Kolumne Esther Schweins
Kolumne

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Wir schützen, was wir lieben

Esther Schweins macht sich Gedanken über ihr Leben mit dem Klimawandel und die Gratwanderung zwischen Defätismus und Urvertrauen.

Zur Person
Esther Schweins

Esther Schweins ist Schauspielerin und Moderatorin. Sie führte zuletzt durch die Nachhaltigkeitsreihe „Mehr wissen – besser leben“ im NDR.

„Wir werden Seen“, sagt der eine Gletscher zum anderen. Entspannt wechseln die beiden ihren Aggregatzustand und bleiben, was sie immer waren: Wasser. Ein Element, von dem wir heute mancherorts und zukünftig vielerorts entweder zu viel oder zu wenig haben werden. Dem Wasser aber ist es gleich, ob es Eis, Meer, Pfütze oder Dunst ist, ob es in einer San-Pellegrino-Flasche schwappt oder als Flutwelle über unsere Ufer.

„Wir werden seh’n“, raunte es vor 35 Jahren aus Politik, Wirtschaft und von den Stammtischen, als Forscher in Anbetracht des drohenden Klimawandels die Treibhausgasnotbremse forderten. Bei mir kam die Nachricht mittels eines in unserer Kleinstadtschulenaula abgehaltenen Kolloquiums an. „Hey“, dachten wir, „wenn diese Experten uns hier in der Provinz Angst einjagen, dann wissen die Regierungen sicher Bescheid und handeln entsprechend.“ Doch dem war nicht so. Irgendwie war der goldene Reiter schon damals von seiner Leiter gefallen. Ein langer und tiefer Fall. Vom Aufprall ist erst jetzt die Rede.

Manchmal möchte ich meinen Ohren nicht trauen, wenn ich höre: „Es wird Zeit zu handeln.“ Nein, Freunde, es war Zeit zu handeln! Die Zeit ist uns nicht davongelaufen, wir haben sie ungenutzt verstreichen lassen. Manchmal denke ich, dass wir es kaum schaffen werden, die Erderwärmung unter der Zwei-Grad-Marke zu halten, dem errechneten Kipppunkt. Dazu müssten unsere Emissionen innerhalb der nächsten 30 Jahre auf null geschraubt werden. Die Maßnahmen, die weltumspannend ergriffen werden müssten, wären von einer solchen Vielzahl, die nötigen Veränderungen so umwälzend, die Überzeugungen, die abgelegt werden müssten, so zementiert, die Entbehrungen, die jedem auferlegt würden, so unangenehm, dass die Eindämmung des Temperaturanstiegs schon jetzt im Konjunktiv geronnen scheint. Machen wir uns nichts vor, die Kuh ist nicht mehr vom Eis zu kriegen. Eisbären hingegen ganz leicht. Welch trauriger Ringschluss. Wirklich?

Die Kolumne zum Hören

Genießen Sie Esther Schweins’ Text von ihr vorgelesen (KfW Bankengruppe/Esther Schweins).

Dies auszusprechen, sei demotivierend, habe ich mir sagen lassen. „Enttäuschend, dass ausgerechnet du nicht an die Sache glaubst!“ Moment mal! Eben war ich doch noch Aktivistin! Ich habe damals selbst auf dem Disco-Klo kein Haarspray benutzt, und jetzt soll ich Spielverderber sein?

Im Grunde meines Herzens bin ich Idealistin und kämpfe vorzugsweise für verloren Geglaubtes. Also: Jetzt geht der Spaß erst richtig los! Wir müssen Grundsatzentscheidungen treffen! Gut sein wollen ohne Hoffnung auf Erfolg. Wow! Das ist ein Ding! Ich glaube fest daran: Nichts von all dem, was wir tun, ist ohne Bedeutung. Was wir nicht tun, auch das hat Bedeutung. Taten, Gedanken, Gefühle gehen Hand in Hand und wollen gut, wahr, nährend, bewahrend sein. Witze sind die Ausnahme. Die dürfen böse sein.

Alles, was unsere Gemeinschaften stärkt, stärkt uns für eine Zukunft, in der der Einzelne für den Nächsten wird einstehen und einzahlen müssen. Die Welt muss sich vor dem Hintergrund drohender Katastrophen einig werden. So oder so. Ob ich das noch erlebe? Daran kann ich mein Investment nicht festmachen. Ich will Gutes einzahlen und bin ohne Hoffnung auf Rendite ein glücklicherer Mensch. Glaube ist: feststehen in dem Erhofften, ein Überzeugtsein von Dingen, auch wenn man sie nicht sieht. Schließlich kommt der Glaube nicht aus dem Wunder, sondern das Wunder aus dem Glauben. Am Ende glaube ich an uns Menschen! Der Mensch wird in Zukunft das Gute im Kleinen tun, das das Große bewegt. Damit eine Zukunft, die wir noch mitgestalten können, überhaupt denkbar ist, brauchen wir dabei eines: Weltliebe! Denn wir schützen, was wir lieben.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 15. September 2020.