Dietmar Harhoff und Jörg Zeuner
Innovation

Innovation

„Künstliche Intelligenz wird zur Schlüsseltechnologie“

KfW-Chefökonom Jörg Zeuner traf Dietmar Harhoff vom Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb zu einem Gespräch über Defizite und Chancen in mittelständischen Unternehmen.

Zur Person
Dietmar Harhoff

Dietmar Harhoff ist Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb in München und leitet dort die wirtschaftswissenschaftliche Forschungsabteilung. Als Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation der Bundesregierung verantwortet er seit elf Jahren das jährliche „Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands“.

Lässt der Erfolg den deutschen Mittelstand bequem werden? Nach dem Motto: Warum sollen wir etwas ändern, unsere Produkte laufen doch gut!

Harhoff: Ja. Und wir sehen in einigen Industrien sogar ein Muster von Überheblichkeit. Wenn wir als Expertenkommission warnen, etwa weil die Digitalisierung in Deutschland langsamer vorankommt als in anderen Ländern, dann schallt es regelmäßig aus einigen Verbänden zurück: Schaut euch doch die Exportstatistiken an! Meine Antwort darauf ist meist: Wenn wir nur auf die Exportstatistiken schauen, dann ist das so, als würden wir das Auto mit dem Blick in den Rückspiegel fahren.

Zeuner: Wenn ein erfolgreiches Unternehmen sein Produkt nicht weiterentwickelt, dann rückt die Konkurrenz bei der Qualität auf – und der Wettbewerb entscheidet sich vor allem über den Preis. Hat ein harter Preiswettbewerb begonnen, sinkt die Innovationskraft der Unternehmen weiter ab, da das Geld für Weiterentwicklungen schwindet. Unsere Studien belegen, dass es für Unternehmen wichtig ist, qualitativ zu denken und sich den Spielraum zu bewahren, aus dem heraus sie sich kreativ weiterentwickeln können.

Harhoff: Wir brauchen Ideen, wie es in der Zukunft weitergeht. Wir müssen neue Möglichkeiten für Wertschöpfung, die sich noch nicht in der Exportstatistik bemerkbar machen, in den Blick nehmen. Es dauert ja etliche Jahre, bis Neuerungen volle Wirkung entfalten. Anders gesagt: Wir sollten nicht nur darüber nachdenken, wie wir schon bestehende Spezialisierungsvorteile vertiefen können. Wir müssen Start-ups und Mittelständler in Deutschland dabei unterstützen, ganz neue Wettbewerbsvorteile aufzubauen.

Zur Person
Dr. Jörg Zeuner im Porträt

Jörg Zeuner leitet als Chefvolkswirt der KfW die volkswirtschaftliche Abteilung der Bankengruppe. Mit seinen wirtschaftspolitischen Kommentaren greift der Ökonom regelmäßig in aktuelle Debatten in Deutschland und Europa ein.

Zeuner: Wir denken beim Thema Mittelstand einfach zu schnell nur an das verarbeitende Gewerbe. Dabei wächst gerade der Bereich der Dienstleistungen sehr stark. Er hat in der Vergangenheit netto fast alle neuen Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen. Und hier ist noch viel mehr möglich, mit dem Staat an der Spitze. Denken Sie an Dienstleistungen wie Buchhaltung, Steuer- oder Rechtsberatung – deren Arbeitsabläufe sind in großem Umfang gesetzlich vorgegeben. Wenn der Gesetzgeber da nicht die Weichen auf digitale Prozesse umstellt, können diese Branchen kaum innovativ werden. Dabei bieten sich solche wissensintensiven und unternehmensnahen Aufgaben geradezu an für eine fortschreitende Digitalisierung. Der Staat hat hier die Chance, Innovationsimpulse zu geben.

Harhoff: Diese These unterstütze ich mit Nachdruck – auch aus einem weiteren Grund. Der Staat ist ein großer Nachfrager von Dienstleistungen und Gütern. Wenn der Staat selbst keine innovativen Dienstleistungen nachfragt, wird er zur Innovationsbremse. Gleichzeitig ist der Staat auch ein Produzent von Dienstleistungen und könnte auch dort Schrittmacher sein, zum Beispiel bei digitalen Dienstleistungen in der Verwaltung.

Muss also erst der Staat selbst digitaler werden?

Harhoff: Leider leisten wir uns in Deutschland in diesem Bereich einen Rückstand. Was die Qualität von E-Government angeht, schneiden wir in vielen Bewertungen weit unterdurchschnittlich ab. Seit 2010 haben sich mehrere Bundesregierungen, gemeinsam mit den Städten und Gemeinden und den Bundesländern, immer wieder dazu verpflichtet, hier Fortschritte zu erzielen. Es ist aber nicht viel passiert. Die Konzepte liegen inzwischen vor, es geht also primär um die Umsetzung. Es ist gut, dass ins Kanzleramt eine Staatsministerin für Digitalisierung berufen wurde. Aber insgesamt sind die Zuständigkeiten für digitale Themen in der neuen Bundesregierung weiterhin recht fragmentiert.

Dietmar Harhoff und Jörg Zeuner
Gesprächspartner

Jörg Zeuner und Dietmar Harhoff im Gespräch im Innenhof des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb in München.

Einige Beobachter und Experten fordern ja nicht nur einen expliziten Digitalminister, sondern auch einen Staatsfonds für massive Investitionen in die Digitalisierung. Wie denken Sie darüber?

Zeuner: Das hätte hohe Risiken. Falsch wäre, wenn wir eine Technologie auswählen würden und diese dann mit einem riesigen Förderprogramm in der ganzen Bundesrepublik ausbreiten würden. Das würde andere Innovationsideen, die langfristig besser sein könnten, ausschließen. Anders verhält es sich bei Infrastrukturnetzwerken, wie etwa Verkehr.

Herr Harhoff, als Leiter der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) berichten Sie an die Bundeskanzlerin. In Ihrem Gutachten 2017 war zu lesen, dass die Innovationsintensität bei kleinen und mittleren Unternehmen rückläufig gewesen ist. Setzt sich dieser Trend fort?

Harhoff: Leider ja. Die Fähigkeit zu Innovation ist etwas, was kleine und mittlere Unternehmen langfristig aufbauen müssen, die wächst nicht auf Bäumen. Da darf man eine völlige Trendumkehr auch nicht innerhalb eines Jahres erwarten. Derzeit gilt: Innovatorenquote und Innovationsintensität sind weiterhin rückgängig.

„Wir tun uns in Deutschland mit dem Experimentieren einfach zu schwer.“

Dietmar Harhoff, Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb

Künstliche Intelligenz
Zukunftsvision

Der Roboter Roboy soll in Mimik und Anatomie dem Menschen ähneln.

Was ist die Innovatorenquote?

Harhoff: Das ist der Anteil der Unternehmen, die in den letzten drei Jahren entweder Innovationen in den Markt gebracht oder Prozessinnovationen im eigenen Betrieb umgesetzt haben. Den Rückgang gibt es übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern.

Welche Erklärungen gibt es für diesen Rückgang?

Harhoff: Eine Erklärung, der wir im neuen Jahresgutachten der EFI nachgegangen sind, ist die zunehmende Marktkonzentration. Dabei geht die Innovationsaktivität stärker auf große Unternehmen über. Die OECD unterscheidet hier Vorreiter, die hochgradig innovativ sind, und andere Unternehmen, die Schwierigkeiten haben, neues Wissen aufzunehmen und innovativ zu sein. Eine andere Erklärung betrifft den Zugang zu Kapital. Gerade kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland haben Schwierigkeiten, Forschung und Entwicklung zu finanzieren.

Zeuner: Auch unser eigener Innovationsbericht der KfW zeigt: Die Innovationsausgaben insgesamt gehen nicht zurück, aber sie stammen von immer weniger und immer größeren Unternehmen. Ein Grund hierfür ist auch, dass die Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland seit Jahren sinkt. Somit nimmt auch der Nachschub an jungen, innovativen Unternehmen ab. Diese für die Innovationstätigkeit negative Entwicklung hat jedoch eine an sich erfreuliche Ursache: Die gute Arbeitsmarktsituation hat dazu geführt, dass sich für immer mehr Menschen attraktive Alternativen zur Selbstständigkeit bieten. Wir können aber noch einen anderen Zusammenhang klar feststellen: Mit zunehmendem Alter der Mitarbeiter und Unternehmer nimmt die Innovatorenquote ab.

Das heißt, Einfallsreichtum ist auch eine Frage des Alters?

Zeuner: Ja, es gibt einen zunehmenden Konflikt zwischen dem, was man für sich selbst möchte, und dem, was für das Unternehmen das Beste ist. Das hat einen starken Einfluss auf die Innovationsfähigkeit. Die Unternehmer in Deutschland sind älter als ihre Beschäftigten. Sie scheiden im Schnitt sechs bis acht Jahre später aus dem Betrieb aus als ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Braucht der deutsche Mittelstand eine Verjüngungskur?

Zeuner: Sagen wir mal so: Innovationsbereitschaft steigt mit einem gut geplanten Generationenwechsel. Wer ein Unternehmen übernimmt, wird neue Ideen umsetzen wollen. Das macht ihn risikofreudiger als seinen Vorgänger.

Viele Mittelständler sind aktiv, wenn es um neue Organisationsformen geht. Überall findet man War Rooms, Design-Thinking- Workshops, Kurse für agiles Management. Spricht sich das nicht herum?

Harhoff: Es hat in Deutschland immer Mittelständler gegeben, die ihrer Zeit weit voraus waren. Aber ein großer Teil der mittelständischen Unternehmen hat Schwierigkeiten, sowohl bei der Übernahme technischer Neuerungen wie auch neuer Managementmethoden. Offene Innovation, die Implementierung digitaler Geschäftsmodelle und agile Managementverfahren sind Beispiele für neue Ansätze, mit denen sich viele kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland schwertun.

Sind auch hier die größeren Unternehmen innovativer?

Harhoff: Größere Unternehmen experimentieren oft sehr früh mit solchen Ansätzen. Bis die sich aber in der Kultur des Unternehmens ganz durchsetzen, vergeht auch viel Zeit.

Zeuner: Innovation muss man breit denken. Es geht nicht nur um Technik, sondern auch um neue Organisationsstrukturen und Marketingmethoden. Dass ein neuer Geist kleinere Unternehmen nur langsamer erfasst, hängt auch damit zusammen, dass größere Unternehmen sowohl über umfangreichere personelle als auch finanzielle Möglichkeiten verfügen. Das hilft immens dabei, sich zu informieren und so bei aktuellen Entwicklungen à jour zu bleiben.

Was hat die Expertenkommission 2018 der Kanzlerin geraten?

Harhoff: Wir haben erneut vorgeschlagen, eine steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung für kleine und mittlere Unternehmen einzuführen. Wir haben dabei eine Idee aus den Niederlanden geborgt, und zwar für eine steuerliche Forschungsförderung, die bei den Personalkosten in der Forschung ansetzt. Unternehmen sollen einen bestimmten Prozentsatz dieser Kosten monatlich von der Lohnsteuerzahlung abziehen können. So ergeben sich sehr schnell Liquiditätseffekte. Auch Start-ups, die noch keine Gewinne machen, würden so finanziell entlastet.

Welche anderen Rahmenbedingungen könnte der Staat optimieren?

Harhoff: Künstliche Intelligenz wird zur Schlüsseltechnologie und sollte stärker als bisher gefördert werden. Wir haben uns Deutschlands Stärken und Schwächen angeschaut und haben die Bundesregierung aufgefordert, eine nationale KI-Strategie für die Forschung und die Förderung von Start-ups und Ökosystemen rund um das Thema KI auf den Tisch zu legen.

Wo haben wir im Bereich der künstlichen Intelligenz Stärken?

Harhoff: Wie in vielen anderen Bereichen auch, sind wir in der Forschung relativ stark. Das Problem ist wie so oft die Umsetzung, der Transfer in die ökonomische und gesellschaftliche Nutzung.

Das alte MP3-Problem.

Harhoff: Genau. Das MP3-Komprimierungsverfahren wurde in Deutschland entwickelt, fast die gesamte Wertschöpfung ist dann aber in anderen Ländern entstanden. Wir haben vor allem in der Forschung Stärken. Allerdings gibt es im Bereich des autonomen Fahrens auch ein starkes Patentportfolio in deutschen Unternehmen. Jetzt sollte es darum gehen, diese Stärken auch umzusetzen. Unsere Schwäche im Innovationssystem ist, nicht rechtzeitig da zu sein, wenn die neuen Wertschöpfungspotenziale verteilt werden. Bei der Regulierung sind wir dahingegen sehr schnell. Wir tun uns in Deutschland mit dem Experimentieren einfach zu schwer. Wir müssen konsequent Freiräume schaffen, in denen neue Technologien sicher und zügig ausprobiert und weiterentwickelt werden können – sonst werden auch Stärken in der Forschung wenig helfen. Wir haben sehr wohl die Möglichkeit, innovative Technologien so zu gestalten, dass sie für unsere Bürger Vorteile und Nutzen erbringen – wir müssen das aber auch tun.

Gerade im Bereich Robotik und künstliche Intelligenz herrscht derzeit große Angst vor dem Verlust vieler Arbeitsplätze. Wie sehen Sie das?

Zeuner: Sicher ist, dass sich viele Arbeitsplätze ändern werden. Einige werden wegfallen, aber es ist noch gar nicht abzusehen, was an neuen Tätigkeiten dazukommt. Wir könnten auf jeden Fall jetzt schon darüber nachdenken, wie Menschen an den Erträgen beteiligt werden, die durch den Einsatz von Maschinen erzielt werden. Den Taxifahrer wird es in zehn Jahren vielleicht nicht mehr geben, aber was ist, wenn das Taxi ihm gehört? Das autonom fahrende Fahrzeug erbringt die Dienstleistung und erwirtschaftet einen Ertrag. Und wenn ich diesen Ertrag als Einkommen habe, steht mir am Tag noch eine volle Arbeitszeit für etwas anderes zur Verfügung. Ich finde es eine spannende Frage, wie wir Menschen am Kapital oder an Effizienzgewinnen beteiligen können. Dass eine komplette Volkswirtschaft ohne menschliche Arbeit ablaufen kann und wir unsere Arbeitseinkommen auf ein Grundeinkommen oder Ähnliches umstellen müssen, halte ich zwar für utopisch, aber doch für ein sehr spannendes Thema.

Quelle
Cover CHANCEN „Innovation“

Der Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2018 „Neue Ideen erhellen die Welt“.

Zur Ausgabe

Harhoff: Ich bin eher darüber besorgt, dass es in Deutschland im Moment einen Wettbewerb im Zeichnen von Horrorszenarien gibt. Die Expertenkommission war kürzlich im Silicon Valley und hat diese Frage mit Experten in den Bereichen künstliche Intelligenz und autonome Systeme beraten. Die These, die wir dort oft gehört haben, ist: Es wird in vielen Fällen eine Ergänzung menschlicher Fähigkeiten geben, und keine sture Rationalisierung. Durch Robotik und künstliche Intelligenz werden neue Einsatzfelder für menschliche Tätigkeiten entstehen. Zudem ist eines der größten Innovationshemmnisse gerade für mittelständische Unternehmen in Deutschland ja derzeit der Fachkräftemangel. Der Einsatz von Robotik und KI kann hier auch eine Entspannung in den Arbeitsmarkt bringen, die sehr willkommen ist.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 19. Juni 2018