Öffentlicher Nahverkehr für indische Großstadt
Klimawandel

Klimawandel

„Wir bringen Expertise mit“

Kein Länder-Portfolio der KfW ist so groß wie das von Indien. Dabei bilden die Energiefrage, eine nachhaltige Stadtentwicklung sowie der Umwelt- und Ressourcenschutz die Kernbereiche. KfW-Vorstandsmitglied Professor Dr. Joachim Nagel spricht über die Projektarbeit in Indien.

Zur Person
Joachim Nagel in Indien

Professor Dr. Joachim Nagel ist Mitglied des Vorstands der KfW und Vorsitzender des Aufsichtsrates der KfW IPEX-Bank und der KfW-Tochter DEG.

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Herr Nagel, Sie sind zum dritten Mal in Indien gewesen. Was hat Sie bei Ihrem jüngsten Besuch besonders beeindruckt?

DR. JOACHIM NAGEL: Immer wieder fallen die extremen Gegensätze auf. Manchmal fühlt man sich ans Mittelalter erinnert, manchmal ist man mitten im 21. Jahrhundert. Noch immer leben laut World Poverty Clock etwa 50 Millionen Menschen in absoluter Armut. Aber: Indien ist nicht mehr das Land mit den meisten extrem armen Menschen auf der Welt, das ist inzwischen Nigeria, wo es sogar 90 Millionen sind.

Das Indienportfolio ist das größte Länderportfolio der KfW. Erklärt sich das ausschließlich aus der Größe des Landes?

Das Land hat riesige Wachstumsraten und ist auf dem Weg, sich positiv zu entwickeln. Aber es produziert auch bereits die dritthöchste Kohlendioxidmenge aller Länder in der Welt. Es ist also in unser aller Interesse, dass wir Indien mit nachhaltigen Finanzierungen in Klimaschutz und Infrastruktur in seinem Wachstumsprozess begleiten.

Metro Nagpur
Stadtentwicklung

Auf acht Kilometern verlaufen Fahrbahnen und Trassen in Nagpur auf zwei oder gar vier Ebenen: Dort fährt über der Straße die Eisenbahn, noch eins höher verläuft die Autobahn, und ganz oben liegen die Metrogleise.

Allein in den Jahren von 2013 bis 2017 hat die KfW vier Milliarden Euro in Projekte investiert. Das sind annähernd 30 Prozent aller Mittel der finanziellen Zusammenarbeit mit Indien in den vergangenen 60 Jahren. Wie erklärt sich die starke Steigerung?

Die Klimaziele spielen dabei eine große Rolle. Wir haben aber auch zusätzliche Mittel von der Bundesregierung bekommen. Ich muss das immer wieder betonen: Wir sind im Auftrag der Bundesregierung unterwegs. Die KfW ist insofern ein Teil dessen, was die Bundesrepublik bei der Entwicklungszusammenarbeit umsetzen möchte. Außerdem ist es wichtig zu verstehen: Nur ein kleiner Teil der in Indien eingesetzten Mittel kommt aus dem Bundeshaushalt. Der weit überwiegende Teil wird – wie in anderen Schwellenländern auch – von der KfW selbst refinanziert.

Wo liegen die Schwerpunkte der Zusammenarbeit mit Indien jetzt und in der Zukunft?

Die drei Hauptthemen, in die auch das meiste Geld fließt, sind nachhaltige Stadtentwicklung, Energie und Umwelt- und Ressourcenschutz. Die Schwerpunkte setzt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und greift dabei auch auf den Sachverstand der KfW und der anderen Durchführungsorganisationen zurück. Bei diesen drei Kernbereichen wird es wohl auf absehbare Zeit bleiben.

Öffentlicher Nahverkehr für indische Großstadt
Sonnenenergie

Die Metro in Nagpur setzt auf Solarenergie. Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Stationen und Solarpaneele entlang der Trassen sollen 65 Prozent des insgesamt für den Betrieb der Bahn benötigten Stroms erzeugen.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung, mit der Vergrößerung der Mittelschicht wachsen auch die ökologischen Probleme.

Das war auch meine Wahrnehmung während der Reise, bei der wir uns beispielsweise Projekte der alternativen Stromerzeugung, des energieeffizienten Wohnungsbaus oder der Infrastruktur wie die Metro in Nagpur angeschaut haben. Um sieben Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt in Indien in den vergangenen Jahren im Schnitt gestiegen. So eine Entwicklung geht einher mit steigendem Energiebedarf. Umso wichtiger ist es, dass wir uns weiter engagieren. Bei allen von der KfW finanzierten Projekten achten wir auf die Einhaltung der Umweltstandards. Aber das wird allein nicht reichen. Das Land muss natürlich auch selbst einen erheblichen Beitrag leisten.

Dabei scheint es in Indien schwierig zu sein, Kapital für langfristige Investitionen aufzutreiben. Hat der indische Bankensektor da ein grundsätzliches Problem?

Der Anteil der notleidenden Kredite liegt bei 12, 13 Prozent. Das ist relativ viel. Im Euroraum strebt man Zahlen von unter fünf Prozent an. Schwache Banken aber halten sich von langfristigen Finanzierungen fern, weil sie sich nur zu sehr teuren Konditionen am Markt refinanzieren können.

Was bedeutet das für die KfW?

Die indische Notenbank hat das Problem erkannt. Es gibt jetzt mehr Transparenz in den Bankbilanzen. Entwicklung kann nur funktionieren, wenn der institutionelle Rahmen stimmt. Dazu gehört auch ein robuster Finanzsektor. Entwicklungsbanken wie die KfW können einen Beitrag leisten, aber das allein reicht am Ende nicht aus.

Metro Nagpur
Starthilfe

Etwa zwei Drittel der Kosten für den Bau der Metro in Nagpur hat die KfW finanziert.

Das Metroprojekt in der Millionenstadt Nagpur ist zur Hälfte von der KfW, die einen Kredit über 500 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat, und von der französischen Entwicklungsbank AFD, die mit 130 Millionen dabei ist, finanziert worden. Hätte es ohne diese beiden europäischen Institute keine Metro in Nagpur gegeben?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre die Finanzierung außerordentlich schwierig geworden. Wir heilen da quasi eine Art Marktversagen, da wir als Entwicklungsbanken in die längerfristige Finanzierung reingehen können. Aber wir bringen über das Geld hinaus auch viel Expertise mit.

Was heißt das?

Die KfW ist 70 Jahre alt und macht seit 60 Jahren Entwicklungszusammenarbeit. Kaum eine Entwicklungsbank hat eine solche Erfahrung. Nehmen Sie Nagpur. Das ist ja nicht unser erstes Metroprojekt. Wir geben nicht einfach nur Geld. Wir sorgen zum Beispiel für eine optimale Integration mit anderen Verkehrsmitteln, fördern auch den nicht motorisierten Verkehr, der im indischen Kontext oft vernachlässigt wird, und denken neue Lösungen mit, wie Elektromobilität und die Nutzung von Solarenergie. So was ist ausschlaggebend für den Erfolg eines schienengebundenen Systems. In besonderem Maße sorgen wir auch für die Einhaltung höchster Sozial- und Umweltstandards.

Stahlwerk Rourkela in den späten 50er Jahren
Anschub

Mit einem Kredit über 200 Millionen D-Mark finanzierte die KfW den Bau des Stahlwerks in Rourkela – das erste Engagement der KfW in Indien.

Wie können Sie die kontrollieren?

Wir sind zum Beispiel in sämtliche Vergaben von Lieferungen und Leistungen eingebunden. Für die Umsetzung der Vorgaben finden außerdem regelmäßige Besuche vor Ort statt. Dabei kommt uns zugute, dass unser Büro in der Hauptstadt Delhi mit 18 Beschäftigten unser größtes Auslandsbüro ist. Die Kolleginnen und Kollegen sind immer wieder draußen bei den einzelnen Projekten.

Eine halbe Milliarde Euro allein für die Metro für Nagpur. Ist das ein Ausreißer oder werden die Kreditvolumina für einzelne Projekte noch größer?

Ich bin sicher, dass wir noch größere Investitionen eingehen werden.

Das erste Engagement der KfW in Indien war ein Kredit über 200 Millionen Mark für den Bau des Stahlwerks in Rourkela. Was hat sich seit damals in der finanziellen Zusammenarbeit geändert?

Damals hieß es noch Entwicklungshilfe, heute machen wir ganz andere Arten der Finanzierung. Man muss mit allen Ländern, mit denen man Entwicklungszusammenarbeit macht, auf Augenhöhe sprechen. Die Länder wissen, wo sie hinwollen.

Wann wird Indien den Status eines Schwellenlandes verlassen?

Das ist noch eine relativ lange Wegstrecke. Für China rechnet man damit, dass es bis 2030 so weit ist. Das Pro-Kopf-Einkommen der Chinesen ist aber fünf Mal höher als das der Inder.

Wie beurteilen Sie das Engagement der deutschen Wirtschaft in Indien?

In der Rangliste der bilateralen Außenhandelsbeziehungen Deutschlands mit anderen Staaten liegt Indien auf Platz 26. Nimmt man die Größe des Landes, ist da noch Potenzial. Man kann die deutsche Industrie nur ermuntern, sich den indischen Markt anzuschauen.

Ist die Entwicklungszusammenarbeit mit Indien beispielhaft für andere Portfolios der KfW?

Ja. Und eins wird mir mehr und mehr klar: Bundesregierung und KfW sind mit dem, was sie im Ausland tun, ein Aushängeschild für unser Land. Das gilt exemplarisch auch für Indien.

Dr. Joachim Nagel
„Man kann die deutsche Industrie nur ermuntern, sich den indischen Markt anzuschauen.“

Dr. Joachim Nagel, KfW-Vorstandsmitglied

KfW-Delegation an Metrostation
Prestige-Projekt

Eine Delegation der KfW besichtigt eine bereits fertiggestellte Metro-Haltestelle in Nagpur.

Waren Sie privat schon mal in Indien?

Noch nicht, aber ich möchte das Land mit meiner Familie besuchen. Mein erster Aufenthalt dort war ein sehr besonderer. Ich kam von der Bundesbank zur KfW, und meine Vorgänger bei der KfW meinten, ich solle mal kennenlernen, was Entwicklungszusammenarbeit heißt. Und so schickten sie mich für zehn Tage nach Indien. Erst war ich in Mumbai, später in Pune. Dort habe ich durch die Vermittlung der Salesianer Don Boscos ein paar Tage bei einer Familie in einer Hütte in einem Slum mit 150.000 Einwohnern gelebt. Der Mann arbeitete irgendwo im arabischen Raum und schickte Geld nach Hause, seine Frau putzte in einer Schule, der Sohn fuhr mit dem Moped Kreditakten für eine Bank aus. Ich habe Indien bei diesem Aufenthalt von seiner brutalen, aber auch von seiner herzlichen Seite erlebt. Und ich habe erfahren, was Entwicklungszusammenarbeit leisten muss. Dass es am Ende darum geht, für die Menschen und vor allem für die Kinder Perspektiven zu schaffen.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Donnerstag, 17. Januar 2019

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