Schütze-Kreilkamp gestikuliert im Gespräch mit Jörg Zeuner
Demografischer Wandel

Demografischer Wandel

Fachkräfte finden und halten

In vielen Branchen gibt es schon jetzt zu wenig Fachkräfte. Mit welchen Mitteln lässt sich gegensteuern? Bahn-Personalentwicklerin Dr. Ursula Schütze-Kreilkamp und KfW-Chefvolkswirt Dr. Jörg Zeuner diskutieren über flexible Arbeitszeiten, Gesundheitsschutz, Wissensmanagement und Zuwanderung.

Zur Person
Schütze-Kreilkamp gestikuliert im Gespräch mit Jörg Zeuner

Dr. Ursula Schütze-Kreilkamp arbeitet bei der DB Mobility Logistics AG als „Leiterin Personalentwicklung Konzern und Konzernführungskräfte”. Davor war die promovierte Gynäkologin und Psychotherapeutin für den Lebensmittelhändler Rewe tätig.

In Deutschland nimmt die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2050 voraussichtlich um mehr als neun Millionen ab. Was bedeutet das für die Unternehmen?

URSULA SCHÜTZE-KREILKAMP Schon in den nächsten zwei Jahren wird die Zahl der Bewerber um Ausbildungsplätze deutlich sinken. Vor allem für Berufe, wo schwere körperliche Arbeit oder Schichtarbeit gefordert ist, wird es schwierig, Nachwuchs zu finden.

JÖRG ZEUNER Gleichzeitig verliert unsere Wirtschaft massiv Fachkräfte. In den nächsten Jahrzehnten gehen jedes Jahr im Durchschnitt 270.000 Personen mehr in Rente, als Junge nachrücken. Das entspricht jährlich der Hälfte der Belegschaft von Volkswagen Deutschland.

Studien zufolge hat erst ein Drittel der Unternehmen daraus die notwendigen Konsequenzen gezogen.

SCHÜTZE-KREILKAMP Mit solchen Umfrageergebnissen wäre ich vorsichtig. Deutsche Global Player verfügen sicherlich über andere Rekrutierungsmöglichkeiten als deutsche Mittelständler. Den Fachkräftemangel spüren sie jedoch gleichermaßen. Der Wettbewerb nimmt deutlich an Fahrt auf.

ZEUNER Trotzdem hat der Mittelstand einige Nachteile. Oft fehlt der Name, die Löhne sind geringer, die Standorte nicht immer so attraktiv. Auch das Rekrutieren im Ausland ist schwieriger.

Zur Person
Dr. Jörg Zeuner

Dr. Jörg Zeuner ist der Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe. Er stieß im September 2012 von der Liechtensteiner VP Bank zur Förderbank der Bundesrepublik Deutschland. Zuvor war Zeuner fast zehn Jahre für den Internationalen Währungsfonds (IWF) tätig. Der Ökonom lehrt „International Finance” an der Hochschule St. Gallen.

Mehr über Jörg Zeuner

Steht der Mittelstand schon als Verlierer des demografischen Wandels fest?

SCHÜTZE-KREILKAMP Trauen Sie dem Mittelstand ruhig mehr zu. Diese Unternehmen bereiten sich vielleicht noch nicht so systematisch auf den demografischen Wandel vor. Die Bindung der Mitarbeiter an den Betrieb ist jedoch oftmals viel stärker als in den Großkonzernen. In Familien- und Traditionsunternehmen fühlen sich die Mitarbeiter mitverantwortlich dafür, dass der Laden läuft.

ZEUNER Stimmt, die Flexibilität ist ein großes Plus. Ich glaube auch, dass die Mittelständler noch viel kreativer sein werden, als wir es uns derzeit ausmalen. Müssen sie aber auch sein. Am wichtigsten ist die Sicherung des Nachwuchses über die Ausbildung im eigenen Betrieb, und das rechtzeitig. Dafür stehen die Chancen im Prinzip gut. Neun von zehn Ausbildungsplätzen sind im Mittelstand.

Die Unternehmen verlieren mit ihren langjährigen Mitarbeitern auch Know-how!

SCHÜTZE-KREILKAMP Das ist für Mittelständler wie Großunternehmen gleichermaßen gefährlich. Umso wichtiger ist es, das Fachwissen im Unternehmen zu halten. In kleinen Unternehmen gibt ja in der Regel der Meister dem Lehrling sein Wissen weiter. Eine Idee, die wir bei der Deutschen Bahn entwickelt haben, sind die DB Senior Experts. Dabei handelt es sich um Fachleute, die das Ruhestandsalter erreicht haben und in altersgemischten Gruppen weiterarbeiten. Bei der DB treffen so mitunter vier Generationen zusammen.

Im Gespräch

Dr. Schütze-Kreilkamp und Dr. Zeuner im Austausch (KfW Bankengruppe/Thomas Schuch).

Sie plädieren für mehr Flexibilität. Da gibt es aber rechtliche Grenzen.

SCHÜTZE-KREILKAMP Flexibilität ist aber die einzige Chance, die wir haben. Damit wir sie nutzen können, brauchen wir den Gesetzgeber, der dafür die Voraussetzungen schafft. Außerdem brauchen wir klare Regelungen. Stellen Sie sich vor, es existiert eine starre Pensionsgrenze, jemand stellt sich trotzdem seinem langjährigen Arbeitgeber zur Verfügung und erleidet einen Arbeitsunfall – wer übernimmt die Verantwortung?

Mit welchen Konzepten außer den Senior Experts bereiten Sie sich bei der Deutschen Bahn auf den demografischen Wandel vor?

SCHÜTZE-KREILKAMP Ein Meilenstein ist sicherlich der zwischen uns und der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft geschlossene Demografietarifvertrag. Er ist im April 2013 in Kraft getreten. Im Kern geht es um flexiblere und lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle. Wir wissen zum Beispiel, dass Gleisbauer, Reinigungskräfte und Schichtarbeiter körperliche Schwerstarbeit nicht endlos leisten können. Deshalb bieten wir an, die Arbeitszeit auf vier Tage pro Woche zu reduzieren statt in den Vorruhestand zu gehen. Im Gegenzug zahlen wir 88,5 Prozent des Vollzeitgehalts. Das Modell wird bereits von mehr als 200 Kollegen genutzt.

Jörg Zeuner im Gespräch mit Schütze-Kreilkamp
„Wir müssen dafür sorgen, dass Beruf und Familie besser vereinbar werden.”

Dr. Jörg Zeuner

Gesundheitsschutz wird immer wichtiger?

SCHÜTZE-KREILKAMP Ja, weil das Durchschnittsalter der Beschäftigten steigt. Bei der Deutschen Bahn haben wir daher mit dem Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg CLARA entwickelt, ein Projekt zur Gesundheitsprävention, das die Mitarbeiter körperlich und geistig leistungsfähiger halten soll. Wir verfügen außerdem über ein breites Sportangebot und statten unsere Arbeitsplätze ergonomisch aus.

ZEUNER Das sind tolle Beispiele. Es wird aber nicht genügen, die Beschäftigten für eine längere Lebensarbeitszeit zu ertüchtigen. Wir müssen dafür sorgen, dass diejenigen, die arbeiten wollen, auch arbeiten können, und dazu vor allem Beruf und Familie besser vereinbar machen. Viele Frauen und Männer würden gerne länger arbeiten, wenn sie ihre Kinder und pflegebedürftigen Eltern gut betreut wüssten. Da sehe ich besonders die öffentliche Hand in der Pflicht. Aber auch ein größeres Angebot an Betriebskindergärten würde helfen.

SCHÜTZE-KREILKAMP Dem kann ich nur beipflichten. Die Zeit dafür ist überreif. Die Möglichkeiten der Unternehmen sind jedoch begrenzt. Betriebskindergärten sind sehr teuer. Großunternehmen können das schultern und tun es auch, viele Mittelständler hingegen nicht. Sie kooperieren daher vermehrt mit bereits existierenden sozialen Einrichtungen, etwa von Kirchen. Vermittlungsstellen helfen zudem bei der Suche nach Tagesmüttern, Kita-Plätzen oder Notfall-Babysittern.

Eine immer größere Rolle spielt auch die Betreuung alter Menschen.

SCHÜTZE-KREILKAMP Die wachsende Zahl alter Menschen in unserer Gesellschaft sorgt für zusätzliche Aufgaben in den Familien. Professionelle Pflegeeinrichtungen können sich nur wenige leisten. Diese Doppelbelastung trifft vor allem Frauen. Es stimmt, mehr Frauen müssen in Arbeit, speziell in Deutschland. Aber was sollen sie denn noch alles leisten? Es wird immer schwerer, Frauen für den Arbeitsmarkt zu gewinnen. Deshalb halte ich auch nicht viel davon, Mütter zu bezahlen, die sich allein auf Hausarbeit und Kinderbetreuung konzentrieren.

Schütze-Kreilkamp im Gespräch mit Jörg Zeuner
„Es stimmt, mehr Frauen müssen in Arbeit. Aber was sollen sie denn noch alles leisten?”

Dr. Ursula Schütze-Kreilkamp

Zeuner und Schütze-Kreilkamp debattieren angeregt
Zu wenige Fachkräfte

Der Chefvolkswirt und die Personalentwicklerin in der Debatte.

Kann eine andere Einwanderungspolitik unsere Probleme lösen?

ZEUNER Lösen nicht, aber verringern! Da sind sich die Experten einig: Wir brauchen Zuwanderung vor allem von gut ausgebildeten Fachkräften, um unseren steigenden Bedarf an Arbeitskräften zu decken. Und zwar insbesondere, wenn ab 2020 die Baby-Boomer in Rente gehen und weniger Junge in den Arbeitsmarkt nachrücken.

SCHÜTZE-KREILKAMP Einverstanden, aber wir müssen mit erheblichen Integrationsproblemen rechnen. Wir sind deshalb gut beraten, aus den Erfahrungen der 1960er und 1970er Jahre zu lernen. Was wir unbedingt brauchen, ist eine Willkommenskultur.

ZEUNER Ich wäre da nicht so pessimistisch, vor allem was den Mittelstand angeht. In kleineren Unternehmen geht es familiärer zu, da wird ein junger Spanier schon eher mal mit zum Fußball genommen. Dann ist er José und nicht mehr ein anonymer Einwanderer unter vielen. Das letzte Wort über die Integration der Zuwanderer der 60er und 70er Jahre, die vorwiegend aus der Türkei zu uns kamen, ist auch noch nicht gesprochen. Ganz wichtig ist, dass wir allen unseren Kindern dieselben Bildungs- und Einkommenschancen eröffnen.

Quelle
Cover CHANCEN Alter

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2014 „Alter”.

Zur Ausgabe

Warum ist es nicht möglich, die Produktivität pro Kopf derart zu steigern, dass wir mit weniger Beschäftigten unser heutiges Wohlstandsniveau halten können?

ZEUNER Die Bremswirkung aus der Bevölkerungsentwicklung wird so stark sein, dass dies über einen reinen Produktivitätsfortschritt nicht auszugleichen ist. Aber: Wir müssen natürlich alles tun, um die Produktivität zu steigern. Wir brauchen Innovationen, und die Basis dafür ist Bildung.

SCHÜTZE-KREILKAMP Und Weiterbildung! Die Innovationszyklen werden immer kürzer. Das setzt voraus, dass wir bereit sind, ständig dazuzulernen.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Mittwoch, 19. April 2017