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Werner Genter war Leiter des ersten KfW Beratungszentrums im Osten Berlins, Quelle: KfW-Bildarchiv
Schon wieder Schlange stehen: Morgens um sieben standen Menschen aus Görlitz, Plauen, Schwerin oder Gera in dem schmalen Hotelflur im Devisenhotel "Metropol" im Ostteil Berlins. Hinter der Zimmertür, an der die Buchstaben KfW auf einem Zettel geschrieben klebten, saß Werner Genter im "Wohnzimmer", um die DDR-Bürger in Sachen Existenzgründung und Kredit zu beraten. Wenn sich Genter heute, 20 Jahre nach der Wende, an seinen ersten Arbeitsplatz in der DDR und die ersten Schritte der KfW erinnert, dann ist das mehr als Nostalgie. Es ist auch Stolz dabei, was in 20 Jahren mit Milliardenhilfen der KfW erreicht wurde. Ganze Altstädte wie Görlitz und Erfurt wurden vor der Zerstörung gerettet, bereits nach acht Jahren war die Hälfte aller Wohnungen in der DDR mit KfW-Krediten saniert. Hunderttausende Existenzen wurden mit KfW-Geldern gegründet, die Infrastruktur der Städte saniert. Die Elbe, sie lebt wieder. Ein Gespräch mit Werner Genter, heute Direktor der KfW in Berlin, damals der erste Mitarbeiter der KfW in der DDR.
Herr Genter, aus alten Dokumenten geht hervor, dass schon sieben Tage nach dem Mauerfall, am 16. November, die Vorstände der KfW in Frankfurt diskutierten, wie man den Menschen in der DDR helfen könnte. Es ging damals um Existenzgründungen, um Kredite für Unternehmen und die Sanierung von Wohnungen und der maroden Infrastruktur. Und schon im Januar hatten sie die ersten Gespräche bei der DDR-Staatsbank, um über die Realisierung der ersten Förderprogramme zu sprechen. Ein kaum vorstellbares Tempo ...
Genter: Das stimmt, es ging alles rasend schnell. Für die KfW stand nie zur Debatte, ob wir helfen, sondern nur, wie wir das am besten anstellen sollten. Dabei gingen wir ja noch davon aus, dass die DDR weiter bestehen und sich die beiden deutschen Staaten langsam annähern würden. Bundeskanzler Helmut Kohl sprach von föderativen Strukturen. Von einer Wiedervereinigung noch im gleichen Jahr war ja im Januar noch keine Rede. Also haben wir mit den DDR-Stellen so schnell wie möglich Kontakt aufgenommen. Aber selbst das war ja mehr als schwer. Es war kaum möglich, von Frankfurt am Main aus, wo ich damals im Grundsatzreferat arbeitete, Termine in Ostberlin zu vereinbaren. Telefonisch kam man ja kaum durch.
Sie waren also schon im Januar fest entschlossen, Kredite aus der Bundesrepublik an DDR-Bürger und Unternehmen zu vergeben?
Genter: Natürlich. Die Bundesregierung wollte rasch die Lebenssituation der Menschen in der DDR verbessern. Deshalb ging es uns darum, über die Staatsbank, die in jeder Stadt der DDR vertreten war, sowie über die bestehenden Sparkassen und Volksbanken Kredite an die Bürger und Unternehmen zu vergeben.
Erinnern Sie sich noch an die erst Fahrt zur Staatsbank am damaligen "Platz der Akademie", dem heutigen Gendarmenmarkt in Ostberlin?
Genter: Zunächst einmal musste ich immer noch mit dem Reisepass in die DDR einreisen, während die DDR-Bürger schon frei hin- und herfahren konnten. Ich erinnere mich natürlich noch genau an den typischen DDR-Duft. Es war Januar, und dementsprechend roch die Luft in Ostberlin stark nach Braunkohle, die Trabis und Wartburgs stießen ihre blauen Duftwolken in die Luft. Und abseits der Hauptstrecken, auf denen die Politbüromitglieder zur Arbeit fuhren, war das Straßenbild in Ostberlin trist und grau.
Und wie waren die Gespräche in der Staatsbank?
Genter: Gesprächspartner war ein Direktor Krause, dem ich dann erst einmal erklärte, was die Kreditanstalt für Wiederaufbau überhaupt macht und was wir gerne in der DDR anbieten wollten. Er schilderte mir das DDR-Wirtschaftssystem. Und er räumte auch ein, dass die Brötchen zu billig sind und deshalb als Schweinefutter verwendet würden. Stolz zeigte er mir das Ein-Rohr-Heizsystem in seinem Büro, das in der DDR ausgezeichnet wurde, weil es Eisen sparte, dafür allerdings ganz viel Energie verpulverte. Denn die Heizkörper waren über nur ein Rohr verbunden. Man konnte also keinen einzigen Heizkörper abstellen, alle Räume wurden beheizt. Punkt 12 standen wir dann am Fenster, um die Wachablösung der Nationalen Volksarmee im Stechschritt zu beobachten. Eine verrückte Situation.
Wann startete denn die KfW ihre Arbeit in der DDR? Der Druck der DDR-Bürger war ja riesig, Hunderttausende siedelten in den Westen über, das Land drohte auszubluten ...
Genter: Schon ab Februar vergab die KfW D-Mark-Kredite an DDR-Bürger. Wir hatten erst diskutiert, Kredite in DDR-Mark anzubieten, damit die Menschen und Unternehmen nicht das Problem haben, die Kreditraten in Devisen zurückzahlen zu müssen. Aber der Gedanke war schnell überholt: Die DDR-Bürger akzeptierten nur D-Mark.

Hotel Metropol - Heimat des ersten KfW
Beratungszentrums
Quelle: Bundesarchiv, Fotograf Heinz Peter Junge
Es gab ja keinen Mittelstand in der DDR, und das Wissen, wie man ein Unternehmen gründet, war nicht vorhanden. Wie haben Sie denn das Wissen und die Kredite an die Leute gebracht?
Genter: Ab März 1990 saß ich in einer "Suite" des Hotels Metropol in der Friedrichstraße. Im Schlafzimmer habe ich gewohnt und im Wohnzimmer Menschen aus der ganzen DDR beraten. Das war unser erstes KfW-Beratungszentrum. Wir haben natürlich schnell begonnen, die Mitarbeiter der Banken und Sparkassen in der DDR zu schulen, damit die unsere Kredite auszahlen konnten. Allein 1990 bin ich 40.000 Kilometer durch die DDR gefahren, um die Menschen zu beraten. Unsere Infrastrukturprogramme, etwa zur Sanierung von Kanal- und Wassernetzen und zum Bau von Kläranlagen, haben wir in großen Hallen vor Bürgermeistern und Schatzmeistern erläutert. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Es gab eine unheimliche Euphorie und Aufbruchstimmung.
Woher hatte die KfW eigentlich die Milliarden Mark-Beträge, um sie in die DDR zu leiten?
Genter: Es gab immer noch Marshall-Plan-Mittel, die jetzt in die DDR fließen konnten. Die Amerikaner hatten ja nach dem II. Weltkrieg den Marshall-Plan zum Wiederaufbau Europas aufgelegt. Allerdings untersagte die Sowjetunion den Staaten des Ostblocks, diese Mittel in Anspruch zu nehmen. Da in Westdeutschland ein Großteil der Wiederaufbaumittel als Kredit gewährt wurde, floss das Geld mit Zinsen wieder in den so genannten ERP-Sonderfonds zurück. Dieses Geld, das als Sondervermögen vom Bundeswirtschaftsministerium verwaltet und u. a. von der KfW als zinsgünstige Darlehen ausgegeben wurde, stand nach der Wende dann mit Zinseszinsen auch Ostdeutschland zur Verfügung. Sie müssen sich vorstellen: Es sind mehr Mittel aus dem Marshall-Plan in die DDR geflossen als nach dem Krieg in die Bundesrepublik. Im Westen wurde der Wiederaufbau mit 3,7 Milliarden DM ausschließlich aus diesen alliierten Gegenwertmitteln unterstützt. Bis 1997 waren es in der DDR und den neuen Ländern 120 Milliarden DM, von denen 19 Milliarden DM aus dem ERP-Sondervermögen kamen, über 100 Milliarden DM konnte sich die KfW auf den Kapitalmärkten besorgen.
Seit der Wende sind über die KfW enorme Summen in die neuen Bundesländer geflossen: 82 Milliarden Euro erhielten kleine und mittelständische Unternehmen, was Investitionen in Höhe von weit über 140 Milliarden Euro auslöste. 60 Milliarden flossen in den Wohnungsbau, sie förderten Hunderttausende Existenzgründungen, mit 18 Milliarden wurde die Modernisierung der Infrastruktur gefördert. Das sind sehr nackte Zahlen ...
Genter: Das stimmt, und die Menschen haben sich so daran
gewöhnt, dass inzwischen die Infrastruktur in Ordnung ist. Aber man
muss sich die Zahlen und Fakten von damals vor Augen führen: Es gab
in der DDR praktisch keinen Mittelstand. Aber die mittelständischen
Unternehmen sind ein Job-Motor. Sie bilden unsere Jugendlichen aus,
halten ihre Belegschaft auch in der Krise, bleiben in der Region
und zahlen den Kommunen Steuern. Wenn wir also 82 Milliarden Euro
an Unternehmen gewähren und viele Existenzgründungen finanziert
haben, dann sind das die Arbeitsplätze, die sie zwischen Ostsee und
Thüringer Wald sehen.
Oder nehmen sie den Wohnungsbau: Die Innenstädte von Erfurt,
Görlitz und Wismar waren doch praktisch nicht mehr bewohnt. Die
Erfurter Altstadt stand kurz vor dem Abriss. In der DDR waren
entlang der Protokollstrecken die Häuser angestrichen, ansonsten
war alles grau in grau, in den Seitenstraßen boten die Städte ein
sehr trauriges Bild. Heute zählen die Städte Ostdeutschlands zu den
schönsten des ganzen Landes. Genau das sollte unser
Wohnbausanierungsprogramm erreichen: Mit unseren Krediten wurde
jede zweite Wohnung in Ostdeutschland saniert.
Doch die Leute haben sich zugleich über steigende Mieten beklagt ...
Genter: ... weil die Mieten in der DDR hoch subventioniert waren und nicht einmal die Kosten gedeckt haben. Wer als Privatmann ein Mietshaus geerbt hat, war arm dran, denn von den Mieten konnte man ein Haus nicht halten. Deshalb war ja die Bausubstanz so marode. Selbst ohne Renovierung mussten die Mieten steigen.
Wenn Sie sich an Ihre erste Beratung im Metropol zurückerinnern und heute aus ihrem Büro am Gendarmenmarkt in Berlin schauen, wie ist Ihre persönliche Bilanz 20 Jahre nach der Wende?
Genter: Das Schönste ist, dass ich in dieser Zeit meine heutige Frau kennen gelernt habe. Aber Spaß beiseite: Wenn meine Frau nach Leipzig fährt, wo sie studiert hat, dann sagt sie immer: Ich kenne die Stadt gar nicht wieder. Und das ist ein gutes Zeichen. Die Infrastruktur ist durchweg in Ordnung. Im Internationalen Handelszentrum hatte ich 1991 noch zwei Telefone, eines mit Westleitung, eines mit Ostanschluss. Und wenn ich Gesprächspartner in Ost und West verbinden wollte, habe ich die Hörer zusammengelegt. Heute sind DSL, Telefon, Internet und Mobilfunk Alltag, das Straßennetz ist auf dem modernsten Stand, die Städte sind auf hohem Standard, die Flüsse und die Luft sind sauber. Bitterfeld war die schmutzigste Stadt Deutschlands, heute ist sie ein Hightech-Zentrum mit 15.000 neuen Arbeitsplätzen zum Beispiel in der Solarindustrie. Die früher tote Elbe ist wieder ein lebendiger Fluss. Die Urlaubsregionen an der Ostsee sind so herrlich, dass sie Urlauber aus ganz Europa anziehen. Auch wenn die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland nach wie vor zu hoch ist: Aber die Grundlagen für die Zukunft, die sind gelegt.
Sind beide Teile Deutschlands inzwischen zusammen gewachsen?
Genter: Direkt nach der Wende hatte ich das Gefühl: Es gibt kulturelle Unterschiede zwischen Wessis und Ossis. Aber das verwischt sich zunehmend. Die Bevölkerung wächst zusammen, die Herkunft ist nicht mehr so entscheidend. Die Lebensverhältnisse gleichen sich an. Ich habe das Gefühl: Die Unterschiede verlaufen nicht mehr zwischen Ost und West, die Probleme sind strukturell geprägt. Städten im Ruhrgebiet oder im Osten Bayerns geht es nicht besser als manchen Regionen im Osten. Zugleich sind Bitterfeld, Leipzig und Dresden Boomregionen im Osten, die es mit Top-Regionen im Westen aufnehmen. Das ist auch der Grund, warum es bei der KfW 20 Jahre nach der Wende keine reinen Ostprogramme mehr gibt.