Portrait of Olivier Schuepbach
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„Wir investieren in disruptive Firmen“

Olivier Schuepbach vom Wagniskapitalgeber Partech Ventures über weitsichtige Investitionen, Chancen für junge Gründer, Mut zum Scheitern und die Zusammenarbeit mit der KfW.

Zur Person
Olivier Schuepbach von Partech

Olivier Schuepbach, 40, ist General Partner beim Wagniskapitalgeber Partech Ventures. 1982 im Silicon Valley gegründet, ist das Investmenthaus heute global aktiv mit Standorten in San Francisco, Paris und Berlin. Die Firma spezialisiert sich auf die Finanzierung junger und schnell wachsender Start-ups aus dem Technologiesektor. Zu den bekanntesten deutschen Investitio­nen gehören Chronext, Auxmoney, Lesara, Qype und brands4friends. Die KfW beteiligte sich 2015 mit 25 Millionen Euro am Partech-Growth-Fonds, der ein Gesamtvolumen von 400 Millionen Euro besitzt. Der Schweizer Schuepbach leitet das Berliner Büro von Partech Ventures.

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Herr Schuepbach, Sie sprechen mit Dutzenden von Jungunternehmern im Monat. Wonach suchen Sie?

Wir sind weltweit aktiv und investieren im ganz frühen Stadium genauso wie später in der Wachstumsphase. Dabei kommen viele Aspekte ins Spiel: Ein Unternehmen aus dem Nichts zu schaffen verlangt andere Fähigkeiten, als den Ausbau von 400 auf 1000 Mitarbeiter zu steuern. Am Anfang ist zum Beispiel der Zusammenhalt im Team besonders wichtig, weil die Firma sich ständig verändern und immer wieder neu anpassen muss – das geht nur, wenn die Gründer die Fähigkeiten dazu haben. Sprechen wir dagegen mit Start-ups, die bereits erste Erfolge vorzuweisen haben, schauen wir stärker darauf, wie schnell das Geschäft wächst und ob die Firma das Zeug hat, zu einem globalen Marktführer in ihrem Segment zu werden.

Kleiner geht es nicht? Alle müssen die Welt erobern können?

Die Digitalisierung erfasst heute alle Bereiche der Wirtschaft und kennt keine Grenzen. Die Chancen, neue Märkte zu erschließen, sind gigantisch – genau wie die Chancen, dabei global erfolgreiche Giganten aufzubauen. Deshalb achten wir darauf, dass die Firmen, in die wir investieren, disruptiv sind, dass sie radikalen Wandel zum Ziel haben. Zugleich müssen die Gründer den Ehrgeiz mitbringen, sich nie mit dem Erreichten zufriedenzugeben, immer wieder den Status quo herauszufordern und unermüdlich weiter voranzustreben.

Im Vergleich zu Silicon-Valley-Stars wie Airbnb und Uber, die ganzen Branchen den Kampf ansagen, wirken europäische Gründer eher zahm.

Das sehe ich anders. Je mehr sich die Unternehmerkultur in Europa etabliert, umso stärker wird auch hier der Trend, traditionelle Konzepte zu überdenken, etablierte Konzerne herauszufordern und ganz neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Warum mangelt es weiterhin an Erfolgen à la Facebook oder Google?

Das Silicon Valley hat einen jahrzehntelangen Vorsprung. Das Ökosystem aus Gründern, Geldgebern und Nachwuchs aus Universitäten ist perfekt eingespielt. In Europa entwickelt sich vieles erst noch. Obendrein haben wir es mit unterschiedlichen Regionen, Ländern und Kulturen zu tun, während amerikanische Start-ups von Anfang an einen homogenen Markt vor der Haustür vorfinden. Dennoch sehen wir auch in Europa immer mehr Beispiele dafür, dass Erfolg eine positive Strahlkraft besitzt und junge Menschen inspiriert, Start-ups zu gründen.

An welche Beispiele denken Sie?

Es ist schwer, einige herauszuheben, weil es mittlerweile so viele gibt. Schauen Sie sich Zalando an, brands4friends, FlixBus, Spotify, Sigfox, Made.com oder Skype: Das alles sind hochklassige Unternehmen, die ein breites Spektrum von Geschäftsfeldern abdecken.

„Uns hilft es natürlich, mit einer angesehenen Institution wie der KfW assoziiert zu werden.“

Olivier Schuepbach

Wo sehen Sie die größten Chancen für Gründer, neue Märkte zu erobern?

Einige Bereiche, die aus unserer Sicht herausstechen, sind künstliche Intelligenz, Finanztechnologie, das Internet der Dinge und alles rund um Big Data und die Automatisierung von Produktionsabläufen – also das, was gern als Industrie 4.0 bezeichnet wird. Dort liegen auch viele Stärken hiesiger Start-ups. Die deutsche Wirtschaft ist ja traditionell sehr stark vom Mittelstand und dem Ingenieurswesen getrieben. Das spiegelt sich auch in vielen innovativen Lösungen in der Digitalisierung der Industrie wider.

Viele sagen, Deutschland lasse sich bei der Digitalisierung zu viel Zeit. Stimmen Sie zu?

Innovation verlangt nicht nur internen Wandel, sondern auch die Bereitschaft, mit externen Partnern zusammenzuarbeiten. Das haben viele Unternehmen verstanden, besonders die großen. Und dabei spielen wir als Investoren eine wichtige Rolle: Wir sehen uns als Bindeglied, als Vermittler zwischen den angestammten Kräften und dem Neuen. Unsere Aufgabe ist es, diese Welten zu verknüpfen, um den Wandel noch weiter und noch schneller voranzutreiben. Denn es genügt nicht, heute innovativ zu sein und es dabei zu belassen. Die digitale Disruption kennt keine Pausen. Wer bereit sein will für die Zukunft, muss fortwährend weiterdenken und das eigene Geschäft immer wieder neu hinterfragen.

Nicht jedes Start-up kann Erfolg haben. Wie verhindern Sie, dass Sie sich verkalkulieren?

Zunächst einmal, indem wir das Risiko streuen und uns jede Firma, in die wir investieren, sehr genau anschauen. Aber natürlich: Es gibt viele Gründe dafür, dass selbst vielversprechende Start-ups scheitern – weil das Timing nicht stimmt, die Marktsituation sich verändert oder andere Faktoren zusammenkommen. Das ist normal, das gehört dazu. Wie groß die Risiken sind, hängt auch davon ab, an welchem Punkt in der Entwicklung eines Start-ups das Investment stattfindet: Ein früher Einstieg bedeutet eine größere Gefahr von Verlusten; andererseits fällt die Belohnung höher aus, wenn die Firma erfolgreich wird.

KfW Capital übernimmt

Partech ist ein privater VC-Fonds, in den die KfW bereits seit dem Jahr 2015 investiert ist. Die neue Beteiligungsgesellschaft KfW Capital übernimmt das Investment.

Wie passt diese Bereitschaft zum Wagnis, die bei Ihnen zum Geschäft gehört, zu Ihrer Partnerschaft mit der KfW – einer staatlichen Bank?

Ich glaube, dass beide Seiten stark von dieser Zusammenarbeit profitieren. Uns hilft es natürlich, mit einer angesehenen Institution wie der KfW assoziiert zu werden. Wir bringen im Gegenzug viel Expertise in Sachen Innovation und Aufbau neuer Firmen mit. Dadurch, dass Partech Ventures bereits 1982 gegründet wurde, besitzen wir sehr viel Erfahrung und Kontakte. Zudem sind wir mit unseren Büros in Berlin, Paris und San Francisco so international aufgestellt, dass wir transatlantisch, aber auch paneuropäisch agieren können. Das sehen wir als einen unserer entscheidenden Vorteile an.

Wie steht die deutsche Gründerlandschaft im internationalen Vergleich da?

In Berlin hat sich ein sehr starkes, europaweit führendes Ökosystem für Unternehmer entwickelt. Die Kosten für Start-ups sind bis heute vergleichsweise niedrig, während die hohe Lebensqualität mithilft, qualifizierte Mitarbeiter anzuziehen. Derzeit beobachten wir, dass viele Unternehmer, die ursprünglich aus anderen Teilen Deutschlands nach Berlin gekommen waren, zurückziehen und sagen: „In Berlin haben wir schon gezeigt, was wir können – jetzt wollen wir mehr!“

So wird dann ganz Deutschland zur Start-up-Republik?

Im Moment ist Berlin sicherlich noch im Fokus der Gründerszene. Aber die Innovationskraft verteilt sich auf viele Regionen. Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sind nur einige Beispiele dafür. Das Ökosystem wächst und wird immer stärker. Das hilft der Start-up-Szene, sich auszubreiten – im ganzen Land und über viele Wirtschaftszweige hinweg.

Quelle
Cover CHANCEN Erfolg in der digitalen Welt

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2017 „Erfolg in der digitalen Welt".

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Wird es eher akzeptiert, dass Gründern nicht immer der große Wurf gelingen kann? Ein Kulturwandel?

Es stimmt sicher, dass Scheitern in Europa lange Zeit als Makel angesehen wurde. Aber auch das ändert sich. Als Investoren wissen wir, dass Gründer wertvolle Erfahrungen sammeln können, wenn etwas nicht funktioniert. Dann heißt es: aufstehen, Kräfte sammeln und etwas Neues versuchen. Der Weg zum Erfolg ist selten eine gerade Linie – meist führt er in Schlangenlinien vorbei an vielen Hindernissen und Fehlversuchen. Wichtig ist, dass Gründer daraus lernen und herausfinden, was sie besser machen können, um schließlich erfolgreich ans Ziel zu kommen.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Donnerstag, 22. Juni 2017