Günter Stecher
Corona-Kredite

Corona-Kredite

„Man beißt, man kämpft, man ärgert sich“

Das Familienunternehmen Stecher stellt Metallteile für die Automobilindustrie her. Unvermeidlich also, dass der Corona-Crash auch den Betrieb in Baden-Württemberg erreichte. Zum Rettungsprogramm gehören neue Produkte, ein KfW-Kredit und ganz viel Pragmatismus.

Am 15. März ging das Licht aus. An jenem Sonntagabend entschied Günter Stecher (Bild oben) in Sauldorf-Krumbach, dass er etwas tun muss. Gemeinsam mit seinen Geschäftsführerkollegen – Vater Adolf Stecher und Bruder Michael Stecher – sowie sämtlichen Abteilungsleitern entschied er sich für strikte Maßnahmen. Corona war von einer diffusen Situation zur konkreten Bedrohung geworden.

Die Stecher GmbH ist ein mittelständisches Familienunternehmen. Auf über 100 computergesteuerten Werkzeugmaschinen werden Dreh- und Frästeile für die Automobilindustrie sowie den Maschinen- und Anlagenbau gefertigt. Zukunftstechnologien wie die E-Mobilität spielen bei Stecher eine große Rolle.

Und jetzt ist es dunkel. Die Firma Stecher hat zeitweise den totalen Lockdown vollzogen. 30 Prozent der eigentlichen Produktionstage sind nun Schließtage. Da stehen die 500.000 Euro teuren Maschinen still. Das wirkt bedrückend, geradezu unheimlich. Wo sonst die Roboter surren und die Maschinen fräsen, hört man jetzt jeden einzelnen quietschenden Schritt der Gummisohlen. Die vollautomatischen Gabelstapler stehen blinkend in der abgedunkelten Fabrikhalle herum. Sie setzen sich lediglich in Bewegung, wenn der Akku leer zu werden droht – dann gehts zur Ladestation. So ein Akku hält lang. Komplette Schließtage erscheinen Günter Stecher sinnvoller, als den Dreischichtbetrieb auf zwei Schichten herunterzufahren. Denn dann müsse die Produktion nur einmal gestoppt werden und nicht jede Nacht.

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Die Firma Stecher nimmt derzeit Kosten raus, wo es nur geht. Bei Stromrechnungen von 100.000 Euro im Monat etwa ist Sparpotenzial vorhanden. Doch Stecher weist das Klischee des sparsamen Schwaben von sich. „Gibt es das noch?“, fragt er. „Natürlich bin ich sparsam. Ich denke, das ist eine positive Eigenschaft.“ Aber sparsame Menschen gebe es überall, wo er zu tun habe, in der Türkei etwa, in Italien. Stecher sieht sich nicht als typischer Schwabe, nicht mal als typischer Deutscher: „Ich bin überzeugter Europäer!“

Produktionshalle der Stecher GmbH

Große Maschinen wie diese Langdrehautomaten werden während der Coronakrise abgeschaltet, das Unternehmen spart so immense Stromkosten ein.

Neue Produkte verringern Verluste

Als das Licht ausging, passierte das früher, als vonseiten der Berliner Politik vorgesehen. Der Landkreis Sigmaringen, an dessen Rand die Gemeinde Sauldorf liegt, war Ende März, Anfang April einer der am heftigsten von Corona betroffenen Landkreise in Baden-Württemberg, in Deutschland sogar einer der obersten zehn. 418 Infizierte pro 100.000 Einwohner zählte man. Die kritische Marke ist heute auf 50 festgelegt. Bei der Stecher GmbH kam man in Bezug auf die Gesundheit der Mitarbeiter glimpflich davon. Zwar wurde der ein oder andere vorsorglich in Quarantäne geschickt, weil es Kontakte zu Erkrankten gab. Infiziert war und ist bei Stecher aber niemand.

Dies ist auch der schnellen Reaktion in der Firma zu verdanken. Die strikten Maßnahmen – völlige Abschottung der verschiedenen Abteilungen und Schichten untereinander, Hygieneregeln, die einem OP-Saal zur Ehre gereichen würden, Homeoffice überall dort, wo es möglich ist – mögen manchem im ersten Augenblick übertrieben erschienen sein. Ob die notwendig waren? Günter Stecher zuckt mit den Schultern. Er ist von der Richtigkeit überzeugt. Er weicht bei der Frage, ob er Optimist sei, aus. Irgendwie schon, ja. Aber nicht ganz so sehr wie sein Vater und sein Bruder. Günter Stecher ist Realist und liest Zahlen. „Ich bin ja Mediziner“, merkt er scherzhaft an. Der erste morgendliche Klick gilt den Statistiken der Johns-Hopkins-Universität: Wie entwickelt sich das Coronavirus weltweit?

Familienunternehmen Stecher

Seit Anfang 2019 existiert die Firma Stecher-Automation GmbH als eigenständige Tochtergesellschaft. Ihr Schwerpunkt ist die Automatisierung von Fertigungs-, Prüf- und Messvorgängen.

Die Zahlen aus Europa beruhigen ihn mittlerweile. „Am 1. Juli ist das Schlimmste überstanden“, ist sich Stecher sicher. Also schon auch Optimist. Um das zu erreichen, daran glaubt er fest, habe auch der eigene harte Lockdown bei der Stecher GmbH beigetragen.

Produziert wird natürlich weiterhin. Die Produktionsketten sind intakt, Rohstoffe genügend vorhanden. Einen Teil des Einbruchs aufseiten der Automobilindustrie konnte man durch verschiedenste anspruchsvolle Edelstahlkomponenten für die Chemie- und Pharmaindustrie sowie die Ventil- und Medizintechnik auffangen. Doch Günter Stecher betont: „Wir werden dieses Jahr kein Geld verdienen.“ Auf etwa 20 Prozent beziffert er den Umsatzrückgang. Die Corona-Krise trifft die Firma Stecher mitten in einer Phase der Umstrukturierung. So wurde zum einen im Oktober 2019 ein Standort in der Türkei gegründet. Hier soll den wachsenden Anforderungen eines sich wandelnden Marktumfeldes Rechnung getragen werden. Zum anderen wurden bereits die Weichen für die Zukunft gestellt, indem die Stecher Automation GmbH ins Leben gerufen wurde. Diese ermöglicht mit einem Baukastensystem für Roboterzellen die intelligente und flexible Automatisierung vieler Herstellungsschritte in der Industrie. Die Corona-Pandemie versieht die Pläne nun mit manchem Fragezeichen.

Mehr als nur ein Job

Seit Vater Adolf Stecher am 29. Februar 1964 seine Meisterprüfung ablegte, was als Gründungsdatum der Firma gilt, feierte die Stecher GmbH einen rasanten Aufstieg. Vor allem seit der Finanzkrise 2009 geht es noch steiler bergauf. Von den damals etwa zehn Millionen Euro steigerte man den Umsatz auf fast 34 Millionen Euro in 2018. Die Stecher GmbH ist ein typischer Familienbetrieb. „Das ist nicht einfach ein Job“, weiß Günter Stecher. „Man beißt, man kämpft, man ärgert sich.“ Ständig. „Aber ich lebe dafür! Ich bin 24 Stunden mit dem Kopf in der Firma.“ Die aktuelle Krise, gibt er zu, habe ihm anfänglich schlaflose Nächte bereitet. „Ich wusste nicht, wie es weitergeht.“ Dabei gehe es ihm nicht um sich selbst, sondern vielmehr um die 256 Mitarbeiter, von denen er viele schon im Sandkasten hat spielen sehen.

„In solch einer Phase“, betont Günter Stecher, „braucht es Bankiers und keine Banker!“ Der Unterschied? „Banker beschränken ihre Bewertung einer Firma auf einige Kennzahlen. Das ist, wie wenn man durch ein Schlüsselloch die Einrichtung eines Hauses bewertet.“ Wenn sich Günter Stecher daran erinnert, wie ihm ein Banker noch 2018 empfohlen hat, sich auf wenige Artikel in der Autoindustrie zu konzentrieren, oder gar meinte, dass Elektromobilität keine Zukunft habe, schüttelt er fassungslos den Kopf. Wie wohltuend war dann die Bekundung des Commerzbank-Bankiers Elmar Leisle in der frühen Phase der Corona-Krise: „Herr Stecher, Sie führen ein gutes Unternehmen. Ich werde alle Hebel in Bewegung setzen, um Ihnen mithilfe der KfW Luft zu verschaffen!“ In solch einer Phase, findet Günter Stecher, „braucht es jemanden, der einem die Sorgen zerstreut“.

Günter Stecher
„Die KfW-Kredite ermöglichen es uns, unsere Stammbelegschaft zu halten.“

Günter Stecher, Geschäftsführer Stecher GmbH

KfW-Corona-Kredite

Unternehmen können über ihre Hausbank oder jede andere Bank Corona-Kredite beantragen. Zur Auswahl stehen: KfW-Unternehmerkredit, ERP-Gründerkredit – Universell, Konsortialfinanzierung und KfW-Schnellkredit 2020.

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Aufseiten der Finanzwirtschaft ist Elmar Leisle die Vertrauensperson von Günter Stecher. Für den Firmenkundenbetreuer der Commerzbank-Filiale Albstadt-Ebingen stand direkt fest, einen Weg finden zu müssen, um der Stecher GmbH weiterzuhelfen. „Aufgrund der langjährigen guten und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit der Stecher GmbH kennen wir das solide Geschäftsmodell, und die guten Perspektiven nach Corona führten zu einer schnellen Entscheidung. Die Geschwindigkeit hat hier gezählt. So konnten wir mit unserer elektronischen Antragstellung bei der KfW die Stecher GmbH rasch mit einer Kreditzusage unterstützen. Mit dem Abruf der Darlehensmittel kann das Unternehmen jetzt die durch Corona entstehende Liquiditätslücke trotz Kurzarbeit gut überbrücken und sich weiter voll auf das operative Geschäft konzentrieren. In Zeiten der Krise zahlt sich eine solch etablierte Kundenbeziehung wie die zur Stecher GmbH einfach aus.“

Das Beispiel, so Markus Merzbach, Abteilungsdirektor der KfW Bankengruppe, mache einprägsam deutlich, dass finanzielle Unterstützung in Zeiten von Corona ein Gemeinschaftsprodukt ist. „Die Bereitschaft und die Kreativität der durchleitenden Hausbank in Verbindung mit der passenden Corona-Hilfe der KfW zeigt dem Unternehmen pragmatisch und schnell den Weg in die Zukunft.“ Die KfW unterstützt die Stecher GmbH mit einem Unternehmerkredit über zwei Millionen Euro. „Die KfW-Kredite ermöglichen es uns, unsere Stammbelegschaft zu halten, um in besseren Zeiten den Verlust aufzuholen“, erklärt Günter Stecher. Und fügt hinzu: „Natürlich werden wir jeden Euro zurückzahlen.“ Wann das sein wird – auch dafür hat er bereits den Plan in der Schublade.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 16. Juli 2020.