Rakete im All im Flug über der Erdkugel
Klimaschutz

Klimaschutz

Nach den Sternen greifen

Der Münchener Raketenbauer Isar Aerospace transportiert voraussichtlich ab 2022 Satelliten in die Erdumlaufbahn. Aus dem All lassen sich Umwelt und Klima kontrollieren. Aber auch für die Autoindustrie ist die Technik wegweisend. Die Investment-Holding hinter Volkswagen, Porsche SE, hat bei Isar Aerospace schon investiert.

Drei Männer stehen mit verschränkten Armen vor einer großen Maschine.
Aufbruchstimmung

Die drei Gründer sind immer noch dabei – CEO Daniel Metzler (Mitte), COO Josef Fleischmann (re.) und Head of Combustion Markus Brandl (li.).

Als E-Auto-Pionier Elon Musk 2002 verkündete, dass er mit SpaceX nun auch Raketen baut, dachten viele zuerst an den Spleen eines Millionärs, der sich seinen Jugendtraum verwirklicht. Doch mittlerweile hat SpaceX nicht nur zahlreiche Rekorde aufgestellt, sondern die ganze Branche aufgemischt.

In diesem Markt ist nun auch ein deutsches Start-up ganz vorne mit dabei: der Münchener Raketenbauer Isar Aerospace. Die drei Gründer Daniel Metzler (heute CEO), Josef Fleischmann (COO) und Markus Brandl (Head of Combustion) lernten sich während ihres Studiums an der TU München kennen. Gemeinsam forschten sie in der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für Raketentechnik und Raumfahrt (WARR) an kleineren Raketen und führten auch Starts durch. Damals kamen Unternehmen auf sie zu, die Raketenantriebe kaufen wollten. Die drei fragten sich: Warum will die Industrie Raketentriebwerke von Studenten kaufen, können die das nicht selbst? Und wenn es einen Bedarf für Raketentriebwerke gibt, gibt es dann auch einen für eine ganze Trägerrakete? „Wir erkannten, dass es eine hohe Nachfrage seitens der Industrie für kosteneffizientere und flexiblere Raketenstartlösungen gibt“, sagt CEO Daniel Metzler. Damit war die Idee für Isar Aerospace geboren.

Heute arbeiten bei dem 2018 gegründeten Unternehmen mit Sitz in Ottobrunn bei München mehr als 200 Mitarbeiter aus über 40 Nationen, 2022 steht der erste Testflug der „Spectrum“-Trägerrakete an, von Andøya in Norwegen aus. Airbus Defence and Space gehört zu den Kunden. Das Unternehmen wurde aus dem Stand zu einem der wichtigsten Player im Markt der Trägerraketen und hat bereits 180 Millionen US-Dollar eingesammelt, zuletzt hat sich sogar die Investment-Holding Porsche SE beteiligt. „Nicht nur Versicherer, Kommunikationsanbieter oder Automobilhersteller werden auf Satelliten angewiesen sein“, sagt Metzler, „sondern nahezu jedes Unternehmen und jede Organisation.“

Revolution im Weltall

Zwei Männer stehen vor einer großen Maschine im Produktionsraum
International

Mehr als 200 Mitarbeiter aus über 40 Nationen arbeiten bei Isar Aerospace gemeinsam an der Produktion von innovativen Trägerraketen.

Isar Aerospace will die weltweit steigende Nachfrage nach flexiblem und kostengünstigem Zugang zum Weltraum bedienen. „Ohne Raumfahrt hätten wir keine Services wie GPS oder Google Maps“, sagt Metzler. „Die Ortung von Schiffen und Flugzeugen wäre genauso unmöglich wie autonomes Fahren. Zudem können wir über Satelliten dafür sorgen, dass Highspeed-Internet überall auf der Welt verfügbar ist.“ Die Raumfahrttechnologie wird so zum Taktgeber für neue Geschäftsmodelle sowie zur Plattform für Innovationen und zukünftige Technologien.

So entwickelt sich gerade eine ganze Branche. „Aktuelle Einschätzungen sagen, dass der globale Markt für Space Launch Services bis zum Jahr 2027 voraussichtlich auf über 30 Milliarden Euro ansteigen wird“, sagt Metzler. Die Analysten von Allied Market Research taxieren davon den Markt für kleine und flexible Raketenhersteller bis 2027 auf 8,1 Milliarden Euro. Heute sind jedoch weltweit lediglich zwei solcher kleinen, kommerziellen Raketen operationell.

Bis zum Jahr 2028, schätzen Experten, werden knapp 10.000 Satelliten im Orbit unterwegs sein – die meisten davon Kleinsatelliten unter 250 Kilogramm. Das ist genau der Markt von Isar Aerospace. Die Satelliten, die das Start-up mit der 28 Meter langen Trägerrakete „Spectrum“ ins All transportiert, umrunden die Erde zum Beispiel im Low Earth Orbit (LEO), nur 500 Kilometer hoch. Zum Vergleich: Klassische GPS-Systeme arbeiten mit Satelliten, die circa 20.000 Kilometer hoch fliegen. Die Satelliten sind strategisch wichtig für die gesamte Automobilindustrie, auch wenn es um die Datenübermittlung zu Car Entertainment-Systemen oder die Verknüpfung von Fabriken geht. Aber nicht nur Automobilhersteller werden künftig auf Satelliten angewiesen sein – sondern nahezu jedes Unternehmen und jede Organisation, die mit Daten oder komplexen Kommunikationstechnologien arbeitet, ob privat oder staatlich.

Rakete kurz vor dem Start.
Hohe Nachfrage

Die 28 Meter lange Trägerrakete "Spectrum“ transportiert Satelliten und Nutz lasten von bis zu 1.000 Kilogramm in die Erdumlaufbahn.

Waldbrände und Überschwemmungen

Die Satellitenbilder können auch zur Umweltbeobachtung genutzt werden, beispielsweise zum Monitoring der Erderwärmung. „Mithilfe von Satellitensystemen ist es möglich, Veränderungen von Erdoberflächen, Meeren und der Atmosphäre zu beobachten, die Veränderungen zu messen und entsprechende Schutzmaßnahmen zu entwickeln“, sagt CEO Daniel Metzler. Der Ursprung von Waldbränden lässt sich schnell lokalisieren, bei Überschwemmungen lassen sich in Echtzeit Daten über das Ausmaß der Überschwemmungen ermitteln.

Erst im September 2021 hat Isar Aerospace den Abschluss einer LaunchService-Vereinbarung mit dem New-Space Start-up OroraTech bekannt gegeben. „Die Nanosatelliten zielen auf die Bekämpfung der weltweiten Waldbrand- und Klimakrise durch satellitengestützte Dienste für die Erkennung und Überwachung von Waldbränden“, sagt Metzler.

Investoren und Unterstützer

Mitarbeiter hantieren an einem großen runden Bauteil einer Rakete.
Raketenfertigung

In der Produktionshalle in Ottobrunn bei München werden die Bauteile der Trägerrakete "Spectrum" gefertigt.

Bei der letzten Finanzierungsrunde hat Isar Aerospace 64 Millionen Euro eingesammelt, insgesamt hat das Start-up bereits über 150 Millionen Euro eingeworben. Damit ist Isar Aerospace nach eigener Auskunft das am schnellsten wachsende und am besten finanzierte Space-Start-up in Europa. Experten schätzen den Wert des Unternehmens auf 400 bis 600 Millionen Euro. Für Aufsehen sorgte der Einstieg des Volkswagen-Hauptanteilseigners Porsche SE in der letzten Finanzierungsrunde. Spätestens damit hat Isar Aerospace zwei deutsche Mitbewerber auf die Plätze verwiesen: Rocket Factory Augsburg und HyImpulse Technologies aus Baden-Württemberg.

Investoren und Unterstützer

KfW Capital

KfW Capital investiert in deutsche und europäische Venture Capital-Fonds, die sich an Unternehmen in der Wachstumsphase in Deutschland beteiligen und so deren Kapitalbasis stärken.

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Die KfW-Beteiligungstochter KfW Capital ist über die beiden Venture-Capital-Fonds HV Capital und UVC beteiligt. „UVC hat Isar Aerospace bereits in einer sehr frühen Phase als Seed Investor unterstützt und in einer Zeit an das Team und die Vision geglaubt, in der es noch nicht viel vorzuweisen gab“, sagt CEO Metzler. „HV Capital ist Ende 2020 mit der Series B als neuer Investor hinzugekommen und hat in der Series B Extension seine Beteiligung nochmals deutlich erhöht.“ Jörg Goschin, Geschäftsführer von KfW Capital, ergänzt: „Wir freuen uns, über die Zusammenarbeit mit UVC Partners und HV Capital zur Finanzierung von Isar Aerospace als einem innovativen deutschen Space-Tech-Unternehmen beizutragen. Isar Aerospace ist auch ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Venture Capital die Umsetzung technologisch ambitionierter Start-ups in Deutschland ermöglicht.“

Den Investoren gefällt vor allem, dass Isar Aerospace kostengünstig produziert. Dazu trägt vor allem die weitgehend automatisierte Fertigung bei. Viele Teile des Antriebs kommen aus 3D-Druckern, die Fräsmaschinen werden teils von Robotern bedient. Die Eigenfertigung liegt bei 90 Prozent, das ist unüblich in der Branche. „In Europa sind wir die Einzigen, die die gesamte Wertschöpfung in-house haben“, sagt CEO Metzler, „von Design-Software und Design-Know-how über Produktion bis hin zu Testanlagen.“ Ein Start kostet die Kunden aktuell etwa 10.000 Euro pro Kilogramm Nutzlast – sonst kosten Starts etwa viermal so viel bei kleinen Trägerraketenherstellern.

Autonomes Europa

Isar Aerospace

Faktencheck

Firmensitz: Ottobrunn, München

Gründungsjahr: 2018

Gründer: Daniel Metzler, Josef Fleischmann, Markus Brandl

Führungsteam: Daniel Metzler, CEO; Josef Fleischmann, COO; Stella Guillen, CCO

Anzahl der Mitarbeiter: 200

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Isar Aerospace war zur rechten Zeit am rechten Ort. Europa ist im Zugzwang. Deutsche Satellitenhersteller könnten zwar bei US-Raketenherstellern mitfliegen. Doch das würde bedeuten, sich wieder in die Abhängigkeit von den Amerikanern zu begeben. Und weder die Unternehmen noch die Politik wollen die Fehler wiederholen, die sie bei der Errichtung des Internets gemacht haben. Die Europäer wollen das Feld nicht den US-Amerikanern überlassen, wieder abhängig und ohne Alternative sein.

Das betrifft insbesondere den Datenverkehr. Die EU-Kommission plant ein eigenes, abhörsicheres Datenkommunikationsnetz im All. Über die Satelliten laufen auch mobile Internetverbindungen – diese Informationen sollen nicht mehr den US-Geheimdiensten überlassen werden. Dem entsprechenden Konsortium UNIO gehört auch Isar Aerospace an. „Wir glauben an ein technologisch souveränes Europa, in dem die gesamten Wertschöpfungskette innerhalb Europas entsteht“, sagt Metzler.

Bei dem ersten Testflug 2022 aus Norwegen muss die Trägerrakete beim Start auf 28.000 Kilometer pro Stunde beschleunigen. Das eingeworbene Geld reicht für die ersten Testflüge des Unternehmens. Fehlstarts sind fest einkalkuliert in der Branche. Auch die SpaceX-Rakete Falcon 1 von Elon Musk ist damals erst beim vierten Versuch im Juni 2008 erfolgreich gestartet.

Veröffentlicht auf KfW Stories am: 10. Dezember 2021

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.