Theo Koll Ilustration
Kolumne

Kolumne

Liebeserklärung an die Briten

Der Journalist Theo Koll leitete acht Jahre lang das ZDF-Studio London. Trotz seines Umzugs nach Berlin wird er den Brexit-gebeutelten Insulanern treu bleiben.

Zur Person
Theo Koll

Theo Koll leitete acht Jahre lang das ZDF-Studio in London. Seit März 2019 ist er Chef des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlin.

Lady Astor, Churchills Lieblingsgegnerin, hat ihm irgendwann entnervt an den Kopf geworfen: „Sir Winston, wenn Sie mein Ehemann wären, dann würde ich Ihnen Gift in den Tee mischen.“ Worauf Churchill nur entgegnet haben soll: „Und wenn ich IHR Ehemann wäre – ich würde ihn trinken.“ In gewisser Weise erinnert dieser Schlagabtausch an die britische Brexit-Entscheidung: Nach einer langen und selten von großer Liebe getragenen Europa-Beziehung hat sich die Insel einen Tee verabreicht, der das Zeug zum Giftbecher hat.

Wir Anglophilen waren zwar schon immer vorgewarnt, wussten wir doch, dass Englisch die einzige Sprache ist, in der das Wort „ich“ – „I“ – immer großgeschrieben wird. Aber dass nun auch der bis dato sich eher pro-europäisch auswirkende Pragmatismus insel-ideologisch ausgeschaltet wurde, das schmerzt. Aber wie in der Liebe oder beim besten Freund: Der größte Unsinn wird geduldig mitgetragen.

Und obwohl natürlich auch ich den Brexit für eine Riesentorheit halte – und wir übrigens dringend daraus die Lehre allseits höherer Mehrheitsschwellen bei Referenden ziehen sollten –, tröste ich mich damit, dass wir auf einem langfristigen Zeitstrahl vielleicht dankbar sein werden, dass die Briten am Ende zwar deutlich ärmer sein werden, aber reicher an konservierten Eigenheiten, reicher als wir vernünftigen Integrationisten.

Denn was wäre die Welt ohne den geschliffenen britischen Sprachwitz – grausam reduziert auf die uns eher vertraute, bürokratisierte Form des erzählten Witzes.

Die Kolumne zum Hören

Genießen Sie Theo Kolls Text von ihm selbst vorgelesen (KfW Bankengruppe/Theo Koll).

In Großbritannien wird Humor nicht nur, wie ja auch bei uns, positiv bewertet, sondern die Abwesenheit von Humor wird sanktioniert. Wer im Parlament in seinen Reden keinen Humor beweist, der muss schon sehr gute Argumente vorweisen können. Das ist, wer die Debatten des Bundestages im Ohr hat, bei uns dann doch ein wenig anders. Was wäre unsere Welt ohne jenen Lord, der sich im Oberhaus nach dem Zwischenruf, er möge lauter sprechen, sofort entschuldigt: Er habe wirklich nicht damit rechnen können, dass jemand zuhöre.

Und wer sonst würde anlässlich des in London ausgetragenen Champions-League-Endspiels zweier deutscher Teams (Dortmund und Bayern) kommentieren, dass das doch ganz wunderbar sei, weil dadurch sichergestellt ist, „dass endlich mal wieder eine deutsche Mannschaft in Wembley verliert“. Die Humorkunst im Königreich ist die des schnell reagierenden, improvisierenden Floretts. Den Gegner treffen, ohne gleich klaffende Wunden zu schlagen. Verbunden mit einer großen Bereitschaft, über sich selbst zu lachen – das aber natürlich fußend auf einem unerschütterlichen Selbstvertrauen. Sollte der Brexit den langfristigen Erhalt dieser DNA sichern helfen, dann wäre es dem anglophilen Autor zumindest ein kleiner Trost.

Quelle
Cover CHANCEN Europa

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2019 „Wir sind Europa“.

Zur Ausgabe

Der irische Schriftsteller George BernardShaw hat Sir Winston Churchill eines Tages zwei Eintrittskarten geschickt für die Premiere seines neuen Theaterstücks. Daran befestigt eine kleine Notiz: „Bringen Sie einen Freund mit – wenn Sie einen haben.“ Churchill schrieb daraufhin zurück: Er könne an dem Abend leider nicht, aber Shaw möge ihm doch für die nächste Aufführung zwei Karten schicken – wenn es denn eine nächste Aufführung gäbe. Brexit hin oder her: Ich wünsche mir viele weitere Aufführungen mit britischer Beteiligung. Mein Zuneigungsabonnement gilt lebenslang.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Dienstag, 28. Mai 2019