Blick aus dem Weltall auf die Erde
Natürliche Ressourcen

Natürliche Ressourcen

Der blaue Planet

Wasser – das Universum ist voll davon. Aber nur die Erde hat sich in einen blauen Planeten verwandelt. Wasser ist Quelle des Lebens, aber auch seine ständige Bedrohung. Ein Essay über das wertvolle Gut Wasser.

Der Autor
Thorsten Meise im Porträt

Dr. Torsten Meise ist freier Journalist und Autor u. a. für „Stern“, „Mare“, „Spiegel“. Seine Themenschwerpunkte sind Energie, Wissenschaft und Technik.

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„Oh mein Gott, schaut euch das an!“, entfuhr es Bill Anders Heiligabend 1968. Denn als er aus dem Fenster schaute, sah er etwas, was noch nie ein Mensch vor ihm gesehen hatte: die über dem Mond aufgehende Erde. Ein blauer Flecken im Weltall, halb verdunkelt. Apollo 8 war die erste Weltraumkapsel, die den Mond umrundete. Der Flug war perfekt organisiert, aber mit diesem Motiv, das unter dem Titel „Earthrise“ in die Geschichte eingegangen ist, hatte der Fotograf der Weltraummission nicht gerechnet.

Dass Bill Anders trotzdem auf den Auslöser der einzigen mit einem Farbfilm ausgerüsteten Hasselblad-Kamera an Bord drückte, hat unser Bild der Erde für immer verändert. Der von strahlendem Blau geprägte Heimatplanet hat sich in das Bewusstsein der Menschheit eingeschrieben.

Nicht wenige sehen „Earthrise“ als den Beginn der Umweltbewegung, und immer wieder wird das Motiv von Apollo 8, Kassette 14/B, als das vermutlich einflussreichste Umweltfoto der Geschichte bezeichnet. Auch deshalb, weil es so klar und komprimiert wie nie zuvor zeigte, was die Erde einmalig macht: eine scheinbar unendliche Masse von Wasser.

Blick aus dem Weltall
WASSERSPUREN

Die Flusslandschaft auf Island sieht aus der Vogelperspektive nahezu künstlerisch aus.

Doch Bilder können auch in die Irre führen. Wäre die Erde ein Basketball, würde alles Wasser in einen Tischtennisball passen. Alle verfügbaren Süßwasserressourcen wären nicht mehr als ein Popcorn. Und wäre das Wasser der Welt eine Badewanne, könnte man das erreichbare Trinkwasser in ein Schnapsglas füllen. Süßwasserreserven bilden lediglich 2,53 Prozent des irdischen Wassers. Und nur 0,3 Prozent sind als Trinkwasser zu erschließen.

JackCook vom Woods Hole Oceanographic Institute hat sich, zusammen mit den US-Wissenschaftlern Adam Nieman und HowardPerlman, die bekannten Wassermassen des Planeten vorgenommen und in eine Illustration übersetzt. Sie zeigt eine wasserlose Erde, und daneben schwebt eine Kugel durchs All, die das irdische Gesamtvorkommen an Wasser – es sind 1,3 Milliarden Kubikkilometer – repräsentiert. Sie ist so klein, dass man die Illustration schnell für einen Fake hält. Doch es stimmt.

Zwar bedecken Ozeane, Seen und Flüsse über 70 Prozent des Globus, aber im Vergleich zur Masse an Gestein und anderen Stoffen macht das Wasser wegen des relativ geringen Tiefgangs der Gewässer dann doch einen recht geringen Teil aus. Die Illustration zeigt ebenfalls die für Menschen, Tiere und Pflanzen lebensnotwendigen und potenziell erreichbaren Süßwasserreserven, das Popcorn – nicht eingerechnet sind die zwei Drittel Süßwasser, die in den Gletschern und Polregionen gebunden sind. Mehr ist nicht da, um 7,5 Milliarden Menschen am Leben zu halten. Wird es auf Dauer reichen?

Es fällt leicht, sich im Nachdenken über das Wasser hoffnungslos zu verlieren. Auf der Erde hat es alles möglich gemacht. Es ist um uns, in uns, mit uns und für uns, wohin wir auch schauen. Im ganzen Universum, überall Spuren von Wasser. Auf der Erde ist es die einzige Verbindung, die natürlicherweise in allen drei Aggregatzuständen vorkommt: als Eis, als Gas und als Flüssigkeit.

Dass alles Leben aus dem Wasser stammt, ist Allgemeingut. Vor der Geburt schwimmt der menschliche Embryo in einer meeresgleichen Flüssigkeit. Sie besteht zu 96 Prozent aus Wasser. Der kindliche Körper besteht zu über 70 Prozent aus Wasser, im Laufe des Lebens dehydriert er dann auf rund 50 Prozent. Aber immer gilt: Ohne Flüssigkeit, ohne H₂O findet kein Prozess im menschlichen Körper statt. Alle Zellen bestehen überwiegend aus Wasser, jeder Transport von Nähr- und Abfallstoffen, der Blutkreislauf, die Drüsen, die Lunge, die Gelenke, die Augen – nichts im menschlichen Körper funktioniert ohne Wasser.

Die Sintflut ist allgegenwärtig

Wasser, dieser Wunderstoff, ist dazu angetan, unsere Phantasie zu beflügeln und unseren Erkenntnisdurst zu löschen. Thalesvon Milet, dem man nachsagt, er habe in den Himmel geblickt und sei dabei in einen Brunnen gefallen, hat trotz seiner Tollpatschigkeit vor rund 2600 Jahren das Zeitalter des wissenschaftlichen Denkens begründet. Da der Philosoph nichts Schriftliches hinterlassen hat, kann man nur spekulieren, wann und wie er zu der Überzeugung gekommen ist, dass alles Leben seinen Ursprung im Wasser habe. Vielleicht vor der Haustür, beim Blick über das herrliche Ionische Meer, vielleicht aber auch am feuchten Boden des Brunnens.

Intuitiv lag er richtig. Und nicht weit entfernt von den großen Weltreligionen, die alle dem Wasser eine zentrale Bedeutung bei der Schaffung des Menschen und der Natur zusprechen. Und das ist auch kein Wunder.

Menschliches Leben ist untrennbar mit dem Wasser verbunden. Es ist existenziell. Vor zehntausend Jahren, als unsere Vorfahren ihre nomadische Existenz gegen die Sesshaftigkeit eintauschten, siedelten sie dort, wo Süßwasser verfügbar war, an den Flüssen und Seen. Und damit wurde Wasser zum wichtigsten Akteur im Drama des Überlebens. Denn Flüsse können, wenn der Kreislauf von Verdunstung und Regen aus dem Takt gerät, austrocknen oder über die Ufer treten.

Dürren und Fluten sind Urängste der Menschen, die ihren Eingang in fast alle Weltreligionen gefunden haben. Die Sintflut ist Thema der allerersten Überlieferungen, die wir von den frühen Zivilisationen im Zweistromland kennen. Die Epen der Sumerer gingen in die jüdischen, christlichen und islamischen Vorstellungen der Genesis ein. Indische, chinesische und selbst indianische Mythen verfügen über eigene Sintflut-Erzählungen.

Wasser bedeutet Macht

In Roman Polanskis Film „Chinatown“ (1974), vor einigen Jahren noch von britischen Kritikern zum besten Kriminalfilm aller Zeiten gewählt, gräbt der Spekulant Noah Cross, gespielt von John Huston, den Farmen um Los Angeles das Wasser ab. Dann kauft er billig das Land und wartet darauf, dass die wachsende Stadt es ihm teurer wieder abkauft . Das Drehbuch, ursprünglicher Titel war „Wasser und Macht“, basiert auf den California Water Wars, die im frühen 20. Jahrhundert in der Heimat der Traumfabrik Hollywood zu Korruption, Verbrechen und dem Niedergang ganzer Täler führten. Bis heute ist das Thema Wasser in Kalifornien höchst kritisch.

Zuletzt drückte eine seit 2011 dauernde Dürre auf die Region, die nicht nur Hollywood, sondern auch das Silicon Valley beheimatet. Immer wieder stoßen hier die Interessen von Städtern, Farmern und Firmen aufeinander. Gerade erst berichtete die „New York Times“ über das kleine Städtchen Weed in Nordkalifornien. Eine Holzfirma reklamiert die Trinkwasserquelle der Stadt als ihr Eigentum und will nun das Wasser an eine Mineralwasserfabrik verkaufen. Die Bürger von Weed sollen sich ihr Wasser gefälligst woanders besorgen. Dabei gehören die USA zu den wasserreichsten Nationen der Welt, eigentlich sollte hier Wasser kein Problem darstellen. Eigentlich.

Kalifornien ist überall. Auch Hamburg liegt wegen des Wassers im Clinch mit der Nordheide. „Water Wars“ hat sich als Begriff für eine Reihe von Konflikten etabliert, die weltweit vor sich hin köcheln. Die Meldungen hierzu häufen sich: Zwischen Indien und Pakistan, Tadschikistan und Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan, Jordanien und Saudi-Arabien und in vielen anderen Weltregionen. Noch sind es meist kalte Kriege, die ihr gefährliches Potenzial zum Glück noch nicht voll ausleben. Schon 1985 prophezeite UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali: „Der nächste Krieg in Nahen Osten wird um das Wasser geführt, nicht aus politischen Gründen.“ Die Voraussage ist bekanntlich nicht eingetroffen, aber deshalb ist die grundsätzliche Prognose nicht falsch.

Trinkwasser als Grundrecht

Als in „Chinatown“ Detektiv J. J. Gittes (Jack Nicholson) den Bösewicht Noah Cross fragt, was ihn zu seinen Verbrechen antreibt, bekommt er die Antwort: „Die Zukunft, Mr. Gittes, die Zukunft!“ Trinkbares Wasser ist Zukunft. Und auf dem Blauen Planeten ein knappes Gut. Laut UNICEF und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben derzeit 663 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberen Trinkwasserquellen und 2,5 Milliarden Menschen keine angemessene Sanitärversorgung. An den daraus resultierenden Krankheiten sterben mehr Kinder als an Malaria, Masern und Aids zusammen. Der Wassermangel befeuert nicht nur Konflikte, er lässt Potenziale brachliegen, die für die Gestaltung einer besseren Welt fehlen.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass Frauen weltweit mehr als 40 Milliarden Stunden damit verbringen, Wasser herbeizuschaffen. Unzählige Mädchen gehen in den ärmsten Ländern nicht zur Schule, weil sie den ganzen Tag mit der Suche nach Wasser beschäftigt sind. Was für eine Verschwendung. Die Vereinten Nationen haben 2010 die Resolution 64/292 verabschiedet, die den Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitärversorgung als ein Grundrecht anerkennt.

Die UN-Entscheidung wird langfristig wirken und für mehr Engagement der Weltgemeinschaft sorgen. Ein Euro Investition in diesem Bereich, so die Bundesregierung, kann das Bruttoinlandsprodukt in Entwicklungsländern um acht Euro steigern. In Sachen Trinkwasser ist übrigens schon sehr viel passiert. Nach Schätzungen von UNICEF haben heute 91 Prozent aller Menschen Zugang zu sauberem Wasser, das sind 2,6 Milliarden mehr als noch 1990.

Doch kaum gibt es Hoffnung auf der einen Seite, droht schon wieder eine ganz andere Gefahr: der Klimawandel. Mit dem Schmelzen der Eisschichten in Grönland und der Antarktis und mit der größeren Ausdehnung des Wassers in den sich erwärmenden Ozeanen steigt der Meeresspiegel unumkehrbar an. Und er bedroht die Orte, an denen sich die meisten Menschen ballen, die großen Megametropolen an der Küste: New York, Los Angeles, Rio, Mumbai, Shanghai, Hongkong, Tokio, Sydney, Lagos, Jakarta, Singapur und viele andere.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Meeresspiegel bereits um 20 Zentimeter gestiegen. Die Gefahr, weite Teile dichtbesiedelter Küsten an das Meer zu verlieren, ist innerhalb bestimmter Korridore weitgehend berechnet. Laut Weltklimarat steigt der Meeresspiegel mit zunehmender Geschwindigkeit. Sie liegt derzeit bei über drei Millimetern pro Jahr, mehr als doppelt so schnell als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das ist eine Sintflut im Zeitlupentempo, aber eine mit Ansage.

Hat ein neues Zeitalter begonnen?

Indem Menschen aber auch gelernt haben, mit Dürre und Flut zu überleben, hat sich eine Welt entwickelt, die sich nur scheinbar von ihren natürlichen Bedingungen, oder sollte man sagen: Quellen, emanzipiert hat. Wissenschaftler debattieren gerade hitzig darüber, ob wir bereits in einem neuen Erdzeitalter leben, dem Anthropozän.

Quelle
CHANCEN-Cover

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2016 „Die Macht des Wassers”.

Zur Ausgabe

Merkmal der „Menschenzeit“ ist, dass die Veränderungen auf dem Planeten nicht mehr durch natürliche Einflüsse, etwa Wind und Wasser, sondern durch menschliche Tätigkeit vorangetrieben werden. Dazu zählt auch die Verschmutzung und Zähmung der Flüsse, der Bau von Bewässerungskanälen über Hunderte von Kilometern, die Auszehrung von Grundwasservorkommen und Aquiferen, die gewaltige Urbanisierung mitsamt ihrer Infrastruktur, am Ende auch der Klimawandel mit dem Verlust von Gletschern und Küsten.

Für Deutschland ist die vom Menschen verursachte Grundwasserverschmutzung das größte Problem – in einem Drittel der Bundesrepublik durch Nitrate, im Ruhrgebiet durch das Erbe des Bergbaus. Während die Zivilisation also Stück für Stück den Planeten überformt, bleibt das Wasser – wie zu allen Zeiten – ein kritischer Aspekt. Es bleibt das Medium des Seins und des Werdens, aber auch ein Katalysator der Erkenntnis und eine ständige Mahnung an die Riskanz des Lebens. Oder wie Bill Anders gesagt hat: „Oh mein Gott, schaut euch das an!“

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Montag, 24. Juli 2017