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Wirkungsweise

Wirkungsweise

Anschub aus Amerika

Am 5. Juni 1947 kündigte der US-Außenminister George C. Marshall in einer Rede an der Harvard-Universität ein finanzielles Hilfsprogramm für Europa an. Es sollte dem kriegszerstörten Kontinent wieder auf die Beine helfen. Deutschland profitiert noch heute von den Mitteln aus dem größten zivilen Aufbauprogramm der Geschichte: dem Marshallplan.

Porträt des US-Außenministers George C. Marshall
Preisgekrönt

US-Außenminister George C. Marshall erhielt für den nach ihm benannten Marshallplan 1953 den Friedensnobelpreis.

Der Krieg ist vorbei, doch die Not noch mehrere Jahre lang ständiger Begleiter der Deutschen. Die Bombenangriffe der Alliierten haben ein Viertel der Wohnungen zerstört oder schwer beschädigt. Ausgebombte, Kriegswaisen, Flüchtlinge, Vertriebene und Heimkehrer suchen nach Obdach. Die über Lebensmittelkarten zugeteilten Kalorien reichen nicht aus, Heizmaterial ist äußerst knapp. Ein jeder kämpft ums Überleben. Auch andere Nationen Europas haben unter immensen Kriegsfolgen zu leiden. Die Briten können kaum die Kosten für die Besetzung Deutschlands aufbringen.

In dieser Situation klingt der Plan des amerikanischen Außenministers George C. Marshall wie eine Verheißung. Er verkündet im Juni 1947 in einer Rede an der Harvard-Universität ein wirtschaftliches Aufbauprogramm für Europa: das European Recovery Program (ERP), später von allen nur Marshallplan genannt. Der Kontinent benötige angesichts der großen Not zusätzliche Hilfen, sonst werde er einen schweren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Zerfall erleben, warnt Marshall.

16 Länder beziehen Hilfsmittel

Lebensmittel, Rohstoffe und Sachgüter im Wert von fast 14 Milliarden Dollar sollen dabei helfen, den zerstörten Kontinent wieder aufzubauen. 1948 starten die Lieferungen. 16 Länder beziehen Hilfsmittel. Osteuropa nimmt nicht teil, denn der Kalte Krieg hat bereits begonnen. Großbritannien erhält 25 Prozent, Frankreich 20 Prozent, Westdeutschland zehn Prozent. Auch kleinere Länder wie Griechenland und Belgien sind in das Programm eingebunden.

Männer in Berlin bauen aus Trümmersteinen ein Haus, ein Schild weist auf die Förderung durch den Marshallplan hin
Wieder ein Dach über dem Kopf

Mithilfe des Marshallplans wurden neue Wohnhäuser und Fabriken errichtet.

Statt das Geld wie mit der Gießkanne zu verteilen, setzt der Marshallplan von Anfang an auf Hilfe zur Selbsthilfe. Die Staaten sollen eigenständig festlegen, wie sie sich den Wiederaufbau vorstellen. Die Lieferungen umfassen vor allem Nahrung, Treibstoff und Medikamente. Den Gegenwert dieser Importe zahlen die Länder in sogenannte Gegenwertfonds ein, mit deren Hilfe der Wiederaufbau von Infrastruktur und Wirtschaft finanziert wird. Der Wert der Lieferungen für Deutschland beträgt 1,4 Milliarden Dollar, was heute etwa neun Milliarden Euro entspricht. Als einziges Land muss Deutschland einen Teil der Mittel zurückzahlen: eine Milliarde Dollar.

Startkapital für die KfW

Die zweite Besonderheit: Deutschland nutzt den Gegenwertfonds ab 1949 zur Refinanzierung der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Am 18. November 1948 per Gesetz gegründet, sollte sich die Förderbank zunächst auf dem deutschen Kapitalmarkt oder aus dem Haushalt der amerikanisch-britischen Bizone refinanzieren. Erst als klar wird, dass das nicht funktioniert, bekommt sie Gegenwertmittel aus dem Marshallplan zugesprochen.

In den Anfangsjahren der KfW trifft eine Flut von Kreditanträgen ein, nicht alle können berücksichtigt werden. Der Schwerpunkt der Förderung liegt zunächst auf der Energieversorgung und dem Wohnungswesen. Etwa die Hälfte des Kreditvolumens vergibt die KfW an Unternehmen der Rohstoffindustrie, hauptsächlich für die Förderung von Kohle und Stahl.

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70 Jahre Marshallplan

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Die Phase des Wiederaufbaus dauert bis etwa 1954. Der Bundesrepublik gelingt es viel schneller als von jedermann erwartet, zu einem der führenden Industriestaaten der Welt aufzusteigen. Die Wirtschaft wächst jährlich um acht Prozent, es herrscht Vollbeschäftigung, ein hoher Dollarkurs begünstigt den deutschen Export.

1951 wird die Exportfinanzierung als neue Aufgabe der KfW festgeschrieben. Zwei Jahre später legt der Gesetzgeber fest, dass Tilgungen und Zinsen des Sondervermögens aus dem Marshallplan dauerhaft für die Förderung der deutschen Wirtschaft eingesetzt werden sollen. Innerhalb von wenigen Jahren wird die Bundesrepublik vom hungernden Hilfeempfänger zu einer Wirtschaftsmacht, die bald selbst Auslandshilfe gewährt.

Europäer sind zum Warenhandel gezwungen

Wirtschaftsminister Ludwig Erhard sah den Marshallplan damals kritisch. Er war überzeugt, nicht die Hilfe aus den USA, sondern die Währungsreform habe das deutsche Wirtschaftswunder beflügelt. Hermann Josef Abs, KfW-Vorstandsmitglied der ersten Stunde, sagte 1988 in einer Festrede zum 40. Jahrestag der Förderbank: „Für den Erfolg der Währungsreform war mitentscheidend, dass keine Versorgungsmängel auftreten, die in der Öffentlichkeit der neuen Währung angelastet werden konnten. Dieses Problem konnte durch Direktlieferungen im Rahmen des Marshallplans gelöst werden.“

Baustelle mit Schild, das auf die Finanzierung durch Marshallplan-Gelder hinweist
Energie und Häuser zuerst

Wiederaufgebaut dank Marshallplan: das Gemeinschaftswerk Hattingen, ein Kohlekraftwerk, im Jahr 1951.

Heute sehen Experten die Stärken des Marshallplans eher in seinen indirekten Effekten. „Die direkte ökonomische Wirkung war gering“, sagt der Wirtschaftshistoriker Dr. Harald Wixforth. „Das Programm hat jedoch maßgeblich dazu beigetragen, die Bundesrepublik wirtschaftlich in Westeuropa zu integrieren.“

Die Amerikaner hätten die Europäer zum Warenhandel gezwungen. Nur so habe schon 1951 die Montanunion entstehen können, sagt der Historiker. „Den USA war dies nur recht, denn dadurch geriet die Bundesrepublik nicht in den sowjetischen Einflussbereich.“ Ebenfalls nicht zu unterschätzen sei der psychologische Effekt des Marshallplans, sagt Wixforth. Noch bevor die ersten Mittel flossen, machten die USA das Hilfsprogramm in einem beispiellosen Werbefeldzug in ganz Europa bekannt.

So wurde aus dem Feind ein Verbündeter und der Marshallplan zum Silberstreif am Horizont. Hermann Josef Abs sagte zum 40. Jahrestag der KfW, die Amerikaner hätten durch ihr Vertrauen den Deutschen Mut gemacht, den Aufbau ihres Landes selbst in die Hand zu nehmen.

Quelle
Cover Chancen Aufbruch

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2013 „Aufbruch”. Im Juni 2017 wurde er aktualisiert.

Zur Ausgabe

Noch heute profitiert die deutsche Wirtschaft von den Geldern des Marshallplans. Die KfW fördert auch 70 Jahre nach Programmstart die gewerbliche Wirtschaft mit Mitteln aus dem ERP-Sondervermögen. Auch dabei geht es um Hilfe zur Selbsthilfe. „Bei der Verwendung des ERP-Kapitals hat die Förderung des Mittelstands Priorität“, sagt Dr. Katrin Leonhardt, Direktorin der KfW.

Die KfW gewährt mittelständischen Unternehmen, Existenzgründern und innovativen Firmen zinsgünstige Darlehen und Haftungsfreistellungen. „Der Marshallplan hat einen sehr wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Mittelstands in Deutschland geleistet“, ist Dr. Leonhardt überzeugt. Beim Aufbau Ost haben die Gelder aus dem ERP-Sondervermögen ebenfalls eine entscheidende Rolle gespielt.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 16. Juni 2017