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KfW Award Bauen 2020

KfW Award Bauen 2020

Leichter Beton

Ein raffiniertes kleines Haus in Brandenburg vereint grüne Idylle und moderne Architektur, braucht wenig Fläche und bietet viel Raum – vor allem im Sommer. Das Projekt erhielt den Sonderpreis beim KfW Award Bauen 2020.

Video: Ein junger Architekt baut für seine Eltern ein modernes Wohnhaus am Hang über der Havel. (KfW Bankengruppe/n-tv)

Das Gelände in Werder an der Havel ist ein kleines Paradies: der Hang eines Weinbergs. Oben auf dem Hügel ein neugotisches Aussichtstürmchen mit Blick über das Auenwäldchen unten am Ufer und über den Fluss, der hier breit wie ein See ist. Eine Villa im Art-déco-Stil und ein früherer Stall mit klassizistischer Fassade. Und inmitten dieser üppigen Natur- und Bau-Idylle ein schmaler Riegel zum Wohnen – unten aus Sichtbeton, oben aus schlichten Holzplatten.

Inzwischen lebt hier der Bauherr Wilhelm Brüggen. Er arbeitet als Psychiater in Berlin; in einer Dreiviertelstunde kommt man von der Metropole mit dem Zug in die Havel-Idylle. Sein Haus am Hang besteht im Untergeschoss aus einer Abfolge von Räumen: Schlafzimmer, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Bad. Alles lässt sich mit Schiebetüren trennen, aber auch zueinander öffnen. Nischen und Winkel sind so schlau wie dekorativ ausgenutzt – das Bücherregal an den Treppenseiten, unter der Treppe auch die Waschmaschine, im nicht besonders großen Bad zwei Becken, Sauna, Wanne und nicht zuletzt der Durchgang zum kleinen Außenbecken. Panoramafenster lassen den Blick weit über Hang und Gewässer schweifen.

Der Architekt Jurek Brüggen baute das Haus für seinen Vater

Das Haus am See ist das erste gebaute Projekt des jungen Architekten Jurek Brüggen. Er entwarf und realisierte es gemeinsam mit seinem Kollegen Sebastian Sailer.

Angepasst an die Jahreszeit

Das Haus hat verblüffend viel gemeinsam mit einem sehr berühmten Bau nur acht Kilometer weiter östlich: dem Potsdamer Schloss Sanssouci, Gegenwelt des Preußenkönigs Friedrich zu den Anspannungen Berlins. Es hat einen prominenten Platz oben am Hang, es ist lang gestreckt mit einem schlichten Grundriss: ein Raum neben dem anderen. Und es ist mit seinen Fenstern und der großen Glasschiebetür der Landschaft zugewandt. Aber natürlich überwiegen die Unterschiede zum Rokokoschloss – Alter, Größe, Material, individuelles Bürgerhaus statt königlicher Parkresidenz.

Brüggens Haus hat eine Besonderheit, die es von fast allen anderen im Land abhebt: Im Winter lebt man nur unten, mit einer kleinen Küchenzeile im Wohnzimmer. Die Treppe nach oben ist dann mit einem riesigen Glasschiebefenster abgeriegelt, das dem Wärmeschutz dient. Im Obergeschoss wird zwischen den dünnen, ungedämmten Wänden und Glasscheiben nicht geheizt; zum Wohnen taugt es in dieser Saison nicht. Technisch ist es nicht Teil des Wohnbereichs, sondern ein aufs Dach gesetzter Pavillon. Und in der kalten Jahreszeit auch Pflanzenwintergarten – Brüggens Gegenstück zur königlichen Orangerie neben dem Sanssouci-Schloss.

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Schlicht, aber raffiniert

Im Frühling gibt es eine Art Küchen-Almauftrieb: Die vier Elemente der Küchenzeile werden nach oben getragen. „Das Haus ist unten Höhle und oben Zelt“, erklärt sein Sohn Jurek Brüggen, der als Architekt das Haus zusammen mit seinem Kollegen Sebastian Sailer entworfen hat. Ein Zelt aus Holz: „Das Obergeschoss ist einfach nur so draufgestellt“, sagt er bescheiden. Hier oben ist der Blick noch grandioser; am Esstisch und erst recht draußen auf der Terrasse.

Und der nackte Beton, der den Würfel außen prägt? Auf den ersten Blick erscheint er als Einbruch der nüchternen Neuzeit in die Idylle von Werder. Auf den zweiten erfreuen seine Schlichtheit und eine Raffinesse beim Bauen: Die Schalung hatte ein Rechteckmuster wie eine Ziegelwand. So wirkt das Haus, das aus einem Stück gegossen ist, ein bisschen wie mit der Hand gemauert.

„Auf aufwendige Technik zum Energieerzeugen, Energiesparen und Dämmen haben wir bewusst verzichtet. Das überholt sich schnell, und die Betonwände und Isolierglasscheiben leisten das Gleiche“, erklärt Brüggen junior. „Zugleich ist es innen sehr flexibel: Die Installationen sind einfach und allesamt in den Zwischenwänden aus Holz. So kann man die Technik immer wieder an den neuesten Stand anpassen.“

Unten, vom Seeufer aus guckt der Pavillon bescheiden zwischen üppigen Bäumen hindurch. Der Beton wirkt von hier geradezu leicht und nicht als künstlicher Kontrast. „Das wollten wir keinesfalls“, sagt Jurek Brüggen. „Es soll aussehen, als wäre es schon immer da gewesen. Wie ein natürlicher Stein, der zum Wohnen ausgebaut wurde.“

Das Projekt in Stichworten

Projekt: Neubau eines Wohnhauses am Hang über der Havel
Lage: Werder, Brandenburg
Baujahr: 2018
Bauherr: Dr. Wilhelm Brüggen
Architekten: Jurek Brüggen, Berlin und Sebastian Sailer, Heiligenberg
Energieberaterin: Antje Stechert, Oberkrämer

Wohnfläche: 85 Quadratmeter (Winter), 170 Quadratmeter (Sommer)
Grundstück: 5.000 Quadratmeter

Qualitäten: Komfortables Wohnen in sehr reizvoller Landschaft
Barrierearmut: Schwellenloses Erdgeschoss
Energiesparen: Solarthermie, Dämmung, Abschottung des Untergeschosses im Winter

Auf KfW Stories veröffentlicht am 11. August 2020.

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