Luftaufnahme eines großen, roten Hauses mit einem schwarzen Dach
KfW Award Bauen 2021

KfW Award Bauen 2021

Der Wille zur Villa

Mitten in Niesky in der Oberlausitz bewahrte ein Ärztepaar eine Villa vor dem weiteren Verfall und baute sie teilweise selbst zu sechs Wohnungen und einer Praxis um. Dafür bekam es den Sonderpreis beim KfW Award Bauen 2021.

(Quelle: KfW/ntv)

Für 19.000 Euro ersteigerte der Arzt Winfried Georgi 2015 die Villa im ostsächsischen Niesky. Er war der einzige Interessent für das Baudenkmal. Die Industriestadt hat schon bessere Zeiten erlebt – rund ein Viertel der Bevölkerung ist seit der Wende weggezogen. Und die einst noble Immobilie war auch nur noch ein Abglanz ihrer selbst.

1892 hatte sie der örtliche Bauunternehmer Friedrich Christoph mit allen Schikanen errichten lassen, inklusive Kutschenvorfahrt, diversen Salons und einem Wintergarten. Zu DDR-Zeiten baute man sie mehr schlecht als recht zu Wohnungen um. Die Wende brachte ihr gegenüber Supermärkte mit immer mehr Verkehr, während hinten der Park zu einer undurchdringlichen Wildnis verkam.

Sogar aus dem herrschaftlichen Haus wuchsen Bäume, dort konnte man stellenweise aus dem Erdgeschoss in den Himmel gucken. Es fehlte nicht viel, und das Baudenkmal wäre Geschichte, der Park Standort für Neubauten geworden.

Auf der Kippe

die Bewohner sitzen vor ihrem Haus
Die Bauherr:innen Winfried und Antje Georgi

Die Allgemeinärztin Antje Georgi nutzt einen Teil der Villa noch für ihre Praxis.

Doch Winfried Georgi, als Chirurg an der örtlichen Klinik kurz vor dem Ruhestand, war entschlossen, die vom Ruin bedrohte Preziose zu retten, gemeinsam mit seiner etwas jüngeren Frau, die in der Belétage der Villa endlich eine richtige Praxis eröffnen wollte. Die Allgemeinärztin bietet auch Akupunktur und Anti-Stress-Therapien an, sodass die Räume im Wohnhaus der Georgis längst zu klein geworden waren.

In den zwei Obergeschossen, wo früher das Personal untergebracht war, sah ihre Planung sechs ungewöhnlich zugeschnittene Wohnungen vor. Voller Elan begann Georgi, in seiner Freizeit über Ebay günstiges Baumaterial herbeizuschaffen.

Als seine Bank ihm den nötigen Kredit für die Sanierung verweigerte, war er schon drauf und dran, hinzuschmeißen. Ein potenzieller Käufer mit großen Neubauplänen war schon gefunden. Weil der aber mit dem bereits gesammelten Baumaterial nichts anfangen konnte, behielt Georgi die Immobilie doch, aus Trotz sozusagen. Alte Dinge wiederzuverwenden, bedeutet ihm nämlich mehr als Geldersparnis – es ist auch nachhaltig und einem Altbau angemessen, findet er.

Also galt: „Augen zu und durch!“ Die Bank finanzierte schließlich doch eine Minimalvariante des Umbaus, und auch das Denkmalamt griff großzügig unter die Arme. Man war sich dort wohl bewusst, dass nur ein Liebhaber dieses ornamentale neugotische Kleinod retten konnte.

Zurück zu den Wurzeln

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Lichtdurchflutete Innenräume

Die hellen und hohen, teils über zwei Etagen reichenden Wohnungen haben die Georgis sofort vermieten können

Winfried Georgi, heute 69, wäre eigentlich gern Architekt geworden. „Zu DDR-Zeiten hätte ich da aber nur 08/15-Hochbauten aus Beton planen dürfen“, erinnert er sich. Und das wollte er nicht. Also wurde er Chirurg. „Das ist auch nur ein Handwerk“, sagt er bescheiden. „Wer einen Nagel in die Wand kriegt, kann das auch.“ Man dürfe nur nicht zaudern.

In den Wendewirren rief ihn ein Freund aus der Klinik in Niesky an: Die Ärzte wären in den Westen gegangen, ob er nicht aushelfen könne? Georgi, bis dahin an einer staatlichen Klinik wenig glücklich, sagte zu – und merkte bald, dass im Diakonissenhaus in Niesky viel engagierter gearbeitet wurde. Hier wehte noch der Geist der Herrnhuter Brüdergemeinen, die sich einst, Anfang des 19. Jahrhunderts, als Religionsflüchtlinge in der fast menschenleeren Oberlausitz angesiedelt hatten. Dieser Geist gefiel ihm, also baute er in der Klinik die Chirurgie aus und schlug Wurzeln.

Architektonische Eigenregie

Außenansicht des Hauses
Die Denkmalpfleger ließen Winfried Georgi gewähren

Neue Fenster zum Park wurden genehmigt, sehr stilgerecht, mit originalgetreuen glasierten Ziegeln umrahmt. Sogar Loggien und Dachflächenfenster waren kein Problem.

Zwischen Erwerb und dem Einzug in die Praxis vergingen zweieinhalb Jahre. „Ich habe jeden Tag gebaut“, erzählt Georgi. Nachdem dank einer fähigen Zimmerei das Dach endlich dicht und die Deckenkonstruktion wieder tragfähig war, begann er, die Fassade auszubessern, die Fußböden zu erneuern. Auch das Malern und sogar die Installation der Solaranlage übernahm er. Fliesen, alte Türen, Sanitärzubehör und ganze Einbauküchen besorgte der Doktor über Kleinanzeigen. Mit seinem Hänger tourte er dafür häufig über Land.

Die Grundrisse des Umbaus entwickelte er weitgehend selbst, ließ sie sich vom Architekten nur noch absegnen. Damit interessante Wohnungen entstehen konnten, waren einige Durchbrüche nötig. Die Denkmalpfleger ließen ihn gewähren. Neue Fenster zum Park wurden genehmigt, sehr stilgerecht, mit originalgetreuen glasierten Ziegeln umrahmt. Sogar Loggien und Dachflächenfenster waren kein Problem, die Fenster – wiederum von Ebay.

Ökologisches Vorzeigeprojekt

Dank denkmalgerechter Innendämmung mit Kalziumsilikatplatten und Lehmputz wurde aus der als „kalte Bude“ bekannten Immobilie ein ökologisches Vorzeigeprojekt. Eine teils solargestützte Wärmepumpe speist künftig die Wand- und Fußbodenheizung. Die kontrollierte Lüftung mit Wärmetauscher im Gartenboden sorgt am relativ lauten und abgasbelasteten Standort für gute Luft.

In der Pandemie erwies sich die Luftfilteranlage als Segen: Die Praxis konnte problemlos weiterarbeiten. Lehmputz und Lüftung puffern zudem die Luftfeuchtigkeit, die sonst bei Innendämmung zu Tauwasser in den Wänden führen kann.

Die hellen und hohen, teils über zwei Etagen reichenden Wohnungen hat das Paar sofort vermieten können. Kürzlich ist die jüngste Tochter in eine der Maisonettes gezogen – sie wird auch Ärztin und tritt vielleicht später einmal in die Fußstapfen der beiden.

Derzeit geht Winfried Georgi aber die Arbeit noch nicht aus. Er hegt immer noch viele Pläne, das Anwesen zu verbessern. Zwei befreundete Rentner gehen ihm dabei zur Hand. Die Mieter sollen im Keller eine Sauna bekommen. Im Park, für dessen Bewässerung er eine Zisterne installiert hat, sind Springbrunnen und ein Gartenhaus wachzuküssen, die Pergola zu erweitern. Sicher, auch die Pflege des Parks ist aufwendig: Tonnenweise fällt Laub an, etliche Hundert Meter Zaun waren zu erneuern. „Aber die Vögel!“, schwärmt Georgi.

Ans Verkaufen denkt er schon lange nicht mehr: „Das alles, was wir da hineingesteckt haben, das kriegt man nie wieder raus.“ 1.400 Arbeitsstunden Eigenleistung hat das drahtige Multitalent am Ende bilanziert.

Doch nachdem das Grobe geschafft ist, findet er auch wieder Zeit für die Musen. Dass er ein Faible für schöne Kunstwerke hat, ist im ganzen Haus sichtbar. Gemälde und Skulpturen zieren nicht nur die edlen Salons – selbstverständlich hat er sie alle auf Ebay erstanden.

Das Projekt in Stichworten

Projekt: Umbau einer heruntergekommenen Villa im Stadtzentrum zu sechs Wohnungen und einer Arztpraxis mit viel Eigenleistung des Bauherrn

Lage: 02906 Niesky

Baujahr: 1892/2018

Bauherren: Dr. Winfried und Antje Georgi

Architekt: Mathias Hennig, Planungs- und Ingenieurbüro Hennig, Niesky

Wohnfläche: 640 Quadratmeter

Grundstück: 4.500 Quadratmeter

Qualitäten für die Bewohner: zentrales Wohnen am Park in besonderen Räumen

Qualitäten für die Gesellschaft: Erhalt und kreatives Nutzbarmachen einer für die Kleinstadt wichtigen Immobilie

Energiesparen: denkmalgerechte Innendämmung, Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, Wärmepumpe geplant, kreative Verwendung vieler gebrauchter Teile

KfW-Förderung: 151

KfW-Standard: Sanierung EBS, Denkmal

Auf KfW Stories veröffentlicht am 21. Oktober 2021.

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.