Christoph Kessler auf einem Straßenmarkt in Delhi
Corona-Pandemie

Corona-Pandemie

Abschied auf Zeit

Christoph Kessler, KfW-Bürochef in Delhi, kehrte im Sommer aus Sicherheitsgründen nach Hause zurück. Hier beschreibt er die besonders kritische Situation in Indien und erklärt, wie Deutschland dem Subkontinent bisher im Kampf gegen die Corona-Pandemie helfen konnte.

Christoph Kessler in einer Besprechung mit seinen Mitarbeiterinnen Nidhi Gupta und Sangeeta Agarwal in seinem Büro

Christoph Kessler, 63, im Büro im Haus der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit seinen Mitarbeiterinnen Nidhi Gupta und Sangeeta Agarwal. Die KfW Entwicklungsbank belegt dort eine Etage.

Seit einiger Zeit beobachte ich das Infektionsgeschehen in Indien von zu Hause in Deutschland aus. Die Corona-Situation in Delhi hatte sich zwar im Sommer etwas entspannt, doch im September verschlimmerte sie sich wieder. Sowohl in den Ballungsräumen als auch in den ländlichen Gebieten geht die Kurve erfasster Neuinfektionen steil nach oben. Die Verfügbarkeit von Krankenhausbetten für schwere Verläufe der Erkrankung bleibt unsicher.

Bis zu unserem unfreiwilligen Abschied Ende Juni waren meine Frau und ich mittendrin im Geschehen und erlebten auch am Abreisetag bizarre Situationen: Hunderte Passagiere warteten in weißen Einwegkitteln, mit Mundschutz und Gesichtsschild auf das Boarding. Schon vier Stunden vor Abflug mussten sie sich am Indira Gandhi International Airport einfinden, einem der geschäftigsten und hektischsten Flughäfen Asiens. Doch an diesem Tag waren die meisten Geschäfte zu, es gab nichts zu essen und nichts zu trinken. Trotzdem wirkten die Menschen erleichtert, denn die wenigen Lufthansa-Flüge, die Ende Juni von Delhi nach Deutschland gingen, waren online sofort ausgebucht.

Am 24. März hatte Premierminister Modi überraschend und mit nur vier Stunden Vorwarnzeit den Lockdown über das ganze Land verhängt, in derselben Woche ging das KfW-Büro in Delhi in den Homeoffice-Modus. Die registrierten Fallzahlen waren damals noch sehr niedrig in Indien. Man wollte frühzeitig reagieren, um die weitere Ausbreitung der Pandemie einzudämmen. Ein massiver Einbruch der Wirtschaft wurde dafür in Kauf genommen, mit verheerenden Konsequenzen vor allem für die Armen. Als der Druck seitens der notleidenden Bevölkerung immer größer wurde, blieb der Regierung Anfang Juni nichts anderes übrig, als die Wirtschaft wieder zu öffnen, obwohl noch kein Abflachen der Kurve in Sicht war. Im Gegenteil, die Zahl der Infizierten wuchs während der gesamten Lockdown-Periode langsam, aber beständig an. Sehenden Auges musste man zulassen, dass durch die Aufhebung des Lockdowns die Kurve erheblich steiler wurde.

Die KfW in Indien

In keinem anderen Land der Welt ist die KfW Banken­gruppe so engagiert wie in Indien. Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank, für den Christoph Kessler als Bürodirektor in Delhi tätig ist, die DEG sowie die KfW IPEX-Bank fördern vor allen Dingen den Aufbau einer nachhaltigen Infrastruktur. Das reicht von der Finanzierung des Schienenverkehrs über Stromtrassen, Solar- und Windparks bis hin zur Förderung von energieeffizientem Wohnungsbau, zu Umweltschutzmaßnahmen oder Verbes­serungen im Gesundheitswesen. Aktuell werden in Indien Projekte in Höhe von 10,7 Milliarden Euro unterstützt.

4,5 Millionen registrierte Covid-19-Infizierte in Indien

Als Leiter des KfW-Büros in Delhi und in Indien lebender Deutscher habe ich seit Beginn der Pandemie die Empfehlungen der Deutschen Botschaft genau verfolgt. Der botschaftseigene Regionalarzt schätzte die Situation noch Anfang Juni so ein, dass für Deutsche im Ernstfall durch Vermittlung der Botschaft ein Krankenhausbett einschließlich intensivmedizinischer Betreuung zugänglich wäre. Diese Einschätzung änderte sich am 12. Juni. Nun hieß es, selbst in Privatkliniken könne man nicht mehr mit einer angemessenen Behandlung rechnen. Daraufhin empfahl die Botschaft allen Deutschen, deren Anwesenheit vor Ort nicht unbedingt erforderlich ist, die sofortige Rückreise.

Drei Monate später liegt die Zahl der registrierten Covid-19-Infizierten in ganz Indien bei über 4,5 Millionen seit Ausbruch, über 75.000 von ihnen sind gestorben; gemessen an der Gesamtbevölkerung von knapp 1,4 Milliarden ein sehr geringer Anteil. Auch wenn gerade dieser Kennzahl in den Medien besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, ist unbestritten, dass die tatsächliche Zahl der Infizierten um ein Vielfaches höher liegt. Bis vor Kurzem wurden nur Patienten getestet, die schon Symptome einer Erkrankung aufwiesen, und selbst von dieser Gruppe ließen sich viele erst gar nicht testen – oft aus Angst vor den Maßnahmen der Behörden wie der Zwangsquarantäne in improvisierten Lagern. Stichproben von Mitte Juni lassen für die Hauptstadt Delhi auf einen Wert von über 30 Prozent der Bevölkerung schließen, die bereits infiziert sind oder waren. Immer stärker sind auch die ländlichen Regionen Indiens betroffen. Mit den zurückgekehrten Wanderarbeitern ist das Virus längst in den Dörfern angekommen. Die Infektionsraten gehen auch dort in die Höhe.

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Projektarbeit unter erschwerten Bedingungen

Für das KfW-Büro, das aufgrund der in der Hauptstadt gut ausgebauten Netzinfrastruktur verlässlich weiterfunktioniert, arbeiten 15 indische Kolleginnen und Kollegen. Sie sitzen nun zu Hause an ihren Rechnern und können sich gleichzeitig um ihre Familien kümmern. Bei jedem unserer wöchentlichen, seit März virtuell stattfindenden Office-Meetings frage ich zuallererst nach ihrem Gesundheitszustand. Glücklicherweise ist noch kein einziger Mitarbeiter an Corona erkrankt. Allein, wir merken: Wenn Videokonferenzen und Telefongespräche die physischen Meetings ersetzen, kommt der persönliche Kontakt zu den indischen Partnern zu kurz. Das muss für eine Übergangszeit wohl hingenommen werden. Auf Dauer werden die Geschäftsbeziehungen so allerdings belastet, denn gerade in Indien werden geschäftliche Treffen immer von Small Talk umrahmt. Dadurch entstehen Nähe und Vertrauen, auf die es ankommt, wenn unter Zeitdruck schwierige Kreditverhandlungen erfolgreich abgeschlossen werden müssen.

Porträt des KfW-Bürochefs von Delhi, Christoph Kessler
„Aufgrund der Pandemie verzögert sich die Durchführung der Projekte. Viele Baustellen stehen still.“

Christoph Kessler, KfW-Bürochef in Delhi

Solche Situationen sind nicht selten. Die KfW finanziert in Indien im Auftrag der deutschen Bundesregierung ganz überwiegend große Infrastrukturprojekte, in jüngerer Vergangenheit im Umfang von rund einer Milliarde Euro jährlich: Solarkraftwerke, grüne Stromkorridore, Metros, E-Busse, Fähren, Kläranlagen, um nur die wichtigsten Projekttypen zu nennen. Da kommen jedes Jahr eine Menge Verträge zusammen. Und wegen der vielen am Projekt beteiligten Stellen, die alle dem Kreditvertrag zustimmen müssen, ziehen sich die Verhandlungen.

Die Umspannstation in Hindupur

Die KfW finanziert zahlreiche Solarkraftwerke in Indien. Doch ohne Infrastruktur und Trassen ist jedes Solarkraftwerk unnütz. Bevor der Strom in die von der KfW ebenfalls mitfinanzierten Überlandleitungen fließt, muss er in Umspannwerken wie dem von Hindupur transportfähig gemacht werden.

Aufgrund der Pandemie verzögert sich nun auch die Durchführung der Projekte. Viele Baustellen stehen still oder laufen auf Sparflamme. Nehmen wir die grünen Stromtrassen, die nachhaltig gewonnenen Strom in die Ballungszentren übertragen sollen: Mitten in Rajasthan richtete ein indisches Bauunternehmen ein Arbeitscamp ein, um von dort aus über viele Kilometer Strommasten zu errichten, Umspannstationen zu bauen und Leitungen zu ziehen. Mit dem Lockdown Ende März wurde das Camp geschlossen. Die Arbeiter mussten sich in Quarantäne begeben, in einer großen Halle in der nächstgelegenen Kleinstadt. Dort harrten sie drei Monate lang aus, zwar notdürftig mit dem Lebensnotwendigen versorgt, aber ohne Arbeit und planbares Einkommen. Vor allem die Entfernung von ihren Familien in Bihar oder Uttar Pradesh macht vielen zu schaffen, trotz WhatsApp und gelegentlichen Telefongesprächen. Kein Wunder also, dass sich nach Lockerung des Lockdowns viele Arbeiter sofort auf den Weg nach Hause machten und dort – zutiefst misstrauisch und verunsichert – zunächst einmal bleiben. Der Bauunternehmer findet in dieser Situation nur schwer Arbeitskräfte, um die Baustellen wieder in Gang zu bringen.

Die Arbeit der KfW in Indien hat durch die Pandemie noch einen Zahn zugelegt. Im laufenden Portfolio bitten die indischen Partner wegen coronabedingter Erschwernisse um den Aufschub von Zahlungen, den Erlass von Gebühren oder eine Ausweitung des Kreditverwendungszwecks. Dies zieht meist zähe Verhandlungen nach sich, denn nicht selten wird Corona als Grund für Verzögerungen angeführt, die ganz andere Ursachen haben.

Darüber hinaus ist die KfW gefragt, die Regierung bei der Bewältigung der Krise nach Kräften zu unterstützen. Mitte März erhielt ich einen Anruf von einem hohen Beamten im indischen Finanzministerium. Er suchte im Auftrag des Büros des Premierministers dringend nach Mitteln, um Notausrüstungen für Krankenhäuser mit Corona-Patienten zu beschaffen: Masken, Handschuhe, Einwegkittel, aber auch Sauerstoffspender und Beatmungsgeräte. Kann man aus laufenden Projekten noch nicht genutzte Mittel abzweigen? Dürfen Projekte umprogrammiert werden, die zwar schon in Verträge gegossen sind, aber praktisch noch nicht begonnen haben? Gibt es zusätzliche Mittel der deutschen Regierung für den Kampf gegen Corona?

Hilfsprogramme gegen die sozialen Folgen der Pandemie

In Rekordzeit gelang es, zusammen mit Unicef ein Hilfsprogramm über 15 Millionen Euro aus dem Boden zu stampfen. Damit konnte ein Teil der dringend benötigten Ausrüstungsgegenstände beschafft werden. Ein vergünstigter Kredit aus Mitteln des Bundes über fast 500 Millionen Euro unterstützt die indischen Regierungsprogramme, die der Abfederung der sozialen Folgen der Pandemie dienen: Subvention von Grundnahrungsmitteln wie Reis und Linsen für die Ärmsten, Arbeitsprogramme, Krankenversicherung für mittellose Bevölkerungsgruppen. Andere Ent­wicklungsbanken, wie die Weltbank, die Asiatische Entwicklungsbank und die französische AFD, unterstützen diese Programme ebenfalls, sodass mehrere Milliarden Euro an externer Finanzierung zusammenkommen. Ein sichtbares Zeichen der Solidarität für einen Subkontinent, der in den vergangenen Monaten auch mit zahlreichen anderen zerstörerischen Ereignissen wie Zyklonen, Hitzewellen mit bis zu 50 Grad Celsius und ernteverschlingenden Heuschreckenschwärmen fertig werden musste.

Quelle
Titelbild des CHANCEN-Magazins Herbst/Winter 2020

Dieser Artikel ist erschienen in CHANCEN Herbst/Winter 2020 „Jäger des Virus“.

Zur Ausgabe

Seit 2017 leite ich nun das Büro in Delhi, eine solche Häufung von Katastrophen hat es in dieser Zeit nicht gegeben. Dieses Leid schmerzt. Indien ist in jeder Hinsicht ein faszinierendes Land mit ungeheurem Potenzial und eine von mir ganz bewusst gewählte berufliche Herausforderung. Wann wird es nun für mich und meine Frau – sie ist Lehrerin an der Deutschen Schule in Delhi und hat zuletzt online unterrichtet – wieder möglich sein, nach Indien zurückzukehren? Das hängt natürlich von der Entwicklung der Pandemie ab. Nach einem zwischenzeitlichen Rückgang der Zahl der Corona-Erkrankten in der Hauptstadt zieht das Infektionsgeschehen auch dort wieder an. Anfang September sprechen manche von einer zweiten Welle. Wir sind also immer noch in Wartestellung. Erst wenn klar ist, dass im Ernstfall wieder eine angemessene medizinische Versorgung gesichert ist, steht der Wieder­aufnahme meiner Arbeit vor Ort in Delhi nichts mehr im Wege.

Nachgefasst am 27. Oktober 2020

Seit September ist auch in Indien viel geschehen – glücklicherweise mit einer anderen Tendenz als in Europa. Die Infektionszahlen im Land scheinen sich auf hohem Niveau zu stabilisieren. Viele Menschen haben ihr Leben so weit wie möglich auf die Pandemiesituation eingestellt: Die Straßen füllen sich wieder, Masken werden fast überall getragen und Abstandsregeln zumeist eingehalten. Auch die Büros der Partner funktionieren wieder und Meetings finden unter Einhaltung der Hygieneregeln zunehmend wieder physisch statt. Für mich rückt damit die Frage in den Fokus, wie wir im KfW-Büro in Delhi eine neue Normalität gestalten können. Zwar haben wir in den letzten Monaten bewiesen, dass wir auch als virtuelles Team in kurzer Zeit große Summen für unsere indischen Partner mobilisieren können. Dennoch ist für mich klar: mein Platz bei der Gestaltung dieser neuen Normalität ist in Indien.

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 27. Oktober 2020.