Nicholas Benedict in Basel
Gesundheit

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Schutzschild gegen multiresistente Keime

Antibiotika sind die bislang effizienteste Waffe gegen bakterielle Infektionskrankheiten. Doch wegen ihres massenhaften Einsatzes verlieren sie zunehmend an Schlagkraft. Multiresistente Keime sind im Vormarsch. Forscher des deutsch-französischen Start-ups Allecra haben jetzt das passende Rüstzeug für Antibiotika entwickelt und wollen es schnellstmöglich zur Marktreife bringen.

Laborantin mit Reagenzglas
Die Zeit drängt

Immer öfter reagieren Bakterien resistent auf Antibiotika. Die Forschung muss schnell reagieren, um neue Wirkstoffe zu entwickeln.

Welche Gefahr für die Menschheit von multiresistenten Keimen ausgeht, ist der Weltgemeinschaft schon länger bekannt. Bereits 2015 beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern setzte Kanzlerin Angela Merkel den Kampf gegen die Ausbreitung resistenter Keime auf die Tagesordnung. Der damalige Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe warnte vor einem „Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter“. Seit 2015 hat sich die Situation noch weiter zugespitzt.

Experten schätzen, dass aktuell etwa 700.000 Menschen jährlich weltweit an multiresistenten Keimen sterben. Eine Analyse des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Berliner Charité geht davon aus, dass sich die Zahl bis 2050 auf zehn Millionen erhöhen könnte, wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden. Das hieße: Es würden mehr Menschen an Infektionen durch multiresistente Keime sterben als heute an Krebs.

Nicholas Benedict und Huw Tippett begrüßen sich mit Abklatschen
Entspanntes Klima

Nicholas Benedict begrüßt seinen Kollegen Huw Tippett.

„Antibiotika-Resistenz ist eine Gefahr, die exponentiell wächst und die weiter zunimmt“, bestätigt Nicholas Benedict. Der 54-Jährige ist CEO des Start-ups Allecra, das sich im Dreiländereck rund um die Pharmahochburg Basel angesiedelt hat und den multiresistenten Keimen den Kampf ansagt: mit einem neuen Medikament. Es heißt AAI101 und ist ein sogenannter β-Lactamase-Inhibitor. β-Lactamasen sind Enzyme, die von resistenten Keimen gebildet werden. Sie machen Antibiotika unwirksam und spielen deshalb eine wesentliche Rolle, wenn Bakterien eine Resistenz entwickeln.

AAI101 ist ein Hemmstoff, der diese β-Lactamasen unschädlich macht. Einfacher ausgedrückt: Der β-Lactamase-Inhibitor sorgt dafür, dass ein Antibiotikum auch dann wirken kann, wenn Bakterien dagegen resistent sind. Nicholas Benedict sagt es so: „Was wir entwickeln, ist ein Schutzschild für das Antibiotikum.“

Der Allecra-Chef sagt klar: „Es muss mehr geforscht werden." Denn: Wir brauchen neue Medikamente. Doch damit allein ist der Antibiotikaresistenz nicht beizukommen. Es müssten noch weitere Maßnahmen ergriffen werden, so Benedict, um die Krise zu meistern. Erstens: Der exzessive Einsatz von Antibiotika müsse eingedämmt werden – nicht nur bei erkrankten Menschen, sondern auch in der Landwirtschaft. Dort würden Antibiotika massenhaft als Masthilfe eingesetzt. Und zweitens: Die Hygiene in den Krankenhäusern müsse besser werden, um die Gefahr, dass sich die gefährlichen Keime dort vermehren, so gut es geht zu minimieren.

„Antibiotika-Resistenz ist eine Gefahr, die exponentiell wächst und die weiter zunimmt.“

Nicholas Benedict, CEO von Allecra

Nicholas Benedict schaut aus dem Fenster seines Büros.
Die grossen Zwei

Wenn er aus seinem Bürofenster in Weil am Rhein schaut, kann Benedict bis nach Basel auf die Hochhäuser der Pharmariesen Hoffmann-La Roche und Novartis blicken.

Die Zentrale von Allecra befindet sich in der deutschen Grenzstadt Weil am Rhein, der Großteil des Teams sitzt jedoch in Frankreich, in einem Zweckbau im Industriegebiet der Gemeinde Saint-Louis. Auch Nicholas Benedict hat hier sein Büro. Es ist spartanisch eingerichtet. Die weißen Wände sind leer, auf dem Schreibtisch liegen ein paar Notizzettel, an der Wand steht ein kleiner Besprechungstisch, auf der Fensterbank ein Familienfoto.

Wenn Benedict aus dem Fenster seines Büros schaut, blickt er über die französisch-schweizerische Grenze nach Basel. Zwei Hochhäuser fallen sofort ins Auge, das eine gehört dem Pharmariesen Hoffmann-La Roche, das andere dem Novartis-Konzern. Benedict hat für beide Firmen über mehrere Jahre gearbeitet, seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist er in der Gesundheitsindustrie aktiv. „Das ist eine unglaublich dynamische Branche mit unglaublich klugen Köpfen“, sagt er. Aufgewachsen ist er in Großbritannien, er hat am Londoner King’s College und an der Universität in Manchester studiert, seinen Masterabschluss hat er in Business Administration gemacht. Mittlerweile besitzt er auch die schweizerische Staatsangehörigkeit.

Mehr als ein Dutzend Wissenschaftler, Entwickler und Finanzexperten arbeiten aktuell für Allecra. Benedict wünscht sich, dass das Unternehmen bald – vorsichtig – wachsen wird. Kleine Sprünge machen, Schritt für Schritt weiterkommen: Das, so scheint es, ist sein Credo. Die Studien, die zur Zulassung des Produkts notwendig sind, realisiert Allecra in Zusammenarbeit mit Partnern, mit Universitäten oder Forschungsinstituten, denn Allecra besitzt keine eigenen Labore.

Firmengeschichte

Gegründet: 2013
Sitz: Weil am Rhein und Saint-Louis
Ziel: Neuartige Behandlungen zur Bekämpfung multiresistenter bakterieller Infektionen entwickeln
Wirkstoff: ein β-Lactamase-Inhibitor mit dem Namen AAI101

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Es sei nicht einfach, Investoren zu finden, die ihr Geld in die Entwicklung von Antibiotikamedikamenten stecken, sagt Benedict. Die Aussicht auf hohe Renditen ist in anderen Bereichen größer. „Wir sind es gewohnt, dass Antibiotika nur ein paar Pennys kosten“, sagt er. Darum sei es schwer, für neue Produkte höhere Preise anzusetzen. Die aber braucht es, um den Investoren die erhofften Gewinne auszahlen zu können.

Privates Risikokapital ist für die Erforschung neuer Wirkstoffe wie AAI101 von elementarer Bedeutung. Mittlerweile gibt es einige Venture-Capital-Fonds, die ausschließlich in Biotechnologie, Medizintechnik und Diagnostik investieren. An Allecra sind unter anderem zwei VC-Fonds beteiligt, in die auch die KfW investiert ist. Einer dieser privaten Fonds ist Forbion. „Als Förderbank ist die KfW ein Investor, der Ruhe ausstrahlt. Und lange dabeibleibt“, sagt Forbion-Manager Holger Reithinger. Ein wichtiges Signal, das zusätzliches privates Kapital anlocken kann.

KfW Capital übernimmt

Allecra hat einen Investor gesucht und BioDiscovery und Forbion gefunden. Forbion und BioDiscovery sind VC-Fonds, in die KfW Capital bereits investiert ist, da die neue KfW-Tochtergesellschaft mit Beginn ihres operativen Geschäfts bestehende Beteiligungen des Mutterhauses übernommen hat. Seit 2015 – dem Start des Programms „ERP-Venture Capital - Fondsinvestment“ – hatte sich die KfW mit einem Volumen von insgesamt 265 Millionen Euro an 18 Venture Capital-Fonds beteiligt und gemeinsam mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2016 den Co-Investitionsfonds coparion mit einem Fondsvolumen von 225 Millionen Euro gegründet.

BioDiscovery ist der zweite VC-Fonds, über den die KfW einige Start-ups im pharmazeutischen Bereich fördert. Hinter dem Fonds steht ANDERA Partners. Olivier Litzka kümmert sich für die VC-Gesellschaft um mehrere BioDiscovery-Fonds, von denen einer Allecra unterstützt. Der Molekularbiologe konzipiert die Investmentfonds für Biotechnologieunternehmen, um sie mit Risikokapital auszustatten. „Wir sind die Brückenbauer zwischen den Investoren und den Unternehmen“, beschreibt Litzka seine Rolle. Fünf BioDiscovery-Fonds wurden bereits ins Leben gerufen, beim vierten, der ein Gesamtvolumen von etwa 200 Millionen Euro hat, ist auch Allecra dabei.

Dank der Finanzierung kann Allecra jetzt die nötigen Schritte bis zur Marktreife gehen. Wirksamkeit und Verträglichkeit müssen dafür in klinischen Tests nachgewiesen werden. Diese Studien laufen in drei Phasen. Die erste Phase, in der das Präparat an einer Gruppe gesunder Probanden getestet wird, ist bereits abgeschlossen. Aktuell wird der β-Lactamase-Inhibitor von Allecra in Kombination mit einem Antibiotikum einer Auswahl von Erkrankten verabreicht. Das ist die zweite Phase. In der dritten Phase, die im Sommer 2018 starten soll, erfolgt die Erprobung mit vielen Erkrankten. „Wenn wir erfolgreich sind, könnte unser Medikament 2020 in den Verkauf kommen“, sagt Nicholas Benedict. „Ich wäre unglaublich stolz, wenn wir damit unseren kleinen Beitrag im großen Kampf gegen die multiresistenten Keime leisten.“

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Mittwoch, 2. Mai 2018