Historische Aufnahme der ehemaligen KfW-Vorstandsvorsitzenden Ingrig Matthäus-Maier in Ihrem damaligen Büro
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„Bei wem im Vorstand sind Sie?“

Die ehemalige KfW-Chefin und Spitzenpolitikerin Ingrid Matthäus-Maier über die Emanzipation in Deutschland, den Film „Die Unbeugsamen“ und ihre Erwartungen an Frauen in Spitzenpositionen.

Zur Person
Ingrid Matthäus-Maier

Ingrid Matthäus-Maier (*1945) stand 2006 als erste Frau an der Spitze der KfW. Insgesamt war sie von 1999 bis 2008 Vorständin bei der größten deutschen Förderbank. Davor war Matthäus-Maier fast 23 Jahre Bundestagsabgeordnete. Zunächst als Mitglied der FDP-Fraktion hatte sie von 1979 bis 1982 den Vorsitz im Finanzausschusses inne und von 1988 bis 1999 war sie stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion

Frau Matthäus-Maier, Sie waren die erste Frau an der Spitze einer deutschen Großbank, der KfW, außerdem viele Jahre im Bundestag, auch als Vize-Vorsitzende der SPD-Fraktion. Was war Ihr Erfolgsrezept?

Matthäus-Maier: Man muss sich ein festes Ziel setzen. Als Jurastudentin las ich den wunderbaren Satz im Artikel 3 des Grundgesetzes „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ und stellte fest, dass die Wirklichkeit davon weit entfernt war. Ich wollte dies ändern. Gleichzeitig war mir klar, dass so etwas nur schrittweise geht. So haben mein Mann und ich 1972 das Gleichberechtigungsprogramm für die Jungdemokraten entworfen, deren Vorsitzende ich damals war: „Gleichberechtigung, Emanzipation, Politisierung der Frau“. Darin waren Einzelschritte aufgeführt, von denen heute viele umgesetzt worden sind. Und dann habe ich Verbündete gesucht. Der damalige Finanzminister Hans Matthöfer nannte mich „kämpferisch, hartnäckig, glaubwürdig“, mit diesen drei Eigenschaften konnte ich einen Teil meiner Ziele durchsetzen.

Musste man damals Feministin sein, um erfolgreich zu sein?

Höchstens im Nachhinein betrachtet, denn dieses Wort gab es damals nicht. Aber ich war definitiv jemand, der sehr eng mit Männern zusammengearbeitet hat, bestes Beispiel: mein Mann und ich. Denn das, was wir erreicht haben, haben wir nur deshalb erreicht, weil ganz viele Männer zugestimmt hatten, sie hatten die Mehrheit im Bundestag.

"Die Unbeugsamen"

In dem Film kommen Politikerinnen der "Bonner Republik" zu Wort. Ihre Erinnerungen sind zugleich komisch und bitter, absurd und bisweilen erschreckend aktuell. Verflochten mit zum Teil ungesehenen Archiv-Ausschnitten ist dem Dokumentarfilmer und Journalisten Torsten Körner ("Angela Merkel – Die Unerwartete") eine emotional bewegende Chronik westdeutscher Politik von den 1950er-Jahren bis zur Wiedervereinigung geglückt.

Zum Film "Die Unbeugsamen"

Sie waren vor kurzem im Film „Die Unbeugsamen“ zu sehen, der sehr eindrucksvoll den Weg der Frauen in der Spitzenpolitik der "Bonner Republik" erzählt – auch Ihren Weg. Glauben Sie, dass dieser Film in der heutigen Zeit eine andere Funktion hat als eine dokumentarische?

Diese dokumentarische Funktion ist sehr wichtig, selbst für mich, die diese Zeit erlebt hat. Die Arbeit an dem Film hat etwas ganz Wichtiges bei mir hervorgerufen: Dankbarkeit gegenüber den Frauen – egal aus welcher Partei –, die vor uns etwas erreicht haben. Zum Beispiel die Richterin Erna Scheffler, die 1959 im Bundesverfassungsgericht durchgesetzt hat, dass der Stichentscheid des Mannes verfassungswidrig war. Sowie Elisabeth Selbert, ohne die es den Artikel 3 nicht gegeben hätte. Von ihr habe ich gelernt, dass man Umwege gehen muss, um etwas zu erreichen. Auf den Schultern dieser Frauen haben „Die Unbeugsamen“ gestanden, und jetzt gibt es viele Frauen, die auf unseren Schultern stehen. Eine Frau, die in der neuen Koalition eine wichtige Funktion hat, schrieb mir, nachdem ich ihr gratuliert hatte, sie habe den Film gesehen und sich danach entschieden, die Position anzunehmen. Dieser Film habe sie dazu ermutigt.

Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt einen Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung?

Ja sicher. Obwohl noch jede Menge zu tun ist, etwa bei der Bezahlung. Aber wenn ich lese, dass eine Frau zur Chefdirigentin eines berühmten Orchesters geworden ist, dass die beiden wichtigsten Börsen in den USA von einer Frau geleitet werden, dass Volkswagen nun eine Betriebsratschefin hat, dann ist der Fortschritt doch deutlich. Vor Kurzem sah ich im US-Fernsehen eine weiße Moderatorin, die eine schwarze Generalin und eine Gewerkschaftschefin interviewte. Dieses Trio wäre früher undenkbar gewesen. Diese Vorbilder sehen auch andere Frauen.

Wenn es um Vorbilder geht, ist immer von Frauen die Rede. Brauchen Männer keine Vorbilder?

Männer werden anders erzogen. Damit war ich auch in der KfW konfrontiert. Wenn es darum ging, wer ein neues Projekt leiten möchte, schnellten sofort alle Männerhände in die Höhe. Männer sagen: „Ich kann das!“ Frauen fragen: „Kann ich das?“ Dann habe ich gelernt, auf Frauen vorher zuzugehen und sie zu bitten, sich zu überlegen, ob das Projekt nicht etwas für sie wäre. Beim nächsten Mal haben sich dann auch Frauen gemeldet.

Entwicklungszusammenarbeit bei der KfW

Anlässlich des letzten Jubiläums der KfW entstand 2018 ein kurzer Film, in dem sich u.a. auch die ehemalige Vorständin Ingrid Matthäus-Maier zu entwicklungspolitischen Themen äußerte.

Glauben Sie, es ist auch die Aufgabe einer Förderbank, Frauen zu fördern?

Selbstverständlich – nach innen und nach außen. Ich erinnere mich sehr gut an die Mikrofinanzierungen der KfW Entwicklungsbank, für die ich zum Teil auch zuständig war, darin waren wir weltweit führend. Dieses Programm kam vor allem Frauen in Entwicklungs- und Schwellenländern zugute und erlaubte ihnen, ein eigenes kleines Unternehmen zu gründen und unabhängig zu sein. Ohne die enge Zusammenarbeit der damaligen Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, der Bereichsleiterin Doris Köhn und meiner Person wäre das so nicht zustande gekommen.

Ab 1999 waren Sie im Vorstand der KfW, 2006 bis 2008 Vorstandsvorsitzende. Ist Ihnen in Bezug auf Frauen etwas Besonderes in Erinnerung geblieben?

Kurz nachdem ich in den Vorstand der KfW einberufen wurde, fand das jährliche Pensionärstreffen statt. Eine Frau sah mich und fragte: „Wo sind Sie denn?“ Ich sagte: „Im Vorstand“. Da fragte die Pensionärin: „Bei welchem?“ Da lachten viele: „Sie ist doch selber Vorstand!“. Verblüfft war ich aber beim ersten Mittagessen für die weiblichen Führungskräfte, das ich damals eingeführt hatte. Da trafen sich einmal im Monat etwa zwölf Frauen, davon zwei oder drei Bereichsleiterinnen, die anderen waren Abteilungsleiterinnen – und ich. Nur drei Frauen hatten Kinder: zwei, weil ihre Männer zu Hause waren – dazu gehörte auch ich, und die dritte kam aus dem Osten, für sie war es eine Selbstverständlichkeit, zu arbeiten und Kinder großzuziehen. Der Rest war der Meinung, dass man Kinder und Karriere nicht unter einen Hut bringen kann. Das brachte mich dazu, Job-Sharing in der KfW einzuführen und die männlichen Formulierungen in der Personalrichtlinie abzuschaffen. Übrigens: Meine männlichen Kollegen im Vorstand stimmten dafür.

Waren Sie enttäuscht, als 2021 ein Mann zum Vorstandsvorsitzenden der KfW ernannt wurde?

Ich war ein bisschen traurig. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn eine Frau zur Nachfolgerin von Günther Bräunig geworden wäre. Aber das ist auch keine Katastrophe, denn in anderen Unternehmen sieht es deutlich schlechter aus.

Welche Erwartungen haben Sie an Frauen in Spitzenpositionen?

Sie sollen gemischte Teams fördern, denn sie vereinen die Stärken von Frauen und Männern. Und sie sollen solidarisch mit anderen Frauen sein und sie unterstützen. Ich bin zum Beispiel von Lieselotte Funcke unterstützt worden, der Vizepräsidentin des Bundestages. Außerdem möchte ich Frauen auffordern, nicht zu zögern, wenn man ihnen eine Führungspositionen anbietet und nicht die Unannehmlichkeiten zu scheuen, die damit verbunden sind, etwa einen Umzug.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 8. März 2022