KfW Award Bauen – Sonderpreis für einen restaurierten Schwarzwaldhof in Schönwald
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Lichtblick im Schwarzwald

Ein Paar bewahrte mit viel Geschick und Herzblut einen mehr als 400 Jahre alten Schwarzwaldhof – und machte ihn zum modernen Effizienzhaus. Dafür gab es den Sonderpreis beim KfW Award Bauen 2018.

Behutsame Sanierung

Im Kienzlerhansenhof in einem Schwarzwälder Hochtal ist wieder Leben eingekehrt (KfW Bankengruppe/n-tv).

Eigentlich wünschten sich die Stuttgarter Architekten Anja Kluge und Ingolf Gössel nur eine kleine Hütte im Schwarzwald als Ausgangspunkt für Touren. „Dann aber haben wir diese Höfe gesehen und gemerkt, was da für schlaue Ideen darin stecken“, berichtet Gössel. Auf einmal wollten sie „nacherleben, wie sich das Leben darin anfühlt“ und vor allem: „Welchen Spagat muss man machen, um darin heutige Komfortbedingungen zu erreichen?“

Der Schwarzwaldhof gilt als gefährdete Art: Zählte man um 1900 noch 5.000 Exemplare der mächtigen Höfe, so stehen heute nur noch 500, von denen längst nicht mehr alle bewirtschaftet werden. Doch das wünschte die Gemeinde Schönwald, als sie 2012 den imposanten Kienzlerhansenhof verkaufen wollte. Er liegt in einem Hochtal fast 1.000 Meter über dem Meeresspiegel.

Kluge und Gössel bekamen den Zuschlag für ihr Konzept, das einen „Familienhof“ mit (EU-geförderter) Mutterkuh- und Schafhaltung auf viel Platz verbindet. Mit Hilfe von Freunden, Eltern und Geschwistern wollen sie den Hof ganzjährig betreiben – auch wenn sie selbst häufig in Stuttgart sind. Inzwischen wurde ihr Sohn geboren, und sie verbringen tatsächlich viel Zeit auf dem Hof.

KfW Award Bauen – Sonderpreis für einen restaurierten Schwarzwaldhof in Schönwald
Tradition

Auch der typische Schwarzwald-Bollenhut darf nicht fehlen.

Zunächst erkundeten sie jedoch, was sie da vor sich hatten. Drei Bauforscher und fähige Handwerker halfen ihnen, den 1591 erbauten Hof zu verstehen und fachgerecht anzupacken. Sie sehen sich seither „in einer langen Kette von Menschen“, die den Hof pflegten und weiterentwickelten. Vom Felskeller bis zum Ahnenstängle auf dem First sind sie mit diesem „Kosmos“ (Anja Kluge) vertraut. Das Erstaunliche dabei: „Das Ganze hat ein menschliches Maß, so dass wir uns nie verloren vorkommen.“

Das 1.000 Quadratmeter große Dach deckten sie neu mit handgespaltenen Schindeln – es scheint von ferne mit der Landschaft zu verschmelzen. Darunter tilgten sie einige entstellende Umbauten der letzten Jahrzehnte: Manches Fenster wurde wieder geschlossen, die Rauchküche, in der auf offenem Feuer gekocht wurde wird, ist wieder zweigeschossig. Zwischenzeitlich eingefügte moderne Materialien wichen alten Lehmwänden und einem wunderbar geschmeidigen Dung-Estrich in den Bädern. Auf Fliesen und Einbaumöbel verzichteten sie.

Wo es ohnehin Störungen gab, öffneten die beiden aber auch neue spannende Durchblicke, die das Haus neu erlebbar machen. Die Milchküche wurde zu einer Sauna, der Heizraum zur Technikzentrale. Die über 400 Jahre alte Konstruktion erlaubt vielerlei Gebrauch - wenn auch so mancher „Demutsbalken“ zwischendurch zum Bücken zwingt.

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Die KfW fördert

Die KfW unterstützt die energieeffiziente Sanierung von Bestandsimmobilien.

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Dezente indirekte Beleuchtung setzt Spuren und Patina an den Oberflächen in Szene. Die Stelle, wo der Bauer immer sein Beil im Balken „geparkt“ hat, ist im Flur gut zu erkennen. Die Kammern der Knechte blieben eng und schummerig, sind aber, behutsam gedämmt, als Gast- und Kinderzimmer nutzbar. Der Brunnen vorm Haus wird wieder als „Kühlschrank“ benutzt; das Backhaus soll wieder neu erstehen. So steckt das Haus voller Geschichten, ohne als Museum zu verstauben.

Dank einer 130 m tiefen Erdsondenbohrung, die 21 Grad warmes Wasser zutage fördert, ist der Hof weitgehend energieautark. Mit einer Vorlauftemperatur von 31 Grad bringt eine solar betriebene Wärmepumpe das Haus selbsttätig auf behagliche Temperaturen. Zwei neue Kachelgrundöfen decken nur den Spitzenbedarf und steigern die Gemütlichkeit in den Stuben. Holzwerkstoffe ertüchtigten behutsam Wände und Dach, alte Verbindungen und Verkleidungen wurden aufgearbeitet und repariert, so dass der jährliche Energiebedarf mit 47 kWh/m² dem eines mittleren Effizienzhauses entspricht. Dabei ist Gössel überzeugt: „Das Raumklima ist besser als in vielen Neubauten.“

Anders als geplant richten die beiden jetzt im Hof auch ein Architekturbüro ein. Auch die Viehwirtschaft gedeiht: Im Frühjahr wurden wieder Kälber und Lämmer geboren.

Das Projekt in Stichworten

Quelle
Cover Bauen & Wohnen 2018

Dieser Artikel ist erschienen in bauen + wohnen 2018.

Zur Ausgabe

Projekt: Kienzlerhansenhof, Umbau als multifunktionaler Familienhof
Lage: Oberort 5, Schönwald im Schwarzwald
Baujahr: 1591/2016
Bauherren: Anja Kluge, Ingolf Gössel
Architekten: Gössel Kluge Freie Architekten, Stuttgart
Energieberater: Heinze Energieberatung, Stuttgart
Fläche: 10.000 m² Grundstück, 587 m² Wohnfläche
Gesamtkosten/m²: 1.286 €
Qualitäten für die Bewohner: Traditionelle Wohnkultur mit heutigen Standards; multifuktionales und naturnahes Mehrgenerationenhaus
Qualitäten für die Gesellschaft: Erhalt der regionstypischen Baukultur und eines Lernobjekts für traditionelle Nachhaltigkeit
Energiesparen: Kombination Traditionelle Bauökologie mit zeitgemäßen Techniken, insbesondere Erdsonden mit Wärmepumpe und Solarnutzung

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Mittwoch, 23. Mai 2018