Vorlesungsraum mit Studenten und den zwei Kursleitern im Rollstuhl
Bildung

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„Mir wird etwas zugetraut“

An der Kieler Universität werden Menschen mit Behinderung als Bildungsberater ausgebildet. Die Fachkräfte können anschließend Inklusions-Seminare geben und dazu beitragen, dass Menschen ohne Behinderung besser verstehen, was es bedeutet, mit Einschränkungen zu leben. Ein Novum für die globale Hochschullandschaft, ausgezeichnet mit dem Sonderpreis Social Entrepreneurship des KfW Awards Gründen 2017.

Lebenswelten abgleichen

Wie sich die Bildungsberater auf ein Seminar vorbereiten und das Seminar durchführen (KfW Bankengruppe/n-tv).

Der Seminarraum an der Universität Flensburg ist voller junger Menschen: Studentinnen und Studenten drängen sich um die Tische, in der Mitte stehen Horst-Alexander Finke und Isabell Veronese. Die beiden Bildungsfachkräfte vom Kieler „Institut für Inklusive Bildung“ geben ein Seminar zu einem Thema, das sie selbst betrifft: Inklusion. Finke und Veronese sind Menschen mit Behinderungen. Sie wollen den Studierenden vermitteln, was es heißt, mit einer Behinderung zu lernen und zu arbeiten, was sie können und was sie brauchen. „Wir erzählen auch aus unserem Alltag“, sagt Finke. Das besondere Merkmal dieser Art Bildung: das dialogische Arbeiten. Auf Augenhöhe blicken Teilnehmer und Kursleiter auf Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Spezifika und Entwicklungspotenziale.

Barrieren abbauen, Verständnis fördern, Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten zusammenbringen – das ist das Ziel von Jan Wulf-Schnabel, dem Geschäftsführer des Instituts: „Wenn Menschen mit Behinderung und ohne Behinderung zusammenkommen, dann sind vor allem die Menschen ohne Behinderung häufig überfordert und unsicher.“ Sie wüssten dann oft nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten, wie sie gemeinsame Bildung und gemeinsames Arbeiten hinbekämen: „Und genau diese Lücke schließen wir“, sagt Wulf-Schnabel, der zuvor Professor für Theorien und Methoden Sozialer Arbeit an der katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin war.

Jan Wulf-Schnabel

Dr. Jan Wulf-Schnabel ist der Geschäftsführer am Institut. Ziel seiner Arbeit: Verständnis fördern und Unischerheit bei Menschen ohne Behinderung abbauen.

Mit einem ganz eigenen, weltweit einmaligen Konzept will das „Institut für Inklusive Bildung“ dazu beitragen, dass Menschen ohne Behinderung besser verstehen, was es bedeutet, mit Einschränkungen zu leben. Gleichzeitig sollen Menschen mit Behinderungen ihren Platz mitten in der Gesellschaft finden und möglichst selbstbestimmt leben können. Kern des Konzeptes ist die Qualifizierung der künftigen Bildungsfachkräfte, die anschließend bei Kursen und Seminaren, in Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen im Einsatz sind – finanziell abgesichert, auf unbefristeten Vollzeit-Arbeitsstellen. Das Institut schafft somit Arbeitsplätze, von denen die Mitarbeiter auch gut leben können.

Entstanden ist das Institut aus einem Modellprojekt der Stiftung Drachensee, die sich für die Normalisierung der Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung einsetzt. Deren Expertise für ihr eigenes Leben sollten sie in die Ausbildung künftiger Fachkräfte von Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) einbringen, so lautete die bereits 2008 entstandene Idee. Drei Sozialpädagoginnen und 13 Werkstattbeschäftigte initiierten damals das erste Seminar „Meine Welt“. Von 2008 bis 2012 lief das Seminar im Studiengang Soziale Arbeit an der FH Kiel sehr erfolgreich. Aber Aufwand und Barrieren waren erheblich.

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KfW Award Gründen

Der KfW Award Gründen (ehemals GründerChampions) zeichnete im Oktober 2017 die 16 Landessieger und einen Bundessieger für ihre Geschäftsideen aus. Den Sonderpreis für Social Entrepreneurship erhielt das Institut für Inklusive Bildung aus Kiel. Einen Überblick über alle Gewinner und weitere Informationen zum Wettbewerb finden Sie hier.

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Und da das Angebot parallel zum normalen Arbeitsalltag aller Beteiligten lief, wurde es zunehmend schwierig. Hinzu kam, dass sich die teilnehmenden Menschen mit Behinderungen formal gar nicht als Lehrende an der Hochschule aufhalten durften. Das Konzept drohte zu scheitern. Deshalb entschied sich die Stiftung Drachensee dafür, das Projekt zu professionalisieren.

Seitdem nimmt die Idee Aufschwung: Sechs Bildungsfachkräfte haben von 2013 bis 2016 in Kiel ihre Ausbildung absolviert. Die ersten fünf sind seit November 2016 aktiv. Mittlerweile gehört das Institut als angegliederte wissenschaftliche Einrichtung zur Christian-Albrechts-Universität zu Kiel – ein absolutes Novum für Menschen mit Behinderungen und für die globale Hochschullandschaft. „Zudem stehen wir in Kontakt mit über 60 Hochschulen aus dem In- und Ausland, die Interesse an einem Erfahrungsaustausch und an den Bildungsleistungen der Bildungsfachkräfte haben“, sagt die pädagogische Leiterin des Instituts, Sara Groß.

Seminarteilnehmer mit Augenbinden
Auf Augenhöhe

Besonderes Merkmal der Inklusions-Seminare ist das dialogische Arbeiten. Teilnehmer und Kursleiter blicken gemeinsam auf Parallelen, Unterschiede, Spezifika und Entwicklungspotenziale ihrer Lebenswelten.

Die Idee soll weltweit Schule machen. In den nächsten fünf Jahren sollen 60 Qualifizierungsplätze zur Bildungsfachkraft an zehn Hochschulstandorten geschaffen werden. Besonders weit ist man in Baden-Württemberg, wo im Wintersemester 2017/18 in Heidelberg eine Vollzeit-Qualifizierung für sechs weitere Bildungsfachkräfte gestartet ist. Weitere Standorte sind in Vorbereitung. Die Nachfrage nach Bildungsformaten mit den Bildungsfachkräften des Instituts ist groß. „In Schleswig-Holstein müssen wir teilweise Anfragen ablehnen“, so Groß.

Das Projekt hat große Wirkung: Bereits während der dreijährigen Qualifizierung haben die fünf Bildungsfachkräfte in über 70 Bildungsveranstaltungen mehr als 3000 Personen direkt erreicht. Nach der Ausbildung haben sie alleine im Jahr 2017 weitere 70 Bildungsveranstaltungen angeboten und 2800 Menschen geschult. Auch die Öffentlichkeitsarbeit läuft gut: In über 60 Fernseh-, Radio, Zeitungs- und Fachzeitschriftbeiträgen wurde über das Projekt berichtet

Für die Bildungsfachkräfte sind die Erfolge ebenfalls greifbar. Wer sich mit ihnen unterhält, dem wird schnell klar: Das Konzept der gemeinnützigen Gesellschaft sorgt vor allem für zufriedene und selbstbewusste Menschen. „Als Bildungsfachkraft kann ich das tun, was mir am meisten Spaß macht. Dadurch bin ich ausgeglichener und fühle mich erfüllter. Mir wird etwas zugetraut“, sagt zum Beispiel Isabell Veronese. Und Samuel Wunsch sagt: „Die Arbeit als Bildungsfachkraft bringt mir unheimlich viel Spaß. Jeden Tag passiert hier etwas Neues, so wird es nie langweilig und die Zeit vergeht wie im Flug. In meiner Arbeit als Bildungsfachkraft gehe ich voll auf und habe damit meine persönliche Berufung gefunden."

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 20. Februar 2018