Günther Bräunig im Gespräch mit Klimatologin Friederike Otto
Klimawandel

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„Wir müssen erheblich ins Klima investieren“

Friederike Otto kann Extremwetterereignisse mit dem Klimawandel in Verbindung bringen – oder Zusammenhänge ausschließen. Ihre Daten helfen Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Justiz. Mit der Klimatologin diskutierte der KfW-Vorstandsvorsitzende Günther Bräunig in Oxford.

Zur Person
Klimatologin Friederike Otto

Dr. Friederike Otto leitet das Environmental Change Institute an der Universität Oxford. Geboren 1982 in Kiel, studierte sie Physik und Philosophie in Berlin. Als Mitbegründerin der sogenannten Attributionsforschung ist sie zu einer der gefragtesten Klimaforscherinnen der Welt geworden. In ihrem Buch „Wütendes Wetter“ (Ullstein Verlag, 238 Seiten, 18 Euro) erklärt sie ihre Beobachtungen des Klimawandels.

Hierzulande haben viele Menschen erst durch die beiden Dürresommer 2018 und 2019 bemerkt, dass der Klimawandel nichts Abstraktes und Fernes ist, sondern ganz konkret auch bei uns passiert. Welches Extremwetterereignis hat Ihnen die Augen geöffnet, Herr Bräunig?

Bräunig: Als Skifahrer habe ich schon seit vielen Jahren in den Alpen mitverfolgt, wie die Gletscher abschmelzen und ihre Form verändern. Allerdings hat das noch nichts mit mir gemacht. Das Gefühl, dass wirklich auch bei uns der Klimawandel stattfindet, kam in der Dürrezeit 2017 auf. Im Mittelmeerraum herrschten Temperaturen von bis zu 47 Grad, Wälder brannten, extreme Wolkenbrüche zerstörten ganze Dörfer, viele Menschen starben. Da ist mir erst bewusst geworden, dass wir mit dem Klimawandel auch ein anderes Wetter bekommen.

War 2017 auch für Sie ein besonderes Jahr, Frau Otto?

Otto: Ja, auch wir haben die Hitzewelle zwischen Mai und August 2017 als totales Extrem wahrgenommen. Sie war ein absoluter Game Changer, durch den klar wurde, dass der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit für solche Ereignisse um mehrere Größenordnungen erhöht hat. Auch wir wurden überrascht.

Bräunig: An welche Wetterereignisse werden wir uns denn hier bei uns gewöhnen müssen?

Otto: An heiße, regenlose Sommer und warme, frostlose Winter. Die Regenfälle hingegen werden regional und saisonal sehr unterschiedlich sein. Für Nordeuropa beispielsweise haben wir deutlich mehr Winterniederschläge berechnet. Für den Rest von Europa gilt: Was ein 100-Jahres-Regenereignis war, ist jetzt ein 70-Jahres-Ereignis – also immer noch ein „Once in a lifetime“-Ereignis. Die Hitzewellen werden jedoch zur sommerlichen Normalität werden.

Zur Person
Günther Bräunig im Gespräch mit Klimatologin Friederike Otto

Dr. Günther Bräunig ist seit 2018 Vorstandsvorsitzender der KfW. Er hat sich vorgenommen, die Bankengruppe zu einem Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit zu machen und den Anteil des „grünen Geschäfts“ Schritt für Schritt zu steigern.

Bitte erklären Sie an dieser Stelle einmal, wie Sie in der noch jungen Attributionsforschung, die Sie mitbegründet haben, grundsätzlich arbeiten.

Otto: Wir berechnen Zusammenhänge und Wahrscheinlichkeiten. Wir schauen uns die Daten eines speziellen Extremwetterereignisses an, das jetzt gerade passiert ist – also in einer Welt mit Klimawandel –, und vergleichen es mit der Welt ohne Klimawandel. Wir wissen ja genau, wie viel Treibhausgase seit Beginn der industriellen Revolution zusätzlich in der Atmosphäre gelandet sind, und können so aus den Klimamodellen diese zusätzlichen Treibhausgase herausrechnen. Damit simulieren wir eine Welt, die genauso ist wie heute – nur ohne den menschengemachten Klimawandel.

Bräunig: Und diese beiden Welten vergleichen Sie?

Otto: Ja. Wenn wir dann herauskriegen, dass die Wahrscheinlichkeit für ein Wetterereignis, für das wir uns interessieren, in der Welt ohne Klimawandel genauso hoch ist, kann man sagen: „Okay, der Klimawandel spielt keine Rolle!“. Aber wenn wir feststellen, dass das, was heute ein 30-Jahres-Ereignis ist, in der Welt ohne Klimawandel im Schnitt nur alle 300 Jahre auftreten würde, können wir sagen, dass sich aufgrund des Klimawandels die Wahrscheinlichkeit verzehnfacht hat, und klare Verbindungen aufzeigen.

Ihre Studien bringen dadurch etwas mehr Verlässlichkeit in die aufgeheizte Klimadebatte.

Otto: Ja, es geht uns eigentlich darum, ein realistisches Bild dessen zu zeichnen, was Klimawandel bedeutet – einige Leute denken ja immer noch, es ist irgendwas, was sie nichts angeht. Andererseits gibt es auch die Fraktion, die sagt, dass die Menschheit in zwölf Jahren aussterben wird. Und das ist genauso wenig der Fall. Die Realität ist: Es gibt ein paar Hotspots, wo der Klimawandel ein echter Game Changer ist, aber es gibt eben auch eine ganze Menge Orte, wo der Klimawandel keine oder nur eine geringe Rolle spielt.

Günther Bräunig im Gespräch mit Klimatologin Friederike Otto

Friederike Otto und Günther Bräunig im Universitätspark von Oxford.

Wie können Entscheider in Politik und Wirtschaft, wie könnte Herr Bräunig von Ihren Ergebnissen profitieren?

Otto: Gerade wenn man weiß, wo die Verletzlichkeiten von bestimmten Ländern und Regionen liegen, kann man mithilfe unserer Forschung herausfinden, wie der Klimawandel auf das dortige Wettergeschehen einwirkt oder nicht einwirkt. Möchten Sie also Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel finanzieren, können wir Ihnen sagen, in welchen Fällen das angebracht ist und in welchen Fällen nicht.

Bräunig: An diesen Ergebnissen bin ich sehr interessiert. Aber wir tun natürlich auch jetzt schon eine Menge, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Wir haben uns beispielsweise eine „Roadmap Sustainable Finance“ verpasst, die festlegt, wie Nachhaltigkeit noch stringenter in Strategie und Steuerung der KfW verankert werden kann. Unsere Leitfrage dabei ist, wie wir zu einer dekarbonisierten Wirtschaft kommen und wie die Schritte dorthin aussehen.

Otto: Auch wann?

Bräunig: Den Zielpunkt haben wir noch nicht definiert.

Otto: Und die Milestones?

Bräunig: Wir sind gerade dabei, die Milestones festzulegen.

Otto: Mit Datum?

„Strukturwandel zu finanzieren, ist unsere primäre Aufgabe.“

Dr. Günther Bräunig, KfW-Vorstandsvorsitzender

Bräunig: Auch mit Datum. Aber wir versuchen immer, glaubwürdig zu sein. Im Finanzsektor finden sehr viele Ankündigungen statt. Da bin ich immer etwas vorsichtiger, denn wir wollen auch das liefern können, was wir ansagen. Was nicht ausschließt, dass wir auch mal ganz plötzlich überraschen können. Wie in diesem Sommer, als wir mit der Europäischen Investitionsbank und vier anderen europäischen Förderbanken ein Zehn-Milliarden-Programm für die Kreislaufwirtschaft verkündet haben. Sie müssen wissen: Wir stehen in Europa alle in einem intensiven Austausch über die Frage, wie wir das Paris-Abkommen von 2015, die Erderwärmung weit unter zwei Grad zu halten, in der Praxis gestalten. Wir definieren zum einen, was wir in Zukunft besonders finanzieren sollten, und zum anderen, wo wir aussteigen. Gerade Letzteres ist – das sage ich Ihnen ganz offen – keine einfache Diskussion, weil wir dort ins Spannungsfeld zwischen unserem Förderauftrag – der Förderung der deutschen Wirtschaft – und den Anforderungen des Klimawandels hineinkommen.

Otto: Ja, aber gerade wenn Ihr Auftrag lautet, die deutsche Wirtschaft zu fördern, könnte man doch ganz gezielt steuern. Der Klimawandel bietet der Wirtschaft ja auch große Chancen.

Günther Bräunig im Gespräch mit Klimatologin Friederike Otto

Natürlich befolgten Friederike Otto und Günther Bräunig die Anweisungen vor der Bibliothek im „Radcliffe Camera“-Rundbau.

Bräunig: Ja, das tun wir, deswegen gehen wir weltweit ganz stark in die erneuerbaren Energien. In Indien gestalten wir die Energiewende ins Solarzeitalter mit. In Marokko haben wir das größte Solarkraftwerk der Welt mitfinanziert. Mit Krediten von uns entstehen in Argentinien oder Serbien riesige Windparks. Wir finanzieren im Jahr ein Neugeschäft von etwa 75 Milliarden Euro. Davon sind 40 Prozent allein nur für Klima- und Umweltschutz. So eine Bilanz hat keine andere Bank. Strukturwandel zu finanzieren ist unsere primäre Aufgabe – ob der nun von der Digitalisierung veranlasst ist oder eben vom Klimawandel. Ich bin davon überzeugt, dass wir in den nächsten 20 Jahren erheblich ins Klima investieren müssen. Die europäischen Entwicklungsbanken werden da eine große Rolle spielen.

Otto: Das sehe ich auch so. Man hört ja immer wieder, dass Deutschland allein das Weltklima nicht retten kann. Wer das sagt, dem muss man entgegnen, dass das Problem ohne Deutschland auch nicht gelöst wird. Gerade Deutschland und Europa
müssen erst einmal Vorbilder sein – auch wenn natürlich andere Länder mitziehen müssen. Natürlich mischen sich in die globalen Bedrohungsszenarien auch nationale Egoismen und die Frage der Politik: Wie erkläre ich das meinen Wählern?

Fraglos kann jeder einzelne durch sein Konsum- und Mobilitätsverhalten das Klima schützen. Aber verstehen Sie auch Leute, die sagen, dass das im Vergleich zu den Hauptverursachern des Klimawandels – nur 100 Unternehmen sind für 70 Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich – wenig nutzt?

Otto: Sie sprechen von den sogenannten Carbon Majors, der fossilen Brennstoffindustrie, die im Moment leider überhaupt nicht Teil der Klimadiskussion ist. Dabei muss es darum gehen, das globale Energiesystem so zu verändern, dass es nicht mehr auf dem Verbrennen fossiler Brennstoffe aufbaut. Und solange man die Carbon Majors da nicht mit drin hat, solange wird sich auch nichts ändern. Allerdings: Natürlich kann jeder einzelne sehr viel tun. Indem man zum Beispiel die Nachfrage fürs Bahnfahren erhöht. Indem man seine Wählerstimme keiner Partei gibt, für die das Klimathema keine Rolle spielt. Indem man mit seiner politischen Vertretung interagiert und den Abgeordneten seines Wahlkreises nervt. Indem man überlegt, wo man sein Geld anlegt. Indem man schaut, ob man die Schule seiner Kinder nicht CO₂-neutral machen kann. Es muss darum gehen, Institutionen zu verändern, und das können einzelne Menschen auch. Hauptversursacher wie Exxon Mobil müssen von anderen verändert werden. Im Moment fragt die keiner, ob sie nicht ihr Geschäftsmodell ändern können. Und natürlich tun sie es nicht, wenn man mal nett fragt. Gerade Sie können ja so etwas beeinflussen, Herr Bräunig.

Bräunig: Ja, die Finanzindustrie ganz generell kann und wird solche Branchen beeinflussen. Für mich das beste und interessanteste Beispiel ist, dass Norges, der große norwegische Staatsfonds, angekündigt hat, aus allen Corporates auszusteigen, deren Geschäftsmodelle zu mehr als 30 Prozent von fossilen Energien abhängen. Das wird auch die Geschäftsmodelle der Majors verändern, davon bin ich fest überzeugt.

Otto: Aber je mehr Regierungen und deren Staatsfonds sich Norges offen anschließen, desto schneller verändern sich die Geschäftsmodelle der Energieunternehmen.

Günther Bräunig im Gespräch mit Klimatologin Friederike Otto

„Ich bin eine hoffnungslose Optimistin“, sagt Friederike Otto. „Es kann sich in kurzer Zeit auch auf ganz großer Skala unglaublich viel tun.“

Bräunig: Der Trend ist unterwegs. In der Finanzindustrie überschlagen sich im Moment die Investoren und Asset-Manager mit Botschaften darüber, was sie alles in Zukunft nicht mehr machen wollen. Sie können natürlich nicht von heute auf morgen aus allem rausgehen, aber ich glaube schon, dass der Finanzsektor im Moment dabei ist, zu erkennen, welche Verantwortung er auch hat. Wobei ich immer sage: Die Finanzindustrie allein wird den Klimawandel nicht bewältigen können. Dazu bedarf es auch klarer politischer Entscheidungen.

Frau Otto, Sie sagen, dass Sie mit Ihren Studien nicht nur der Politik wertvolle Fakten zum gezielteren Handeln liefern, sondern auch der Juristerei – weil bestimmten Unternehmen eine bezifferbare Schuld am Klimawandel zugerechnet werden kann.

Otto: Ja, unsere Attributionsstudien können zu zentralen Bausteinen zukünftiger Klimaklagen werden. Dabei dreht es sich um den Anteil, der sich einem Konzern oder einem Staat an einer Dürre, einer Überschwemmung oder einem Wirbelsturm zuweisen lässt.

Glauben Sie, dass in Zukunft Konzerne und Staaten häufiger verklagt werden?

Otto: Ja. Es passiert ja schon jetzt. Jedes Jahr werden viele Hundert Klagen angestrebt. Bisher ist noch keine gewonnen worden, aber es werden Prozesse geführt, und die Geschädigten bekommen so international Gehör. Ein gutes Beispiel ist die Klimaklage des peruanischen Bauern Saúl Luciano Lliuya, der sein Heimatdorf von den Fluten eines abschmelzenden Gletschers bedroht sieht und dafür dem deutschen Energiekonzern RWE eine Mitschuld gibt. Es wird nicht leicht für ihn, aber die Beweisaufnahme läuft noch. Es ist eine Frage der Zeit, wann die erste Richterin den Mut hat, solchen Klagen recht zu geben.

Was halten Sie als gelernter Jurist davon, Herr Bräunig?

Bräunig: Ich halte es für schwierig, die Kausalitäten vor Gericht nachzuweisen. Ich glaube, wir sind alle „CO₂-Täter“. Wichtig ist, dass wir uns heute mit dem neuen Bewusstsein, dass das globale Klimasystem auf der Kippe steht, anders verhalten müssen. Das kann man auch von allen irgendwie erwarten. Mich interessiert, was wir nach vorne gerichtet tun können und nicht die nach hinten gerichtete Schuldfrage.

Otto: Natürlich sollte der juristische Weg keine anderen Maßnahmen ersetzen. Was er aber leisten kann, ist, solchen „Carbonators“, die ihr Geschäftsmodell nicht umstellen, Druck zu machen. Denn wenn eine realistische Drohung besteht, verklagt zu werden, dann hilft dies, den Umbruch zu beschleunigen. Darin sehe ich den eigentlichen Zweck.

Können Sie uns trotz der zum Teil düsteren Klimaprognosen mit einem guten Gefühl entlassen?

Otto: Oh, ich bin eine hoffnungslose Optimistin. Schauen wir allein auf die vergangenen zwölf Monate. Was hat sich in dieser kurzen Zeit alles verändert! Man spricht plötzlich ganz anders über den Klimawandel. Sehr, sehr viele Menschen akzeptieren, dass das ein wichtiges Thema ist und dass Veränderungen, die jetzt angegangen werden müssen, positiv zu bewerten sind. Andere gesellschaftliche Errungenschaften geschahen auch sehr plötzlich. In meiner Kindheit durfte es quasi keine Schwulen geben, jetzt haben wir die Ehe für alle. Es kann sich in kurzer Zeit auch auf ganz großer Skala unglaublich viel tun. Es gibt überhaupt keinen Grund anzunehmen, dass uns das nicht auch mit dem Klimathema gelingen kann.

Warum sind Sie zuversichtlich, Herr Bräunig?

Bräunig: Meine Lebenserfahrung hat mir gezeigt, dass man mit Optimismus immer weiterkommt als mit Pessimismus. Meine Zuversicht gründe ich auch darauf, dass man noch eine ganze Menge bewegen kann. Bevor wir das nicht versucht haben, gibt es keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Es gibt noch viel Luft nach oben.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Montag, 16. September 2019