Der Gletschersee Saiful Muluk in Pakistan
Klimawandel

Klimawandel

Gletscher unter Beobachtung

In Pakistan treffen die drei höchsten Gebirgszüge der Erde zusammen. Mehr als 7.000 Gletscher gibt es hier. Aufgrund des Klimawandels ziehen sich viele von ihnen zurück – mit weitreichenden Folgen. Dr. Parvaiz Naim, Koordinator für den Energiesektor der KfW in Pakistan, erklärt, wie ein Gletscher-Überwachungssystem die Menschen frühzeitig vor Überflutungen durch Schmelzwasser und Starkregen warnen soll.

Messstation auf einem Gletscher
Messstation

Die KfW unterstützt den Ausbau eines Gletscher-Überwachungssystems in Pakistan.

Das Flugzeug fliegt nicht viel höher, als die Gipfel sind, die es überquert. Ohne Sonnenbrille kann man nicht aus dem Fenster schauen, so sehr gleißt das Licht, das die schneebedeckten Berge reflektieren. Ziel des Flugs: die Region Gilgit-Baltistan im äußersten Norden Pakistans. Knapp eineinhalb Stunden dauert es von der Hauptstadt Islamabad bis dorthin. 1,3 Millionen Menschen leben in der Region, die an Afghanistan, China und Indien grenzt.

In Gilgit-Baltistan treffen mit dem Hindukusch, dem Karakorum und dem Himalaya die drei höchsten Gebirgszüge der Erde zusammen. Das Karakorum-Gebirge ist in seiner Gesamtheit das höchste der Welt, mehr als die Hälfte der Gebirgsfläche ist über 5.000 Meter hoch. Zum Himalaya gehört der Mount Everest, mit seinen 8.848 Metern der höchste Berg der Erde. Diese Höhen sind ideal für die Entstehung von Gletschern.

Landkarte von Pakistan
Ausgangslage

Der mächtige Indus und viele Nebenflüsse bahnen sich ihren Weg von den Hochgebirgen im Norden bis zum Arabischen Meer.

Doch Pakistan gehört zu den zwanzig Ländern, die weltweit am meisten vom Klimawandel betroffen sind. Die Starkregen in der Monsunzeit fallen infolge des Klimawandels immer heftiger aus. Und die steigenden Temperaturen bedrohen die Gletscher der Himalaya-Karakorum-Hindukusch-Region. „In Gilgit-Baltistan registrieren wir einen deutlichen Temperaturanstieg. Von 1900 bis 2015 ist die Jahrestemperatur im Mittel um 1,3 Grad Celsius angestiegen“, erklärt Parvaiz Naim. Der Sektorkoordinator des Geschäftsbereichs KfW Entwicklungsbank in Pakistan besucht die Region regelmäßig und kümmert sich um Energie-, Klima- und Finanzprojekte der KfW vor Ort.

„Wir verlieren unsere Gletscher wegen des Klimawandels“, sagt er. „Ich erinnere mich noch: Vor einigen Jahren, als ich Student war, bin ich öfter am berühmten Gletschersee Saiful Muluk gewesen. Man fuhr mit dem Geländewagen bis zur Gletscherzunge, dann musste man noch zu Fuß zum See weiterlaufen.“ Heute sei das Eis geschmolzen: „Den Gletscher gibt es so nicht mehr.“ Die Straße führe nun direkt zum See.

Parvaiz Naim überprüft eine Messstation
Handarbeit

Parvaiz Naim kontrolliert eine Messstation, die Wetterdaten sammelt.

„Insgesamt ist das eine sehr traurige und beunruhigende Situation“, erklärt er. „Denn ich nenne die Gletscher auch gerne ‚unsere Wassertürme‘.“ Diese „Wassertürme“ sind der Eisspeicher vieler Flüsse, etwa des mehr als 3.000 Kilometer langen Indus. Er durchquert auf seinem Weg von den Bergen im Norden bis zur Mündung im Arabischen Meer das ganze Land. 70 Prozent seines Wassers stammt aus Gletschern des Himalayas.

Infolge des Klimawandels ist der Zufluss dieses Gletscherwassers unberechenbar geworden. Und damit das Leben von Millionen Menschen, die an den Ufern des Indus und seiner Nebenflüsse leben und sein Wasser zum Trinken und Bewässern der Felder nutzen. Auch wird – über Wasserkraft – Energie aus dem Indus gewonnen. Doch mehr Schmelzwasser und Starkregen lassen den Fluss immer öfter und immer heftiger über die Ufer treten.

„Es gibt in der Himalaya-Karakorum-Hindukusch-Region 7.259 uns bekannte Gletscher.“

Dr. Parvaiz Naim, KfW-Sektorkoordinator

Wasserkraftwerk in Pakistan
Energiequelle

Wasser ist für die Menschen in Pakistan ein wichtiger Energielieferant.

Um die Bevölkerung zu schützen und verlässliche Vorhersagen für mehr Energie- und Wassersicherheit treffen zu können, ist es wichtig, die Veränderungen der Gletscher kurz- und mittelfristig genau zu kennen. Das Gletschermonitoring-Projekt, das Parvaiz Naim aktuell betreut, nimmt dafür die Gletscherregion des oberen Industals mit einem Überwachungssystem ins Visier. Dafür können zum Teil Messstationen der pakistanischen Wasser- und Energiebehörde genutzt werden, die bereits seit Ende der 1960er-Jahre Temperaturen, Pegelstände, Niederschlags- und Abflussmengen aufzeichnen und an die Zentrale in Lahore übermitteln. Doch die Daten reichten bislang nicht aus, um kritische Wasserstände rechtzeitig vorherzusagen.

Deshalb sollen bis zu 30 neue Wetter- und 13 neue Wassermessstationen errichtet werden. Auch die Zentrale in Lahore wird ausgebaut. Während bisher die Messstationen manuell betreut werden mussten, können die neuen Stationen Daten automatisiert übertragen. Die KfW Entwicklungsbank unterstützt den Ausbau dieses Frühwarnsystems. Auftraggeber ist das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Die KfW hat mit der pakistanischen Wasser- und Energiebehörde WAPDA einen Zuschussvertrag über sechs Millionen Euro abgeschlossen.

Arbeiter befestigen das Ufer eines Flusses mit Steinen und Draht
Natürlicher Lauf

Arbeiter befestigen Steine mit Drahtgeflecht. So wird das Ufer geschützt, ohne zu stark in den Flusslauf einzugreifen.

„Es gibt in der Himalaya-Karakorum-Hindukusch-Region 7.259 uns bekannte Gletscher. Die gilt es zu beobachten“, sagt Parvaiz Naim. „Das umfasst ein Gebiet, das in etwa so groß ist wie Schleswig-Holstein. Wir können natürlich nicht auf jedem dieser Gletscher Messstationen aufstellen. Aber wir können sie strategisch günstig über das Gebiet verteilen, um möglichst viele Informationen über Gletscher, Pegelstände und Wetter zu sammeln.“

Mit den gesammelten Daten können Wissenschaftler besser verstehen, wie sich die Gletscher verändern und wie ihr Wandel sich auf den Indus auswirkt. Darauf können Anpassungen folgen, die Menschen und Natur entlang des mächtigen Stromes schützen. Naim erinnert sich an die große Flut in Pakistan im Jahr 2010. Rund 14 Millionen Menschen waren davon betroffen, Tausende von ihnen verloren ihre Höfe, Häuser und Felder und wurden zu Umweltflüchtlingen. „Je früher wir die Menschen vor solchen Katastrophen warnen können, desto besser.“

Blick in ein Tal mit mäanderndem Fluss und Bergen im Hintergrund.
Fehlende Schwemmgebiete

Wild mäandernde Flüsse wie diesen gibt es nur noch selten in Pakistan. Weil künstliche Flussbetten zu wenig Spielraum bieten, führt ein rascher Anstieg des Wasserstands schnell zu Überflutungen.

Auslöser der Flut war damals eine globale Wetterlage, die Omegahoch genannt wird. Ein über Wochen stabiles Hochdruckgebiet zog warme Luft aus dem Süden nach Russland und führte dort zu großflächigen Wald- und Torfbränden. Westlich des Hochs, im Dreiländereck Deutschland, Polen und Tschechien, und östlich des Hochs in Pakistan hielten sich hingegen Tiefdruckgebiete mit ungewöhnlich starken Niederschlägen. Die Folge hier: heftige Überschwemmungen.

Das Wetterextrem hatte in Pakistan besonders verheerende Folgen, weil auch die Temperatur in diesem Jahr insgesamt höher war als sonst und die Gletscher deshalb mehr Schmelzwasser in die Flüsse spülten. Versäumnisse im Naturschutz haben das Hochwasser zusätzlich verstärkt. Denn durch Begradigung sind viele Flüsse in ein zu enges Flussbett eingezwängt. Und die Böden von abgegrasten Weiden und abgeholzten Wäldern entlang des Flusslaufs können weniger Wasser aufnehmen als intakte Ökosysteme.

Wir fördern

Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank fördert weltweit zahlreiche Projekte zur Anpassung an den Klimawandel.

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Das neue Frühwarnsystem in Gilgit-Baltistan verhindert natürlich nicht, dass die Gletscher schmelzen. Die Messungen werden aber der Schadensbegrenzung dienen – und zudem der Wissenschaft. Denn noch immer sind die Umstände, die Gletscher zum Abschmelzen bringen, nicht abschließend erforscht. Parvaiz Naim freut sich darauf, bald genauere Daten zur Verfügung zu haben, um Pakistans „Wassertürme“ besser zu verstehen. Und er hofft, dass die Messungen gelegentlich auch positive Entwicklungen dokumentieren werden. Denn: Unter den 7.259 Gletschern gebe es auch welche, die stabil seien. Wenige hätten sich sogar vergrößert: „Zum Beispiel ist der 49 Kilometer lange Hispar-Gletscher um 350 Meter gewachsen – das ist doch eine gute Nachricht!“

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Montag, 12. März 2018

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