Schüler im Buchhaltungsinstitut in Baharak
Afghanistan

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Lernen in der Provinz

Das weiße Gebäude am Ende der Schotterpiste ist der Stolz der Gemeinde. Auf einem Hügel in Baharak liegt das im Rahmen des Stabilisierungsprogramms Nordafghanistan (SPNA) entstandene Buchhaltungsinstitut. 150 Schüler absolvieren hier ihre Ausbildung.

Das Buchhaltungsinstitut in Baharak

Das Buchhaltungsinstitut in Baharak ist der Stolz der Gemeinde. Beschlossen und finanziert wurde der Bau im Rahmen des Stabilisierungsprogramms Nordafghanistan.

Die Straße, die zum Stolz der Gemeinde Baharak führt, ist kaum als solche zu bezeichnen. In Schlangenlinien führt die Schotterpiste den Berg hinauf. Die Schlaglöcher auf dem Weg sind so tief, dass selbst ein Wagen mit Allradantrieb an seine Grenzen stößt. Bei jeder Erschütterung zieht sich die Wirbelsäule wie eine Ziehharmonika zusammen. Doch das Gebäude, das am Ende des Weges liegt, war der Gemeinde im Nordosten Afghanistans eine Herzensangelegenheit. Und damit wichtiger als der Ausbau von Straßen.

Auf dem Hügel, von dem man auf grüne Täler und schneebedeckte Berge blickt, liegt das Buchhaltungsinstitut von Baharak. 102 Jungen und 48 Mädchen absolvieren hier derzeit ihre Ausbildung. Das Institut gleicht einer Berufsschule, die Schülerinnen und Schüler in Afghanistan nach ihrem Schulabschluss und vor einem Hochschulstudium besuchen. Das weiße, langgezogene Gebäude hat zwei Stockwerke und einen großen, ummauerten Innenhof. An den Wänden der Mauer stehen in Kalligrafieschrift Zitate aus dem Koran, die Menschen zur Bildung ermutigen.

Die Gemeinde in der afghanischen Provinz Badakhshan hat das Gebäude 2015 in Auftrag gegeben und 2017 fertiggestellt. Es ist im Rahmen des Stabilisierungsprogramms Nordafghanistan (SPNA) beschlossen und finanziert worden. Das Programm wurde 2010 ins Leben gerufen. Ursprünglich auf wenige Jahre angelegt, war es so erfolgreich, dass es zehn Jahre lang vom Auswärtigen Amt finanziert wurde. Ziel des Programms ist es, die Infrastruktur der Gemeinden im Norden Afghanistans, die Kapazitäten der lokalen Gemeindestrukturen hinsichtlich guter Regierungsführung und Entwicklungsplanung sowie die Zusammenarbeit verschiedener Strukturen auf Distriktebene zu verbessern.

„Das Programm erleichtert das Leben der Menschen unter schwierigen Bedingungen.“

Dr. Anja Hanisch, Projektmanagerin im Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank

Mitglieder des Shura Council

Mitglieder des Shura Council, einer Art Gemeinderat, bei einem Treffen im Buchhaltungsinstitut. Sie haben maßgeblich zur Realisierung des Projekts beigetragen.

In die Zukunft der Jugend investieren

Der Norden Afghanistans ist eine strukturschwache Region. Ein Großteil der Bevölkerung lebt von Viehzucht und Landwirtschaft. Noch immer fehlt es in vielen Gebieten an Zugang zu sauberem Wasser, gepflasterten Straßen und Elektrizität. Darüber hinaus hat sich die Sicherheitslage in der einst friedlichen Region rapide verschlechtert. Radikale Gruppen wie die Taliban haben in den vergangenen Jahren vermehrt Kämpfer aus der jungen Bevölkerung rekrutieren können, die sich von der Regierung vernachlässigt fühlt. Andere Menschen verlassen die Region, um in größere Städte zu ziehen, oder fliehen in Nachbarländer wie Iran und Pakistan.

Um die Region zu stabilisieren, hat die KfW im Auftrag des Auswärtigen Amtes 105 Millionen Euro zur Verfügung gestellt: Mit dem Geld werden Infrastrukturprojekte in vier nördlichen Provinzen finanziert. Partner der KfW in der Region ist die Aga Khan Stiftung, die zum Beispiel den Bau von Projekten beaufsichtigt. „Das Programm erleichtert das Leben der Menschen unter schwierigen Bedingungen“, sagt Dr. Anja Hanisch, Projektmanagerin im Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank. Das Buchhaltungsinstitut in Baharak ist eines von mehr als 400 Projekten, die die Lebenssituation und Bildungschancen der Menschen in der Region verbessern sollen.

Die Männer, die maßgeblich zur Realisierung des Projekts beigetragen haben, sitzen im September in einem Klassenraum des Buchhaltungsinstituts und erklären, wie sie zu der Entscheidung gekommen sind. Etwa ein Dutzend sind es, und sie gehören dem Shura Council, einer Art Gemeinderat, an, der die Interessen der Einwohner von Baharak vertritt. Die Männer tragen traditionelle Kleidung – lange Hemden und Westen – und Pakols, afghanische Hüte. Sie sind respektierte Mitglieder ihrer Gemeinschaft, die meisten von ihnen sind älter, ihre dunklen Bärte grau meliert. „Wir hätten auch die Straßen pflastern können“, sagt Mawlawi Fazluddin, das Oberhaupt des Gemeinderats. „Aber es war uns wichtig, in die Zukunft der Jugend zu investieren.“ Nach eigenen Aussagen repräsentieren die Männer rund 5.000 Familien in dem Distrikt. Um den Volkswillen herauszufinden, bedient sich der Rat traditioneller Methoden: Nach dem Freitagsgebet kommen die Ältesten aus den verschiedenen Moscheen zusammen und diskutieren über die Bedürfnisse ihrer Gemeinde. So haben sie auch den Entschluss gefasst, bei dem Stabilisierungsprogramm Mittel für das Institut zu beantragen.

Blick vom Balkon der Buchhaltungsschule in Baharak.

Vom Balkon der Buchhaltungsschule in Baharak blickt man auf das Tal und die Berge der afghanischen Provinz Badakhshan.

Jetzt ist der Unterricht kostenlos

Bevor es das Institut gab, hatte die Gemeinde verschiedene Gebäude gemietet, in denen die Schüler unterrichtet wurden. Für viele Familien war das ein Problem. „Wir hatten zwar gut ausgebildete Lehrer und lernwillige Schüler“, sagt Mawlawi Fazluddin, „aber wir hatten auch hohe Mietkosten.“ Aus diesem Grund musste die Gemeinde Studiengebühren erheben. „Und die konnten sich nicht alle Familien leisten.“ Jetzt ist der Unterricht kostenlos. Alle anderen Kosten trägt der Staat. 392.000 US-Dollar hat der Bau des Instituts gekostet. Dass die Gemeinde von Baharak dafür nicht nur die Mittel bekommen hat, sondern auch selbst entscheiden konnte, wofür sie die Mittel einsetzt, ist ein wichtiger Teil des Stabilisierungsprogramms. Jede Gemeinde definiert selbst, welche Projekte sie realisieren will. Mit dem Stabilisierungsprogramm Nordafghanistan sind in der Region in den letzten Jahren Schulen, Straßen, Krankenhäuser und Verwaltungsgebäude entstanden.

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Der Geschäftsbereich KfW Entwicklungsbank fördert weltweit zahlreiche Projekte im Bereich Bildung.

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Auch für das Institut hat die Gemeinde Baharak weitere Pläne: Sie will auf dem 40.000 Quadratmeter großen Gelände ein Studentenwohnheim bauen – vor allem der Schülerinnen wegen. „Viele Familien schicken ihre Töchter nur ungern in die Schule, wenn der Weg weit ist. Hätten wir ein Internat, könnten wir mehr Familien überzeugen, dass auch die Mädchen nach der Grundausbildung eine weiterführende Schule besuchen“, sagt Mawlawi Fazluddin. Noch immer gibt es viel zu tun, auch in Baharak. „Die schlechten Straßen und mangelnde Trinkwasserversorgung sind Probleme, die wir angehen müssen“, erklärt Mawlawi Fazluddin. „Und natürlich haben wir damals abgewogen, ob das Institut wirklich unsere größte Priorität ist. Aber am Ende waren wir uns einig, dass Bildung für eine friedliche Zukunft in Afghanistan unerlässlich ist.“

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 27. Februar 2020.