Demonstration des Remote Supports für Maschinen von oculavis
KfW Award Gründen

KfW Award Gründen

Remote Support für Maschinen

Wenn Produktionsanlagen ausfallen, müssen häufig Spezialisten anreisen, um die Fehler zu beheben. oculavis hat eine digitale Lösung entwickelt: Mithilfe ihrer Softwareplattform und Augmented-Reality-Anwendungen sind Informationen und visuelle Unterstützung schnell und einfach möglich. Dafür wurde das Start-up beim KfW Award Gründen als Landessieger Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet und wurde zudem Publikumssieger.

Video: Wie oculavis den Kundenservice für Maschinen- und Anlagenbauer neu definieren will (KfW Bankengruppe/n-tv).

Einen Trafo installieren, die Bremsbeläge erneuern, einen Computer einrichten – für manche ungewohnte Aufgaben im Alltag benötigen wir die Hilfe von Experten, die uns bei Problemen individuell unterstützen.

Auch Maschinen- und Anlagenbauer treffen auf viele Herausforderungen, bei denen sie auf Profis angewiesen sind. Steht beispielsweise ein Roboter oder eine CNC-Fräse still, weil die Betreiber das zugrunde liegende Problem nicht finden, kann die ganze Produktion gefährdet sein. Das verursacht enorme Kosten. Noch dazu dauert es möglicherweise Tage, bis Experten vor Ort sind. Schnelle Hilfe zur Selbsthilfe bei einer derartigen Herausforderung verspricht das Aachener Unternehmen oculavis.

Geschäftsführer Martin Plutz erklärt die Funktionsweise des Remote-Support-Moduls der entwickelten Software: „Niemand muss vor der Maschine stehen, hektisch jemanden anrufen und versuchen, den Fall zu erklären. Wer unsere Software einsetzt, schnappt sich ein Smartphone, ein Tablet oder auch eine Datenbrille, hält die Kamera auf die Anlage und schaltet einen Profi zu. Dieser kann überall auf der Welt sein. Direkt in das Bild auf dem Endgerät kann er durch Augmented-Reality-Überlagerungen beispielsweise Pfeile einzeichnen oder Anweisungen zu Bauteilen geben und damit genau erklären, was nun zu tun ist.“

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Datenbrillen als Innovationstreiber

Martin Plutz, Dr. Markus Große Böckmann und Philipp Siebenkotten kennen sich bereits aus dem Maschinenbaustudium. Ihr Produkt oculavis SHARE entstand mit dem aufkommenden Interesse an Smart Glasses, an Datenbrillen. Sie galten als ideales Werkzeug, um die optisch wahrgenommene Umgebung zu erweitern und von außen und in Echtzeit Hilfestellungen zu geben. Das Trio begann mit der Entwicklung von Softwareprototypen, die sich diese Möglichkeiten zunutze machten – und erteilten sogleich Bosch die Lizenz für eine Version. „Da haben wir gemerkt, dass es nicht nur eine verrückte Idee ist, sondern dass auch ein entsprechender Markt da ist. Ein Unternehmen zu gründen, war die logische Schlussfolgerung“, erinnert sich Martin Plutz.

Das Team beantragte das EXIST-Stipendium, das Existenzgründungen aus der Wissenschaft unterstützt. Ideale Rahmenbedingungen, um das Vorhaben voranzutreiben, bot das Gründerzentrum des Fraunhofer-Instituts und der RWTH Aachen. Nicht nur die Infrastruktur konnte genutzt, sondern auch studentisches Personal eingebunden werden. Von Beginn an gehörten zehn Mitarbeitende zur entstehenden Firma, ein „fliegender Start“, sagt Plutz lachend.

Die KfW fördert

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Smarter Probelauf

Im Mai 2016 erfolgte die Gründung der oculavis GmbH, die KfW unterstützte dies mit dem StartGeld. Eine EU-Förderung von knapp 2,5 Millionen Euro machte eine zügige Professionalisierung möglich. Externe Investoren sind bis heute nicht an Bord. Das Unternehmen war ab dem ersten Jahr profitabel.

Für Einnahmen sorgte zunächst eine Deutschlandtour. Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut boten die Gründer unter dem Titel „Smart Glasses Experience Days“ Tagesseminare für Unternehmen an. Hier stellten sie Einsatzmöglichkeiten der neuartigen Datenbrillen vor und als beispielhafte Anwendung ihre Software. Entstanden sind daraus erste Kundenbeziehungen.

oculavis konzentrierte sich aber nicht nur auf Datenbrillen, zumal sie nicht so verbreitet sind wie damals prognostiziert. Ihre Software eignet sich für alle handelsüblichen Tablets und Smartphones.

Auf dem Smartphone wird ein Bild für den Support oculavis Share aufgenommen

Mit der digitalen Lösung können Maschinen und Anlagen weltweit selbst gewartet oder repariert werden, in diesem Fall dient ein Smartphone als Kommunikationsmittel.

Einsatz in der Praxis

Der „virtuelle Röntgenblick“ ist technisch komplex, doch extrem nutzerfreundlich. Nach dem Scan eines QR-Codes an der betreffenden Anlage öffnen sich hinterlegte Inhalte wie Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Wartungen oder den Umgang mit Standardfehlern. Kann das Problem nicht selbst behoben werden, wird über die eingebettete Videocall-Funktion ein Experte hinzugeschaltet, und der Augmented-Reality-Viewer startet. Die Übertragungs- und Bildqualität ist auch bei schlechter Internetverbindung gewährleistet. Die ISO-27001-Zertifizierung garantiert den Schutz aller Daten.

Zwei Zielgruppen spricht oculavis an: Maschinenhersteller, die ihren Kunden mit dem Augmented-Reality-Service-Tool eine zusätzliche Dienstleistung anbieten, sowie Unternehmen, die es intern nutzen. So kann das eigene technische Personal Anlagen komplett aus der Ferne warten. Die Abnehmer erwerben eine Lizenz und profitieren somit auch von Aktualisierungen. Durch White-Label-Lösungen kann die Software dem eigenen Design angepasst werden.

„Die globale Skalierung ist unsere Mission.“

Martin Plutz, Geschäftsführer oculavis

Service und Arbeit im Wandel

Dass Remote-Support-Lösungen unverzichtbar sind, zeigt die Corona-Pandemie, in der das Ausweichen auf digitale Angebote notwendig ist. Auch Martin Plutz spricht von einem „deutlichen Push“. oculavis kann zu weiteren Veränderungen beitragen. Flugreisen, um robotergesteuerte Anlagen in Singapur oder Fräsmaschinen in Brasilien zu reparieren, werden überflüssig. Das ist ein relevanter Beitrag zum Klimaschutz. Hinzu kommt, dass viele diese Arbeit gar nicht mehr machen möchten, wie Plutz erklärt: „Es ist schwierig, Nachwuchskräfte für den Beruf des Servicetechnikers zu finden, zu begeistern und zu binden. Man ist viel unterwegs und oft nicht gerade zu den attraktiven Metropolen dieser Welt. Wer hat schon Lust, in einer – sagen wir chinesischen – Kleinstadt tagsüber bei einem gestressten Kunden an Maschinen zu schrauben und abends in einem günstigen Hotel zu sitzen?“ Mit digitalen Tools ist diese Tätigkeit auch vom Homeoffice aus möglich.

In kurzer Zeit haben die Gründer mit einem 60-köpfigen Team ein Angebot geschaffen, das eine ganze Branche umformen kann. Das Interesse ist groß. Und auch das Medienecho. Dafür sorgen neben dem Award der KfW zahlreiche weitere Auszeichnungen, die diese Leistung anerkennen.

Martin Plutz blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Natürlich gibt es Wettbewerber. Doch unser Vorsprung besteht nicht nur aus vielen guten Features im Produkt, sondern auch aus unserem Background. Als Maschinenbauer haben wir ein tiefes Verständnis für die Bedürfnisse und Prozesse unserer Kunden, die wir in der Software perfekt abbilden können. Wir haben schon 20 Partner auf der ganzen Welt, die unsere Lösung distribuieren, die globale Skalierung ist unsere Mission.“

Auf KfW Stories veröffentlicht am 5. Februar 2021.