Blue Action Fund Pazifik Korallenriff
Biodiversität

Biodiversität

Anwälte der Ozeane

Mit dem Blue Action Fund schufen das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und die KfW eine wichtige Institution zum Meeres- und Küstenschutz in Entwicklungsländern. Dem schwierigen Anfang folgte eine außergewöhnliche Erfolgsstory.

Korallenriff

Überfischung, Verschmutzung, Klimawandel – das Ökosystem Meer ist in Gefahr. Der Blue Action Fund soll es schützen.

Als Markus Knigge Mitte 2017 Geschäftsführer des Blue Action Funds wurde, war das für ihn ein Traumjob – und ist es bis heute geblieben. Weil er die Meere liebt, weil er Erfahrung im Gründen neuer Organisationen hat und weil er mit seiner Expertise als Stadtplaner, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler über zehn Jahre in Umweltverbänden gearbeitet hat, mit Schwerpunkt auf der europäischen Fischereipolitik. Kurzum: Markus Knigge weiß um die Bedeutung der Meere.

„Über 70 Prozent der Erdoberfläche bestehen aus Wasser“, sagt er. „Die Erde ist also vor allem ein blauer Planet.“ In den Meeren befindet sich auch die größte biologische Vielfalt. Und statistisch gesehen enthält jeder zweite unserer Atemzüge Sauerstoff, der in diesem blauen Reich produziert wurde. Außerdem leisten die Ozeane einen erheblichen Beitrag zur Ernährungssicherung der Menschen. „Die Meere waren also schon immer wichtig“, sagt Knigge, „aber sie waren nicht immer auf dem politischen Radar.“

Das ändert sich langsam. Das Bewusstsein für die Bedeutung des größten Lebensraums der Erde ist vor allem in den letzten paar Jahren gestiegen. Was gut ist und zugleich traurige Gründe hat: Das Ökosystem Meer steht unter enormem Druck. Sei es wegen Überfischung, Schiffsverkehr, Verschmutzung, Tiefseebergbau oder aufgrund des Klimawandels.

Markus Knigge, CEO Blue Action Fund
„Die Meere waren schon immer wichtig, aber sie waren nicht immer auf dem politischen Radar.“

Markus Knigge, Geschäftsführer Blue Action Fund

Stiftung für den Meeresschutz

Deshalb – und nicht zuletzt inspiriert von der Verabschiedung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung auf dem UN-Gipfel 2015 in New York – entwarf das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) einen Zehn-Punkte-Aktionsplan für Meeresschutz und nachhaltige Fischerei. Punkt eins: „Mehr und besser verwaltete Meeresschutzgebiete schaffen“.

Um dies zu erfüllen, rief das BMZ gemeinsam mit der KfW Ende 2016 den Blue Action Fund (BAF) ins Leben, eine Stiftung, die nationale und internationale Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Entwicklungsländern finanziell unterstützt, ausgewählte Naturschutzprojekte in Meeresschutzgebieten zu realisieren – „um deren Arbeit vor Ort zu mehr Durchschlagskraft zu verhelfen“, so Knigge.

Nachdem Markus Knigge im Juni 2017 als Geschäftsführer der Stiftung an Bord ging, galt es zunächst, das Grundgerüst für das Finanzierungssystem aufzubauen. Das bedeutete eine Menge Akten- und Kopfarbeit. Darunter: Evaluierungs- und Transparenzmechanismen festlegen, Musterverträge entwerfen und ein Bewerbungsverfahren für die NGOs mit ihren Projekten entwickeln. „Es war in der Startphase einer unserer großen Erfolge, dass wir diese Prozesse relativ schnell etablieren konnten, um möglichst bald mit der aktiven Förderung loszulegen“, erzählt Knigge. Bereits Anfang 2018 wurden die ersten Verträge mit NGOs unterschrieben.

Lesen Sie unter der Bildergalerie weiter.

Unterstützung für neun länderübergreifende Projekte

Mittlerweile unterstützt die Stiftung neun zum Teil länderübergreifende Projekte im Pazifischen Ozean (Kolumbien, Costa Rica, Ecuador, Panama), im Südpazifik (Fidschi, Papua-Neuguinea, Salomonen), im Golf von Guinea (São Tomé und Príncipe) und im Indischen Ozean (Tansania, Madagaskar, Mosambik und Südafrika), vier weitere befinden sich kurz vor dem Abschluss. Mittelfristiges Ziel des BAF ist es, stets rund 25 laufende Projekte zu unterstützen, die jeweils auf drei bis fünf Jahre angelegt sind und Fördersummen von je zwei bis drei Millionen Euro erhalten.

Die KfW fördert

Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank unterstützt zahlreiche Projekte im Sektor Biodiversität. Er engagiert sich für den Schutz der Tropenwälder, der Arten und der Meere.

Mehr erfahren

Die Stiftung hat bisher 93 Millionen Euro an Zuwendungen erhalten – davon 80 Millionen vom BMZ, acht Millionen vom schwedischen Außenministerium, das sich dem Blue Action Fund bald nach der Gründung anschloss, und fünf Millionen von der französischen Entwicklungsagentur Agence Française de Développement, die 2018 hinzukam. Ausblick auf weitere Mittel: positiv. Die Stiftung selbst ist also international.

Markus Knigge, der den Blue Action Fund zu Beginn von seinem Berliner Wohnzimmer aus aufbaute, hat heute vier Mitarbeiterinnen und ein Büro in einem Hinterhof in Berlin-Mitte. Und er ist froh über jeden Finanzierungsvertrag, den er mit NGOs unterschreiben kann: „Weil das der Anfang ist von der tatsächlichen Arbeit vor Ort.“

Insel Casuarina

Die Insel Casuarina gehört zu Mosambik ist von Korallenriffen und Seegraswiesen umsäumt. Der WWF unterstützt die Fischereigemeinden bei der nachhaltigen Nutzung der Küstengewässer.

Auch bei der KfW in Frankfurt freut man sich: „Der Blue Action Fund steht im Kontinuum unseres Versuchs, zur Finanzierung von Naturschutzprojekten ein Instrumentarium zu etablieren, um mit NGOs und der Zivilgesellschaft direkt zusammenzuarbeiten“, erklärt Dr. Marcus Stewen, Projektmanager und Prokurist im Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank. Gerade im Naturschutz sei die Stärkung der Zivilgesellschaft besonders wichtig, so Stewen. Nicht zuletzt, weil Naturschutz nur möglich ist, wenn die lokale Bevölkerung mitmacht und auch für sich selbst einen Sinn darin sieht. Deshalb achte die KfW besonders darauf, dass es bei jedem Projekt, das gefördert wird, eine Balance gibt – aus der Bewahrung von Küsten und Ozeanen durch Schutzgebiete und der gleichzeitigen Verbesserung der Lebensbedingungen der Küstenbevölkerung.

Wie verzahnt diese beiden Bereiche sind, vor allem in Entwicklungsländern, weiß auch Heike Vesper, die beim WWF den Fachbereich Meeresschutz leitet: „Global sind über eine Milliarde Menschen vom Fischfang abhängig, hinsichtlich ihrer Einkommen und ihrer Ernährungssicherung. Gesunde Fischbestände aber hängen von gesunden Meeresökosystemen ab, sie dürfen nicht übernutzt werden. Doch die Menschen vor Ort haben oft keine Alternative.“

Heike Vesper, WWF
„Global sind über eine Milliarde Menschen vom Fischfang abhängig.“

Heike Vesper, Leiterin des Fachbereichs Meeresschutz beim WWF

Baby Loggerhead Turtles iSimangaliso

Im iSimangaliso Wetland Park kümmert sich die südafrikanische Naturschutzorganisation Wildtrust unter anderem um den Schutz von Schildkröten vor Wilderern.

Im Einsatz für Flora und Fauna

Der WWF, der in seinen Projekten viel an der Schnittstelle von Naturschutz und Entwicklungszusammenarbeit unterwegs ist, war daher schon früh mit dem BMZ und der KfW im Gespräch darüber, dass genau dort mehr getan werden müsste. Heute fördert der Blue Action Fund drei WWF-Projekte, eines in Tansania und zwei in Mosambik. In deren Zentrum steht der Schutz von Riffen und Mangrovenwäldern, die für die Biodiversität und damit für gesunde Fischbestände in den Gewässern sorgen und zugleich Lebensgrundlage vieler Menschen sind. Projekte, die ohne die Förderung so nicht möglich gewesen wären. „Wir als WWF sind total dankbar für die Einrichtung dieser Stiftung, denn einen solchen, ausschließlich auf den marinen Bereich ausgerichteten Unterstützungsfonds für NGOs gibt es sonst nicht. Das ist eine echte Lücke, die hier geschlossen wurde“, sagt Heike Vesper.

Einer der jüngeren Projektpartner ist die südafrikanische gemeinnützige Naturschutzorganisation Wildtrust. Jean Harris, Meeresbiologin und Geschäftsführerin der Ozeansparte der Organisation, leitet dort seit 2019 ein Projekt, bei dem ebenfalls deutlich wird, wie sehr der Mensch und das Meer zusammenhängen – und wie wichtig es ist, dafür zu sorgen, dass es beiden gut geht.

An der Südostküste Afrikas will man länderübergreifend dafür sorgen, dass der iSimangaliso Wetland Park (ein UNESCO-Weltnaturerbe) in Südafrika und das Vamizi Community Sanctuary in Mosambik, zwei biologisch miteinander verbundene Biodiversitäts-Hotspots, besser verwaltet werden. Das Problem: An der Küstenlinie kommt es laufend zu Überfischung und illegaler Fischerei, nicht zuletzt durch Menschen aus verarmten Gemeinden, deren Überleben von den Meeresressourcen abhängt. Der Ansatz von Wildtrust ist es, die biologische Vielfalt dort wiederaufzubauen, die Meeresschutzgebiete zu vergrößern und die Küstenbevölkerung dabei einzubinden.

Um Wissen darüber zu generieren, wie die Ökosysteme vor Ort funktionieren, hat sich die NGO drei bedrohte Tierarten als Schlüsselindikatoren ausgesucht, die beobachtet werden sollen: Schildkröten, Haie und Rochen, die sich in den Gewässern beider Länder hin und her bewegen. Die Daten geben Aufschluss darüber, an welcher Stelle es welche Art von Schutz braucht. Und zwar unter Beteiligung der Gemeinden: „Wir haben beispielsweise 38 Mitglieder einer der ärmsten Gemeinden vor Ort zu Schildkrötenbeobachtern ausgebildet“, erzählt Jean Harris. Statt Wilderer zu werden, erhalten sie eine legale Job-Option.

Jean Harris, Wildtrust
„Viele sind aus Armut gar nicht mehr mit dem Meer verbunden, an dem sie leben.“

Jean Harris, Wildtrust

Zugleich versucht die Naturschutzorganisation, Touristikunternehmen in der Gegend dazu zu bewegen, weitere Arbeitsplätze und Einnahmequellen für die Menschen vor Ort zu schaffen. Denn wenn der Tourismus von der gut erhaltenen Natur profitiert, ist es nur richtig, den armen Gemeinden für ihren Fischereiverlust einen Ausgleich zu bieten. Wildtrust geht daher viel in die Gemeinden, erfragt Bedürfnisse, sorgt für Ausbildungsplätze in den Naturparks. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz, der die Menschen dem Meer wieder näherbringt: „Viele sind aus Armut gar nicht mehr mit dem Meer verbunden, an dem sie leben“, sagt Harris. „Wir wollen diese Verbindung erneuern.“ Ohne die Unterstützung des Blue Action Funds hätte sie ein solches Projekt gar nicht durchführen können, ist sie sich sicher. „Es ist eine ganz besondere Finanzierung.“

Auf KfW Stories veröffentlicht am 2. Juni 2020.

null

Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.