Sonderpreis beim KfW Award Bauen 2019
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Wohnen im Bad

In Schwerin wurden in ein Schwimmbad aus DDR-Zeiten 16 Wohnungen eingebaut. Planschen kann man hier nach wie vor. Das ungewöhnliche Projekt erhielt den Sonderpreis beim KfW Award Bauen 2019.

Sonderpreis der Jury

Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin (KfW Bankengruppe/n-tv).

Wo wohnt sich’s besser – über dem ehemaligen Schwimmbecken oder da, wo einst die Umkleiden und Duschen waren? Vor dieser Frage stand, wer sich für eine Wohnung im einstigen Volksschwimmbad Schwerin-Lankow interessierte. In Deutschland ist schon vieles zum Wohnen umgebaut worden – etwa Kirchen und Gefängnisse, Fabriken und Burgen. Doch das Bad ist einer der ungewöhnlichsten Orte.

Es war ein ziemlich spontanes Projekt. 2015 standen schon die Abrissbagger vor dem geschlossenen Bad. Aber Schweriner Bürger, von denen viele hier das Schwimmen gelernt hatten, hingen an dem Bau. Also riefen sie Ulrich Bunnemann, der mit seiner Architektur- und Baufirma Schelfbauhütte schon viele schwierige und verfallene Häuser gerettet hatte – ob Fachwerk oder Stuck, ob Brauerei oder Bauerngehöft.

Sonderpreis beim KfW Award Bauen 2019
Vom Hallenbad zum Wohnraum

Jede Wohnung auf der Ostseite hat eine private Terrasse und weitere Zimmer im 1. Stock.

Vom Badepalast zum Wohnhaus

Auch seine Kinder hatten ihre ersten Züge in der Halle getan. Jetzt dachte er bei ihrem Anblick: „Wohnen geht immer. Aber das wird eine schwierige Übung!“ Viel Zeit hatte er nicht. „Ein Wochenende bin ich in mich gegangen und habe mich dann um die Halle beworben.“ Gedrängt von Mitbürgern, bewegt auch von seiner eigenen Zuneigung zu dem besonderen Baudenkmal. Der Architekt Herbert Müller hatte hier 1976 ein sehr spezielles, von ihm entwickeltes Dach aus „hyperbolisch-paraboloiden“ – so heißt es in der Fachsprache – Betonschalen anbringen lassen. Müllers Kollegen bewunderten die statisch und mathematisch ausgefeilten, leichten und Material sparenden, zugleich schwungvoll-eleganten Formen so sehr, dass ihr Erfinder bis heute als „Schalen-Müller“ bekannt ist. Die Halle steht unter Denkmalschutz.

Bunnemann investierte zunächst einen Euro in den Kauf und oben drauf 80.000 Euro für die Altlasten-Entsorgung, die die Stadt bereits begonnen hatte. Dann begann die Verwandlung des Badepalasts zum Wohnhaus. Das Gute dabei: Die zeithistorische Außenhülle durfte und wollte er fast nicht antasten. Drinnen aber ließ er die meisten Zwischenwände herausreißen und eine Betondecke über das größere der beiden Schwimmbecken legen.

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Sonderpreis beim KfW Award Bauen 2019
Der Architekt und Bauherr

Im Flur hat Ulrich Bunnemann einen früheren Schwimmbad-Startblock erhalten und die einstige Wasserfläche mit blauem Bodenbelag markiert.

Wohnen mit Seeblick

Anschließend kam viel Holz in den Beton: Decken- und Wandelemente, in einer Fabrik im nahen Wismar rationell vorgefertigt und vor Ort nur noch zusammenzustecken. Ziemlich rasch und kostengünstig entstanden so 16 Wohnungen, die Bunnemann für 8,50 Euro pro Quadratmeter vermietet – viel günstiger als im Neubau möglich. Auf der höheren Seite des Baus reichte es für zwei vollständige Etagen; die oberen Wohnungen erreicht man über eine Innentreppen und eine offene Lift-Plattform. Damit sind sie barrierefrei und seniorenfreundlich.

Auf der niedrigeren Hausseite brachte Bunnemann Maisonette-Wohnungen unter: unten Wohnen, Kochen und ein Bad, oben zwei gemütliche Dachzimmer. „Es wohnt sich hier wunderbar“, versichert die Mieterin Mirka Selbach, die hier mit ihrem fünfjährigen Sohn Felix Wurzeln geschlagen hat. Gemütlich sogar mit dem hyperbolisch-paraboloiden Beton, der sich elegant über den Zimmern rundet. Der Wärmeschutz sitzt außen – Bunnemanns Lieblings-Dämmstoff Stroh. Wer aber vor dem Gebäude steht, sieht das nicht, ebenso wenig wie die Solarpanele. Alle Wohnungen im Erdgeschoss haben bodentiefe Fenster zu einem Gartenstreifen. Auf der Ostseite genießen die Mieter freien Blick auf den Lankower See – dessen Naturbad vor Augen, das ehemalige Schwimmbecken im Rücken.

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Barrierefrei und kostengünstig

Bunnemann vermietet die insgesamt 16 Wohnungen für 8,50 Euro pro Quadratmeter.

Erinnerungen an alte Badezeiten

In der Mitte der Halle musste eine große Fläche frei bleiben. Wohnen funktioniert hier nicht, weil in die Tiefe das Baus kaum noch Licht gedrungen wäre. Stattdessen genießen die Mieter einen mehr als 200 Quadratmeter großen Hausflur, bei schlechtem Wetter ein wundervoller Tobeplatz für die Kinder. Sie müssen nur aufpassen, nicht gegen einen Schwimmbad-Startblock zu stoßen. Den hat Bunnemann erhalten: Er steht nun mitten im Flur. Ringsum ließ er in seliger Bad-Erinnerung Fliesen nach dem Muster der alten legen. Rutschfest mit Noppen, versteht sich. „Das Haus findet wahnsinnig viel Aufmerksamkeit“, sagt Bunnemann stolz. „Wann immer sie können, kommen einstige Badegäste. Zum Tag der Offenen Tür war das Haus voll.“

Unter dem Betonboden, der das große Becken bedeckt, ist jetzt ein Keller-Hohlraum. Und in einem Viertel des Baus ist das kleinere der beiden Schwimmbecken erhalten geblieben. Es kommen kleine Gruppen und Physiotherapeuten mit ihren Patienten. Und natürlich kommen die Bewohner: Alle haben einen Schlüssel zum Bad. Dort kann man sich auch umziehen und duschen. Aber viel schöner ist es, das in der Wohnung zu tun und dann im Badedress über den Flur zum Bassin zu watscheln.

Das Projekt in Stichworten

Projekt: 16 Wohnungen in einem früheren Hallenbad
Lage: Lübecker Straße 296, Schwerin
Baujahr: Halle 1976, Umbau 2016/17
Bauherr und Architekt: Ulrich Bunnemann

Wohnfläche: 1.300 Quadratmeter
Grundstück: 4.250 Quadratmeter
Baukosten/Quadratmeter: 1.675 Euro

Qualitäten für die Bewohner: Moderne Wohnungen mit teils weitem Seeblick zu günstigen Konditionen, sehr großer Flur
Qualitäten für die Gesellschaft: Erhalt eines populären Denkmals, Wohnungsbau im Gebäudebestand
Energiesparen: Gebäudehülle wiederverwendet, Strohdämmung, Fotovoltaik-Anlage, Infrarot-Heizpaneele
Barrierearmut: Wohnungen z. T. nur im Erdgeschoss, vier im 1. OG über offenen Lift erreichbar

Auf KfW Stories veröffentlicht am: Freitag, 24. Mai 2019

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