Oberbürgermeister Claus Madsen im Rathaus in Rostock
Smart Cities

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Mit einem Lächeln

Rostock nimmt sich bei der Digitalisierung Skandinavien und die baltischen Staaten zum Vorbild und setzt auf smarte Apps, öffentliche Begegnungsräume und eine digitale Bürgerbeteiligung. Damit gehört die Stadt zu den Gewinnern des Wettbewerbs „Modellprojekte Smart Cities“. Ein Ortsbesuch.

Smartphone und Smile City App am Stadthafen in Rostock

Die Plattform „Smile City“ wird für den Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern genutzt.

Bei den weltweiten Smart-City-Konzepten gibt es den sogenannten US-amerikanischen Ansatz. Der orientiert sich an kommerziellen Zielen. Den asiatischen. Der basiert auf Staatskontrolle. Und den skandinavischen. Der ist der bürgernahe. Welcher in Rostock beherzigt wird, weiß man allein schon, wenn man den Oberbürgermeister der Stadt (Bild oben) kennt. Er heißt Claus Ruhe Madsen (ausgesprochen: Mäsn, sagt aber niemand in Deutschland) und ist – Däne. Der Möbelhändler und ehemalige IHK-Präsident der Hansestadt Rostock ist, seit Herbst 2019, das einzige Stadtoberhaupt einer deutschen Großstadt ohne deutschen Pass. Die EU macht’s möglich.

Der Rostocker Smart-City-Ansatz firmiert unter „Smile City“; so heißt auch die im Aufbau befindliche Plattform, die der virtuelle Informations- und Begegnungsraum der kommunalen Digitalisierung in der größten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns werden soll. Mit ihren Ideen orientiert sie sich am diesjährigen Leitmotto „Gemeinwohl und Netzwerkstadt/Stadtnetzwerk“ der Modellprojekte Smart Cities. Rostock zählt mit 31 anderen Städten und interkommunalen Kooperationen zu den ausgewählten Projekten der zweiten Staffel dieses Wettbewerbs, über den das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und die KfW die beispielhafte Digitalisierung von Städten und Gemeinden mit insgesamt 820 Millionen Euro bis 2021 bezuschussen werden.

Skandinavien und das Baltikum als Vorbilder

Kay Pöhler, Prokurist der KfW im Bereich Kommunale Infrastruktur und dort zuständig für das Thema Smart City, hebt an der Bewerbung Rostocks hervor, dass die Stadt „die Bürgerinnen und Bürger in den Mittelpunkt ihrer Digitalstrategie stellt“, und nennt überdies als Rostocker Besonderheit den Blick über die Grenze: „Die Stadt nimmt sich Skandinavien und die baltischen Staaten zum Vorbild.“

Im Digitalisierungsranking der EU führt Finnland vor Schweden und Dänemark; auch Estland (7.) liegt vor Deutschland (12.). Da erweist es sich als vorteilhaft, dass sich unter den 21 Partner- und befreundeten Städten Rostocks auch Turku (Finnland) und Aarhus (Dänemark) befinden.

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„Zehn Jahre hat Aarhus gebraucht, um eine digitale Stadt zu werden“, sagt Madsen, der sich die Ergebnisse dieses Prozesses in der zweitgrößten dänischen Stadt im Frühjahr angeschaut hat. „Wenn wir all das übernehmen, was möglich ist, schaffen wir es in fünf.“ Das wäre also 2025 und damit das Jahr, in dem Rostock die Bundesgartenschau ausrichtet. Der BUGA kommt schon deshalb eine besondere Bedeutung in den Smart-City-Überlegungen zu, weil mit ihr eine Vitalisierung des Oval genannten Rostocker Innenstadtquartiers am Stadthafen geplant ist, wie Johannes Wolff, Projektentwickler des OB-Büros, erläutert. Da ließe sich zeigen, wie Digitalisierung und Stadtentwicklung zusammen gedacht werden können.

Smart Cities

20 Städte und Gemeinden und zwölf interkommunale Kooperationen und Landkreise werden in der zweiten Staffel der Modellprojekte Smart Cities vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und der KfW mit insgesamt 350 Millionen Euro gefördert. Im vergangenen Jahr waren in der ersten Staffel schon zehn Städte und Gemeinden und drei Kooperationen und Landkreise in den Genuss eines Zuschusses von BMI und KfW gekommen. 2021 wird es eine dritte Staffel geben. Für alle drei Staffeln zusammen stellen BMI und KfW 820 Millionen Euro zur Verfügung.

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Eine bürgernahe Digitalisierung

An Visionen mangelt es dem unkonventionellen OB nicht, der – wie in Dänemark üblich – alle duzt, bei der Arbeit Turnschuhe trägt und die Dauer von Besprechungen eingedampft hat. Der 48-Jährige kommt schnell ins Schwärmen, wenn er Smile-City-Ziele skizziert: eine Verwaltung mit einem schnellen, unkomplizierten Bürgerservice; öffentliche Begegnungsräume, die man über eine App buchen kann; Bündelung der Kundenzentren der vielen städtischen Gesellschaften (Straßenbahn, Theater, Hafen, Stadtwerke zum Beispiel), die unter dem Dach der RVV Holding zusammengefasst sind.

Aber Madsen hält auch nicht – macht er nie – mit seiner Skepsis hinterm Berg, wenn er über Erfahrungen mit deutschen Behörden spricht. Er hat sie als Bürger gemacht – seit 1992 lebt Madsen in Deutschland, seit 1998 in Rostock –, als Geschäftsmann, jetzt als Vorgesetzter von rund 2.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Verwaltung verwalte und gucke nicht nach vorn, sagt er, man werde oft von Pontius zu Pilatus geschickt, immer wolle man etwas 100-prozentig planen, statt schon mal mit 80-Prozent-Lösungen anzufangen.

„Wenn du über Digitalisierung sprichst, hörst du erstmal Ängste“, sagt Madsen, das sei aber der verkehrte Ansatz. Er habe noch niemanden getroffen, der gemeint habe, die Digitalisierung komme nicht. Wenn sie aber komme, „sollten wir am Steuer sitzen“. Madsen berichtet aber auch, dass von der Pandemie erzwungene Veränderungen im Rathaus, Arbeit am Laptop zu Hause zum Beispiel, viel besser gelaufen seien als gedacht.

Rostocks Oberbürgermeister Claus Madsen
„Das Projekt Smart Cities bedeutet für mich, eine Stadt menschenfreundlich zu gestalten.“

Claus Madsen, Oberbürgermeister von Rostock

Natürlich war in Rostock auch schon etwas passiert bei der Digitalisierung, bevor der parteilose Geschäftsmann zur Überraschung aller in der Stichwahl zum OB gewählt wurde. Auf „Klarschiff.HRO“ können die Rostockerinnen und Rostocker Mängel und Ärgernisse im öffentlichen Raum der Verwaltung mitteilen. Schon seit Jahren finden sich unter „Geoport.HRO“ öffentlich zugängliche Daten über Stadtstruktur und urbanes Leben. Und die städtische Wohnungsbaugesellschaft WIRO bietet ihren Mietern und Mieterinnen eine App, über die sie neben Zählerstände eingeben zum Beispiel auch Reparaturen beauftragen können.

Besprechung in der Software Entwicklerfirma Altow in Rostock

Digitalisierung heißt Vernetzung: Johannes Wolff (Mitte), Projektentwickler des OB-Büros, im Gespräch mit Johannes Karow (links) und Andreas Ludwig vom Rostocker IT-Start-up Altow.

Fördergeld für mehr Bürgerbeteiligung

Was Rostock mit den acht Millionen Euro Förderzuschüssen, die die Stadt mit Eigenmitteln auf zwölf Millionen aufstockt, macht, steht im Detail noch nicht fest. Zunächst wird eine Stabsstelle „Smile City“ beim OB angesiedelt, bis Ende 2021 soll eine Strategie entworfen werden. Danach beginnt die Umsetzung der Projekte.

„Bürger-Empowerment wird bei diesem Prozess großgeschrieben“, sagt Wolff. Persona genannte Gruppen mit jeweils spezifischen Rollen in der Stadtgesellschaft sollen zur Willensbildung beitragen: Studierende, Ehrenämtler, Senioren und Seniorinnen, Kinder und ihre Familien, Unternehmerinnen und Unternehmer, Politik, Verwaltung. Wobei Madsen zum Thema Bürgerteilhabe festhält: Man müsse Mehrheitsentscheidungen akzeptieren und dürfe sich nicht mit jemandem nur deshalb besonders beschäftigen, weil er am lautesten schreie.

„Glückliche Bürger“, so heißt eine der vier Säulen des Smile-City-Konzeptes. „Lebensglück“ soll zum Leitbild der gesamten Region Rostock werden. „Eine Stadt menschenfreundlich gestalten“, das stellt sich Oberbürgermeister Madsen unter dem Modellprojekt Smart City vor. So wie in Skandinavien eben.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 12. November 2020.