Nathalie von Siemens und Jörg Zeuner im Gespräch
Bildung

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„Lehrer sind die Helden unserer Zeit“

Wirtschaft und Gesellschaft befinden sich im Wandel, lebenslanges Lernen wird zur Pflicht. Nathalie von Siemens, Vorstand der Siemens Stiftung, diskutiert mit KfW-Chefökonom Jörg Zeuner über mutige Reformen für ein zukunftsfähiges Bildungssystem.

Zur Person
Nathalie von Siemens

Nathalie von Siemens ist Geschäftsführender Vorstand der Siemens Stiftung sowie Mitglied des Aufsichtsrats der Siemens AG. Sie hat in Philosophie promoviert. In dem Buch „Der brodelnde Geist – Werner von Siemens in Briefen“ hat sie aus den Briefen ihres Ururgroßvaters eine Collage geschaffen, die den großen Erfinder vorstellt.

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Frau von Siemens, um mit der Tür ins Haus zu fallen: Müssen wir das Lernen neu erfinden?

NATHALIE VON SIEMENS: Ich glaube nicht. Lernen ist etwas, was im Menschen angelegt ist. Aber vielleicht müssen wir die Lernräume und die Lerndenkräume erneuern. Insofern glaube ich, dass wir vor allem in unserem Bildungswesen Veränderungen voranbringen sollten.

Was möchte die Siemens Stiftung zu dieser Veränderung beitragen?

VON SIEMENS: Die Siemens Stiftung hat den Fokus auf der MINT-Bildung, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Sie ist zum Beispiel wichtig für die Ausbildung von Fachkräften. Da, wo wir industrielle Fertigung haben, sehen wir gesellschaftlichen Wohlstand. Und der ist eine der Voraussetzungen für soziale Kohä­sion. Wir haben aber auch festgestellt, dass MINT-Bildung ein exzellenter Träger für Wertebildung ist. Die MINT-Fächer fördern gesellschaftliche Mobi­lität und politische Mündigkeit, denn wir leben in einer hochtechnisierten
Demokratie.

Herr Zeuner, warum analysieren Sie als Ökonom so oft Bildungsfragen?

JÖRG ZEUNER: Erstens weil Bildung entscheidend für Wirtschaftswachstum und Wohlstand ist. Ohne gute Bildung fehlt es uns an Innovationen wie an Produktivität. Und gerade beim Produktivitätswachstum hat die deutsche Volkswirtschaft Probleme. Zweitens ist Bildung zentral für gesellschaftliche und öko­nomische Verteilungsfragen. Ohne ein hochwertiges und offenes Bildungssystem gibt es keine Chancengleichheit. Auch hier haben wir leider großen Nachholbedarf, von der Kita bis zur Uni. Eine Zahl dazu: Ein Grundschüler, dessen Eltern Akademiker sind, geht später mit dreimal so hoher Wahrscheinlichkeit selbst zur Uni wie sein Klassenkamerad mit sogenanntem niedrigem Bildungshintergrund. Um das zu ändern, ist die finanzielle Bildungsförderung nur ein Baustein unter sehr vielen.

Zur Person
Jörg Zeuner

Jörg Zeuner leitet als Chefvolkswirt der KfW die volkswirtschaftliche Abteilung der Bankengruppe. Mit seinen wirtschaftspolitischen Kommentaren greift Dr. Zeuner regelmäßig in aktuelle Debatten in Deutschland und Europa ein. Der Ökonom war unter anderem mehr als zehn Jahre lang beim Internationalen Währungsfonds in Washington tätig.

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VON SIEMENS: Es ist tatsächlich volkswirtschaftlicher Unsinn, ein selektives Bildungswesen zu haben. Vor dem Hintergrund der Digitalisierung tritt da im Moment sogar noch eine Verschärfung ein. Viele einfache Tätigkeiten fallen durch die Automatisierung weg. Stattdessen benötigen wir Fähigkeiten, um komplexe Aufgabenstellungen zu bewältigen. In unserem Schulwesen, das zeigen Studien, haben wir aber immer noch einen Fokus auf dem Memorieren und dem Wiedergeben. Das war im 19. Jahrhundert in der Industrialisierung total wichtig. Heute haben wir aber eine andere Situation.

Das heißt, wir lehren eigentlich die falschen Inhalte?

VON SIEMENS: Wir müssen die Ideen, die das Bildungswesen des 19. Jahrhunderts geprägt haben, überdenken. Im Arbeitsleben stehen wir ja nicht einmal mehr in einer Wissensgesellschaft. Wissen ist ziemlich frei verfügbar. Wir müssen vor allem die Fähigkeit fördern, aus Bekanntem Neues zu entwickeln. Menschen müssen die Chance bekommen, diese Kompetenzen zu entwickeln.

Aber haben wir überhaupt das richtig ausgebildete Personal, um diese umfangreichen Bildungsaufgaben und deren Wandel zu gestalten?

VON SIEMENS: Jeder betreibt ja irgendwie Lehrer-Bashing, aber für mich sind Lehrer die Helden unserer Zeit. Wir arbeiten intensiv mit Lehrerinnen und Lehrern auf drei Kontinenten zusammen. Es ist unglaublich, was für eine Energie und was für eine Leidenschaft wir da sehen. Die wollen sich weiterentwickeln. Gleichzeitig sagen 75 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland, dass sie durch ihre Ausbildung nicht auf die Herausforderungen ihres Berufs vorbereitet werden. Das muss man ernst nehmen.

ZEUNER: Den Pädagogen fehlt im Alltag nicht zuletzt der Raum für Weiterbildung. Vor diesem Hintergrund birgt der grundsätzlich problematische Umstand, dass fast die Hälfte der Lehrerschaft innerhalb der nächsten 15 Jahre in Ruhestand gehen wird, auch eine Chance. Die Ausbildung der nächsten Lehrergeneration steht jetzt an. Aus der Forschung wissen wir jedenfalls: Die Leistungs­fähigkeit von Bildungssystemen hängt entscheidend von der Lehrer- und Unterrichtsqualität ab.

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Genügt allein eine bessere Aus- und Weiterbildung der Lehrenden?

ZEUNER: Für mich stehen neben der Ausbildung eindeutig Ressourcenfragen im Vordergrund, zumal die Aufgaben der Bildungseinrichtungen wachsen. Die Inklusion wird uns ohne zusätzliche Sonderpädagogen nicht gelingen, auch der Sprachförderbedarf nimmt zu. Wir brauchen außerdem mehr echte Ganztagsschulen – nicht zuletzt, weil vor allem benachteiligte Schüler von der Entzerrung profitieren. Der Kita-Ausbau ist zwar eine Erfolgsstory, aber noch nicht vollendet. Auch die Verwendung der vorhandenen Ressourcen ist nicht optimal: Die Ausstattung von Schulen mit Geld und Personal sollte stärker an Sozialkriterien orientiert sein wie dem Bildungs- oder Migrationshintergrund.

VON SIEMENS: In der frühkindlichen Bildung ist unheimlich viel erreicht worden. Wir haben mittlerweile in fast allen Bundesländern Bildungsstandards in den Kindergärten. Das ist gut, denn wir müssen möglichst früh anfangen. In den naturwissenschaftlichen MINT-Fächern sind Investitionen in die Bildung, die vor dem zwölften Lebensjahr stattfinden, sehr wirksam. Danach nimmt die Wirksamkeit signifikant ab. Da kommt die Pubertät, da hat man sowieso andere Interessen. Jetzt liegt die Herausforderung in der Bildungskette, dass wir nicht im Kindergarten eine Begeisterung wecken, die dann in der Grundschule oder in der weiterführenden Schule enttäuscht wird.

Die Stiftung

Antworten auf globale gesellschaftliche Herausforderungen zu geben, ist die Aufgabe der Siemens Stiftung, die 2008 von der Siemens AG gegründet worden ist. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen eine verbesserte Grundversorgung in Entwicklungs- und Schwellenländern, die Stärkung von Kultur und die Förderung der Bildung. Die Stiftung bringt sich dafür aktiv als Kooperationspartner regionaler und nationaler Organisationen in die Projektarbeit ein. Im Bildungsbereich fördert die Stiftung mit dem globalen Programm Experimento das forschende Lernen in Europa, Afrika und Lateinamerika. Inhaltlich setzt die Bildungsförderung ihren Schwerpunkt auf die MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Beeindruckend ist auch das Medienportal der Stiftung, in dem umfangreich kostenlos Lehrmaterial zur Verfügung gestellt wird, um Kinder und Jugendliche für Naturwissenschaft und Technik zu begeistern.

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Wie könnten neue Konzepte aussehen, die auch für weiterführende Schulen attraktiv sind?

VON SIEMENS: Es ist ein ganz positiver Wandel, dass die pädagogische Methode des forschenden Lernens wirklich von vielen Leuten geteilt wird. Lernen nicht als Frontalunterricht, sondern als Co-Kreation von Lernendem und Lehrendem. Worüber wir nachdenken müssen, sind die Leistungsnachweise. Wenn wir die Erkenntnisse aus dem forschenden Lernen ernst nehmen, dann muss der Rückschluss sein: Zeugnisse müssen stärker die mittelfristige Entwicklung berücksichtigen als den Leistungsstand an einem Tag X.

Die Siemens Stiftung fördert das forschende Lernen auf mehreren Kontinenten. Was sind Ihre Erfahrungen damit?

VON SIEMENS: Unsere Erfahrungen zeigen vor allem, wie wichtig Vernetzung ist. Gerade in der lateinamerikanischen Arbeit sehen wir, dass alle dankbar sind, wenn wir für Lehrerinnen und Lehrer eine Online-Plattform zur Verfügung stellen, wo sich die Community austauschen kann. Wir sehen immer wieder: Lehrerinnen und Lehrer werden nicht darin bestärkt, in Gruppen zu arbeiten, sondern allein ihre Stunden vorzubereiten. Anschließend gehen sie allein in die Klasse. Das sind die Arbeitszeiten, die sie abrechnen. Das ist aber das Gegenteil von dem, was wir in allen anderen Bereichen gelernt haben, was Spaß macht und was Innovation fördert, nämlich das Arbeiten im Team und der Austausch in der Community.

Macht die Wirtschaft eigentlich schon genug bei der beruflichen Weiterbildung? Denn wir wollen ja heutzutage alle lebenslang lernen. Wie sieht es in dem Bereich aus?

ZEUNER: Der Strukturwandel verlangt bekanntlich regelmäßige Weiterbildung von uns allen, aber die Realität ist der Matthäus-Effekt: Wer Bildung hat, dem wird Bildung gegeben. Unsere Studien zeigen: Jeder zweite Akademiker nimmt an mindestens einer Weiterbildung im Jahr teil, aber nur jeder sechste ohne Berufsabschluss. Die wesentlichen Weiterbildungshürden sind Zeit, Kosten und unterschätzter Bedarf. In den Unternehmen fehlen mitunter die Anreize, in das Humankapital der Mitarbeiter zu investieren. Ein Ansatz, der allerdings praktische Probleme aufwirft, ist, das Wissen der Mitarbeiter als Vermögen in die Bilanz aufzunehmen. Investitionen in Weiterbildung würden dann den Unternehmenswert steigern und nicht nur Kosten verursachen.

VON SIEMENS: Das ist ein super Punkt. Genau das ist eines der Probleme. Wenn ich nicht vermitteln kann, dass Weiterbildung eine echte Investi­tion ist, dann sind es sofort nur Kosten. Und Kosten sind einfach nicht so schrecklich ver­lockend. Investitionen jedoch sind viel attraktiver.

Frau von Siemens, Sie haben sich für ein Buch intensiv mit dem Leben Ihres Ururgroßvaters Werner von Siemens beschäftigt. Was kann man von seinem Innovations- und Unternehmergeist lernen?

VON SIEMENS: In den 9.000 Briefen von ihm und an ihn zu lesen war für mich eine Mischung aus virtuellem Kamingespräch und gutem TED-Talk. Es war eine Art Kommunikation mit jemandem, der 200 Jahre alt ist, aber in einer vergleichbaren Zeit gelebt hat. Es war eine Zeit mit technologischen Paradigmenwechseln, mit Beschleunigung, Vernetzung, Veränderung von Arbeit. Damals hieß es die soziale Frage. Heute fragen wir uns: Führt die Digitalisierung zu einer sozialen Spaltung? Was müssen wir tun, damit das nicht passiert? Das sind schon ähnliche gesellschaftliche Bewegungen. Was ich in den Briefen kennenlernen durfte, war seine Haltung: das starke Bewusstsein, dass neue Ideen gesellschaftlichen Nutzen bringen müssen.

Nathalie von Siemens
„Wir müssen vor allem die Fähigkeit fördern, aus Bekanntem Neues zu entwickeln.“

Nathalie von Siemens

Was hat Sie an Werner von Siemens am meisten beeindruckt?

VON SIEMENS: Was mich sehr fasziniert hat, war der Moment, wo er sich sowohl gegen eine akademische als auch gegen eine Beamtenlaufbahn entscheidet und sagt: Ich fühle mich zur Freiheit berufen, deshalb mache ich das jetzt und gründe ein Unternehmen. Dieser unternehmerische Mut zeichnet ihn aus, aber auch sein Humor. Es gibt wirklich, wirklich lustige Briefwechsel. Er hat ja seine beiden Brüder im Unternehmen gehabt, und die stritten sich wie die Kessel­flicker.

Fehlen uns heute Unternehmer wie Werner von Siemens?

ZEUNER: Keine Frage, wir brauchen Grün­der. Sie stärken die Volkswirtschaft auch dadurch, dass sie etablierte Unternehmen unter Druck setzen. Momentan haben wir historisch niedrige Gründerzahlen, was aber schlicht am brummenden Arbeitsmarkt liegt. Viele Menschen entscheiden sich eher für eine der freien Stellen als für die Selbständigkeit. Es geht letztlich darum, die Rahmenbedingungen gut auszugestalten, zum Beispiel durch Förderangebote. Es gibt aber auch Ansatzpunkte im Bildungssystem, die den richtigen Rahmen setzen. Wir sollten schon früh Eigenschaften fördern, die auch für Unternehmer wichtig sind: Risiko- und Entscheidungsfreude, Eigeninitiative, Problemlösungskompetenzen. Damit sind wir hier wieder beim forschenden Lernen angekommen.

Quelle
Cover CHANCEN 2017

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2017 „Mut“.

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Wo würde Werner von Siemens heute arbeiten, wenn er 30 Jahre alt wäre? Hätte er ein Start-up in Berlin, oder wäre er bei Siemens in der Forschungsabteilung?

VON SIEMENS: Ist das die einzige Alternative, die man hat, wenn man heute ein brodelnder Geist ist? Vielleicht würde er etwas ganz Neues erfinden, eine neue Form ökonomischer Organisation. Jemanden mit einem so großen Freiheitsdrang kann man nicht allein in diese zwei Alternativen pressen.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 1. Dezember 2017