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KfW Award Bauen 2020

KfW Award Bauen 2020

Station mit Stil

Ein Paar aus München rettete einen alten Bahnhof in Thüringen und richtete ihn historisch stimmig ein. Damit gewann es den zweiten Preis in der Kategorie Bestand des KfW Award Bauen 2020.

Video: Wie ein alter Bahnhof in ein wohnliches Industrieloft verwandelt wurde (KfW Bankengruppe/n-tv).

Freitags um vier gibt es für Gunter Ehe und seine Lebensgefährtin Karsta Schütte nur noch ein Ziel: den Bahnhof. Erst den von München, wo sie unter der Woche wohnen und arbeiten. Nach gut zwei Stunden Zugfahrt sind sie dann in ihrem Traumhaus und eigenen Bahnhof in Gräfentonna.

Von einem alten Industriebau träumte der Unternehmensberater Ehe, 55, schon lang. 2016 wurde der passionierte Radfahrer auf einer Tour durchs Unstruttal in Thüringen fündig: Der alte Bahnhof am Ortsrand der 2.000-Seelen-Gemeinde nordwestlich von Erfurt stand schon zwanzig Jahre leer, aber dass der Ziegelbau von 1889 einmal ein Schmuckstück gewesen war, sah man ihm noch an. Die Züge fahren immer noch im Zwei-Stunden-Takt, doch von der stark verwahrlosten Station trennte sich die Bahn gern – sie kommt hier ohne Personal und Stellwerk aus.

Die glücklichen Bahnhofsbesitzer pendelten fortan an fast jedem Wochenende nach Thüringen. Während Handwerker die Backsteinfassade der Station ausbesserten, alle Fenster und Leitungen erneuerten und die Wände mit Holzfaserplatten denkmalgerecht von innen dämmten, entfernte das Paar Graffiti und sammelte im Internet und auf Flohmärkten alles, was zu einem richtigen alten Bahnhof dazugehört: Bahnhofsuhren, Lampen, Schilder, Stellwerkshebel, sogar einen Fahrkartenschrank trieben sie auf – der Verkaufsraum dient heute als Sitzecke. Auch für Fußböden und Wände fanden sie Material nach altem Muster, ganz ohne die Hilfe eines Innenarchitekten. Und was noch vorhanden war, zum Beispiel das raffinierte Dachgebälk, der Fahrkartenschalter, die Türen, der Tresor oder die alte Gepäckwaage, wurde liebevoll restauriert.

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Wohnlandschaft mit Blick aufs Gleis

Wartesaal, Schalterraum, Stellwerk und Güterschuppen verband man so zu einer großzügigen Wohnlandschaft im alten Stil. Die ist indes technisch auf dem neuesten Stand: Überall im Haus lassen sich Licht, Sound und Wärme per Handy steuern – das „Smart Home“ ist ein Faible des Bauherrn. In den ehemaligen Kohlenkeller zog neben der Pelletheizung ein schickes Heimkino. Bad und Gäste-WC, die es zuvor nicht gab, fügen sich wie selbstverständlich ein. Die Zimmerdecken sind herrschaftlich hoch – in der Kaiserzeit galt dieser Luxus noch als normal.

Dass sie hier ziemlich öffentlich wohnen, stört die Bahnhofsretter nicht, im Gegenteil: Wenn ab und zu ein Zug vor dem Fenster hält, gehört das zum Erlebnis. Gardinen gibt es im großen Wohnraum jedenfalls keine. „Der Bahnsteig draußen ist ja auch beleuchtet. Da sieht man, wer hereinschaut“, meint Gunter Ehe. So strahlt die stolze Station auch nachts wieder wie neu.

Und zur Sicherheit gibt es noch die ehemalige Eisenbahnerwohnung im Obergeschoss. Sie ist vermietet, an den Amtsleiter der Gemeinde. Gräfentonna begleitete den noblen Umbau mit Wohlwollen, viele Bewohner kamen Ende 2018 zur Einweihung: „Wir wurden sehr freundlich aufgenommen“, sagt Gunter Ehe.

Das stolze Bauherrnpaar vor dem liebevoll restaurierten Bahnhof Gunther Ehe (rechts)

Bauherr Gunter Ehe fühlt sich mit seiner Lebensgefährtin Karsta Schütte im restaurierten Bahnhof heimisch.

Ausgangspunkt für Touren

Jetzt fehlt noch die Gestaltung der Außenanlagen. Abstellgleis und Schotterflächen mit Blick auf den Bahnsteig und ins Grüne bieten Potenzial für Begegnungen. Da die Sanierung des nostalgischen Traumhauses aber bereits viel verschlungen hat, kommt das Preisgeld der KfW dafür gerade recht. Trotz der Kassenlage ist dem Bauherren aber klar: „Wir haben es nicht eine Minute bereut.“

Wenn es nichts mehr zu verschönern gibt, widmet sich das Paar seinem anderen Hobby: Es unternimmt Radtouren, weltweit, aber auch durch Thüringen. „Das ist eine schöne, historische Ecke. Da lässt es sich gut aushalten.“ Ob sie im Alter einmal ganz herziehen? Vorstellbar wäre es. „Wir sind eigentlich keine Stadtmenschen.“ Bis dahin empfängt Ehe, der beruflich Einzelhändler in ganz Deutschland berät, seine kultivierten Kunden schon mal im stilvollen Ambiente der neu-alten Station. Und als Homeoffice während der Corona-Krise hat sich das Bauwerk auch bewährt.

Das Projekt in Stichworten

Projekt: Revitalisierung eines 130 Jahre alten Landbahnhofs
Lage: 99958 Gräfentonna
Baujahr: 1889
Bauherr: Gunter Ehe
Architekt: Michael Göpfert, Erfurt
Energieberater: Silvio Helmundt

Wohnfläche: 227 Quadratmeter
Grundstück: 996 Quadratmeter

Qualitäten für die Bewohner: Komfortables Wohnen im historischen Stil
Qualitäten für die Gesellschaft: Bewahrung und Belebung eines besonderen Ortes
Energiesparen: Instandsetzung mit überwiegend alten Materialien, natürliche Innendämmung
Barrierearmut: Erdgeschoss in Teilen barrierefrei, Hof schwellenfrei

Auf KfW Stories veröffentlicht am 14. Juli 2020.

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