Rote Schleife auf Mauer, eine Frau mit Kind auf dem Rücken steht davor
Gesundheit

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„Wir stehen an einem Scheideweg“

Vom 23. bis 27. Juli treffen sich Wissenschaftler, HIV-Infizierte und Angehörige in Amsterdam bei der diesjährigen Welt-Aids-Konferenz. Für Außenstehende erscheinen die Meldungen rund um HIV und Aids oft widersprüchlich. Unser Experte Dr. Kai Gesing erklärt, welche Gefahr aktuell vom HI-Virus ausgeht und wie die Zahlen in unserer interaktiven Weltkarte zu bewerten sind.

Zur Person
Kai Gesing

Dr. Kai Gesing ist Arzt und betreut für den Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank zurzeit Gesundheitsprojekte im südlichen Afrika.

Noch nie erhielten so viele HIV-Infizierte eine Therapie wie heute. Das ist doch eine gute Nachricht!

DR. KAI GESING: Das ist eine sehr gute Nachricht! Zum einen für die Betroffenen selbst, weil sie länger und gesünder leben können. Auch wenn die Medikamente erhebliche Nebenwirkungen haben können. Zum anderen ist belegt, dass die Anzahl der Viren in den Körperflüssigkeiten durch die Behandlung stark reduziert wird, wenn die Betroffenen die Medikamente korrekt einnehmen und nicht resistent dagegen sind. So sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus weiter übertragen wird.

Und damit sinkt auch die Zahl der Neuinfektionen. Die UN-Organisation UNAIDS meldete 2017, dass die Zahl derer, die sich pro Jahr ansteckten, um 1,8 Millionen zurückgegangen sei. 1997 waren es noch 3,5 Millionen Neuinfektionen, also fast doppelt so viele. Aber zufrieden ist die Organisation mit der Entwicklung trotzdem nicht. Warum?

Weil es nicht schnell genug geht. Die Vereinten Nationen haben das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2030 weltweit auf weniger als 200.000 Neuinfektionen zu kommen. Der Abwärtstrend ist zwar sichtbar und in vielen Ländern sinkt die Rate weiterhin, aber die Kurve flacht ab. Und dann gibt es auch wenige Regionen, wo die Neuinfektionen zunehmen. Deshalb muss befürchtet werden, dass das Ziel nicht erreicht werden kann.

Lesen Sie unter der interaktiven Weltkarte weiter.

HIV-Neuinfektionen

216 Personen

pro 1.000 Einwohner, 2016
Neuinfektionen pro 1.000 Einwohner

Quelle: World Development Indicators, The World Bank; UNCTADstat, eigene Berechnungen

Wir fördern

Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank fördert den Gesundheitssektor in derzeit 34 Ländern.

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Nach wie vor gilt die HIV-Infektion als nicht heilbar.

Das stimmt. Weil man das HI-Virus zwar an der Vermehrung hindern, aber nicht völlig ausschalten kann. Selbst wenn man die Medikamente erfolgreich einsetzt, bleiben da immer noch die lebenden Viren, die bereits im Körper sind. Die können nicht zerstört werden.

Man kann das Problem also nicht an der Wurzel packen?

Es gibt einen einzigen Patienten, bei dem es erfolgreich gelungen ist. Doch leider war das eine Ausnahmesituation, die man nicht hat replizieren können. Die Behandlung von viralen Erkrankungen ist immer besonders schwierig. Viren landen auf der Zelloberfläche, schalten das Erbsystem der Zelle aus und sorgen dafür, dass das Virus reproduziert wird. Darum müssen die Medikamente nicht nur ins Blut kommen. Sie müssen in die Zellen dringen. Dort können sie neben ihrem positiven Effekt Schaden anrichten, weil sie auch das genetische Material der Zelle angreifen. Dadurch können Nebenwirkungen entstehen. Aber sie verhindern eben auch, dass die befallenen Zellen weiter Viren produzieren und ausscheiden. Darum geht es bei der Behandlung, um die Reduktion der Virenlast.

HIV-Präventionskampagne
Hand in Hand

Der Kampf gegen HIV ist teuer. Betroffene müssen mit Medikamenten versorgt, Präventionskampagnen finanziert werden.

Nun sind in Entwicklungsländern ungleich mehr Menschen betroffen als in den Industrienationen. Allein in Subsahara-Afrika leben 60 Prozent der weltweit Betroffenen. Können diese Länder den Kampf gegen das Virus überhaupt aufnehmen?

Die Menschen dort brauchen unsere Unterstützung. Bei der Millenniumskonferenz der Vereinten Nationen im September 2000 haben die beteiligten Länder deshalb unter anderem erklärt, Infektionskrankheiten verstärkt gemeinsam bekämpfen zu wollen. Der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria (GFATM) wurde dafür ins Leben gerufen. Viele Länder und private Firmen zahlen in diesen Fonds ein. Deutschland ist einer der wichtigsten Beitraggeber. Mit dem Geld werden alle möglichen Ansätze finanziert, die Malaria, Tuberkulose und Aids bekämpfen.

Und wie genau wird das Geld im Einsatz gegen Aids verwendet? Geht es in erster Linie um Prävention und Aufklärung oder werden auch Medikamente verteilt?

Es gibt eine gewisse Arbeitsteilung. Der GFATM finanziert vor allem die Versorgung Betroffener mit Medikamenten, aber kaum Vorsorgemaßnahmen. Um dieses Ungleichgewicht aufzuheben, richten die KfW und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit ihren Fokus hauptsächlich auf Präventionsarbeit.

Ein Kondom wird vor einer Gruppe von Priestern und anderen Zuhörern hochgehalten
Aufklärung

Kondome sind ein wirksamer Schutz vor einer HIV-Infektion. Dieses Wissen muss verbreitet werden. Nur so lässt sich der Kampf gegen das Virus gewinnen.

Also Kondome verteilen?

Nicht nur. Natürlich ist der sexuelle Übertragungsweg der wichtigste. Da reicht es aber nicht, Kondome zu verteilen. Zusätzlich müssen wir die Menschen informieren und Anreize für ein verändertes Verhalten schaffen. Das Spektrum an medizinischen Präventionswerkzeugen hat sich in den letzten Jahren auch erweitert. Ein Beispiel ist die Präexpositionsprophylaxe. Partner von HIV-Infizierten nehmen zum Schutz vor einer Infektion HIV-Medikamente ein, das ist eine wirksame Maßnahme.

Können Sie noch weitere Beispiele nennen?

Ja, wir haben festgestellt, dass auch das soziale Umfeld in Risikogebieten eine bedeutende Rolle spielt. In Südafrika arbeiten wir mit jungen Frauen zusammen, die sich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit mit sogenannten Sugar Daddies einlassen, die HIV-infiziert sind. Diese meist älteren Männer überreden die Frauen mit kleinen Geschenken zum ungeschützten sexuellen Kontakt. Wir versuchen, die Frauen zu stärken, sodass sie nicht dazu gezwungen sind, sich mit diesen Männern einzulassen. Neben dem sexuellen Kontakt überträgt sich das Virus aber auch durch das gemeinsame Nutzen von Nadeln bei Drogenabhängigen, die Übertragung von Mutter zu Kind und die Bluttransfusion. Hier hat die KfW zum Beispiel in verschiedenen Ländern Investitionen geleistet, um Blutbanken zu verbessern und sicherzustellen, dass Blutkonserven rein sind, also frei von HIV.

HIV-Prävention in einem Zelt in Südafrika
Auf den Punkt

HIV-Prävention muss sich den Umständen vor Ort anpassen. In Subsahara-Afrika ist das in vielen Regionen gelungen. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt.

Aus den südlichen und östlichen Teilen Afrikas kommen neue Statistiken, die Hoffnung machen: Die Zahl der Neuinfektionen fiel dort seit 2010 um fast 30 Prozent, bei Kindern sogar um mehr als 55 Prozent. Wie lässt sich diese positive Entwicklung erklären?

Die Erfolge in Subsahara-Afrika haben zum einen zu tun mit der Einsicht, dass HIV ein großes Problem ist, das man bekämpfen muss, und dass es dazu massiver Investitionen bedarf. Zum anderen sind seit 2000 die Mittel zur Bekämpfung jährlich angestiegen und jetzt auf einem sehr hohen Niveau. Das müssen wir erhalten oder noch weiter erhöhen, wenn wir HIV erfolgreich in Afrika beenden wollen.

Gleichzeitig gibt es Meldungen aus dem Nahen Osten, Nordafrika und von Osteuropa bis Zentralasien, dass dort die Zahl der Neuinfektionen seit 2010 um 60 Prozent gestiegen ist. Wie kann das sein?

Jede Gesellschaft hat bestimmte Eigenarten, die Auswirkungen haben auf die Übertragung von HIV. In Zentralasien und dem östlichen Europa gilt als wichtigste Ursache der Epidemie, dass Drogenabhängige unsaubere Nadeln teilen und sich so infizieren können. Hinzu kommt, dass die Abhängigen schlechten Zugang zu Versorgung und Diagnose haben und sich ihren Konsum häufig über Prostitution finanzieren müssen. Vor allem in der Region Mittlerer und Naher Osten ist ein weiteres Problem, dass dort HIV tabuisiert und die Bedrohung nicht erkannt wird.

Mit welchen Maßnahmen lässt sich die Epidemie dort eindämmen?

Man muss die Präventionskampagnen sehr genau anpassen an die Umstände vor Ort. In einigen Regionen kann man nicht nur dazu aufrufen: Nutzt Kondome! Wenn Untersuchungen zeigen, dass sich die Infektion am stärksten unter Drogenabhängigen ausbreitet, greifen hier spezifische Programme, die den Fokus auf diese Zielgruppe richten. Es geht in erster Linie darum, Drogenabhängige davon abzuhalten, gemeinsam Nadeln zu benutzen. Oder man versucht, sie ganz von der Nadel zu bekommen, indem man Ersatzdrogen wie Methadon einsetzt, das ja als Tablette verabreicht wird.

Seit Ausbruch der HIV-Epidemie in den 1980er-Jahren haben sich weltweit 78 Millionen Menschen infiziert. Rund 35 Millionen starben an den Folgen des Ausbruchs von Aids. Ist das Virus die Geißel der Menschheit, wie viele behaupten? Oder kann man das heute relativieren?

Wir stehen an einem Scheideweg, würde ich sagen. Wir haben die Chance, die HIV-Epidemie weltweit innerhalb der nächsten drei Dekaden massiv zu reduzieren und die Anzahl der Neuinfektionen radikal herunterzufahren. Aber dafür müssen wir uns der Krankheit weiterhin bewusst sein. Und das bedeutet, dass es weiterhin Länder geben wird, die erheblich abhängig sind von Zuschüssen und anderer Unterstützung bei der Bekämpfung der HIV-Epidemie in ihrem Land. Die Chancen sind da und im Gegensatz zu der Pest, mit der Aids ja gerne verglichen wird, ist Aids eine ausrottbare Krankheit.

Obwohl HIV nicht an der Wurzel bekämpft werden kann?

Ja! Denn wenn die Übertragung auf null gebracht wird, dann besteht die Möglichkeit, dass keine neuen Fälle mehr hinzukommen. Diejenigen, die das Virus in sich tragen, werden es behalten. Aber mit ihnen könnte es aussterben.

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 20. Juli 2018