Kolumne von Hans Zippert – Fortschritt und Innovation
Kolumne

Kolumne

Der Pömpel des Fortschritts

Unser Autor Hans Zippert macht sich Gedanken über die Auswirkungen von Innovationen auf sein Privatleben – und stellt sich dabei die Frage: „Was haben mir diese ganzen Neuerungen eigentlich gebracht?“

Der Autor

Hans Zippert schreibt seit fast zwanzig Jahren in der „Welt“ die Kolumne „Zippert zappt“.

Mehr erfahren

Auf der Suche nach Kinderfotos meines Sohnes stieß ich kürzlich auf mehrere Streifen nicht gerahmter Diapositive. Ich fand auch eine Kiste mit „100 Klapprähmchen mit Klemmfilmhalterung“ und mir war instinktiv sofort klar, wie man die handhabt. Im Fernsehen hieße das: „Was der Großvater noch wusste“. Die Erkenntnis schockierte mich.

Ich befinde mich anscheinend immer noch in einer Art analogem Höhlenmenschenstadium. Ich spreche hin und wieder Personen direkt an, statt über Facebook mit ihnen Kontakt aufzunehmen, was sicher hygienischer wäre. Und wo wir gerade dabei sind: Wenn der Abfluss verstopft ist, laufe ich in den Keller und hole ein Gerät, das wir familienintern Pömpel nennen, dessen korrekte Bezeichnung aber wohl Saugglocke lautet.

So ein Ding besaß schon meine Mutter, möglicherweise wurde ich damit sogar auf die Welt geholt, auch meine Großmutter wusste es zu handhaben und damit sind wir bereits im 19. Jahrhundert. Ich weiß, ich bin in dem gefährlichen Alter, in dem man häufiger darüber nachdenkt, ob früher nicht irgendwie doch alles besser war. Ich frage mich mindestens einmal pro Woche, sentimental seufzend, was mir diese ganzen Neuerungen eigentlich gebracht haben?

Die Kolumne zum Hören

Genießen Sie Hans Zipperts Text von ihm selbst vorgelesen (KfW Bankengruppe/Hans Zippert).

In den 90er-Jahren verlor ich für einen kurzen Moment das Vertrauen in die Vinylschallplatte und kaufte CDs, deren Plastikhüllen längst zersplittert und deren Daten in höchster Gefahr sind. Jetzt zahle ich auf Schallplattenbörsen Unsummen für seltene 90er-Jahre-Pressungen von Paul McCartney. Diese traumatische Erfahrung habe ich noch nicht verarbeitet. Hätte ich die CD einfach ignoriert, könnte ich meinen Kindern eine bessere Ausbildung finanzieren.

Es soll hier aber nicht der Eindruck entstehen, ich sei ein Ewiggestriger und erklärter Gegner des Fortschritts. Ganz im Gegenteil, ich wäre der Erste, der ein autonomes Auto kaufen würde. Da hätte ich endlich die Hände frei zum Kaffeetrinken, CD-Wechseln und Zeitunglesen. Außerdem könnte sich der Wagen jeden Morgen allein in den Stau stellen und zur Arbeit und zurück fahren, während ich entspannt weiterschlafe.

Ich bin sehr dafür, dass die Haushaltsgeräte immer smarter und miteinander vernetzt werden, damit der Toaster und der Entsafter dem Fernseher bei seiner Arbeit zuschauen können, während ich ungestört den „Ulysses“ lese. Ich warte sehnsüchtig darauf, dass endlich ein Mittel gegen Alzheimer gefunden wird, denn ich stehe schon heute verwirrt vor meiner Schallplattensammlung und frage mich, ob ich Paul McCartney unter „M“ oder unter „Beatles“ eingeordnet habe.

Quelle
Cover CHANCEN „Innovation“

Der Artikel ist erschienen in CHANCEN Frühjahr/Sommer 2018 „Neue Ideen erhellen die Welt“.

Zur Ausgabe

Ich würde es außerdem begrüßen, wenn es endlich eine vernünftige digitale Alternative für die Saugglocke gäbe, eine Pömpel-App. Denn die Saugglocke, die ich im Gebrauch habe, ist weit über dreißig Jahre alt, die Dinger sind anscheinend unzerstörbar, und wo die überall schon gewesen ist, das möchte ich mir jetzt nicht vorstellen. Viel lieber würde ich der diensthabenden Sprachassistentin Bescheid sagen, damit sie die entsprechenden digitalen Schritte einleitet und die Ursache der Verstopfung irgendwie up- oder downloadet. Oder mein Auto fährt von selber los und bringt mir einen Klempner.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Donnerstag, 9. August 2018