Superseven stellt Verpackungen aus kompostierbarem Material her
Natürliche Ressourcen

Natürliche Ressourcen

Wirtschaft ohne Müll

Wie lässt sich der Wandel von der Wegwerfgesellschaft hin zur Kreislaufwirtschaft vorantreiben? Darüber sprechen wir mit Kerstin Kiehl, Leiterin des Teams Energie, Umwelt und Kommunen bei KfW Research, und David Denzer-Speck, Leiter des KfW-Büros in Brüssel, die uns JICE vorstellen: die neue Initiative europäischer Förderbanken zur Circular Economy.

Zu den Personen
Doppelportrait Kreislaufwirtschaft David Denzer-Speck und Kerstin Kiehl

Kerstin Kiehl leitet das Team Energie, Umwelt und Kommunen bei KfW Research. David Denzer Speck leitet das KfW-Verbindungsbüro in Brüssel.

Was ist unter Circular Economy zu verstehen?

KERSTIN KIEHL: Im Wesentlichen handelt es sich um ein Wirtschaften ohne Abfälle, weil die vorhandenen Ressourcen wieder und wieder verwendet werden. Häufig wird der Begriff Circular Economy mit dem deutschen Ausdruck Kreislaufwirtschaft gleichgesetzt. Dieser greift jedoch zu kurz, da er oft nur mit Recycling in Verbindung gebracht wird. Das Konzept der Circular Economy geht weit darüber hinaus: weg vom derzeit weltweit vorherrschenden linearen Wirtschaftsmodell des „Produzieren – Nutzen – Wegwerfen“, hin zu geschlossenen Kreisläufen. Dafür sind gravierende Änderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette notwendig.

Geht es dabei um konkrete Indikatoren wie CO₂-Einsparungen?

DAVID DENZER-SPECK: Es geht vor allem um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. In vielen Bereichen der Circular Economy wird direkt und indirekt auch ein Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels geleistet – den einen Indikator wie CO₂-Ersparnis gibt es im Hinblick auf Kreislaufwirtschaft aber nicht. Ein wichtiger Aspekt ist die Förderung von Innovation: Indem Unternehmen in Design von Produkten und Prozessen investieren, steigern sie ihre Wettbewerbsfähigkeit. Außerdem verringert eine kreislauforientierte Wirtschaft die Abhängigkeit von Rohstoffimporten und ermöglicht Wachstum ohne zusätzlichen Ressourcenverbrauch.

Kreislaufwirtschaft als Schlüssel
Infografik zur Circular Economy

KfW-Expertin Anke Brüggemann fasst zusammen, wie der Wandel zur Kreislaufwirtschaft gelingen kann.

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Was hat die KfW damit zu tun?

DENZER-SPECK: Für die KfW steht Nachhaltigkeit im Kern ihres Handelns. Bereits heute setzen wir 40 Prozent unserer Finanzierungen für Projekte mit Umwelt- und Klimabezug ein. Wir wollen das Thema Kreislaufwirtschaft stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken, indem wir es gemeinsam mit unseren europäischen Partnern angehen. Deshalb hat die KfW mit den fünf größten Förderbanken der EU, der polnischen BGK, der französischen CDC, der italienischen CDP, der spanischen ICO und der Europäischen Investitionsbank (EIB), die Initiative Kreislaufwirtschaft (Joint Initiative on Circular Economy – JICE) gegründet. In den nächsten fünf Jahren werden wir gemeinsam die Umstellung auf eine kreislauforientierte Wirtschaft mit Finanzierungen von insgesamt zehn Milliarden Euro unterstützen.

Gibt es in der EU tatsächlich noch so viele Defizite?

KIEHL: Im Dezember 2015 hat die EU einen wichtigen Impuls gesetzt. Die EU-Kommission veröffentlichte den „EU Action Plan for the Circular Economy“, der den Übergang zu einer stärker kreislauforientierten Wirtschaft in der EU fördern soll. Dass Europa erst am Anfang eines langfristigen Prozesses steht, verdeutlicht folgende Zahl: 2016 stammten durchschnittlich nur zwölf Prozent der in der EU eingesetzten materiellen Ressourcen aus Recyclingprodukten und zurückgewonnenen Materialien.

Teller aus Pflanzenfasern
Aus Wasser und Agrarabfällen

Das deutsche Unternehmen Bio-Lutions kauft indischen Kleinbauern ungenutzte Agrarreste ab und produziert daraus Geschirr und Verpackungsmaterial. Einzige weitere Zutat ist Wasser.

In Sachen Recycling ist Deutschland doch Vorreiter in der EU.

KIEHL: Ja, aber das ist nur die abfallwirtschaftliche Seite der Circular Economy. Bei der Abfallvermeidung, Verlängerung der Produktnutzungsdauer, recyclingfreundlichen Produktgestaltung sowie Materialeffizienz zeigt sich, dass Deutschland – wie Europa insgesamt – noch große Entwicklungspotenziale aufweist.

Was hindert uns daran, weiter zu sein?

KIEHL: Wesentliche Hemmnisse auf dem Weg zu einer kreislauforientierten Wirtschaft sind im Vergleich zum hochwertigen Recycling billigere Abfallentsorgungsmöglichkeiten wie Müllverbrennung, niedrige Preise für Primärrohstoffe sowie eine bislang zu geringe Nachfrage nach Recyclingprodukten.

Wo entlang der Wertschöpfungskette könnte die KfW einen konkreten Beitrag leisten?

DENZER-SPECK: Überall: von zirkulärem Design über Produktion hin zu Nutzung und Wiederverwertung. Die KfW ist bereits gut aufgestellt in den Bereichen Abwasser und Abfall mit dem Umweltprogramm oder dem BMU-Umweltinnovationsprogramm. Wir wollen Unternehmen und Kommunen darüber hinaus verstärkt die Möglichkeiten aufzeigen, wie sie Kreislaufwirtschaft über KfW-Programme ab Beginn der Wertschöpfungskette finanzieren können, etwa mit dem Unternehmerkredit Digitalisierung und Innovation, wenn es um Investitionen in innovative Produktlösungen geht, oder mit dem Programm Energieeffizienz, wenn die Abwärme genutzt werden soll. Auch der KfW Award Gründen fördert innovative Unternehmen, die einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten, wie etwa Superseven, das biologisch oder technologisch wiederverwertbare Verpackungen herstellt.

Lesen Sie unter der Infografik weiter.

Infografik Kreislaufwirtschaft
Superseven stellt Verpackungen aus kompostierbarem Material her
Verpacken ohne Plastik

Das deutsche Start-up Superseven hat eine ökologische Plastik-Alternative aus Holz im Angebot. Das Interesse daran ist riesig.

Vor Kurzem hat die KfW zusammen mit anderen Entwicklungsbanken die Clean Oceans Initiative ins Leben gerufen. Wie unterscheiden sich die beiden Vorstöße voneinander?

DENZER-SPECK: Die neue Initiative JICE richtet sich an die EU-Mitgliedsstaaten, während die Clean Oceans Initiative das Problem der Verschmutzung der Gewässer in Entwicklungsländern aufgreift. Es gibt aber eine direkte Verbindung: Wenn wir in der EU Produktionsabfälle reduzieren oder ganz vermeiden, werden diese erst gar nicht als Müll in Länder außerhalb der EU exportiert.

Wie realistisch ist es, dass die Initiative in absehbarer Zukunft Früchte trägt?

KIEHL: Der Impuls der EU zu mehr CircularEconomy wird durch die Initiative aufgegriffen und umgesetzt. Wir gehen davon aus, dass die Bündelung der Förderung durch die JICE zu einem weiteren Umdenken und einer größeren Nachfrage nach entsprechenden Produkten führen wird. Und wir hoffen, dass uns mit den Ansätzen zur Kreislaufwirtschaft auch Technologietransfer in Länder außerhalb der EU gelingt.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Donnerstag, 19. Juli 2019