Die Fabrik von Poshak Istanbul
Afghanistan

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Erfolgreiche Gründer

Ob das iCafé, das Modelabel Poshak Istanbul oder die Tarbeyat High School: In der afghanischen Hauptstadt Kabul wächst auch in unsicheren Zeiten der Unternehmergeist.

Video: Die Stiftung ACGF fördert den Aufbau und das Wachstum von Unternehmen in Afghanistan (KfW Bankengruppe/Breuer).

In Shahr-e-Now läuft die Kaffeemaschine auf Hochtouren. In Kart-e-Seh rattern die Nähmaschinen. Und in Dasht-e-Barchi übertönen die Mädchenstimmen auf dem Spielplatz die Nachbarschaft. Wer in Kabul das iCafé besucht, durch die Nähwerkstatt von Poshak Istanbul läuft oder die Schülerinnen der Tarbeyat High School beobachtet, verspürt überall lebendiges Geschehen, ja sogar Aufbruchstimmung.

„All das wäre ohne einen Kredit nicht möglich gewesen“, sagt Mohammad Naser, 34 Jahre alt. Er steht in seiner Fabrik im Südwesten Kabuls und prüft die Schnitte seiner Mitarbeiter. 2006 hat er gemeinsam mit seinen Brüdern Poshak Istanbul gegründet, ein Modelabel für Herrenanzüge. Die Familie kommt aus der Textilindustrie, die Brüder sind als Schneider ausgebildet und haben im Iran in der Branche gearbeitet. Wie viele Afghanen lebten sie während des Bürgerkrieges und der Taliban-Jahre im Exil. Nach dem Sturz der Taliban 2001 sahen sie ihre Chance, in ihrem Heimatland etwas aufzubauen. Die Industrie war am Boden, und sie erkannten die Marktlücke.

„Istanbul klingt für die Menschen nach weiter Welt“, erklärt Naser den Namen seiner Marke. Anzüge sind für ihn und seine Brüder die Königsdisziplin der Schneiderei. „Sie sehen an jedem Mann fantastisch aus, sie stehen für die Moderne, und wer sie schneidern kann, kann auch alles andere schneidern.“ Ein Anzug bei Poshak Istanbul kostet zwischen 70 und 80 US-Dollar. Die Stoffe lassen sie aus Indien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und China liefern. „Wir würden gerne mit lokalen Textilien arbeiten, aber es werden kaum welche produziert“, sagt Naser.

Ihr Unternehmen ist trotzdem ein afghanisches Erfolgsmodell. Auf gerade mal 100 Quadratmetern hat Naser 2006 sein Unternehmen gegründet, mit einem Darlehen von 1.000 US-Dollar. Von Anfang an war klar: Naser wollte sich vergrößern. Und so nahm er weitere Darlehen auf. Insgesamt haben Naser und seine Brüder bislang Kredite in Höhe von 1,5 Millionen US-Dollar erhalten. Aus den 100 Quadratmetern Produktionsfläche sind inzwischen 1.500 Quadratmeter geworden. Die Zahl von 30 Angestellten ist auf über 300 Angestellte angewachsen. „Wir produzieren jährlich fast 100.000 Anzüge“, sagt Naser, „das schafft sonst keiner in Afghanistan.“ In den vergangenen Jahren hat sich das Unternehmen einen Namen gemacht. Und Naser hat Verträge mit einem Dutzend Organisationen und Unternehmen wie WHO, UNDP und Ariana Airlines abgeschlossen. „Selbst für die Angestellten des Präsidentenpalastes stellt Poshak Istanbul die Uniformen her“, erzählt Naser.

Mohammad Naser von Poshak Istanbul

Mohammad Naser (34) hat in seiner Heimatstadt ein Modelabel für Herrenanzüge gegründet.

Stiftung hilft Firmen wie Poshak Istanbul

Dass Menschen wie Mohammad Naser erfolgreiche Unternehmen aufbauen konnten, ist einer Stiftung namens ACGF (Afghan Credit Guarantee Foundation) zu verdanken. 2004 wurde ihre Vorgängerin unter dem Namen CGF-A gegründet und von der DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH, einem hundertprozentigen Tochterunternehmen der KfW, mitinitiiert. Die Idee hinter der in Köln ansässigen Stiftung: Eine stabile Wirtschaft, Arbeit und Einkommen sind unerlässlich für eine friedliche Gesellschaft. In einem Land wie Afghanistan, das jahrzehntelang mit Krieg und den einhergehenden wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatte, muss der Unternehmergeist in den Menschen erst geweckt werden. Und Banken müssen dazu bewogen werden, Gründern das nötige Kapital zu gewähren. Die ACGF hilft Banken wie auch Kreditnehmern, indem sie Darlehen für kleine und mittelständische Unternehmen versichert. Finanziert wird die Stiftung vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), von der DEG und der Weltbank. Das Stiftungsvermögen der ACGF beträgt 7,5 Millionen Euro.

„Wir schaffen Anreize für Banken, Menschen Kredite zu gewähren, die anderweitig als nicht kreditwürdig gelten würden, und stärken so das Unternehmertum“, sagt Bernd Leidner, Vorstandsvorsitzender der ACGF. Das Volumen der Darlehen liegt zwischen 1.000 und einer Million US-Dollar. Bis dato hat die ACGF Kredite im Wert von 228 Millionen US-Dollar versichert, mehr als 5.250 Kredite insgesamt, bei einer Ausfallrate von durchschnittlich 1,4 Prozent pro Jahr. Wie wichtig die ACGF ist, zeigt auch die Tatsache, dass 50 Prozent aller Kredite im afghanischen Mittelstand von der ACGF abgesichert werden. Heißt: Viele Kredite wären wahrscheinlich nicht genehmigt worden, hätte es die ACGF nicht gegeben.

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Schuldirektor Muhammad Arif Fetry

Schuldirektor Muhammad Arif Fetry (55) war viele Jahre im Exil. Er kam zurück nach Afghanistan, um die Jugend in seinem eigenen Land zu fördern.

Privatschule für 1.800 Kinder

Auch die Tarbeyat High School würde in ihrer Größe wahrscheinlich nicht existieren, wenn die ACGF nicht für den Kredit von Direktor Muhammad Arif Fetry gebürgt hätte. Man hört Fetrys Privatschule in der Nachbarschaft Dasht-e-Barchi, bevor man sie sieht. Lautes Stimmengewirr junger Mädchen tönt über den Schulhof. 1.800 Kinder im Alter von 6 bis 17 Jahren besuchen die Schule. Morgens die Mädchen, am Nachmittag die Jungen.

25 Jahre lang hat Schuldirektor Muhammad Arif Fetry als Lehrer in Pakistan und Iran an UN-Schulen unterrichtet. 2007 kam der heute 55-Jährige aus dem Exil zurück nach Afghanistan mit dem Ziel, die Jugend in seinem eigenen Land zu fördern. „Ich glaube fest daran, dass sich ein Land nur dann weiterentwickelt, wenn künftige Generationen gut ausgebildet sind“, sagt Fetry. Er redet ruhig und mit fester Stimme, trägt einen schwarzen Anzug und Brille. Er könnte auch Direktor an einer Privatschule in Europa sein – wären da nicht die 16 Überwachungskameras, die jeden Winkel des Gebäudes überwachen, sowie das schwarze Sturmgewehr, das neben seinem Schreibtisch lehnt. Mädchenschulen sind noch immer Ziele von Angriffen in Afghanistan. Auch deshalb steht ein bewaffneter Sicherheitsmann vor dem Eingang. Doch Fetry sieht den Fortschritt. Als er die Schule 2009 gründete, hatte er nur für 450 Schüler Kapazitäten. Mithilfe des Darlehens von insgesamt 155.000 US-Dollar konnte Fetry die Schule ab dem Jahr 2013 Schritt für Schritt ausbauen. Zuerst kamen ein Physik- und Chemielabor hinzu, dann ein Spielplatz für die Kinder, schließlich weitere Klassenräume und eine Aula. Den nächsten Kredit will Fetry im Jahr 2022 erhalten. „Wir denken langfristig“, sagt er.

Mädchen in grauen Schuluniformen und weißen Kopftüchern rennen über den Spielplatz. Sie folgen ihrem Lehrer staunend, während der Experimente mit dem Bunsenbrenner vorführt. In einem anderen Raum singen sie traditionelle Lieder in Mikrofone. Rund zwölf Euro zahlen die Schüler monatlich für die Privatschule. Das ist viel für die meisten afghanischen Familien, aber eine sinnvolle Investition in die Zukunft der Kinder. An öffentlichen Schulen sind die Klassen oft überfüllt und die Lehrer schlecht ausgebildet. In der Tarbeyat-Schule ist die Stimmung fröhlich, die Lehrer wirken engagiert. Das erfüllt Fetry mit Stolz. „Ich bin als Kind gerne zur Schule gegangen, deshalb wollte ich unbedingt Lehrer werden. Ich hoffe, dass diese Leidenschaft auf unsere Schüler überspringt“, sagt Fetry.

„Selbst viele Universitäten haben keine richtige Bibliothek oder funktionierendes Internet.“

Nargis Azizshahi, Gründerin des iCafé

Das iCafé in Kabul

Ein Mitarbeiter macht Kaffee im iCafé. Hier treffen sich junge Menschen, um sich auszutauschen.

Ein Ort für junge Menschen

Nargis Azizshahi setzt dort an, wo Fetry aufhört. 2017 hat die heute 30-Jährige das iCafé in Shahr-e-Now gegründet, um einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen nach Schule und Universität austauschen können. „Nach meinem Master-Abschluss habe ich realisiert, dass es für uns junge Menschen keinen Ort gibt, an dem wir zusammenkommen können“, erzählt sie bei einem Cappuccino in ihrem Café. „Selbst viele Universitäten haben keine richtige Bibliothek oder funktionierendes Internet. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem man Freunde treffen, lernen und diskutieren kann.“ Nur so, sagt Azizshahi, können auch neue Ideen entstehen. „Ich glaube an Teamwork“, sagt sie und fügt mit einem Lächeln hinzu: „und an guten Kaffee.“ Um ihren Traum zu verwirklichen, hat Azizshahi ein Darlehen von umgerechnet 25.000 US-Dollar aufgenommen. Sie sagt, dass der Kredit, den sie dank der Absicherung durch die ACGF erhalten hat, ihr Sicherheit und Vertrauen in ihren Businessplan gegeben habe. „Es ist nicht nur, dass das Darlehen zum Teil versichert ist, sondern es gibt auch Selbstvertrauen, wenn eine Finanzinstitution dein Unternehmenskonzept unterstützt.“

Momentan ist ein Großteil ihres Cafés eine Baustelle. Azizshahi will den dritten Stock umbauen. Außerdem steht ein Gerüst an der Außenfassade. Im Mai hat ein Terroranschlag in der Nachbarschaft alle Fenster und Spiegel im Café zerstört. „Mit der Gefahr leben wir hier eben“, sagt Azizshahi, „aber wenigstens hat es mir einen Grund gegeben, das Café umzubauen und den Bedürfnissen der Kunden anzupassen.“ Dazu gehören: eine Bibliothek, ein größerer Nichtraucherbereich, mehr Ruheecken.

Unternehmerin Nargis Azizshahi

Unternehmerin Nargis Azizshahi (30) sitzt in ihrem Café, das sie mithilfe eines Darlehens eröffnet hat.

Ein Vorbild für afghanische Frauen

Azizshahi verkörpert das junge, engagierte Afghanistan. Sie arbeitet nicht nur in ihrem Café, sie hat auch einen Vollzeitjob im Ministerium für Bergbau und Petroleum. Wenn sie nicht im iCafé ist, verfolgt sie das Geschehen auf ihrem iPad: Wie viele Bestellungen sind eingegangen? Wie viel Umsatz wurde an dem Tag generiert? Welche Produkte müssen nachbestellt werden?

Sie versucht trotz ihres anderen Jobs, sich so häufig wie möglich im Café zu zeigen. Vor allem, damit Frauen sie sehen können. Azizshahi weiß, dass die meisten Unternehmer in Afghanistan noch immer Männer sind. Auch bei ACGF werden weniger als ein Prozent der versicherten Darlehen von Frauen aufgenommen. Sowohl ACGF als auch Azizshahi wollen Frauen ermutigen, den Schritt ins Unternehmertum zu wagen. Die ACGF hat dieses Jahr die Kreditschwelle von 10.000 auf 1.000 US-Dollar gesenkt, weil die hohe Summe in der Vergangenheit eventuell Frauen abgeschreckt hat. An diesem Punkt will künftig auch die KfW ansetzen: Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank arbeitet derzeit an einem Projekt, bei dem der Zugang zu Finanzdienstleistungen für Existenzgründer und junge Unternehmen verbessert werden soll. Das BMZ hat bereits Mittel zugesagt, umgesetzt werden soll das Projekt mit der ACGF als Partner in Afghanistan. „Darüber hinaus überlegen wir, für Frauen höhere Deckungsraten anzubieten – indem wir etwa mehr als 90 Prozent des Darlehens versichern. Normalerweise garantieren wir eher um die 70 Prozent“, sagt Bernd Leidner.

Wir fördern

Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank fördert weltweit zahlreiche Projekte im Bereich Wachstum und Beschäftigung.

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„Mich sprechen immer wieder Frauen darauf an, wie man ein Unternehmen gründet“, erzählt Azizshahi. Erst neulich habe sie eine Studentin für sechs Monate angelernt, wie man ein Café führt. „Sie wird jetzt ihr eigenes Restaurant gründen“, sagt Azizshahi. „Meine Ideale in anderen Menschen verwirklicht zu sehen, das ist mein eigentliches Ziel.“

Azizshahi, Fetry und Naser zeigen, dass Unternehmer auch im krisengebeutelten Afghanistan etwas erreichen können. Gebildet, gut angezogen und mit einem Cappuccino in der Hand setzen sie ein Zeichen der Hoffnung für kommende Generationen.

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 11. März 2020.