Ein großer Liquid Natural Gas Tanker fährt auf dem Meer.
Energiesicherheit

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Im Eiltempo zur Unabhängigkeit

Seit dem Ukrainekrieg spielt das Flüssigerdgas LNG eine Schlüsselrolle für Deutschlands Energiesicherheit. Mittelfristig könnte es den Import russisches Pipelinegas ersetzen. Nun beteiligt sich die KfW im Auftrag des Bundes am Bau des ersten deutschen LNG-Terminals in Brunsbüttel.

Pipeline oder Schiff? Das war bis vor Kurzem keine Frage. Ein Wechsel von Pipelinegas zu Flüssigerdgas, das mit riesigen Tankschiffen importiert werden muss, kam für die Bundesregierung nicht in Betracht. In einer Kurzstudie zog das Umweltbundesamt 2019 das Fazit: „Aus klimapolitischer Sicht und unter Energieeffizienzaspekten ist ein verstärkter Einsatz von LNG insbesondere im Vergleich zu per Pipeline transportiertem Gas nicht begründbar.“ So ist es nur logisch, dass Deutschland bislang keine Importterminals für Flüssigerdgas besitzt – anders als die meisten EU-Küstenstaaten, (siehe Karte).

Doch durch Russlands Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat sich die Sachlage schlagartig geändert. Zu diesem Zeitpunkt hat Deutschland 55 Prozent seines Bedarfs mit russischem Pipelinegas gedeckt – eine Abhängigkeit, die erpressbar macht und Berlin zum Handeln zwingt.

Gut zwei Monate nach Kriegsbeginn verkündet Wirtschaftsminister Robert Habeck, dass der Anteil auf 35 Prozent gesenkt werden konnte. So schnell wie möglich will man sich ganz vom russischen Gastropf befreien. Weil die Regierung am Kohle- und Atomausstieg festhält und selbst eine beschleunigte Energiewende die Abhängigkeit von Russland kurzfristig nicht beenden kann, setzt Berlin auf den Aufbau einer Infrastruktur für LNG.

Das Für und Wider der Technologie

Karte von Europa mit fertigen und geplanten LNG-Terminals
LNG-Terminals in der EU

Immer mehr Flüssiggas-Terminals werden an Europas Küsten gebaut – auch um unabhängiger von russischem Pipelinegas zu werden.

Verflüssigtes Erdgas läuft international unter der englischen Abkürzung LNG für Liquified Natural Gas. Es besteht zu rund 98 Prozent aus Methan, ist farblos, nicht giftig und entsteht, wenn Erdgas von anderen Stoffen bereinigt und auf minus 162 Grad Celsius herunter gekühlt wird. Flüssig nimmt der Energieträger nur ein Sechshundertstel seines gasförmigen Volumens ein und kann so in großen Mengen auch über weite Strecken transportiert werden. Man muss also keine langen Pipelines dafür bauen und bindet sich nicht langfristig an nur einen Lieferanten: Das sind die großen Vorteile von LNG gegenüber Pipelinegas.

Nachteilig ist, dass die Herstellung bis zu 25 Prozent des eigenen Heizwerts verbraucht. Lange Transporte per Schiff sind teuer und verursachen zusätzliche Emissionen. Stammt das Flüssiggas aus den USA oder Australien, neben Katar zwei der weltweit größten LNG-Exporteure, wird es häufig per Fracking gewonnen – ein Verfahren, bei dem Methan in die Atmosphäre entweicht und das auch wegen anderer unberechenbarer Langzeitfolgen für die Umwelt umstritten ist. Obendrein kommt es innerhalb der gesamten LNG-Prozesskette zu weiteren Methanverlusten. Und Methan ist als Treibhausgas 25-mal so klimawirksam wie CO2.

Warum Deutschland jetzt LNG-Terminals baut?

Unter Fachleuten ist umstritten, ob der Klimaschaden durch Erdgasnutzung höher ausfällt, wenn LNG-Importe zukünftig russisches Pipelinegas ersetzen. Einigkeit herrscht aber weitgehend darüber, dass unter allen fossilen Energieträgern Erdgas am wenigsten klimaschädlich ist, egal ob flüssig oder gasförmig. Schon vor dem Ukrainekrieg stand fest, dass Deutschland auf Erdgas als Brückentechnologie für den Übergang zu erneuerbaren Energien setzt. Denn gerade die energieintensive Industrie, auf die mehr als ein Drittel des deutschen Erdgasverbrauchs geht, kann Erdgas nicht ad hoc ersetzen.

Bislang nicht realisierte Pläne für deutsche LNG-Terminals an Land wurden jetzt wieder aus der Schublade geholt. So zum Beispiel für Brunsbüttel: Schleswig-Holsteins größter zusammenhängender Industrie­ und Hafenstandort liegt strategisch günstig an der Mündung des Nord-Ostsee-Kanals in die Elbe. Auch die größten Tanker mit bis zu 266.000 Kubikmetern LNG an Bord können hier anlegen. Das entspricht knapp 160 Millionen Kubikmetern Pipelinegas – zwölf solcher Tanker würden ausreichen, um Hamburg ein Jahr lang mit Erdgas zu versorgen.

Starthilfe von der KfW

Für die meisten LNG-Lieferungen gelten langfristige Verträge. 2021 gingen 73 Prozent aller Exporte nach Asien, allen voran China, wo LNG den Kohleausstieg beschleunigen soll. Deutschland ist spät dran und hat im Wettstreit um Flüssigerdgas viele Konkurrenten.Deshalb soll es mit dem Bau des LNG-Terminals in Brunsbüttel jetzt zügig vorangehen. "Ohne langfristige Verträge ist jedoch eine Gegenfinanzierung nicht möglich“,sagt Michael Kleemiß. Er ist Geschäftsführer des Konsortiums German LNG Terminals GmbH, das 2018 in Brunsbüttel gegründet wurde, um den Bau eines LNG-Terminals voranzutreiben. Geplante Regasifizierungskapazität: acht Milliarden Kubikmeter jährlich. In das Konsortium wird die KfW im Auftrag der Bundesregierung als Gesellschafter einsteigen und eine Beteiligung von 50 Prozent übernehmen. "Mit dieser Investition wird die Abhängigkeit von russischem Pipelinegas reduziert sowie gleichzeitig die Versorgungssicherheit gewährleistet“, sagt Felix Freitag, Abteilungsdirektor für strategische Beteiligungen bei der KfW. "LNG wird hierbei als Brückentechnologie bei der Transformation zur angestrebten Treibhausgasneutralität 2045 angesehen. Deshalb wird auch die Weiterverwendung des Terminals für den Import von Wasserstoff­ Derivaten von Beginn an bei der Planung des Terminals berücksichtigt.“ Weitere Beteiligte sind der deutsche Energiekonzern RWE mit zehn Prozent und der niederländische Gasnetzbetreiber Gasunie mit 40 Prozent. Die Rollenverteilung, so Kleemiß: "Gasunie war schon von Beginn an dabei, ist maßgeblich an der Entwicklung beteiligt und soll schließlich auch Betreiberin des LNG-Terminals werden.“

Wie kommt das LNG in unser Gasnetz?

Infografik über die Funktionsweise eines LNG-Terminals
LNG-Terminal

Das Flüssigerdgas wird in Tankern geliefert und am Terminal gespeichert. Es kann flüssig weitertransportiert werden oder mittels Abwärme aus der benachbarten Industrie gasförmig ins Gasfernnetz ein gespeist werden.

Geplant ist ein Terminal mit zwei Anlegestellen, den so genannten Jettys: Dort kommen die LNG-Carrier an, mit Flüssigerdgas aus Exportländern wie Katar, den USA, Nigeria oder Algerien.

An Jetty 1 können die großen Q-Max-Tanker in circa 20 Stunden abgefertigt werden, Jetty 2 ist für kleinere Bunkerschiffe vorgesehen. Flüssig gelangt das LNG über Pipelines zu den zwei Tanks, die jeweils 165.000 Kubikmeter LNG zwischenlagern können. Von dort wird das LNG weiterverteilt.

Ein Teil tritt seine Weiterreise flüssig per Bunkerschiff, Tankwagen oder Eisenbahnkesselwagen an: zu Tankstellen für LNG-betriebene LKWs oder zur Betankung von Schiffen in deutschen Häfen. Der andere Teil wird regasifiziert, also erwärmt und verdichtet. Dafür kann industrielle Abwärme genutzt werden. Anschließend wird das Gas über eine rund 65 Kilometer lange Pipeline in das deutsche Fernleitungsnetz eingespeist.

Rasanter Aufbau einer LNG-Infrastruktur

Spätestens im Jahr 2026 soll das Terminal in Brunsbüttel betriebsbereit sein. Auf dem Weg dorthin werde natürlich ein Genehmigungsfahrplan befolgt, so Michael Kleemiß "Insgesamt müssen drei unterschiedliche Genehmigungen eingeholt werden: durch uns für die Hafenanlagen und das Terminal, zudem für die Pipeline zum Gasnetz durch deren Betreiber.“ Das Projekt erfährt nun Rückenwind aus der Politik. Mit einer Gesetzesänderung hat der schleswig-holsteinische Landtag ermöglicht, dass das Terminal auch dann weitergebaut werden kann, wenn Gerichte erst noch über mögliche Klagen entscheiden müssen. Und dass diese eingehen werden, ist mehr als wahrscheinlich.

Mehrere Umweltverbände kritisieren das Vorhaben. Sie hinterfragen die Großinvestition in den fossilen Energieträger und halten den Standort für ungeeignet, nicht nur wegen des angrenzenden Chemieparks. In direkter Nähe befinden sich eine Sondermüllverbrennungsanlage und das stillgelegte Atomkraftwerk Brunsbüttel mit Zwischenlager für radioaktive Abfälle. Laut geltendem Bebauungsplan wäre die Ansiedlung eines weiteren sogenannten Störfallbetriebs verboten.

Eine sogenannte schwimmende FSRU Einheit liegt neben einem LNG Tanker im Hafen
Schwimmende LNG-Terminals

Die Höegh Esperanza ist eines von insgesamt vier so genannten FSRU ( Floating Storage and Regasification Unit), die im Auftrag der Bundesregierung von RWE und Uniper schon ab Winter 2022/23 für die Versorgung mit LNG in das deutsche Erdgasnetz gemietet worden sind.

Doch selbst wenn Genehmigung und Bau in Brunsbüttel und im niedersächsischen Wilhelmshaven, dem zweiten geplanten Standort für ein deutsches LNG-Terminal, beschleunigt werden könnten: Eine Versorgungssicherheit für den kommenden Winter bietet das nicht. Deshalb hat die Bundesregierung als schnelle Lösung jetzt vier schwimmende Terminals gechartert. Hier geschieht grundsätzlich dasselbe wie an Land: LNG kommt mit Tankern, wird gespeichert und flüssig per Schiff oder regasifiziert per Pipeline weiterverteilt. Dafür stellt die Bundesregierung knapp drei Milliarden Euro zur Verfügung.

In Wilhelmshaven haben die Bauarbeiten dafür bereits begonnen. Den Rammschlag, vergleichbar mit dem Spatenstich zu Lande, für den Anleger des Flüssiggas-Terminals, verfolgte Wirtschaftsminister Robert Habeck von einem Schiff aus: „Wir haben eine gute Chance, das zu schaffen, was eigentlich in Deutschland unmöglich ist: Innerhalb von etwa zehn Monaten ein LNG-Terminal zu errichten und es an die deutsche Gasversorgung anzuschließen.“

In Zukunft fossilfrei

Spätestens bis 2045 will Deutschland sein Energiesystem auf regenerative Quellen umstellen. Dann ist Schluss mit fossilen Brennstoffen. In Brunsbüttel und in Stade sieht man das sogar als Chance. Denn die Anlagen können LNG fossiler Herkunft genauso regasifizieren wie Bio-LNG aus organischen Reststoffen und synthetisches LNG, das in Power-to-Gas-Anlagen mit Ökostrom gewonnen wird. "Ob aus Biomasse, per Elektrolyse oder fossil: Der Hauptbestandteil ist immer Methan", erklärt Toni Reinholz die Zusammensetzung des Energieträgers. Reinholz ist Experte für erneuerbare Energien bei der Deutschen Energie-Agentur (dena) und hält die deutschen Terminals für zwingend notwendig: "Wir werden in naher Zukunft weiterhin sehr viel Gas brauchen.“

Kurz- und mittelfristig würden noch methanbasierte Energieträger dominieren, prognostiziert der Experte. Langfristig sei damit zu rechnen, dass grüner Wasserstoff und dessen Derivate LNG verdrängen. Deshalb plant man die Anlagen in Brunsbüttel wie in Wilhelmshaven schon jetzt so, dass sie auch für den Import von grünem Wasserstoff und dessen Derivaten umgerüstet werden können.

Veröffentlicht auf KfW Stories am 1. Juli 2022