Geprächssituation zwischen Hartmut Jenner und Jörg Zeuner
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„Digitalisierung ist kein Hype“

Deutschland wird immer wieder Nachholbedarf bei der Digitalisierung attestiert. Was sind die Herausforderungen und Chancen der digitalen Transformation? Hartmut Jenner, Vorsitzender der Geschäftsführung des Weltmarktführers Kärcher, im Gespräch mit KfW-Chefökonom Jörg Zeuner.

Hartmut Jenner
Porträtfoto von Hartmut Jenner, Vorsitzender der Kärcher-Geschäftsführung

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Alfred Kärcher GmbH & Co. KG gehört seit 1991 zum Unternehmen und hatte verschiedene leitende Funktionen inne, bevor er 2001 die Leitung des Familienunternehmens übernahm. Hartmut Jenner stammt aus Winnenden, dem Kärcher-Stammsitz, und ist stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats des VfB Stuttgart.

Herr Jenner, Herr Zeuner, zu Beginn eine erste Einschätzung: Wie steht es um die Digitalisierung in der deutschen Wirtschaft, insbesondere im Mittelstand?

JENNER: Ich glaube, das Thema ist noch nicht in seiner ganzen Dimension auf dem Radar. Im Mittelstand hat zwar jeder davon schon gehört und sagt, ich mache da auch was, aber angesichts der disruptiven Technologien, die neue Geschäftsmodelle hervorbringen und etablierte Systeme ablösen, wird sich meines Erachtens noch sehr viel mehr bewegen müssen.

ZEUNER: Das ist auch das, was in einer repräsentativen Untersuchung der KfW herausgekommen ist. Die allermeisten machen zwar etwas, aber in der Breite tut die Mehrheit noch zu wenig. Je kleiner das Unternehmen, desto weniger wird getan. Und es sind immer noch zu niedrige Beträge, die investiert werden.

Die Zahlen besagen, dass die Investitionen in die Digitalisierung bei ungefähr zehn Milliarden Euro pro Jahr liegen. Ist das zu wenig?

ZEUNER: Den Betrag halte ich für zu gering, das macht uns auch Sorgen. Heruntergebrochen auf ein einzelnes mittelständisches Unternehmen sind das dann durchschnittlich 10.000 Euro. Mit 10.000 Euro habe ich vielleicht als Restaurant drei Tablets gekauft, mich an ein Online-Zulieferersystem angeschlossen und ein paar Stunden in die Ausbildung der Mitarbeiter investiert, dann ist das Geld verbraucht. Damit sind wir aber noch lange nicht bei Dingen wie Daten anders sammeln und verwenden, sie in der Produktion einsetzen, die Nachfrage vorberechnen und so weiter. Da müssen bei den Investitionen andere Dimensionen erreicht werden.

Dr. Jörg Zeuner
Dr. Jörg Zeuner im Porträt

Der Chefvolkswirt der KfW leitet die volkswirtschaftliche Abteilung der Bankengruppe. Mit seinen wirtschaftspolitischen Kommentaren greift Zeuner regelmäßig in aktuelle Debatten in Deutschland und Europa ein. Während seiner Laufbahn war er unter anderem mehr als zehn Jahre lang beim Internationalen Währungsfonds in Washington tätig.

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Kärcher bietet seinen Kunden bereits digitalisierte Geräte und öffnet sich für völlig neue Geschäftszweige. Sehen andere Unternehmen die Chancen nicht ausreichend?

JENNER: Ich muss Ihnen offen sagen, ich kann es gar nicht so genau beurteilen. Die Digitalisierung bietet für den Kunden einen erheblichen Mehrwert und stellt für das Unternehmen eine Riesenchance dar. Neue Technologien bedeuten aber auch eine Veränderung, das war bei der Einführung der IT vor 40 Jahren nicht anders. Manche Arbeitsplätze oder Ausbildungen wird es so nicht mehr geben, dafür entstehen andere. Veränderung ist immer ein Thema, vor dem Menschen ein bisschen Respekt oder sogar Angst haben, aber ich selbst sehe das nicht kritisch. Ich sehe eher die Chancen für die Unternehmen.

ZEUNER: Die Digitalisierungs-Diskussionen, die ich führe, sind auch nicht angstbesetzt. Das ist eine Technologie, mit der man sich beschäftigt, die aber noch nicht in allen Teilen so verstanden wird, dass man sich damit einhundertprozentig wohl fühlt. Unsere Umfragen zeigen, dass die Mehrzahl der Unternehmen dieses Thema aufgreift, um die Chancen wahrzunehmen, die diese Technologien bieten.

JENNER: Ich glaube, die Interaktion mit dem Kunden ist für den Hersteller etwas ganz wichtiges. Und das wird durch die Digitalisierung stark geprägt werden, und zwar positiv. Denn Volkswirtschaften entwickeln sich umso stärker, je näher der Hersteller am Kunden ist. Das können wir über Jahrzehnte, über Jahrhunderte nachvollziehen.

Im Gespräch

Dr. Jörg Zeuner trifft Hartmut Jenner in der Zentrale von Kärcher (KfW Bankengruppe/Thomas Schuch).

Angenommen, Tesla-Gründer Elon Musk würde sich entscheiden, nicht mehr in die Raumfahrt zu investieren, sondern in die Revolution des Hochdruckreiniger-Segments. Hätte er eine Chance, Kärchers Geschäftsmodell zu unterwandern?

JENNER: Fakt ist, dass wir solche Risiken bereits auf dem Radar haben. Keine Frage, es gibt disruptive Geschäftsmodelle, die uns gefährlich werden könnten. Wenn jemand mit viel Geld irgendein Geschäftsmodell angreift, sollte man das nie unterschätzen. Es wäre sehr arrogant zu glauben, dass man nicht gefährdet wäre. Auf der anderen Seite mache ich mir wenig Sorgen, weil wir das sehr gut durchgearbeitet haben, über viele, viele Workshops, auch mit Unterstützung durch Externe. Daraus haben wir nicht zuletzt sehr viele gute Ideen generiert. Ein solches disruptives Modell wäre etwa, dass man kein Produkt mehr verkauft, sondern eine Leistung anbietet. Im gewerblichen Bereich könnte der Kunde uns zum Beispiel nach gereinigten Quadratmetern bezahlen, also nach dem tatsächlichen Nutzen.

Hartmut Jenner steht im Experience Center
„Sie können nicht nur von Digitalisierung leben, man muss auch etwas herstellen.“

Hartmut Jenner, Kärcher-CEO

Das Unternehmen

Die Alfred Kärcher GmbH & Co. KG beschäftigt in 65 Ländern 12.000 Mitarbeiter. Das Produktportfolio umfasst Hochdruckreiniger, Kehr- und Scheuersaugmaschinen, Sauger und vieles mehr. Innovation ist für Kärcher wichtigster Wachstumsfaktor: Etwa 87 Prozent aller Produkte sind fünf Jahre alt oder jünger.

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ZEUNER: Da werde ich jetzt hellhörig, wenn Sie sagen, es wird nicht mehr ein Produkt verkauft, sondern eine Leistung. Das ist ein Thema, mit dem wir uns bei der KfW immer stärker auseinandersetzen, weil das Rückwirkungen auf die Finanzierung hat.

Wie meinen Sie das?

ZEUNER: Es wird dann Unternehmen geben, die sich in ihrer Bilanzstruktur und in ihrem Geschäftsmodell verändern. Einige werden weniger, andere sehr viel mehr Sachvermögen haben. Denn irgendeiner muss ja dann die Dienstleistung und die Beschäftigten auch zur Verfügung stellen. Der muss den Fuhrpark, in Ihrem Fall die Reinigungsmaschinen, vorhalten. Das wird die Finanzierungsstruktur der Unternehmen verändern, die die Dienstleistung dann in Anspruch nehmen, hin zur Betriebsmittelfinanzierung statt zur Finanzierung von Sachanlagen. Das ist für uns als Bank spannend, weil wir dann darauf achten müssen, wer welche Finanzierung benötigt.

Das Experiece-Center des Unternehmens Kärcher - halle mit großen Monitoren
Die Zukunft erleben

Im Experience Center präsentiert Kärcher seine neuesten Produkte voller digitaler Steuerungstechnologie.

Im Kontext der Digitalisierung ist der Begriff Industrie 4.0 überall präsent. Auch Kärcher hat die Produktion weitgehend automatisiert. Wie wichtig ist das für den Mittelstand?

JENNER: Das ist ein grundsätzliches Thema, weil es ein ganz anderer Denkansatz ist. Man geht jetzt von dezentralen intelligenten Strukturen aus, die vernetzt arbeiten. Das betrifft jede Industrie, egal welche Größe das Unternehmen hat. Heute kann jedes Bauteil intelligent gemacht werden.

ZEUNER: Der Begriff Industrie 4.0 legt nahe, dass der Prozess nur große Unternehmen mit einer vollautomatisierten Produktionsstraße betrifft. Deshalb holt er die Kleinen im Moment vielleicht nicht genug ab. Wir sollten da lieber über Digitalisierung sprechen, es aber genauso verstehen – als einen anderen Prozess, als eine andere Konstruktion, die dahintersteht.

Herr Jenner, Kärcher arbeitet sehr eng mit Amazon zusammen, sowohl im Vertrieb als auch bei der Auslagerung von IT-Prozessen in die Cloud. Ist das nicht ein Risiko? Begibt man sich da nicht in die Hände amerikanischer Tech-Multis?

Staunzahl - 10 Miliarden Euro investieren deutsche Mittelständler pro Jahr in die Digitalisierung

JENNER: Die Cloud als Basis-Technologie wird sich durchsetzen. Der große Vorteil ist, dass man niedrige Kosten hat, und man skaliert viel einfacher. Das ist ein sehr flexibles System, gut, schnell einsetzbar und kostengünstig. Und ich halte es auch für sicher. Auch wenn es ein gewisses Restrisiko gibt, gar keine Frage. Ich bin da nicht naiv. In der heutigen Zeit sind keine Daten hundertprozentig sicher. Man muss lernen, bis zu einem gewissen Grad damit umzugehen. Wir haben nicht nur einen Cloud-Anbieter, sondern nutzen mehrere. Dadurch haben wir eine gewisse Risikostreuung.

Herr Zeuner, steht Herr Jenner in der Wirtschaft nicht noch ziemlich allein mit dieser Auffassung?

ZEUNER: Was Datensicherheit betrifft, schon. Da würden viele andere Mittelständler vermutlich sehr viel vorsichtiger agieren. Wenn wir Unternehmen fragen, was ihnen bei der Digitalisierung Kopfschmerzen bereitet, dann wird oft die Datensicherheit genannt. Bei Cloud-Themen gibt es viel Unsicherheit. Das ist ein Grund, warum viele bei der Digitalisierung noch nicht so weit sind, wie sie gerne wären. Ein anderer wichtiger Grund ist mangelnde IT-Kompetenz, sowohl im Management als auch bei den Mitarbeitern.

Digitaler Wandel

Die KfW hat ein „Themen kompakt“ mit Texten, Videos, Grafiken und Zitaten zur Digitalisierung in Deutschland zusammengestellt.

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Wir haben, gerade hier in Baden-Württemberg, viele technologisch führende Unternehmen. Und vor der Tür steht eine junge Generation, die total digital ist. Warum funkt da nicht gerade irgendwas?

JENNER: Ich glaube, es funkt mehr, als es den Anschein hat. Wir haben aktuell drei Start-ups im Unternehmen. Wir haben auch Organisationsstrukturen, die junge Unternehmen analysieren. Wir führen gerade Gespräche mit rund zehn Start-ups. Das ist heute ganz wichtig für ein Unternehmen. Aber es gibt auch Hindernisse. Ich wohne in einem Dorf hier bei Winnenden. Was den Internetzugang betrifft, arbeite ich dort noch wie im Mittelalter. Ich bin viel in der Welt unterwegs, und ich habe manchmal in der größten Wildnis eine bessere Internetverbindung als in Deutschland.

Soundlabor aus dem Unternehmen Kärcher
Der gute Ton

Mehr als 950 Menschen arbeiten bei Kärcher in der Entwicklung. Zur Forschung gehört auch ein Soundlabor.

Eine adäquate Geschwindigkeit beim Internetzugang ist ja die Grundvoraussetzung, dass wir überhaupt arbeiten können. Und dann: Wie wird bei uns ausgebildet im Bereich Digitalisierung? Das in der Schule auszulassen, das halte ich nicht für richtig.

ZEUNER: Dem würde ich mich komplett anschließen. Man muss auch noch einmal darüber nachdenken, ob die flächendeckende Verteilung einer bestimmten Geschwindigkeit wirklich das Richtige ist. Wir werden Regionen haben, wo wir eine sehr viel höhere Datengeschwindigkeit brauchen, und andere, wo sie auch mal niedriger sein kann.

Wo stehen wir in zehn Jahren?

ZEUNER: Einen deutlichen Schritt weiter. Ich gehe davon aus, dass die Investitionsausgaben in dem Bereich steigen werden, und zwar schnell und vergleichsweise massiv. Die Mehrzahl der Unternehmen wird die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen und Schritt für Schritt in die Geschäftsmodelle einbauen.

Connected Cleaning

Insgesamt arbeiten beim Weltmarktführer für Reinigungstechnik mehr als 950 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung. Aus den Daten vernetzter Geräte generiert Kärcher neue „Connected-Cleaning“-Angebote wie das 2014 eingeführte Flottenmanagement „Kärcher Fleet“. Es hilft Reinigungsfirmen dabei, ihre Geräte zu lokalisieren, ihren Einsatz zu kontrollieren und so transparenter und effizienter zu machen. Es meldet auch Schäden an die Kärcher-Zentrale, sorgt für rasche Reparaturen und schlägt Alarm, wenn Geräte gestohlen werden. Im Jahr 2016 erzielte Kärcher mit 2,33 Milliarden Euro den höchsten Umsatz in der Unternehmensgeschichte.

Ich finde es beachtenswert, wie sich die Diskussion in Deutschland in den letzten zwei Jahren beschleunigt hat, und zwar in eine gute Richtung.

JENNER: Wo sind wir in zehn Jahren? Ich glaube, das Thema Digitalisierung ist kein Hype, sondern wird die Unternehmen verändern, das Kundenverhalten, auch das der Mitarbeiter. Wir werden in Zukunft anders arbeiten, wir bei Kärcher haben heute schon 500 Heimarbeitsplätze. Das hätte man sich vor zehn Jahren überhaupt nicht vorstellen können. Man muss aber nicht übertreiben. Manche scheinen zu glauben, der ganze Maschinenbau habe keine Zukunft mehr. Das halte ich für falsch. Sie können nicht nur von Digitalisierung leben, man muss auch etwas herstellen.

Welche Rolle wird der Standort Deutschland dabei einnehmen?

JENNER: Die eher assetlosen Digitalisierungskonzepte werden wohl weiterhin im Silicon Valley entwickelt werden. Aber es gibt dort keine breite Basis im Maschinenbau. Da wird es auch in Zukunft andere Weltregionen geben, die in diesem Bereich vorne sind. Dazu wird sicherlich Baden-Württemberg und ganz Deutschland gehören. Ich glaube an die Leistungsfähigkeit deutscher Firmen. Aber man darf Regionen wie Asien nicht unterschätzen

Quelle
Cover CHANCEN Erfolg in der digitalen Welt

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2017 „Erfolg in der digitalen Welt“.

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ZEUNER: Deutschland hat die Herausforderungen der Digitalisierung erkannt und geht diese aktiv an. Es wird daher seine Stärken, etwa im Maschinenbau, gegenüber anderen Regionen behaupten. Die Digitalisierung wird wesentlich dazu beitragen, dass Deutschland seine internationale Wettbewerbsfähigkeit aufrechterhält.