Zwei Schiffe im Hafen
Energiesicherheit

Energiesicherheit

Versorgung mit Flüssiggas LNG

Deutschland steht in diesem Jahr energiepolitisch vor seiner bisher größten Herausforderung: Innerhalb von nur wenigen Monaten mussten bisherige Grundsatzentscheidungen revidiert und neue getroffen werden, um die Energiesicherheit des Landes in der Gegenwart und auch zukünftig zu gewährleisten. So verringert Deutschland gerade in nie gekanntem Tempo seine jahrzehntelange Abhängigkeit von russischem Pipelinegas und stellt seine Energieversorgung auf eine neue und breitere Basis.

Abhängigkeit verringern

Deutschland muss innerhalb kürzester Zeit seine Gasversorgung durch alternative Importmöglichkeiten diversifizieren. 2021 wurden noch über 50 % (rund 46 Mrd. Kubikmeter) des Erdgases über Pipelines aus Russland bezogen. Innerhalb von wenigen Monaten konnte 2022 die Abhängigkeit von russischem Pipelinegas beseitigt werden. Lieferungen aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien ersetzen mittlerweile das russische Gas.

Die KfW unterstützt im Auftrag des Bundes aktuell Projekte der Energiesicherheit, um möglichst schnell das Flüssiggas LNG ( Liquefied Natural Gas) in das deutsche Ferngasnetz und in die Erdgasspeicher einzuspeisen. LNG wird unter Druck tiefgekühlt, flüssig per Schiff transportiert, angelandet, erwärmt, regasifiziert und dann in die Netze gepumpt.

Im Mai 2022 waren in ganz Europa 41 LNG-Terminals in Betrieb, die bis zu 241 Mrd. Kubikmeter Flüssiggas umschlagen können. Weitere 32 Terminals sind derzeit europaweit in Planung, darunter auch die Projekte in Deutschland. Um russisches Erdgas mittel- bis langfristig zu ersetzen, braucht Deutschland, das im Jahr 2021 allein einen Gasbedarf von rund. 95 Mrd. Kubikmetern hatte, mindestens vier Terminals.

Energiesicherheit für Deutschland

(Quelle: KfW Bankengruppe/Detlev Karres/Thomas Schuch)

LNG-Terminals

Karte von Norddeutschland mit den Standorten der LNG-Terminals
Standorte der LNG-Terminals

Die Bundesregierung hatte zunächst die Standorte Brunsbüttel, Stade und Wilhelmshaven für die drei LNG-Terminals festgelegt. Später wurde überdies noch Lubmin an der Ostsee als weiterer Standort benannt.

Im Frühjahr 2022 hat die Bundesregierung die Entscheidung getroffen, dass zunächst die drei Häfen in Brunsbüttel, Stade und Wilhelmshaven als Standorte für LNG-Terminals am besten geeignet sind.

In Übereinstimmung mit den deutschen Klimazielen werden die Genehmigungen für die neuen LNG-Terminals allerdings bis zum 31. Dezember 2043 befristet. Ein Weiterbetrieb der Anlagen über diesen Zeitpunkt hinaus kann nur für klimaneutralen Wasserstoff und dessen Derivate (z. B. Ammoniak) genehmigt werden. Dadurch soll sichergestellt werden, dass das Ziel der Klimaneutralität in Deutschland spätestens 2045 erreicht werden kann.

Brunsbüttel

Standfoto von der 3D-Animation des geplanten LNG-Terminals in Brunsbüttel
LNG-Terminal Brunsbüttel

Bereits seit dem Jahr 2011 gab es erste Pläne für den Bau eines LNG-Terminals. Jetzt entsteht innerhalb von nur drei Jahren am Elbehafen von Brunsbüttel ein Terminal.

In der Nähe des Zusammenflusses von Nord-Ostsee-Kanal und Elbe liegt der Hafen von Brunsbüttel. Hier wird innerhalb der nächsten drei Jahre ein leistungsfähiges Terminal entstehen, mit dem zuerst Flüssiggas und später grüner Wasserstoff für die deutsche Energieversorgung verarbeitet wird. Die KfW beteiligt sich gemeinsam mit dem deutschen Energiekonzern RWE und dem niederländischen Gasnetzbetreiber Gasunie an einem Konsortium für den Bau des geplanten LNG-Terminals in Brunsbüttel.

Die Betreibergesellschaft "German LNG" will ab 2025/26 jährlich bis zu 8 Mrd. Kubikmeter verflüssigtes Erdgas anlanden, speichern und verarbeiten. Die beiden Tanks werden eine Speicherkapazität von jeweils 165.000 Kubikmetern Gas besitzen.

Die Lage des Standorts ist nahezu ideal für dieses ehrgeizige Vorhaben. Die LNG-Tanker aus Exportregionen wie den Nordamerika, Australien, Nordafrika oder den Golfstaaten können hier an gleich zwei Anlegenstellen (sog. Jetties) anlegen.

Ein Teil tritt seine Weiterreise flüssig per Bunkerschiff, Tankwagen oder Eisenbahn an. Der andere Teil wird regasifiziert, also erwärmt und verdichtet. Anschließend wird das Gas zunächst über eine kurze Pipeline in das Ferngasnetz fließen.

Überdies wird noch eine weitere, rund 55 Kilometer lange Pipeline nach Hamburg gebaut, für die erstmals auch das vom Bundestag in diesem Jahr verabschiedete LNG-Beschleunigungsgesetz angewendet wird. Damit sollen die früher üblichen, langwierigen Genehmigungsprozesse erheblich beschleunigt werden.

Wilhelmshaven und Stade

Blick auf die Anladestation für LNG-Tanker in Wilhelmshaven
Wilhelmshaven

Nach dem ersten "Rammschlag" im Mai 2022, entsteht in Wilhelmshaven-Hooksiel ein stationärer Ankerplatz für ein schwimmendes Terminal sowie das feste Terminal, das drei Jahre später in Betrieb genommen wird.

Neben Brunsbüttel laufen parallel auch die Planungen für zwei weitere LNG-Terminals in den beiden niedersächsischen Häfen Wilhelmshaven und Stade auf Hochtouren.

Das geplante LNG-Terminal in Wilhelmshaven soll ab 2025/26 mindestens 10 Mrd. Kubikmeter Flüssiggas im Jahr verarbeiten. In Stade rechnet das private Konsortium Hanseatic Energy Hub (HEH) sogar mit einer Jahreskapazität von mehr als 13 Mrd. Kubikmetern LNG geplant. Das wären zusammen gut 25 Prozent des deutschen Gasbedarfs, der dann mit LNG gedeckt werden könnte.

Schwimmende LNG-Terminals

Zwei Schiffe nebeneinander im Hafen
Floating Storage and Regasification Unit (FSRU)

Das Spezialschiff (links) kann verflüssigtes LNG von den Tankern löschen, speichern und zur direkten Einspeisung ins Ferngasnetz regasifizieren.

Noch ehe aber die festen LNG-Terminals in wenigen Jahren das erste Flüssiggas verarbeiten können, hat sich Deutschland mit mittlerweile fünf schwimmenden Terminals – sogenannten Floating Storage and Regasification Units (FSRU)– eine dringend erforderliche und wesentlich schneller realisierbare Übergangslösung gesichert.

Jedes der fünf, etwa 300 Meter langen Spezialschiffe ist in der Lage, in einem Entladevorgang bis zu 170.000 Kubikmeter LNG von Tankern aufzunehmen, an Bord in den gasförmigen Aggregatzustand zu überführen und anschließend ins Ferngasnetz einzuspeisen.

Die beiden schwimmenden Terminals vor Brunsbüttel und Wilhelmshaven werden übergangsweise von RWE und Uniper betrieben, bis eine Zweckgesellschaft den Betrieb übernehmen wird. Um die Belieferung der FSRU kümmert sich neben RWE und Uniper auch ENBW bzw. das Tochterunternehmen VNG. Damit der Beitrag der schwimmenden Terminals so groß wie möglich ausfällt, muss deren Kapazität ab der Inbetriebnahme voll ausgeschöpft werden.

Mit einer jährlichen Regasifizierungs-Kapazität von bis zu 12,5 Mrd. Kubikmetern bieten die Terminals eine direkte Möglichkeit, LNG für den deutschen Markt aus momentanl 20 Ländern zu beziehen, die durch Gasleitungen nicht zu erreichen sind. Die Terminals erhöhen damit die Versorgungssicherheit für Deutschland und tragen zu mehr Unabhängigkeit von den bisherigen leitungsgebundenen Erdgasimporten bei.

Olaf Lies
Olaf Lies

Wirtschaftsminister des Landes Niedersachsen

Der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies, ist überzeugt davon, dass das erste LNG schon am 21. Dezember diesen Jahres ins Ferngasnetz sowie in die Gasspeicher fließen kann. Dafür muss allerdings vorher die bereits genehmigte, etwa 26 Kilometer lange Pipeline von Wilhelmshaven bis zum nächsten Einspeisepunkt der Norddeutschen Erdgas-Transversale (NETRA) bei Friedeburg-Etzel fertiggestellt sein.

Zukünftig könnten über diese Leitung sogar bis zu 20 Mrd. Kubikmeter Gas pro Jahr transportiert werden.

In der Vergangenheit benötigte ein derartiges Projekt vom Start bis zur Inbetriebnahme nicht selten bis zu acht Jahre – diesmal muss es in nur zehn Monaten gehen.

Schiff ankert am Hafen
"Giant"

Die von RWE bei der norwegischen Reederei Höegh gecharterte "Giant" wird als FSRU bereits ab Dezember 2022 dauerhaft am Hafen von Brunsbüttel ankern und das angelieferte LNG für das Ferngasnetz verarbeiten.

In Brunsbüttel rechnen die Verantwortlichen ebenfalls damit, dass schon um die Jahreswende 2022/23 die Verbindung zwischen der FSRU und der mit drei Kilometern vergleichsweise kurzen Pipeline der "Schleswig-Holstein Netz (SH Netz)" in das Ferngasnetz stehen wird.

Am Hafen von Stade an der Elbe wird voraussichtlich Ende des Jahres 2023 das dritte schwimmende Terminal zur Verfügung stehen und von der HEH betrieben. Darüber hinaus wird dann auch vor Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) die vierte, im Auftrag der Bundesregierung gecharterte und von RWE und Stena-Power betriebene FSRU angeschlossen.

Sogar noch ein weiteres FSRU wird fest vor Wilhelmshaven ankern. Dieses fünfte Spezialschiff hat eine Kapazität von mindestens 5 Mrd. Kubikmetern pro Jahr und soll ebenfalls im Winter 2023 in Betrieb gehen. Excelerate, der Eigentümer des Schiffes, wird das FSRU dem Konsortium aus den Unternehmen TES/E.ON/Engie bereitstellen und es technisch betreiben sowie weitere erforderliche Dienstleistungen erbringen.

Parallel wird TES eine Anlandung von grünem Wasserstoff am Terminal in Wilhelmshaven aufbauen. TES strebt an, den Import grünen Wasserstoffs bereits während der ersten 12 Monate des Betriebs des FSRU nahtlos zu integrieren. Ziel ist es, das FSRU mit der Anlandung von LNG nur so lange am Standort Wilhelmshaven zu betreiben bis das Wasserstoff-Terminal für grünes Gas in Betrieb genommen wird; dies wird nach Informationen von TES voraussichtlich schon im Jahr 2025 der Fall sein.

Erdgasspeicher

Blick auf den Gasspeicher von Rehden
Gasspeicher Rehden

Unter der Erde im niedersächsischen Rehden verbirgt sich der größte Gasspeicher Westeuropas (Füllstand November: <95 %). Die Anlage der Astora GmbH wurde im Juni 2022 zunächst unter die Treuhänderverwaltung der Securing Energy for Europe (SEFE, vormals Gazprom Germania) gestellt und geht Ende des Jahres in den Besitz des Bundes über. Zur Aufrechterhaltung der deutschen Versorgungssicherheit erhielt SEFE von der KfW eine Kreditlinie in Milliarden-Höhe.

Neben der Einspeisung von LNG in das Ferngasnetz, ist die Speicherung von Gas für die deutsche Energiesicherheit von besonderer Bedeutung. Alle deutschen Gasspeichern zusammen besitzen eine Kapazität, um ganz Deutschland etwa zwei bis drei Monate mit Gas zu versorgen. Dafür müssen vorher allerdings die riesigen Speicher bis zum 1. November zu mindestens 95 Prozent mit Gas gefüllt sein. Bereits Mitte Oktober 2022 wurde dieses Ziel erreicht und sogar noch übertroffen.

Damit kann im Winter planmäßig Gas aus den Speichern in den Markt gegeben werden, und zwar entlang dem gesetzlich vorgegebenen Ausspeicherpfad: Die Speicherfüllstände dürfen dementsprechend wieder auf 40 Prozent im Februar 2023 sinken.

Im Auftrag der Bundesregierung hat die KfW der Trading Hub Europe GmbH (THE), einem Zusammenschluss von elf deutschen Ferngasnetzbetreibern, einen zweistelligen Milliarden-Betrag als Kreditlinie bereitstellt, um die Befüllung der Gasspeicher zu sichern. Die THE erhält damit die nötige Liquidität, um extrem große Mengen an Gas einzukaufen und diese in die Netze und in die Speicher leiten zu können. Der Kredit wird über eine Garantie des Bundes abgesichert. Diese finanzielle Absicherung war in der im Sommer 2022 am Gasmarkt besonders kritischen Lage dringend erforderlich, um die Speicher bis zum Herbst möglichst hoch zu füllen.

Auf KfW Stories veröffentlicht am 22. August 2022, aktualisiert am 14. November 2022

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Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedeten im Jahr 2015 die Agenda 2030. Ihr Herzstück ist ein Katalog mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals (SDGs). Unsere Welt soll sich in einen Ort verwandeln, an dem Menschen ökologisch verträglich, sozial gerecht und wirtschaftlich leistungsfähig in Frieden miteinander leben können.