Arvey - Tragbares Stromsystem für erneuerbare Energien
Erneuerbare Energien

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Steckdose to go

Elektrische Geräte benötigen Strom. Doch wie kann er erzeugt werden, wenn keine Energiequelle in der Nähe ist? Jürgen Zinecker hat eine mobile Steckdose entwickelt: Arvey liefert und speichert Strom unterwegs – mit der Kraft der Sonne. Die Jury des KfW Award Gründen 2017 hat sein Unternehmen AXSOL dafür als Landessieger Thüringen ausgezeichnet.

Ein tragbares Stromsystem

Zu Besuch beim Landessieger Thüringen des KfW Award Gründen 2017: Arvey macht Strom aus regenerativen Energien mobil (KfW Bankengruppe/n-tv).

Jürgen Zinecker parkt sein Auto am Rande eines Feldweges. Weit und breit gibt es hier nur Äcker und viel freien Himmel. Er schaut sich um: „Im Haus haben wir ja immer Strom, aber hier draußen sind wir aufgeschmissen.“

Dann holt er Arvey aus dem Kofferraum. Das Gerät aus Stahl und Aluminium ist so groß wie zwei Schuhkartons, und dank eines Henkels sind die elf Kilo gut zu tragen. Die dazugehörige Kunststoffplatte mit Solarzellen erinnert an eine Yogamatte. Sie haftet magnetisch auf dem Autodach und kann mithilfe der Sonnenstrahlung 50 Watt erzeugen. Ein Kabel verbindet das Panel mit Arvey. Um draußen Strom zu haben, hat Zinecker Arvey erfunden.

Arvey hat mehrere Zugänge. Der Stecker eines Fernsehers kann hier ebenso angeschlossen werden wie ein USB-Stick. Natürlich kann Arvey Mobiltelefone aufladen. Zinecker führt vor, dass man parallel auch eine Bohrmaschine laufen lassen kann.

Arvey - Tragbares Stromsystem für erneuerbare Energien
Das Produkt

Nach zweijähriger Entwicklung ist das Gerät namens Arvey serienreif. Und sein Erfinder Zinecker stolz auf das Ergebnis.

Doch was passiert, wenn einmal keine Sonne scheint? Er hat mit der Frage gerechnet und nickt. „Das Besondere an Arvey ist, dass es einen großen Speicher gibt.“ Das Prinzip funktioniert so: Ein oder mehrere Panele erzeugen Strom in großer Menge. Alles, was vom Solarpanel kommt, wird direkt abgegeben, der Überschuss im Gerät gespeichert. Reicht die Energie für den Betrieb nicht aus, gibt der Speicher die Fehlmenge hinzu. Und wie bei einer großen Powerbank überbrückt das Depot die Zeit ohne direkte Energieerzeugung.

Was einfach klingt, hat eine lange Entwicklung hinter sich. Dabei kam Jürgen Zinecker seine Erfahrung zugute. Der Vermessungstechniker leitete viele Jahre die Geschäftsentwicklung eines führenden Navigationsgeräteherstellers, war Managementberater in der Maschinenbauindustrie und Geschäftsführer eines Softwareherstellers. 2012 gründet er sein Unternehmen AXSOL in Würzburg. Hier will er neue Technologien im Sektor Erneuerbare Energien zur Marktreife bringen. Arvey ist das erste Produkt des Unternehmens.

Arvey - Tragbares Stromsystem für erneuerbare Energien
Das Team

Entstanden ist die Idee in der Garage des Gründers, inzwischen ist das Team gewachsen.

Alles beginnt 2014 während der Ebola-Krise in Westafrika. Ein Freund Zineckers liefert zu dieser Zeit Desinfektionseinheiten an Hilfsorganisationen, sogenannte Autoklaven. Er berichtet von den Schwierigkeiten vor Ort: Im Stromnetz gibt es immer wieder Ausfälle von wenigen Sekunden. Dadurch schalten sich die Autoklaven ab und medizinische Geräte können nicht sterilisiert werden.

Jürgen Zinecker macht sich auf die Suche nach Alternativen und stellt fest: Es gibt keine. Das weckt seinen Erfindergeist. Er will ein Gerät konzipieren, das eine eigene, konstante Stromzufuhr mit Hilfe von Fotovoltaik liefert, also die direkte Umwandlung von Sonnenlicht in elektrische Energie ermöglicht. Die Garage wird zum Versuchslabor für das kleine Team. Autobatterien stapeln sich neben Solarpanelen, Kabeln und Schrauben. Nach einigen Wochen wird das 60 Kilogramm schwere System auf einen maßgeschneiderten Trolley geschnallt und nach Afrika verschifft. „Als ich erfuhr, dass alles prima funktionierte, wusste ich: Das ist eine heiße Spur!“, erinnert sich Zinecker. „Ich konnte mir so viele Anwendungsmöglichkeiten vorstellen.“

Arvey - Tragbares Stromsystem für erneuerbare Energien
Die Produktion

Die Herstellung erfolgt in Thüringen, hier ist der Hauptsitz des Unternehmens.

Nun konzentriert er sich ganz auf die Weiterentwicklung des Systems und stellt zusätzliche Mitarbeiter ein. Für ein marktfähiges Produkt musste der Prototyp zunächst sehr viel kleiner und leichter werden. Um wie viel genau, erfährt Jürgen Zinecker vom OBI-Chefeinkäufer: „Rund zehn Kilo darf es höchstens wiegen, damit man es aus einem Regal heben kann. Außerdem soll es in den Einkaufswagen passen und 80 Prozent aller Geräte, die in einem Baumarkt zu kaufen sind, betreiben können“.

Diese Herausforderung spornt den Gründer an. Aber er muss zunächst viele Rückschläge einstecken. In ganz Deutschland sucht er nach den geeigneten Batterien. Erst im Ausland wird er fündig und konfiguriert das Material für seine Zwecke. Da die Solarpanele eine große Menge Strom erzeugen sollen, muss auch die Technik im Innenleben von Arvey entsprechend stabil sein. Die Dicke der Kabel, die Systemspannung, die Batteriechemie – das Zusammenspiel und die Konfiguration dieser Komponenten ist anspruchsvoll. Auch muss alles nach deutschen Normen zertifiziert sein. Ein sinnvolles, aber teures Verfahren, das bei jeder Änderung wiederholt werden muss, zum Beispiel beim Einbau einer leistungsfähigeren Spule.

Arvey - Trabares Stromsystem für erneuerbare Energien
Das Innenleben

Das Innere Arveys gleicht einem Orchester, alle Komponenten müssen perfekt zusammenspielen.

Im Herbst 2016, das Gehäuse ist fast fertig, explodiert ein Handy in einem Flugzeug. Könnte das auch Arvey passieren? Statiker werden hinzugezogen. Sie konstruieren eine Hülle, über die ein Auto fahren kann und die einen Sturz ohne Verformung übersteht. Die Benachrichtigung des Prüflabors über den erfolgreichen Falltest hängt auch heute noch an der Wand im Büro. Im Frühjahr 2017 sind endlich alle Zertifizierungen abgeschlossen. Arvey ist serienreif.

Als Tüftler hat Jürgen Zinecker einen langen Atem. Auch als Gründer brauchte er viel Geduld: „Es ist schwer, Innovationen zu finanzieren, die nicht digital sind. Da fehlt in unserer Kultur auch ein wenig die Bereitschaft zum Risiko. Es gibt jede Menge Regeln und wer scheitert, verliert oft alles. Ich habe bestimmt mit hundert Interessenten gesprochen, die meiner Erfindung großes Potenzial bescheinigt haben. Aber die Finanzierung auf die Füße zu stellen, hat genauso lange gedauert wie die Entwicklung des Geräts.“

„Es ist schwer, Innovationen zu finanzieren. Und wer scheitert, verliert oft alles.“

Jürgen Zinecker, Gründer

KfW Award Gründen

Der KfW Award Gründen (ehemals GründerChampions) zeichnete im Oktober 2017 die 16 Landessieger und einen Bundessieger für ihre Geschäftsideen aus. Einen Überblick über alle Gewinner und weitere Informationen zum Wettbewerb finden Sie hier.

Mehr erfahren

Alles ändert sich, als der passionierte Jäger bei seinem Hobby den Bürgermeister von Bleicherode aus Thüringen kennenlernt. Dieser ist überrascht, dass Zinecker mit Arvey eine Heizmatte im Hochsitz betreibt, Licht und gekühltes Bier in der Jagdhütte hat. Er teilt die Begeisterung für die Erfindung aus Würzburg und unterstützt das Unternehmen. Die Beteiligungsgesellschaft des Landes finanziert das Vorhaben und Axsol verlegt den Hauptsitz nach Thüringen.

Mit der Hilfe für Afrika fing alles an. Axsol beliefert weiterhin Entwicklungsländer mit dem kleinen Bruder von Arvey. Diese Version nutzt als Speicher eine Autobatterie, da sie vor Ort leichter zu beschaffen ist. Der Solargenerator liefert in Flüchtlingscamps Strom, in Äthiopien und Indien hilft er den Menschen beim Aufbau von Mikro-Business. Jürgen Zinecker und seine Mitarbeiter erzählen auf Messen davon. So kommen sie ins Gespräch mit humanitären Hilfsorganisationen, das Interesse ist groß. Arvey kann für Licht bei Bergungsarbeiten in Katastrophengebieten sorgen, Blutkonserven kühl halten und die Akkus der Funkgeräte aufladen. Zudem ist Arvey mit rund 2.400 Euro inklusive Solarpanel vergleichsweise günstig.

Quelle
Cover CHANCEN „Innovation“

Der Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2018 „Innovation“.

Zur Ausgabe

Für den Gründer ist schon jetzt ein Teil seiner Vision wahr geworden. Er ist überzeugt, dass seine Erfindung in Zukunft selbstverständlicher Bestandteil der Energiegewinnung sein wird, sei es beim Camping oder auf unzugänglichen Baustellen. Arvey kann auch helfen, die Lebensbedingungen in ärmeren Ländern zu verbessern. Ein stolzes Lächeln ist zu sehen, als Jürgen Zinecker das Gerät wieder im Kofferraum verstaut.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Donnerstag, 25. Januar 2018