Zerstörte Brücke Irak
Menschen

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„Schlonak Habibi“

Drei Mitarbeiter der KfW reisen nach Bagdad, um Details für Investitionspakete zum Wiederaufbau zerstörter öffentlicher Infrastruktur zu klären. Kein einfacher Einsatz. Denn es fehlen effiziente Strukturen, notwendige Entscheidungen werden oft monatelang verzögert, der internationale Zahlungsverkehr ist weitgehend blockiert. Doch das größte Problem ist die verschärfte Sicherheitslage.

Der Autor
Fünf Männer vor dem Denkmal der gekreuzten Schwerter, Irak.

Moritz Remé ist Arabist und Politikwissenschaftler und seit 2007 für die KfW tätig. Als Berater war er in den ersten Jahren unter anderem für ein Wiederaufbauprogramm im Libanon zuständig und ist – nach Stationen als Projektmanager in Südasien – im März wieder zu seinen Wurzeln in die Nahostregion zurückgekehrt. Er betreut den Finanzkredit Irak, der im Auftrag des Auswärtigen Amtes für die Finanzierung von Wiederaufbaumaßnahmen im Irak genutzt wird. Regelmäßig bereist er die Nahostregion, den Irak durchschnittlich alle zwei Monate.

Mit den ersten Sonnenstrahlen fliegen wir in einem leichten Bogen Bagdad an. Hinter uns liegt ein langer Nachtflug mit Zwischenstopp in Istanbul, geschlafen haben wir kaum. Aus der Vogelperspektive mäandert der Tigris wie ein silbernes Band durch die flachen Siedlungen der Stadt. Die Häuser liegen wie unter einem staubig-grauen Schleier.

Unsere Personenschützer warten auf dem Vorplatz des Flughafens auf uns, sie legen uns die schusssicheren Westen an und geben uns ein kurzes Briefing: Türen nicht eigenmächtig öffnen, bei Schusswechsel tief in den Fonds des gepanzerten Fahrzeugs ducken. Wir sind aus Frankfurt angereist und werden von nun an begleitet von einem Teamleiter der Sicherheitsfirma und fünf irakischen Personenschützern. Wir verteilen uns auf drei gepanzerte Fahrzeuge. Die Wagenkolonne verlässt den sondergeschützten Bereich des Bagdad International Airports. Außerhalb werden die Waffen aufgenommen. „Klack, klack“ rasten die Magazine ein.

Auf direktem Weg geht es über die berühmt-berüchtigte Route Irish – bis vor einigen Jahren die angeblich gefährlichste Straße der Welt – Richtung Internationale Zone (IZ), auch Green Zone genannt. Um hinein zu gelangen, werden spezielle Ausweise benötigt. Fünf Checkpoints gilt es zu passieren: besetzt von der größten Miliz, der irakischen Polizei, dem Militär, und dem Geheimdienst. Zuletzt werden wir von einer vermutlich amerikanischen Einheit mit Sprengstoffhunden überprüft.

„Schlonak Habibi?“ – „Was geht, mein Lieber?“, fragt der irakische Fahrer, wenn einer der Soldaten oder Polizisten seinen Kopf kurz in unser Fahrzeug steckt, bevor wir mit einer gelangweilten Handbewegung und einem unverständlichen Murmeln zum Passieren aufgefordert werden. In der IZ liegen die wichtigsten Regierungsgebäude und Botschaften. Die amerikanische Botschaft sieht aus wie ein Hochsicherheitstrakt. Sie ist die die größte Botschaft der Welt. Unweit dahinter liegt unser Camp.

„Schlonak Habibi?“ – „Was geht, mein Lieber?“

Irakischer Fahrer der KfW-Delegation

Fünf Männer vor dem Denkmal der gekreuzten Schwerter, Irak.
Immer geschützt

Moritz Remé (2. v. r.) vor dem Denkmal der gekreuzten Schwerter, das an den Krieg zwischen Iran und Irak erinnert. Neben ihm steht der Berater Georg Fiebig. Drei irakische Sicherheitskräfte weichen ihnen nicht von der Seite.

Wir sind zu dritt: Dr. Stefan Gramel als Technischer Sachverständiger und Isabel Kleitsch und ich als Projektmanager der KfW. Unser Auftrag: mit den irakischen Partnern Details für weitere Investitionspakete zur Wiederherstellung öffentlicher Infrastruktur in den zerstörten Gebieten im Norden zu klären. Begleitet werden wir von unserem irakischen Kollegen Herrn Afif, der vor seiner Rente für die OECD gearbeitet hat. Liaison Officer heißt er offiziell. Unser „Fixer“, wie die Sicherheitsleute sagen – ein gewöhnungsbedürftiger Name für einen erfahrenen Berater.

Herr Afif spricht sehr gut Englisch, hat einen direkten Zugang zu vielen hochrangigen Verwaltungsstellen und kennt die Niederungen der irakischen Verwaltung wie seine Westentasche. Dienstreisen wie unsere nach Bagdad erfordern einen hohen Grad an Vorbereitung und Abstimmung. Es können nur Institutionen angefahren werden, die streng bewacht werden; Autos und Begleiter müssen lange im Voraus angemeldet werden. Ohne Herrn Afif wären wir aufgeschmissen.

Das Engagement der KfW im Irak ist im Aufbau. Viel Kommunikation, Erklärung und Nachfassen ist erforderlich. Noch kennt man sich kaum und Vertrauen braucht Zeit – vor allem in der arabischen Welt. Die irakische Erfahrung mit internationalen Finanzierungsinstitutionen ist kaum älter als zehn Jahre. Neben der Weltbank sind vor allem die Japaner und die UN langjährige Partner der irakischen Regierung. Man ist unter sich – noch. Für den Wiederaufbau der im Kampf gegen den IS zerstörten Gebiete benötigt die irakische Regierung nach eigenen Angaben bis zu 100 Milliarden US-Dollar. Dafür sucht sie händeringend Investoren – Entwicklungsfinanzierer wie private Kapitalgeber.

Wir fördern

Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank fördert weltweit zahlreiche Projekte in Nordafrika und Nahost.

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Ziel des Finanzkredits, den die KfW im Auftrag der Bundesregierung der irakischen Regierung zur Verfügung stellt, ist der Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur: Brücken, Straßen, Umspannwerke, Stromnetze sowie die Rehabilitierung der Wasserver- und Abwasserentsorgung. Damit soll den Binnenvertriebenen die Rückkehr in ihre Heimatorte erleichtert werden. Von den zwischenzeitlich mehr als drei Millionen Menschen auf der Flucht ist die Hälfte noch nicht wieder zurückgekehrt. Der Westteil der Stadt Mosul in der Provinz Niniveh ist besonders schwer betroffen; die Hälfte der Häuser liegt in Schutt und Asche. Aber auch in den anderen drei Provinzen im Norden, Al-Anbar, Salah Ad-Din und Diyala, ist die Zerstörung immens.

Zerstörtes Dach einer Pumpstation
Gezielter Wiederaufbau

Eine Bombe hat ein Loch in das Dach dieser Trinkwasseraufbereitungsanlage in Qayara, südlich von Mosul, gerissen.

Nicht alle Schäden sind direkt auf Bomben oder Kämpfe zurückzuführen. Während der fast vierjährigen Herrschaft des IS, der 2014 kurz davorstand, Bagdad einzunehmen, wurden viele staatliche Anlagen nicht richtig betrieben oder gewartet. Der Wiederaufbau wird Jahre dauern. Ein Wettlauf gegen die Zeit, um neue Konflikte zu vermeiden.

Dabei zeigt sich schon jetzt, dass die Umsetzung der Projekte eine ernst zu nehmende Herausforderung ist. Die Ministerien verfügen zwar über einen enormen Personalkörper, allerdings fehlen effiziente Strukturen. Einfache Entscheidungen werden monatelang verzögert. Hinzu kommt, dass die Verständigung auf Englisch keine Selbstverständlichkeit ist. Auch der internationale Zahlungsverkehr ist weitgehend blockiert, da die meisten irakischen Banken auf Sanktionslisten stehen. Neben der weitreichenden Korruption ist das größte Problem aber die verschärfte Sicherheitslage, die es uns nicht erlaubt, die betroffenen Projektgebiete zu besichtigen.

Zerstörtes Gebäude im Irak
Erschwerter Zugang

Wegen der unsicheren Lage können die KfW-Mitarbeiter die betroffenen Projektgebiete nicht besichtigen. Stattdessen stellen lokale Ingenieure Fotos auf eine Web-Plattform, um den Wiederaufbau zu dokumentieren.

Für die Umsetzung des Finanzkredits sind dies erschwerte Bedingungen, die es zu meistern gilt. Helfen soll unter anderem eine breite Unterstützung internationaler Berater vor Ort und ein sogenanntes Remote Monitoring, bei dem lokale Ingenieure der Betriebe geo-referenzierte Fotos zur Dokumentation des Baufortschritts auf eine webbasierte Plattform hochladen. Internationale Bauunternehmen und Consultants, die mit lokalen Firmen zusammenarbeiten, werden direkt über die KfW bezahlt.

Im November unterzeichneten die KfW und das irakische Finanzministerium das erste Darlehen über 45 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Stromversorgung in weiten Teilen West-Mosuls und den umliegenden Gemeinden. Die ersten Lieferungen werden im Mai erwartet. Weitere Darlehen und Ausschreibungen für den Bau von Brücken, Straßen und Wassernetzen sind in Vorbereitung.

Heute sind wir im Finanzministerium, um die Legal Opinion fertigzustellen: ein Rechtsgutachten, das bestätigen soll, dass der Vertrag rechtsgültig ist. Das Dokument liegt Wochen nach Versand durch uns im Änderungsmodus auf einem der vielen geduldigen Stapel auf dem Tisch von Dr. Salah, dem Generaldirektor für Öffentliche Verschuldung. Alle internationalen Kredit- und Finanzierungsverträge laufen über seinen Schreibtisch. Wir gehen den Text gemeinsam durch, Wort für Wort, und erinnern uns an die mehrstündigen Sitzungen zur Abstimmung des ersten Darlehensvertrags. So viel Zeit muss sein. „Mr. Mohannad“, wie Dr. Salah seinen Sohn nennt, „wird die Legal Opinion morgen oder übermorgen an die Rechtsabteilung schicken – inshallah!“

Eine durch Mauern geschützte Straße in Bagdad
Verschärfte Sicherheitslage

Schutzmauern und Checkpoints säumen die Straßen im Zentrum Bagdads, die wichtige Gebäude verbinden. Diese führt zum Ministerium für Bauen und Wohnen.

Als wir das Finanzministerium gegen fünf Uhr nachmittags verlassen, ist das Gebäude leer – alle Mitarbeiter haben Feierabend. Unser Konvoi macht sich wieder auf den Weg durch die Stadt der T-Walls, Stacheldrähte und Checkpoints zurück auf die andere Seite des Tigris. Der Fluss macht einen verwaisten Eindruck. Nur einzelne verrostete Dampfer und Stege zeugen von den goldenen 80ern, als die Bagdader Bevölkerung hier in den Ufercafés die Kühle der Nacht genoss. In den Sommermonaten klettert das Thermometer zeitweise über 50 Grad Celsius. Zurzeit ist es angenehm kühl. „Bagdad – staubig“, wie das iPhone sagt.

Nach einem letzten Termin geht es zurück in unser Camp in der IZ. Es herrscht reger Betrieb. Neben Mitarbeitern der internationalen Organisationen sind jetzt auch häufiger Vertreter ausländischer Firmen anzutreffen, vor allem aus der Ölindustrie. Im Camp gibt es englisches Frühstück und Stew oder Shepherd’s Pie zum Abendbrot. Ein deftiges Buffet, das vor allem dem Kalorienbedarf der muskelbeladenen Personenschützer angepasst scheint. Abends trifft sich die kleine Gemeinde an der Hausbar, die darauf hinweist, dass ab sofort nicht mehr angeschrieben wird: „Sorry for the inconvenience“. Ob hier jemand abgehauen ist, ohne die Zeche zu zahlen?

Wasserrohre am Tigris
Verheerende Schäden

Die Rohre führen vom Tigirs zu Aufbereitungsanlagen. Weil die nicht funktionieren, wird zurzeit das unbehandelte Flusswasser in die Versorgungsnetze der Dörfer Tolol Nasser, Shewerat und Al Manasees eingespeist.

Die Personenschützer sind ehemalige Soldaten, zumeist der britischen Armee. Die älteren unter ihnen kennen den Irak seit 2003. Bisher hatte die Sicherheitsfirma nach eigenen Angaben keine kritischen Vorfälle. Nur einmal, im Jahr 2014, wurde das Camp evakuiert. Nur eine Handvoll Personen blieb mit dem Auftrag, die Wertgegenstände im Camp mit allen Mitteln zu verteidigen. Dazu ist es Gott sei Dank nicht gekommen. Aus ungeklärten Gründen machte der IS damals vor den Türen Bagdads kehrt, um seine Schreckensherrschaft im Norden des Landes weiter auszubauen.

Nur ab und zu gibt es einen Alarm, wenn das Abwehrsystem der IZ das Heranfliegen von raketengesteuerten Granaten meldet. Dann bleiben zwei bis drei Sekunden, um in den doppelt verdachten Gebäuden Unterschlupf zu suchen. Der letzte Alarm ist allerdings fast über ein Jahr her.

Für Mai sind im Irak Wahlen angesetzt. Den politischen Gegnern des jetzigen Premierministers Abadi wird nachgesagt, dass sie die Sicherheitsprobleme für ihre Zwecke nutzen, um Schwächen der Regierung aufzuzeigen. Die Statistik sagt, dass sich in Bagdad die meisten Vorfälle des ganzen Landes ereignen – die Bagdader sagen, dass es lange nicht mehr so ruhig war. Wir hoffen, dass sich dieser Trend fortsetzt. Trotzdem: Nach zwei Tagen und zwei Nächten sind wir froh, als uns die Sicherheitsleute am Flughafen die Westen abnehmen. Auf dem Rückweg fliegen wir über Kirkuk und Erbil. Weit hinten am Horizont ist Mosul zu sehen.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Donnerstag, 26. April 2018