Lagerhalle mit großen Containern, in denen Pflanzen lagern.
Klimaschutz

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Die Saat des Erfolgs

Das Berliner Unternehmen Infarm produziert nachhaltige Nahrungsmittel ohne chemische Pestizide und ohne lange Transportwege. Mit Growing Centern nah an Ballungszentren, kleineren Gewächshäusern in Supermärkten und Restaurants will das Unternehmen die Nahrungsmittelproduktion revolutionieren.

Gruppenportrait einer Frau und zwei Männern
Die Gründer von Infarm:

Guy Galonska (links), sein Bruder Erez und dessen Lebensgefährtin Osnat Michaeli.

Die Erdbeere ist perfekt – besser geht’s nicht. Sie ist fest, aber nicht zu fest; saftig, aber nicht zu saftig. Sie schmeckt süß, aber nicht zu süß. Und vor allem: Sie ist zu 100 Prozent ohne chemische Pestizide gereift, in einer Indoor-Farm. „Das ist extrem selten in der Erdbeerenwelt“, sagt Guy Galonska. „Erdbeeren wachsen nahe am Boden, sie haben eine dünne Haut, sind sehr süß, alle mögen sie, auch Insekten und Pilze. Deshalb sind sie meist voll von Pestiziden. Wie sie hier aufwachsen, das ist clean und unique.“

„Hier“ – das heißt in einem Growing Center des Berliner Unternehmens Infarm. Und Guy, sehr verbindlich, sehr zuvorkommend, sehr bestimmt, dezenter Vollbart und zurückhaltend gekleidet, ist einer der drei Gründer und Chief Technology Officer. Manche kennen Infarm von den vertikalen Gewächshäusern in der Obst- und Gemüseabteilung bei Metro, Kaufland, Edeka oder Aldi Süd. Dort wachsen vor den Augen der Kunden hauptsächlich Kräuter heran, die dann mehrmals in der Woche geerntet und mit Wurzeln verkauft werden. Zusätzlich beliefert das Unternehmen die Supermärkte auch direkt aus den Growing Centern. Zurzeit können die Märkte aus einem Katalog von über 75 verschiedenen Sorten wählen, von Kräutern wie Thai-Basilikum über Kräuterkeimlinge bis hin zu Salaten.

Demnächst kommen noch Pilze dazu. Und Erdbeeren. Und danach noch einiges mehr. Modular, cloudbasiert und datengesteuert optimiert. Mit derzeit mehr als 1.400 Farmen weltweit und einer Erntemenge von monatlich über einer Million Pflanzen will Infarm einer der großen Nahrungsmittelhersteller der Zukunft werden. „Wir bieten lokal angebaute, erntefrische Lebensmittel an. Damit möchten wir eine Lösung bieten für das Problem der weltweiten, oftmals instabilen Lieferketten mit langen, umweltschädlichen Transportkilometern“, sagt Guy. „Die industrielle Landwirtschaft ist für 17 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Wenn wir vor Ort produzieren, dann können wir uns darauf konzentrieren, den Geschmack und die Qualität zu optimieren und nicht die Haltbarkeit der Produkte über die Lieferwege hinweg. Und wir produzieren nachhaltig: Jede unserer Farmen verbraucht im Vergleich zur traditionellen Landwirtschaft 95 Prozent weniger Wasser, 95 Prozent weniger Bodennutzung und wir verwenden keine chemischen Pestizide. Unser Ziel ist es, eine CO2-neutrale Produktion zu erreichen.“

Neue Produkte und Prozeduren

Pflanzen in einem Gewächshaus
Wo alles beginnt

Auf der Farm werden verschiedene Parameter der sogenannten Growing Recipes getestet und optimiert.

Wir befinden uns in Berlin-Spandau, nahe dem Tegeler See, in einer alten Waschmaschinenfabrik von Siemens, die in den Neunzigern aufgegeben wurde. Am Eingang des Business Parks weisen Schilder zum Theaterstück „Die letzten Tage der Menschheit“. Darunter der Wegweiser zu Infarm, in die entgegengesetzte Richtung. Infarm betreibt hier seine Growing Farm seit Ende 2016, eines von 15 Centern weltweit. Rund 120 der 400 Mitarbeiter in Berlin arbeiten im R&D Department, Research and Development, und entwickeln neue Produkte und Prozeduren.

„Hier entsteht die neue Vielfalt“, sagt Guy. „Lebensmittelchemiker, Biologen, Agrarwissenschaftler und Datenspezialisten forschen an der besten Kombination von Luftfeuchtigkeit, Wasserzufuhr, Nährstoffen und von anderen Faktoren. Hier ist das Herz, wo alles beginnt.“ Guy führt durch das Labor und die Produktionshallen. Es ist warm, die Luftfeuchtigkeit erinnert an ein Gewächshaus und es liegt ein beständiges Brummen in der Luft. Im Labor stehen einige der gläsernen Hochregale, die Instore Farming Units, die auch in den Supermärkten stehen. Im Moment wachsen darin Melisse, Koriander, Salbei, Basilikum und Thymian, alles bereits im Sortiment von Infarm. Dennoch werden hier verschiedene Parameter der sogenannten Growing Recipes getestet und optimiert: Wie viele Saaten sind bei den unterschiedlichen Pflanzen nötig, wann werden sie am besten geerntet, welche und wie viele Nährstoffe brauchen sie, welche Lichtspektren, wie viel Wasser, wie hoch müssen Luftfeuchtigkeit und Temperatur sein?

Regale mit Pflanzen in einem hellen Container
Nach dem Hydrokultur-Prinzip

Die Pflanzen werden in Nährstofflösungen großgezogen.

Nach der Ernte werten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Nährstoffwerte, Ertrag und Geschmack aus, um so die optimale Kombination der Variablen zu ermitteln. Der komplette Prozess wird digital überwacht und gesteuert. „Bei jeder Pflanze sammeln wir ca. 50.000 Wachstums-, Farb- und Spektralpunkte“, sagt Elmien Heyneke, Team Lead Nutritional Biochemistry. Sie ist mit ihrem Team an den Prozessen von der Einführung neuer Pflanzen bis zur Bewertung der Haltbarkeit nach der Ernte beteiligt. „Wir arbeiten mit künstlicher Intelligenz und verarbeiten unglaubliche Mengen von Daten. Je mehr wir züchten, desto besser werden die Pflanzen.“

In eigens dafür vorgesehenen Testumgebungen werden die Pflanzen gezielt Mikroorganismen und Krankheiten ausgesetzt, um zu schauen, wie man diese am besten ohne chemische Pestizide bekämpfen kann. „Danach säubern wir die Kammern, desinfizieren sie und starten die Farm neu“, sagt Guy. Auch innovative Verpackungen werden hier entwickelt, Guy zeigt Pflanzentöpfe ohne Plastik, nur aus Papier, die schon bald in den Supermärkten stehen sollen.

Vertikale Farmen

Die Forschungsergebnisse können dann nicht nur auf die Instore Farmen in den Supermärkten, sondern auch auf die großen Farmen übertragen werden, sodass überall auf der Welt die gleiche Qualität erzeugt werden kann. In der ehemaligen Waschmaschinenfabrik stehen sieben dieser riesigen, zehn Meter hohen vertikalen Farmen, die Infarm modular aufbauen kann. Je nach verfügbarem Platz können eine oder mehrere Farmen errichtet werden, sechs Wochen dauert das nach Unternehmensangabe. Jeder Block ist eine eigene Farm, die auf 40 Quadratmetern Bodenfläche 500.000 Pflanzen im Jahr produziert – das entspricht laut Infarm einem Ernte-Äquivalent von 10.000 Quadratmetern Ackerland.

In den Infarm Growing Centern wachsen Kräuter, Salate, Blattgemüse und demnächst auch Pilze: Shiitake, Austernpilze, Seitlinge. Zukünftig auch Erdbeeren und andere Gemüse- und Obstsorten. Temperatur, Zufuhr von Wasser und Nährstoffen, Luftfeuchtigkeit und Licht werden exakt gesteuert, automatisierte Lifts greifen in vordefinierten Zeitabständen eigenständig die übereinander angeordneten Pflanzen-Trays, holen einzelne Paletten heraus und positionieren sie nach Bedarf um. Alles ist softwaregesteuert, die Pflanzen stehen nur in einer Nährlösung. Das Bewässerungssystem transportiert die Nährstoffe und recycelt gleichzeitig das Wasser. Jede dieser Units, so Infarm, spart gegenüber der traditionellen Landwirtschaft und im Vergleich zu ähnlichen Nutzpflanzen 10 Millionen Liter Wasser pro Jahr ein.

Das hat schon etwas von einem Science-Fiction-Film, wie hier die Nahrung der Zukunft hergestellt wird: ohne chemische Pestizide, mit den besten Inhaltsstoffen, in einem konsequent zu Ende gedachten und durchgeführten Wachstumsprozess – ohne all die Zufälle, die es in der Natur so gibt. Und somit auch unabhängig von klimatischen Veränderungen und mit einer garantierten Produktion 365 Tage im Jahr. Durch den lokalen Anbau werden zudem Risiken in der Lieferkette minimiert.

Vom Airstream zum Millionenunternehmen

Mitarbeiterin im Labor arrangiert Salate im Kühlschrank
Detailarbeit

In der Berliner Forschungszentrale werden die Produkte und Parameter optimiert, so dass in allen Instore- Farmen weltweit die gleiche Qualität garantiert werden kann.

2013 hat die Erfolgsgeschichte von Infarm begonnen, in einer WG in Neukölln. Guy Galonska, sein Bruder Erez und dessen Lebensgefährtin Osnat Michaeli waren von Israel nach Deutschland gekommen – „getrieben vom persönlichen Wunsch, gesunde Nahrung zu essen, frisch und direkt, und daraus ein Start-up zu entwickeln.“ Eigentlich wollten sie ein Restaurant eröffnen. In einem umgebauten Airstream-Wohnwagen machten sie ihre ersten Experimente mit Vertical Farming und Hydrokulturen. „Wir hatten noch keine Idee, in welche Richtung wir gehen wollten, fanden aber viel über die unterschiedlichen Märkte heraus und merkten ziemlich schnell, dass überall ein großer Bedarf nach kleineren Farmen bestand, die sich dazu eignen, im Supermarkt aufgestellt zu werden.“

In nur acht Jahren haben sie es geschafft, ein Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern weltweit auf die Beine zu stellen, das bereits mit über 300 Millionen Dollar finanziert wurde – und derzeit in elf Ländern tätig ist, darunter Deutschland, Frankreich, USA, UK, Kanada, Japan, Dänemark und ganz neu auch in Tschechien. Was war die wichtigste Entscheidung auf dem Weg dorthin? „Uns auf die Lebensmittelläden zu konzentrieren“, antwortet Guy. „Wir haben schnell gemerkt, dass es der beste Weg ist, um möglichst viele Menschen zu erreichen.“ Die erste Farm stand 2016 bei Metro in Berlin, ein Pilotprojekt, das schnell viral ging. Jetzt machen sie mit 30 der großen Lebensmittelhändler weltweit – darunter Aldi Süd, coop, Edeka, Safeway, Intermarché und Metro – circa 90 Prozent ihres Umsatzes und weiten die Zusammenarbeit mit Online-Lebensmittelhändlern aus.

Schnelles Wachstum braucht Kapital: „Infarm hat das Potenzial, die Nahrungsmittelproduktion nachhaltig zu revolutionieren. Das Team von Infarm hat uns von Anfang an überzeugt, wir sind mit Cherry Ventures seit der ersten Finanzierungsrunde investiert. Es ist ein Privileg zu sehen, wie sich Infarm von einer ambitionierten Gründung in einem Kreuzberger Hinterhof zu einem zentralen Akteur im Bereich Vertical Farming entwickelt hat“, sagt Filip Dames, einer der Gründungspartner des Berliner VC-Fonds Cherry Ventures, der seit 2017 an Infarm beteiligt ist und in dem KfW Capital investiert ist.

KfW Capital

KfW Capital investiert in deutsche und europäische Venture Capital-Fonds, die sich an Unternehmen in der Wachstumsphase in Deutschland beteiligen und so deren Kapitalbasis stärken.

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„Infarm ist ein tolles Beispiel dafür, wie gesellschaftlich und ökologisch drängende Probleme wie Ernährungssicherheit und Ressourceneffizienz durch die innovative Idee eines Start-ups adressiert werden können. Wir freuen uns daher sehr, mit einem erfahrenen Partner wie Cherry Ventures zusammenzuarbeiten und so jungen nachhaltigen Unternehmen die benötigte Finanzierung zur Verfügung zu stellen“, sagt Dr. Jörg Goschin, Geschäftsführer von KfW Capital.

„Farmen, in denen die Pflanzen direkt in den Supermärkten wachsen, hatte lange niemand sonst“, sagt Guy. „Jetzt gibt es einige wenige Nachahmer, aber wir sind die Einzigen, die weltweit vertreten sind und so schnell skalieren können. Nur Infarm ist in der Lage, ein weltweites Netzwerk aus vertikalen Farmen aufzubauen.“ Er blickt optimistisch in die Zukunft: „Jeder will essen. Und jeder will gutes Essen, bezahlbar und nachhaltig.“

Die Farmen werden dort platziert, wo der Weg zum Kunden möglichst kurz ist, um auch insofern möglichst umweltfreundlich zu sein. So versucht Infarm seine große Vision zu verwirklichen: die Nahrungsmittelproduktion zu revolutionieren. „Im Jahr 2050 werden voraussichtlich zehn Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben, sieben Milliarden davon in Städten“, sagt Guy. „Mit herkömmlicher Landwirtschaft können die nicht mehr ernährt werden. Unser Vertical Farming kann dabei helfen. Bis zum Jahr 2030 wollen wir 100 Growing Center errichten – das entspricht 1,5 Millionen Quadratmeter Ackerland.“

Veröffentlicht auf KfW Stories am 19. November 2021

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.