Das Team von Comatch
Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Arbeiten auf Europäisch

Mitten in Berlin wächst ein deutsches Start-up mit bunter Identität. Das Geschäft des Consultant-Vermittlers Comatch profitiert von der vielfältigen Herkunft seiner Mitarbeiter.

Team von Comatch
Europa in der DNA

Die Comatch-Mitarbeiter Katharina Schneider, Yiotis Kaltsikis, Raquel Camacho und Toby Nielsen arbeiten gerne in dem multikulturellen Unternehmen.

Multikulturelles Arbeiten bei Comatch

Besonders europäisch ist hier auf den ersten Blick nichts. Franzosen kümmern sich um die französischen Klienten, ein Däne betreut den nordischen Markt, und Deutsche sind Ansprechpartner für deutsche Kunden. Man könnte dieses erfolgreiche Start-up deshalb für ein im Grunde ganz traditionelles Unternehmen halten, das seine Geschäfte in Berlin-Moabit nach der uralten Verkäuferregel organisiert hat: „All business is local“.

Bemerkenswert ist dafür etwas anderes: Die inzwischen 125 fest angestellten Mitarbeiter von Comatch kommen aus 28 verschiedenen Ländern. Jeder von ihnen spricht mehrere Sprachen, Englisch als Geschäfts- und Umgangssprache sowieso. Viele haben in einem anderen als dem Heimatland studiert oder eine Weile im Ausland gearbeitet. „Europa, das sind wir. Wir leben es ganz einfach. Und dazu gehören auch die, die nicht mal aus Europa zu uns gekommen sind“, sagt Christoph Hardt, 38 Jahre alt und einer der beiden Gründer der Firma.

Co-Gründer und Geschäftsführer Christoph Hardt
Christoph Hardt ...

... ist Co-Gründer und Geschäftsführer von Comatch.

Hardt hat einst in Bayreuth und Nizza Betriebswirtschaft studiert und kam mit seinem Kollegen Jan Schächtele vor fünf Jahren, als die beiden für McKinsey an einem Projekt in den Niederlanden arbeiteten, in einem abgelegenen Hotel auf die Idee zu Comatch: Warum in der engen und kostspieligen Struktur einer großen Consulting-Firma arbeiten, wenn überall Firmen Beratung suchen, die nicht so teuer ist? Und wenn es Berater gibt, die lieber für sich entscheiden würden, wann, wo und wie viel sie arbeiten, statt in das Hamsterrad eines großen Unternehmens eingespannt zu sein? Das war eine Idee von zwei Deutschen, aber offensichtlich keine Idee, die besonders deutsch war.

Inzwischen haben die beiden Gründer und ihre Mitarbeiter nämlich einen Pool von mehr als 7.000 Beratern aufgebaut, die sie an Firmen in ganz Europa vermitteln. Etwa die Hälfte von denen besitzt Erfahrungen im klassischen Consulting, die andere Hälfte sind Industrieexperten mit mindestens zehn Jahren Erfahrung in Prozessoptimierung, im Aufbau von Lieferketten, beim Schritt in den Internetverkauf per App oder bei der gezielteren Suche nach geeigneten Mitarbeitern. Per Algorithmus finden die Berliner drei bis vier geeignete Kandidaten für eine Firma, die Beratung wünscht, und schlagen sie denen vor. Es ist die Entscheidung des Klienten, ob das Angebot wirklich passt, ob es „matched“, so der anglisierte Consulting-Sprech.

Comatch-Mitarbeiterin Katharina Schneider
Katharina Schneider ...

... arbeitet als Director Consultant Relations.

Firmensitz in Berlin ist Basis für internationale Geschäfte

Herzstück des Unternehmens, das in Deutschland bereits zwei von drei DAX-Unternehmen zu seinen Kunden zählt, sind die Leute vor Ort in Berlin, die sich um den Aufbau eines Netzwerks von Klienten wie Beratern kümmern. Die Ältesten sind hier um die 40, die meisten tragen T-Shirt, Sweatshirt oder Hoodie statt Hemd, womöglich eine Cargo- statt einer Stoffhose, und mit ihren Bärten könnte man den einen oder anderen für einen typischen Vertreter der Hipsterszene in der Hauptstadt halten. Schon darum entsprechen die Mitarbeiter von Comatch mit ihren Laptops auf den Knien oder an den Bänken neben einer Tischtennisplatte weniger dem Klischee einer Firma, die Unternehmensberatung anbietet, als einem Silicon-Valley-Start-up.

Katharina Schneider kommt aus der Schweiz. Sie betreut mit ihrem Team die freien Berater. Sie führt die Interviews, wenn diese sich bewerben, und überprüft noch einmal die Kandidaten, die der Computer vorschlägt, bevor sie deren Daten an einen Klienten weiterreicht. Sie hat in Lausanne und St. Gallen International Management studiert und zwei Jahre bei Deloitte in Zürich gearbeitet, bevor sie zu Comatch kam.

Comatch-Mitarbeiter Robert Langenbach
Robert Langenbach ...

... ist als Director International für Comatch tätig.

„Wir sind in den vergangenen zwei Jahren so gewachsen, dass auch die Herausforderungen größer oder zumindest anders geworden sind“, sagt die 30-Jährige. „Längst können wir nicht mehr alle zusammen mittags Pizza essen gehen und uns mit jedem über alles austauschen. Bei aller Transparenz ist es nötig, in kleineren Einheiten zu arbeiten. Und je internationaler wir geworden sind, umso sensibler müssen wir miteinander umgehen. Deutsche Direktheit ist für manchen schwer zu ertragen. Andererseits schätzt nicht jeder blumige Ausdrucksweise statt Klartext. Aber indem wir uns dessen bewusst werden, verbessert sich die Qualität unserer Arbeit auch mit den Klienten und Beratern. Ich sehe das als Chance.“

Das Europa der kleinen feinen Unterschiede spielt bei der Arbeit eine entscheidende Rolle. „Um in Frankreich erfolgreich zu sein, musst du nicht nur die Sprache sehr gut beherrschen, sondern auch die Kultur des Landes kennen. Du musst zum Beispiel wissen, wann es richtig ist, ,Sie‘ zu sagen, wann ,Du‘“, sagt Robert Langenbach. Der 33-jährige Vater von drei Kindern hat ursprünglich Grafikdesign studiert und sieben Jahre im International Business Development für Axel Springer gearbeitet, bevor er 2016 begann, den französischen Markt für Comatch zu erschließen. So erfolgreich, dass Frankreich heute neben Deutschland der wichtigste Markt für das Start-up-Unternehmen ist.

„Wir dürfen uns Europa nicht als eine große Einheit vorstellen.“

Clément Eymard, Senior Manager Business Development France

Comatch-Mitarbeiter Clément Eymard
Clément Eymard ...

... ist gebürtiger Franzose und arbeitet als Senior Manager Business Development France.

Internationalisierung von Comatch ist das Ziel

Inzwischen ist Langenbach für das internationale Geschäft in Südeuropa und außerhalb des Kontinents zuständig. „Dazu brauchst du Leute, die Native Speaker sind oder nahe dran.“ So wie er selbst. Aufgewachsen in Frankreich und Marokko, ist Deutsch Langenbachs erste Fremdsprache, in der er sich nicht so wohlfühlt wie im Französischen, wenngleich er es mit einer leichten Färbung perfekt beherrscht. „Englisch ist die Universalsprache für unser Geschäft. Praktisch, weil jeder es spricht. Aber wenn es darauf ankommt, reicht das oft nicht.“

Sein Kollege Clément Eymard, ein 34-jähriger Betriebswirt, der vor etwa zwei Jahren von Paris zum Comatch-Team nach Berlin gekommen ist, sagt: „Wir dürfen uns Europa nicht als eine große Einheit vorstellen, sondern wie ein großes Haus, in dem jede einzelne Nation eine eigene Wohnung besitzt. Die gestaltet jeder nach seinen eigenen Vorstellungen. Darauf muss man Rücksicht nehmen.“

Comatch-Mitarbeiterin Raquel Cmacho
Raquel Camacho ...

ist als Junior Marketing Manager bei Comatch tätig.

Die 26-jährige Raquel Camacho aus Madrid hat vor einem Monat im Marketing von Comatch einen neuen Job gefunden. Auslöser dafür, in Berlin eine Arbeit zu suchen, war ihr deutscher Freund: „Aber ich hatte auch Lust auf die Stadt und auf die neue Erfahrung“, sagt sie. „Man muss sich schon daran gewöhnen, wie anders Arbeit in Deutschland organisiert ist. Auch bei Comatch. Wer in Spanien Karriere machen will, geht mit den Kollegen noch in eine Bar oder ein Restaurant und kommt abends spät nach Hause, so wie ich es von meinen Eltern kenne. Mir gefällt, dass die Deutschen nicht danach urteilen, wie lange einer am Schreibtisch sitzt, sondern was er leistet. Aber klar, ich vermisse zugleich den Iberico-Schinken, die Chorizo und das Reden mit Freunden und Kollegen auch über anderes als Arbeit.“

Wer mit den Angestellten von Comatch spricht, hat den Eindruck, auf dem Campus einer europäischen Wirtschaftshochschule zu sein. Die Leute hier wirken jung, flexibel und jederzeit bereit, in einer der ihnen zur Verfügung stehenden Sprachen in Kontakt miteinander zu treten. Und so wie der Erfolg der Firma darin besteht, Unternehmen bei der Lösung von Problemen zu helfen, sind auch die Mitarbeiter lösungsorientiert, um die Anforderungen ihres Alltags zu meistern. Die Zahlen sprechen dafür, dass das bei Comatch funktioniert. Im vergangenen Jahr vermittelten die Berliner 462 Berater in 807 Projekte. Da jedes Projekt im Durchschnitt 30 bis 40 Tage dauert, entsprach das 27.970 Beratertagen. Ein Jahr zuvor waren es 271 Berater in 487 Projekten und 17.960 Tage gewesen. Ganz offensichtlich wächst Comatch nicht nur, es explodiert.

KfW Capital

KfW Capital bündelt das Angebot an Beteiligungsfinanzierungen für innovative Unternehmen und baut es weiter aus – bis 2020 auf 200 Millionen Euro pro Jahr.

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KfW Capital ist indirekt an Comatch beteiligt

Da überrascht es nicht, dass mit der Venture-Capital-Firma Acton einer der führenden Wachstumsinvestoren Europas 2018 seinen Anteil aufgestockt und noch einmal vier Millionen Euro in Comatch investiert hat. Über einen der von Acton aufgelegten Fonds ist auch KfW Capital an Comatch indirekt beteiligt. „KfW Capital investiert in Venture-Capital-Fonds wie Acton, um Unternehmen wie Comatch zu erreichen: innovativ, digital, auf Wachstumskurs“, erklärt Dr. Jörg Goschin, Geschäftsführer von KfW Capital, „denn sie tragen wesentlich zur Wettbewerbsfähigkeit von morgen bei.“ Und Sebastian Wossagk, Managing Partner bei Acton in München und dort zuständig für Comatch, ergänzt: „Wir fanden die Idee und ihre beiden Initiatoren von Anfang an überzeugend. Was KfW Capital und wir anstreben, ist deckungsgleich. Wir sind generell an schnell wachsenden, aber zugleich nachhaltigen Geschäftsmodellen interessiert. Anders als viele amerikanische Kapitalgeber spekulieren wir bei Acton nicht darauf, dass nur eine oder zwei Firmen aus einem Portfolio von 20 Start-ups zu Überfliegern werden, um das Geld des gesamten Fonds zu verdienen. Wir bauen weniger auf die Rendite nur eines einzelnen Investments, sondern darauf, dass möglichst viele der Ideen, in die wir Geld stecken, auch funktionieren. Dadurch sind wir unabhängiger vom einzelnen Ergebnis. Der Erfolg unserer Fonds in den letzten Jahren gibt uns mit dieser Strategie recht.“

Team von Comatch
In Vielfalt geeint

Menschen aus 28 Nationen arbeiten für Comatch, hier sechs ihrer Vertreter.

Comatch erobert größere Teile des Marktes

Mit dem Geld von draußen kümmern sich die Comatcher inzwischen um die weitere Internationalisierung ihres Geschäfts, über Europa hinaus. Doch auch in Frankreich, in Nordeuropa, in Benelux und in Großbritannien erobert das Start-up aus Berlin immer größere Teile des Marktes.

Marie-Cécile Chauveau ist eine der Beraterinnen, mit denen Comatch dabei zusammenarbeitet. Die 40-jährige Pariserin lebt mit ihrem französischen Ehemann und den Kindern in Hofheim bei Frankfurt. Als Wirtschaftsingenieurin unterstützt sie unter anderem Firmen aus ihrem Heimatland darin, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. „Mir hilft dabei natürlich, dass ich einst in Frankreich gearbeitet habe. So kann ich vermitteln zwischen den deutschen Wünschen und Vorstellungen bei einem Projekt und einer Unternehmenskultur, die in Frankreich hierarchischer ist und mehr geprägt vom Respekt für die Kenntnisse und Erfahrungen eines älteren Angestellten oder Vorgesetzten. Zugleich trage ich als freiberufliche Beraterin mehr Verantwortung und habe mehr Freiraum, als wenn ich in der festen Struktur einer Firma eingebunden wäre. Mein erstes Jahr mit Comatch war erfolgreich, persönlich wie finanziell.“

„Die Unterschiede zwischen den Europäern sind kleiner, als wir annehmen.“

Yiotis Kaltsikis, Softwareentwickler

Auch für Yiotis Kaltsikis ist seine Arbeit für Comatch bisher eine Erfolgsgeschichte. „Als ich hier anfing, musste ich mich daran gewöhnen, dass Leben und Arbeit in Berlin anders funktionieren als in Griechenland“, sagt der 28-jährige Softwareentwickler aus der Nähe von Thessaloniki. „Feierabend ist ein sehr deutsches Wort. Die strikte Trennung von Arbeit und Freizeit kannte ich so nicht. Aber solche Unterschiede sind nicht gravierend. Jeder, der Europa schon mal verlassen hat und etwa in Asien war, hat festgestellt, dass die Unterschiede zwischen Europäern viel kleiner sind, als wir üblicherweise annehmen. Ja, diese Unterschiede machen das Arbeiten hier sogar interessant. Hinzu kommt die Dynamik einer schnell wachsenden Firma.“

Seit Comatch sich auf Märkte außerhalb Deutschlands konzentriert, ist die Firma bunter, vielfältiger geworden. „Aus einer deutschen Firma ist ein europäisches Unternehmen mit deutschen Wurzeln geworden“, sagt Toby Nielsen. Der 41-jährige Betriebswirt aus Dänemark kümmert sich seit drei Jahren um Nordeuropa. „Wir verstehen uns hier als Brückenbauer zwischen Klient und Berater. Das gilt auch untereinander“, sagt Robert Langenbach.

Quelle
Cover CHANCEN Europa

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2019 „Wir sind Europa“.

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Die Unruhe in Europa – ob Brexit oder der Erfolg euroskeptischer Parteien – mag manchen hier daher persönlich beunruhigen, aber sie bringt keinen aus der Fassung. Denn am Geschäftsmodell von Comatch zweifelt niemand. „Falls Europa und seine Wirtschaft tatsächlich in eine Krise geraten, wächst der Bedarf an Consulting“, sagt Toby Nielsen.

Was auch immer Europa in den kommenden Monaten zusammenschweißen oder auseinandertreiben mag – für Comatch ist es ein Erfolgsprojekt.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 14. Mai 2019