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Demografischer Wandel

Demografischer Wandel

Umbauen für die Zukunft

Deutschland bereitet sich aufs Altern vor: Kommunen reißen leer stehende Gebäude ab und passen die Infrastruktur an. Private und öffentliche Bauherren räumen Barrieren aus dem Weg – in ihren Immobilien und zwischen den Generationen.

Bürgermeister Armin König ist durch die aufgerissene Wand in einem Haus auf der Treppe stehend zu sehen
Radikalkur

Der Illinger Bürgermeister Armin König schafft Platz für Neues.

„Jetzt wird’s symbolisch”, sagt Armin König und lenkt seinen Wagen an der katholischen Kirche St. Maria Magdalena vorbei zu einem verlassenen Gebäude. Die Scheiben sind zersprungen, Glaswolle quillt aus Löchern in der Fassade. Früher kümmerten sich hier Erzieherinnen um Kinder, nun sollen in einem neuen Gebäude Demenzkranke umsorgt werden.

Dass auf dem Gelände der einstigen katholischen Kindertagesstätte bald eine Tagesstation für hilfsbedürftige Alte entsteht, symbolisiert den demografischen Wandel in der Gemeinde Illingen, einer Kleinstadt im Saarland.

Auch König, Jahrgang 1957, hat diesen Kindergarten besucht. Seit 1996 steht der studierte Verwaltungswissenschaftler und ehemalige Journalist als direkt gewählter Bürgermeister seinem Heimatort vor. Knapp 17.000 Einwohner zählt Illingen. Noch 17.000, muss man sagen.

Als Christdemokrat König ins Rathaus zog, wollte man es auf 20.000 Bürger bringen. Jetzt wird der Kommune ein Bevölkerungsrückgang auf 15.400 im Jahr 2030 vorausgesagt. Das bedeutet auch: Rund 1.000 Häuser werden dann nicht mehr bewohnt sein.

Mehr Dorf für weniger Menschen

Käselaibe lagern auf Regalen
Käse statt Dreikäsehoch

Wo einst Schüler lernten, reifen jetzt Hirzweiler Bio-Käselaibe.

Als 2003 eine Studentin bei König vorsprach, weil sie ihre Diplomarbeit über unbewohnte Häuser in Illingen schreiben wollte, fragte der Bürgermeister: Was für Leerstände? – um alsbald festzustellen: Wir haben ein Problem. Das Konzept ›Illingen 2030‹ wurde geboren: Bürger beteiligen sich unter dem Motto ›Mehr Dorf für weniger Menschen‹ am Prozess der Ortsteilgestaltung.

König, dem die Beschäftigung mit dem demografischen Wandel vor der Haustür im reifen Promotionsalter von 54 Jahren noch einen Doktortitel eingetragen hat, zitiert in diesem Zusammenhang gern den Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt mit dem Satz: „Was alle angeht, müssen alle lösen”.

In der Sprache der Kommunalpolitik heißt der Prozess, der in Illingen vonstatten geht, „Leerstandsmanagement”. Alte Menschen räumen ihre maroden Häuser, Läden machen dicht, Grundschulen werden geschlossen, Feuerwehren fusionieren.

Gebäude des Arbeiter-Samariter-Bundes
Gesund schrumpfen

In der früheren Hauptpost ist heute der Arbeiter-Samariter-Bund untergebracht. Der wird immer wichtiger, weil er sich auch um Senioren kümmert.

In einigen Gegenden Deutschlands führt der demografische Wandel dazu, dass die kommunale Infrastruktur überdimensioniert ist, dass das Gebäudeangebot die Nachfrage übersteigt.

Ausgehend von einer Befragung der Kommunen schätzt die KfW deren Investitionen für Rück- und Umbau allein bis 2017 auf 25 Milliarden Euro. Sie warnt in ihrer Studie „KfW-Kommunalpanel 2012: „Ohne den Umbau und Rückbau kann in strukturschwachen Gebieten eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt werden”.

Bürgermeister König fährt langsam durch die abschüssige Brückenstraße im Stadtteil Hüttigweiler, zeigt hier auf einen schmucken Neubau, dort auf ein geschottertes Plätzchen und hält vor einem großen Rasenstück. Bis vor wenigen Jahren gammelten an diesen Stellen unbewohnte Häuser vor sich hin. „Die Leerstände haben die ganze Straße runtergezogen”, sagt König. ›Platz da!‹ hieß das Programm, mit dem die Kommune für den Abriss warb und demjenigen eine Prämie zahlte, der seine verfallende Immobilie dem Erdboden gleichmachte.

Die KfW fördert

Das Umbauen für die Zukunft wird mit Mitteln des Programms Altersgerecht Umbauen (159) finanziert.

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Abriss ist eine Möglichkeit, Umnutzung eine andere. Das ehemalige Arbeitsamt wurde zum Jugendzentrum, in der benachbarten früheren Hauptpost ist der Arbeiter-Samariter-Bund untergebracht. Die Grundschulen in drei Illinger Ortsteilen mussten geschlossen werden. In einer residiert jetzt die Musikschule, eine andere ist zum Haus der Vereine und der Volkshochschule geworden. Die zweistöckige ehemalige Schule in Hirzweiler schließlich hat ein Investor, der hier bereits einen Arche-Hof für vom Aussterben bedrohte Rassen betreibt, mit Unterstützung der Gemeinde zu einer Käserei umgebaut. Bei der Käseherstellung zuschauen kann man dort auch.

Leerstand im Westen, Leerstand im Osten

Rico Barth hat ebenfalls Leerstand gemanagt, auf der gegenüberliegenden Seite Deutschlands, im sächsischen Freiberg. Der Geschäftsführer einer IT-Firma wohnt dort seit seinem Studium. 2008 nahm er ein Projekt in Angriff, über das seine Bekannten zunächst den Kopf schüttelten.

Familie Barth in ihrem Wohnzimmer
Zusammen stärker

Rico Barth wohnt mit seiner Frau und den zwei Kindern, Eltern, Schwiegereltern und Großmutter auf 470 Quadratmetern.

Die letzten beiden unsanierten Häuser in der Mönchsstraße in Zentrumsnähe hatten es Barth und seiner Frau angetan, obwohl die Gebäude bereits seit zehn Jahren leer standen.

Die 350 Jahre alten Reihenhäuser waren mit ihren zusammen 470 Quadratmetern Wohnfläche groß genug, um die Idee vom familiären Zusammenleben umzusetzen.

Zwischen Boden und Dach leben jetzt die jungen Barths mit zwei kleinen Kindern, ihre und seine Eltern und seine Großmutter. Vier Generationen treffen sich im gemeinsamen Garten hinter den Häusern zum Arbeiten oder Grillen.

„Der familiäre Zusammenhalt ist bei uns sehr ausgeprägt”, sagt Barth. „Bleibende Werte zu schaffen”, war auch ein Argument für die Investition, und der Gedanke, im Alter ein Zuhause zu haben, in dem es sich leben lässt: mit Aufzug, in einer schwellenlosen Wohnung.

Das Reihenhaus der Familie Barth
Ausgezeichnet

Die Häuser der Barths, altergerecht saniert – mit Fahrstuhl und schwellenlosen Wohnungen.

Die KfW hat Barths Projekt 2012 ausgezeichnet. Die Bank fördert Sanierungen wie diese. ›Altersgerecht Umbauen‹ heißt das Programm, über das die zuständige KfW-Managerin Manuela Strauch sagt: „Der höhere Wohnkomfort steht dabei im Vordergrund.”

Von einem Umbau, der etwa die Schwellen zwischen den Zimmern beseitigt und die Bäder auch für Menschen mit Behinderung bequem nutzbar macht, profitieren Bewohner wie Besucher.

26.000 Wohnungssanierungen sind allein 2013 mit Mitteln des KfW-Programms ›Altersgerecht Umbauen‹ gefördert worden. 408 Millionen Euro hat die KfW dabei an Darlehen zugesagt, zwei Drittel gingen an private Haushalte.

Zwei Jahre dauerte der Umbau in der Freiberger Mönchsstraße. Ernst Gumrich zog ein ähnliches Projekt in Tübingen gar in der Hälfte der Zeit durch.

„Diese Wohnraumreserven müssen gehoben werden.”

Ernst Gumrich, privater Bauherr

Ernst Gumrich und seine Frau
mit Sinn und Verstand

Das Fachwerkhaus der Gumrichs hat nichts von seinem Charakter eingebüßt, aber durch die Sanierung viel an Wohnkomfort gewonnen.

Der ehemalige Degussa-Manager, Jahrgang 1951, folgte einer klaren Agenda: „Ich war jeden Tag auf dem Bau. Das ist die Voraussetzung.” Gumrich kann sich das leisten, er ist seit 2004 Privatier. Und er verfügt über Erfahrung im Tonangeben: „Ich habe ein Leben lang Projekte und Firmen gemanagt.”

In dem rund 500 Jahre alten Fachwerkhaus in der Altstadt wohnen, wie bei den Barths in Freiberg, Menschen mehrerer Generationen, darunter auch das Ehepaar Gumrich selbst. Die Sanierung des Gebäudes hat die Juroren des ›KfW-Award Bauen und Wohnen‹ überzeugt. Sie wählten Gumrich 2012 auf den ersten Platz.

Der ursprüngliche Charakter des Hauses wurde bei der Modernisierung auf bemerkenswerte Weise erhalten. Außer einem neuen Lift wurden Rampen für einen barrierearmen Zugang zu Haus und Garten eingebaut, zudem investierte Gumrich in die Wärmedämmung. Und dann hat sich der Bauherr noch zwei weitere Besonderheiten einfallen lassen: In einem Einbettzimmer unterm Dach können Bewohner Gäste unterbringen. Die 15 Euro pro Übernachtung fließen in ein Hilfsprojekt Gumrichs in Malawi. Im Erdgeschoss liegt neben Geschäften ein Raum, in dem sich die Hausgemeinschaft trifft, der aber auch für Veranstaltungen mit bis zu 25 Personen vermietet wird.

Außenansicht des Fachwerkhauses der Gumrichs
Unter Denkmalschutz

Gumrichs haben ihr 500 Jahre altes Fachwerkhaus liebevoll saniert.

Gumrich hofft, dass sein Beispiel in Tübingen Schule macht. Er selbst hat bereits – in diesem Fall zusammen mit fünf Investoren – ein zweites Objekt in Angriff genommen. Die Stadt hat ihm das sogenannte Geistesmutter-Haus verkauft.

Die Sanierung der baufälligen, jahrhundertealten Immobilie folgt ebenfalls den Kriterien energieeffizient und altersgerecht (also unter anderem mit Fahrstuhl). Außerdem ist sie dem Denkmalschutz verpflichtet.

In Tübingen aufgewachsen, wollte Gumrich, als er nach 25 Jahren im Rhein-Main-Gebiet wieder in seine Heimatstadt zurückkam, nicht unbedingt im mittelalterlichen Zentrum wohnen. Aber jetzt „würde ich nie mehr aus der Innenstadt wegziehen”, sagt er.

Geschäfte, Ärzte, Apotheken, alles sei in der Nähe. Allerdings sorgt ihn, dass Läden im Stadtkern leer stehen, alte Gebäude nicht ausreichend genutzt werden. „Diese Wohnraumreserven müssen gehoben werden”, sagt Gumrich.

Den Illingern war ihr Zentrum seit Jahren ein Dorn im Auge. Dort verfiel eine ehemalige Fleischwarenfabrik. Bereits 2001 schloss der Besitzer die Fertigungsstätte, erst 2013 ging die Firma in Insolvenz.

Quelle
Cover CHANCEN Alter

Der Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2014 „Alter”.

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Das Pokern der Eigentümer um einen hohen Preis für das 18.000 Quadratmeter große Areal bescherte der Stadt eine Industrieruine und zog sich so lange hin, dass Bürgermeister König der Kragen platzte und er die Besitzer öffentlich kritisierte. Aber schließlich hat das Land das Areal gekauft, die Abrissbagger rückten an.

Ein neues Bauprojekt war geboren. In dem Gebäudekomplex direkt an der Hauptstraße entstehen Büro- und Praxisräume, aber auch 30 Wohnungen im Loft-Charakter. Ein Supermarkt und Gastronomie sollen einziehen. Und wenn dann noch ein öffentlicher Aufzug gebaut wird, kommt jedermann problemlos und barrierefrei vom Zug- und Busbahnhof direkt in die deutlich tiefer gelegene, neu belebte Ortsmitte – nach Illingen City.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 21. März 2017