150.000 Menschen finden damit ein vorübergehendes Zuhause. Drei Mal sind die Mittel aufgrund der hohen Nachfrage aufgestockt worden. Bei keinem anderen Programm in der Geschichte der KfW seien die Mittel so schnell ausgeschöpft gewesen, sagt KfW-Vorstand Günther Bräunig.

Mit dem Geld hat Siegburg das Gebäude in der Nähe des Bahnhofs nicht nur erworben, sondern es auch mit Küchen, Dusch- und Waschräumen ausgestattet. Die meisten Bewohner sind Familien mit Kindern. Unter ihnen ist auch das syrische Ehepaar Nawaf Alias und Noura Al Hamdo. Ihre Söhne Adam, 3, Al Abbas, 7, und Hamsa, 10, bekommen immer noch Angst, wenn sie Flugzeuge am Himmel über Siegburg hören.

Die KfW fördert

Die Siegburger Flüchtlingsunterkünfte wurden mit Mitteln der zinslosen Sonderförderung IKK - Investitionskredit Kommunen (208) finanziert.

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Die Familie ist aus Aleppo nach Deutschland geflohen. In der Heimatstadt betrieb Alias eine eigene Apotheke – bis die Bomben den ganzen Stadtteil zerstörten. „Es kann sich keiner vorstellen, wie schlimm es dort ist. Ich habe so viele Tote auf der Straße gesehen. Dort kann man nicht mehr leben“, sagt der Familienvater. Trotz Heimweh fühlt sich die Familie in Siegburg wohl: Die älteren Kinder besuchen bereits die Schule, der Vater hat eine Moschee gefunden, in der er – wie von zu Hause gewohnt – beten kann. Bis die Behörden entschieden haben, ob sie dauerhaft in Deutschland bleiben dürfen, können sie in der neuen Unterkunft wohnen.

Franz Huhn ist Bürgermeister von Siegburg
„Da wusste ich: Jetzt beginnt unsere Aufgabe, jetzt müssen wir auch anpacken.“

Franz Huhn, Bürgermeister von Siegburg

Flüchtlingsunterkunft in Siegburg
Umfunktioniert

Ein Bürogebäude wurde so umgebaut, dass es von 50 Familien bewohnt werden kann.

Siegburg ist eine von mehr als 700 Kommunen in Deutschland, die vom Angebot der KfW profitieren konnten. Die Stadt, die mittlerweile mehr als 700 Flüchtlinge aufgenommen hat, spart nicht nur Zinsen: „Mit dem neuen Gebäude können wir auch unser Eigenkapital vermehren“, so Bürgermeister Huhn. Schließlich werden die Schulden sukzessive aus den Pauschalen getilgt, die die Länder den Kommunen für die Unterbringung von Flüchtlingen zahlen – und aus späteren Mieteinnahmen. Das reale Vermögen bleibt.

Zwar sind die 1,5 Milliarden Euro, die die KfW den Kommunen zinslos zur Verfügung gestellt hat, aufgebraucht. Wer aber weiterhin Hilfe bei der Finanzierung von Flüchtlingsunterkünften benötigt, kann nun zu einem vergünstigten Zinssatz auf die KfW-Investitionskredite für Kommunen zurückgreifen. Über dieses Kreditprogramm fördert die KfW auch den Schutz von Frauen und Kindern in den Flüchtlingsunterkünften. So sollen für sie geschützte Räume geschaffen werden. Dafür stellt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 200 Millionen Euro bereit.

Zusätzlich will die KfW Länder und Kommunen dabei unterstützen, dauerhaften und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. „Davon profitieren nicht nur Flüchtlinge, sondern alle Menschen in Deutschland, die Unterstützung benötigen“, sagt KfW-Vorstand Bräunig. In Abstimmung mit der Bundesregierung wird die KfW über die Landesförderinstitute bis zu zwei Milliarden Euro für den sozialen Wohnungsbau gewähren.

Quelle
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Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühling/Sommer 2016 „Wanderungen“.

Zur Ausgabe

Franz Huhn ist zuversichtlich, dass Deutschland – zusammen mit anderen europäischen Ländern – die Aufgabe meistern wird. „Das ist eine Herausforderung, die uns klüger und erfahrener macht. Letztlich wird sie uns gut tun.“

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 3. März 2017

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.