Männer im Café am Wasserkraftwerk
Afghanistan

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Wasserkraftwerk als Attraktion

Für die Menschen der Region ist es eine Attraktion von großer Bedeutung. Regelmäßig machen sie Ausflüge zu der Baustelle im Nordosten Afghanistans. In der Nähe von Faizabad entsteht derzeit ein Wasserkraftwerk, das Strom für 15.000 Familien liefern soll.

Video: Das Wasserkraftwerk nahe Faizabad ist eine Attraktion für die Menschen der Region (KfW Bankengruppe/Breuer).

Auf einem Hügel außerhalb von Faizabad sitzen zwei Männer in einem improvisierten Café auf Teppichboden. Der Fußboden besteht aus Holzpaletten, das Dach aus einer Plane, die an Holzstelen befestigt ist. Die Männer tragen traditionelle afghanische Kleidung und trinken ungesüßten Tee. In der unwirtlichen Gerölllandschaft wirkt Afghanistan wie von gestern. Doch das, worauf die Männer schauen, passt nicht zum weitverbreiteten Klischee eines zutiefst traditionell geprägten Landes: Unter ihnen liegt ein reißender Fluss, mit dessen Kraft bald Elektrizität erzeugt werden soll.

Das Shorabak-Wasserkraftwerk, das hier gerade entsteht, ist eine Attraktion. Ein Mann aus der Region hat die Teestube im vergangenen Jahr eigens eröffnet, damit die lokale Bevölkerung einen Ort hat, von wo aus sie den Fortschritt des Baus beobachten kann. „Die meisten Menschen kommen am Freitag mit ihren Familien. Dann machen sie es sich hier richtig gemütlich, mit Picknick und so“, erzählt Ali Karakaya, der neben dem Café steht und ebenfalls auf die Baustelle blickt. Karakaya ist der verantwortliche Maschinenbauingenieur in Shorabak. Er arbeitet für das Unternehmen Fichtner, eine weltweit tätige Ingenieurgesellschaft für Infrastrukturprojekte. Gemeinsam mit dem afghanischen Ministerium für Energie und Wasser und der KfW, die das Projekt im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit bis zu 67 Millionen Euro unterstützt, überwacht das Unternehmen den Bau des Wasserkraftwerks.

Das Projekt ist von großer Bedeutung für die Region. Rund 30.000 Menschen leben in Faizabad, der Provinzhauptstadt von Badakhshan im Nordosten Afghanistans. Faizabad war in der Vergangenheit – und ist es teilweise noch heute – abgeschnitten vom Rest des Landes. Noch immer gibt es wenige gepflasterte Straßen, keine Industrie – und vor allem kaum Elektrizität. Die staatliche Strombehörde versorgt die Bevölkerung nur zwischen sechs und zehn Uhr am Abend. Wer außerhalb dieser Zeiten Strom braucht, ist auf Generatoren angewiesen. Das ist nicht nur schlecht für die Umwelt, da die Generatoren mit Diesel betrieben werden, es führt auch zu Einbußen in der Wirtschaft, denn der so gewonnene Strom ist teuer: 45 Afghani, rund 50 Eurocent, kostet eine Kilowattstunde in Faizabad. In anderen Teilen Afghanistans ist die Kilowattstunde schon für rund sieben Afghani zu haben, also gerade mal acht Eurocent.

Eynollah mit seinem Generator-Fahrrad

Weil es tagsüber keinen Strom gibt, hat der Schweißer Eynollah an sein Fahrrad einen Generator montiert.

Strom für 15.000 Familien

Zu welchen Problemen die schlechte Versorgung führt, zeigen Männer wie der Schweißer Eynollah. Er betreibt eine kleine Werkstatt am Stadtrand von Faizabad. Wenn er Metall löten will, muss er dafür fast immer den Generator anwerfen. Für Arbeiten bei Kunden zu Hause hat er eine besondere Konstruktion: An seinem Fahrrad ist ein Generator montiert, mit dem er durch die Stadt fährt. „Wir haben viele Schwierigkeiten wegen der Generatoren“, sagt Eynollah, „sie sind laut, schmutzig und vor allem teuer.“ Neulich habe er wieder einen Job absagen müssen, weil er mit dem schweren Generatorfahrrad nicht den Berg hinauf zum Haus seines Kunden gekommen sei. Viele Menschen, sagt er, können sich seine Arbeit außerdem nicht leisten. „Ich muss immer den Strom in meine Preise einberechnen. Wenn wir in Zukunft Strom aus der Wasserkraftanlage bekommen, können wir mehr und günstiger produzieren. Das kommt uns Arbeitern zugute, den Kunden und natürlich auch der Wirtschaft.“

„Es ist das wichtigste Infrastrukturprojekt der letzten Jahrzehnte in der Region.“

Abdul Basir Waseeq, Oberhaupt des Ältestenrats in Faizabad

15.000 Familien soll das Wasserkraftwerk künftig rund um die Uhr mit Strom versorgen, zu umgerechnet fünf Eurocent pro Kilowatt. Die Schleusen sind bereits fertiggestellt. Momentan wird die Dachkonstruktion gebaut und alles vorbereitet, um die drei Turbinen einzusetzen, die die Kraft des Wassers künftig in Strom verwandeln werden.

Der Ältestenrat von Faizabad im Rathaus.

Mitglieder des Ältestenrats von Faizabad bei einer Versammlung im Rathaus. Sie organisierten Proteste, als es unter anderem wegen zu hoher Kosten zu einem Baustopp kam.

Ältestenrat protestierte gegen Baustopp

Dass der Bau inzwischen reibungslos verläuft, ist für die Menschen in der Region eine Erleichterung. Denn kurz nachdem das Kraftwerk im Jahr 2014 beschlossen und 2015 mit dem Bau begonnen wurde, kam das Projekt zum Stillstand. Grund dafür waren geologische Fehleinschätzungen und unerwartete Mehrkosten. In der Bevölkerung verbreitete sich das Gerücht, das Projekt werde abgebrochen. Das wollten die Menschen verhindern und fingen zu kämpfen an.

Einer von ihnen war Abdul Basir Waseeq, Oberhaupt des Ältestenrats in Faizabad. Er nennt die Wasserkraftanlage „das wichtigste Infrastrukturprojekt der letzten Jahrzehnte in der Region“. Gemeinsam mit Bürgern, Aktivisten und Lokalpolitikern organisierten die Ältesten Proteste, suchten die Diskussion mit der Regierung und übten Druck auf Kabul aus. „Seit über 40 Jahren gibt es Pläne für die Anlage“, sagt Abdul Basir Waseeq, „wir wollten eine weitere Verzögerung auf jeden Fall verhindern.“ Am Ende hatten die Demonstranten Erfolg. Und das Ministerium für Energie und Wasser schickte einen Ingenieur aus Kabul, der zwischen Regierung und lokaler Bevölkerung vermitteln sollte. Dieser arbeitet eng mit den Ingenieuren von Fichtner zusammen.

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Wie Ali Karakaya ist er zuversichtlich, dass ab jetzt nichts mehr schieflaufen wird. Er schaut auf die Baustelle und auf die 189 Arbeiter, die hier in Containern wohnen und in der afghanischen Nachmittagssonne baggern, isolieren, montieren. „Ich denke, dass wir im Dezember 2020 mit unseren Arbeiten fertig sein werden“, sagt Karakaya. Dann werden die Männer auf dem Hügel zwar ihr Baustellenspektakel verlieren, aber eine ganze Region an Möglichkeiten gewinnen.

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 20. Februar 2020.