Grafik Energieeffizienzhaus
Energieeffizienz

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Energiewende 2.0

KfW-Effizienzhäuser 40 Plus können Strom ins Netz abgeben, aber auch aufnehmen. Dank digitaler Anbindung sind sie bereit fürs Schwarming – eines der wichtigsten Energiespar-Konzepte der Zukunft. Ein Besuch bei zwei Vorreitern der Entwicklung.

Ehepaar vor einem Energieeffizienhaus
Fortschrittsbürger

Rita Feinkohl und Ludger Sens haben im Dezember 2016 ihr KfW-Effizienzhaus nach dem KfW-Standard 40 Plus im niedersächsischen Bliedersdorf bezogen. Jetzt warten sie auf die Schwarm-Technologie.

Außen rötlich melierte Klinker, innen strahlend weißer Putz und offene Küche zum großzügigen Wohnzimmer, eine Terrasse mit Kaminofen. Wenn man die Augen zusammenkneift, meint man fast auf Sylt zu sein, denn ein dünenhoher Geländesprung rahmt das Grundstück ein. Ein Traumhaus. Dazu eines, das so energieeffizient ist, dass es sich selbst lüftet – ohne dass man Fenster und Türen öffnen muss. Das war neu für Rita Feinkohl, 52 Jahre, und ihren Mann Ludger Sens, 46 Jahre, aus dem niedersächsischen Bliedersdorf, die gemeinsam als Coach und Unternehmensberater selbständig sind.

Rita Feinkohl beschreibt eine typische Situation nach dem Einzug im Dezember: „Ich voraus, alle Fenster und die Terrassentür auf – mein Mann hinter mir her, macht alles wieder zu.“ Sie fühlte sich in ihrer Freiheit beschnitten, er wies auf die Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung hin, dank der die Luft ohnehin frisch war. Heute lachen die beiden über das Fenster- und Türen-Pingpong der ersten Wochen im neuen Heim.

Warum die Tür in der kalten Zeit zubleibt? Weil man sonst die Energieeffizienz des modernen Gebäudes quasi zum Fenster hinauswirft. Schließlich erfüllt das Viebrock-Systemhaus des Paares den höchsten Standard der KfW-Förderpalette: 40 Plus.

Was verbirgt sich hinter KfW 40 Plus?

KfW-Effizienzhaus 40 steht für ein Haus, das in einem Jahr nur 40 Prozent der Primärenergie eines vergleichbaren Referenzhauses benötigt, vor allem dank optimierter Dämmung, Wärme- und Stromgewinnung mit regenerativen Energien sowie energiesparender Lüftungsanlage. Beim neuen Standard KfW Effizienzhaus 40 Plus kommt hinzu, dass ein wesentlicher Teil des Energiebedarfs am Gebäude erzeugt wird und – ganz wichtig – im Haus für den späteren Verbrauch gespeichert werden kann.

Smartphone, von dem aus das Energieeffizienzhaus gesteuert werden kann
Schaltzentrale

Die aktuellen Werte des Hauses zur Energiegewinnung und zum Energieverbrauch können die Bewohner auf ihren Smartphones ablesen – zu Hause und von unterwegs.

Das sind die Plus-Komponenten im Einzelnen:

• eine stromerzeugende Anlage auf Basis erneuerbarer Energien auf dem Grundstück. Meist wird Photovoltaik genutzt oder eine Kraft-Wärme-Kopplungsanlage, selten Windkraft,

• eine stationäre Batterie als Stromspeicher,

• eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung,

• eine digitale Benutzeroberfläche, die Stromerzeugung und Stromverbrauch visualisiert.

Das Ziel ist, den im eigenem Haus erzeugten Strom selbst zu verbrauchen. Die Batterie ermöglicht es, den Strom zu nutzen, wenn er benötigt wird.

Seit April 2016 gibt es die KfW-Förderung Effizienzhaus 40 Plus als Kredit mit Tilgungszuschuss beim energieoptimierten Neubau eines Hauses. Das Produkt erfreut sich großer Beliebtheit. „Der Standard ist extrem gut angelaufen“, resümiert KfW-Expertin Petra Bühner. In der kurzen Zeit seit dem Programmstart sind mehr als 10.000 Wohneinheiten beantragt und auch zugesagt worden (Stand Ende April 2017): „Damit wird jedes dritte KfW-40-Haus im Plus-Standard gebaut.“

Schwarming

Viele dezentrale kleine Kraftwerke und Energiespeicher bilden den vernetzten Schwarm, der sich über seinen Energieverbrauch austauscht und diesen selbst zentral steuert. Ein Schwarm können die Parteien in einem Haus sein, die Bewohner eines Viertels oder teilnehmende Kunden unter der Leitung eines Stromversorgers. Dazu braucht es eine Schnittstelle, die Ertrag und Verbrauch ausbalanciert. Diese IT-Plattform plant auf Basis von Daten wie Wetterprognosen für Sonnen- und Windkraft, Netzprognosen und den Verbrauchsprofilen der Nutzer, um die Energieströme zu optimieren. Beispiel: Tausende Solarpaneele produzieren im Hochsommer Strom, der wird dezentral gespeichert, nachts hängen die Elektroautos an der lokalen Zapfsäule.

Es war Ludger Sens, gelernter Ingenieur, der die beste Energietechnik für sein Haus wollte. Seine Frau war einverstanden: „Aber was dahintersteckt, wurde mir erst klar, als wir dort wohnten.“ Sens liebt am „Plus“, dass er die Energiedaten sogar auf dem Handy verfolgen kann, die Stromproduktion der Photovoltaikanlage (PV) auf dem Dach, die Ladung der Batterie, die Wärmepumpe und den niedrigen Verbrauch.

„Das ist Energiesparen: erstens Dämmen, zweitens selbst saubere Energie produzieren, drittens den Überschuss speichern und bei Bedarf verwenden“, sagt Sens. Er zeigt auf eine steile Kurve auf dem Display: die Leistung der Morgensonne bei blitzblauem Himmel auf seinem Dach. Und von dieser Energie könnte das Paar in Zukunft sogar etwas ins Stromnetz geben.

Das ist der Fortschritt: Im KfW-Effizienzhaus 40 Plus steckt mehr als Technik nur für einen Haushalt. „Das Ziel der Zukunft heißt, die Gebäude und ihre Energiekomponenten so ins Stromnetz zu integrieren, dass sie netzdienlich sind“, erklärt Petra Bühner, Technische Sachverständige bei der KfW Bankengruppe.

Das Stichwort lautet Schwarming – die zentrale Bündelung und Steuerung der dezentralen Mini-Kraftwerke und lokalen Batteriespeicher. Ein großer Schwarm solcher Häuser würde nicht nur erlauben, mehr saubere Energie zu nutzen, sondern auch Senken wie Spitzen im Stromnetz intelligent auszugleichen. Um das zu erreichen, kann eine übergeordnete Steuerung die kleinen Kraftwerke wahlweise anzapfen oder einen Stromüberschuss im Netz in Energiespeicher und Geräte schieben.

„Das ist der nächste Schritt der Energiewende.“

Petra Bühner, technische Sachverständige bei der KfW

Die KfW fördert

Die KfW fördert den Neubau oder Ersterwerb eines KfW-Effizienzhauses 40 Plus mit dem Programm Energieeffizient Bauen (153).

Mehr erfahren

Systemhaus-Unternehmer Andreas Viebrock aus Harsefeld bei Stade ist ein Verfechter der effizienten Möglichkeiten: „Wir bieten seit 2007 nur noch Häuser an, die ohne fossile Brennstoffe Energie erzeugen, und seit 2016 nur noch solche mit dem Standard KfW-Effizienzhaus 40.“ Aktuell erstellt er sogar zwei von drei seiner Häuser mit dem Plus-Paket. Warum engagiert er sich dafür?

„Weil wir immer auch für kommende Generationen bauen“, antwortet Viebrock. Schon sein Vater baute in den fünfziger Jahren solide, doch die Energiepreise stiegen stärker als die Renten der Bewohner. „Darum treibt es mich an, für die Zukunft etwas wirklich Nachhaltiges zu schaffen. Wir können nicht sagen, wir hätten es nicht besser gewusst.“ Sein nächstes Ziel: Er plant in Harsefeld eine Pilotsiedlung mit 50 Häusern als Schwarm.

Portrait von Andreas Viebrock
Pionier

Andreas Viebrock ist ein Vordenker für Energiesparhäuser.

Plushäuser wie das Exemplar in Bliedersdorf sind bereit, energetisch gemeinsame Sache zu machen. KfW-Expertin Petra Bühner ist sicher: „Es ist jetzt die große Aufgabe, diese Möglichkeiten in einem System zu vereinen. Das ist der nächste Schritt der Energiewende.“ Die spannende Frage ist: Wie gelingt es in der Praxis, Wohneinheiten sinnvoll zum Schwarm zusammenzufassen? Das wird derzeit erprobt.

Stromanbieter mit frischen Ideen

In Hamburg etwa testet der Energieanbieter LichtBlick seit drei Jahren in zwei vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit geförderten Forschungsprojekten, wie man die Bewohner im Mehrfamilienhaus mit einer Steuerungsplattform, Schwarmdirigent genannt, unter ein energetisches Dach bringen kann, inklusive gemeinsam genutzter Elektroautos.

„Im Neubau ist es gelungen, mit bis zu 80 Prozent selbstproduziertem Strom und ohne fossile Brennstoffe auszukommen“, berichtet Projektleiter Markus Weichel. Er sieht die Zukunft in lokalen Lösungen für Häuser, Straßenzüge oder Viertel. „Schwarmenergie wird die Stromwirtschaft verändern“, meint Weichel. „Unternehmen wie wir bieten dann nicht nur Energie an, sondern auch Softwarelösungen zur Steuerung der dezentralen Anlagen.“

Ausfahrbare Dunstabzugshaube
Energieeffizient kochen

Die ausfahrbare Dunstabzugshaube neigt sich für eine optimale Erfassung aller aufsteigenden Kochdünste.

Auch andere Versorger schnüren die Angebotspakete – inklusive Hardware wie Photovoltaik und Stromspeicher für Endkunden plus zentraler Steuerung. Die EWE AG aus Oldenburg zum Beispiel, Stromversorger zwischen Ems, Weser und Elbe, entwickelt ein Angebot, das in diesem Jahr auf den Markt kommt: „Es soll eine echte Schwarm-Community entstehen, dezentral verortet, aber durch eine Steuerungseinheit vernetzt“, erklärt Produktmanager Dirk Achtermann.

Ein Schwarm braucht Regeln

Das klingt, als müsste man nur noch den Stecker in die Dose stecken, und schon schwimmt der Schwarm. Theoretisch geht das. Doch in der Praxis gibt es noch einige technische wie regulatorische Details zu optimieren. Auf der technischen Seite etwa: Wie viele Messpunkte sind optimal? Wie kommunizieren die Systeme? Mit welchen Regeln? Wie bindet man die Elektromobilität mit ein? Wie wird abgerechnet?

Zusätzlich sind noch Fragen zum Datenschutz offen, denn der Schwarmdirigent kennt viele Nutzungsdaten der Bewohner. Auch dass jeder Haushalt per Gesetz seinen Stromversorger frei wählen kann, erschwert es, einen Schwarm langfristig zu fassen. Schert etwa einer im vernetzten Mehrfamilienhaus aus, wird die Stromzurechnung für die restlichen Fische kompliziert. Zudem lohnt sich im Moment die Stromproduktion nur für den Eigengebrauch.

Quelle
Cover CHANCEN Erfolg in der digitalen Welt

Der Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2017 „Erfolg in der digitalen Welt".

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Wer Leistung abgibt, muss gemäß EEG, dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, Durchleitungsgebühren und Umlagekosten zahlen. Darum beschäftigen diese Themen auch die Politik. Erst im Februar hat der Bundesrat die Bundesregierung dazu aufgefordert, eine Strategie für Stromspeicher zu entwickeln.

Es ist der Anfang einer extrem spannenden Entwicklung. Das Paar im KfW-Effizienzhaus 40 Plus könnte Strom abgeben. Rita Feinkohl ist heute genauso überzeugt von der effizienten Technik wie ihr Mann: „Es ist ein wenig, wie ein neues Auto zu fahren. Ich war es eben über 40 Jahre lang gewohnt, am Morgen die Fenster aufzureißen.“ Ausgerechnet nach der ersten Nacht allein im Haus war sie offen für das neue Raumklima. „Ich ging am Morgen durch alle Zimmer und stellte fest: Überall war die Luft frisch und die Temperatur perfekt. Danach bat ich Ludger, mir alles noch einmal zu erklären.“ Und siehe da: Weniger Strom zu verbrauchen und selbst erzeugten Strom zu verwenden ist nun für beide ein Plus.

Veröffentlicht auf KfW Stories am: Dienstag, 6. Juni 2017