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Wie gelingt Integration?

In Deutschland entscheidet sich jetzt, ob sich Hunderttausende Flüchtlinge in ihrer neuen Heimat einleben oder dauerhaft fremd fühlen. Ein Gespräch über Qualifizierung, Sonderwege in Schule und Beruf – und das Grundgesetz.

Interview: Bernd Salzmann

Frau Dr. Giffey, die Integration von Flüchtlingen ist aktuell eins der meistdiskutierten Themen. Welche Erfahrungen machen Sie in Neukölln?

GIFFEY Allein nach Berlin sind im vorigen Jahr mehr als 80.000 Flüchtlinge gekommen. Offizielle Statistiken besagen, 55.000 seien geblieben. Ich gehe davon aus, dass die Zahl weit höher ist. Gerade in Bezirken mit großen arabischen Communitys, dazu zählt Neukölln, sind viele Menschen privat untergekommen, bei Verwandten und Freunden. Die tauchen in der Statistik der Flüchtlingsunterkünfte nicht auf.

Den ankommenden Flüchtlingen gewährleisten das Land und die Berliner Bezirke zunächst eine Notversorgung: Sie bekommen ein Bett in einer Gemeinschaftsunterkunft, Verpflegung und, wenn nötig, medizinische Nothilfe. In der nächsten Phase ist es sehr wichtig, dass die Zuwanderer beginnen, unsere Sprache zu lernen.

Wie gehen Sie da vor?

GIFFEY Bei Kindern stellen wir zunächst fest, ob sie im schulpflichtigen Alter sind. Danach werden sie so schnell wie möglich in eine Willkommensklasse vermittelt. Kinder und Jugendliche ohne Deutschkenntnisse werden dort auf den Besuch der Regelklasse vorbereitet. Sport, Musik und Kunst werden meist von Anfang an gemeinsam unterrichtet. Alleine bei uns in Neukölln gibt es 56 Willkommensklassen, in ganz Berlin mehr als 700. Insbesondere Kinder im Grundschulalter haben noch alle Chancen. Je älter sie bei der Ankunft sind, umso schwieriger wird es.

ZEUNER Das ist richtig. Frühkindliche Bildung ist nachweislich besonders wertvoll, gerade für fremdsprachige Kinder. Dabei geht es um mehr als die deutsche Sprache. Es geht auch um soziales Verhalten, Kommunikationsfähigkeit und Ähnliches. Idealerweise sollten die noch Jüngeren möglichst schnell in eine Kita gehen. Erheblich schwieriger wird der Spracherwerb für alle, die bereits aus dem schulpflichtigen Alter heraus sind. Das geht dann in der Regel eben nur noch über außerschulische Zusatzangebote, oft speziell für Migranten.

GIFFEY Bei den Erwachsenen ist der Wunsch, Deutsch zu lernen, in den meisten Fällen sehr groß. Die Volkshochschule Neukölln hat im vorigen Jahr mehr als 600 Deutschkurse angeboten. Die rege Nachfrage hätte noch deutlich mehr erfordert. Ein Großteil der Kurse wird vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanziert, der andere Teil aus Mitteln des Landes Berlin. Leider führen die finanzierten Integrationskurse des Bundesamtes nur bis zum Sprachniveau B 1.

Das müssen Sie erklären.

GIFFEY Mit diesem Sprachniveau ist man in der Lage, die täglichen Dinge des Lebens zu erledigen. Es genügt aber nicht, um eine Ausbildung oder eine Arbeit aufzunehmen. Dafür braucht es mindestens Niveau B 2 – eigenständige Sprachanwendung, Verstehen komplexer Texte, klarer und detaillierter Ausdruck. Es geht aber um Arbeit und Ausbildung: Wir müssen die Flüchtlinge befähigen, für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen. Das ist auch wichtig für die Menschen, die sich hierzulande Sorgen machen, ob unser Sozialsystem die Kosten der Flüchtlingshilfe verkraften kann.

Dr. Franziska Giffey: "Es ist wichtig zu sagen, dass das Grundgesetz unsere gemeinsame Basis ist."

ZEUNER Ausgaben für Deutschkurse und andere Bildungsangebote sind eine essenzielle Investition, um Menschen, die hier bleiben, zu befähigen, in ein paar Jahren zu arbeiten. Sprach- und Integrationskurse müssen daher nach der Erstversorgung oberste Priorität genießen, was sie auch tun. Wenn wir das heute gut machen, vermeiden wir später weitergehende staatliche Fürsorge. Es ist daher richtig, dass die öffentlichen Haushalte heute stärker belastet werden als in der Zukunft. Ein ausreichendes Kursangebot wird aber nicht an der Finanzierung scheitern. Was Bund, Länder, Kommunen und Schulen herausfordert, ist der plötzlich gestiegene Bedarf an Integrations- und Lernangeboten. Einen Weg daran vorbei gibt es aber nicht, auch nicht für die Zuwanderer, die ihr Leben in Deutschland verbringen wollen oder müssen.

GIFFEY Die Flüchtlinge können in der Tat nur zum Wohlstand dieses Landes beitragen, wenn sie selbst für sich sorgen können. Dafür brauchen sie zunächst Unterstützung. Deshalb kann es nicht sein, dass Leute über Monate oder gar Jahre nicht wissen, ob sie hierbleiben dürfen, welche Perspektive sie haben. Das frustriert die Menschen und nimmt ihnen ihre Motivation.

ZEUNER Richtig. Ich plädiere deshalb dafür, bei den Flüchtlingen zügig die für den deutschen Arbeitsmarkt relevanten Qualifikationen in einem professionellen Verfahren zu ermitteln und zu dokumentieren. Das können die Arbeitsagenturen im Prinzip leisten. Das Ergebnis wären bescheinigte, für den hiesigen Arbeitsmarkt relevante Fähigkeiten und Kenntnisse. Das ist noch keine zertifizierte Berufsqualifikation und für sehr viele wird es auch dann noch ein langer Weg in den deutschen Arbeitsalltag. Aber es erscheint mir trotzdem sehr sinnvoll, so viel an Qualifikationen festzuhalten wie möglich, auch um die Menschen für ihre Aus- und Weiterbildung besser beraten zu können.

GIFFEY Wir müssen genau hinsehen, welche Fähigkeiten jemand mitbringt. Das ist die Grundvoraussetzung für eine Integration in den Arbeitsmarkt – so weit einverstanden. Aber es geht ebenso darum, dass gewisse Standards erhalten bleiben. Unsere Berufsbilder sind ja nicht ohne Grund entstanden. Außerdem müssen wir uns fragen, ob ein Verzicht auf Abschlüsse und Zeugnisse gegenüber denen gerecht wäre, die alles dafür getan haben, die Anforderungen zu erfüllen. Meine Präferenz liegt eindeutig auf dem Nachqualifizieren.

Dr. Jörg Zeuner: "Integrationskurse und Sprachkurse müssen oberste Priorität haben."

Wie ist denn Ihr unmittelbarer Eindruck von den Fähigkeiten der Flüchtlinge, mit denen Sie Kontakt hatten?

GIFFEY Wir benötigen viel Geduld. Selbst die Geschichte vom syrischen Arzt, der gleich in einem deutschen Krankenhaus einsetzbar ist, kann man nicht so einfach erzählen. Da fehlt es häufig an Sprach- und Fachkompetenz. Wir müssen außerdem anerkennen, dass nicht nur Ärzte aus Syrien zu uns kommen. Ebenso sind viele Menschen mit geringen Qualifikationen dabei, die teilweise nie eine Schule besucht haben. Die brauchen erst einmal eine Grundausbildung, vielfach auch Alphabetisierung.

ZEUNER Viele Zuwanderer mussten ihre Bildungskarriere während des Krieges und der Flucht unterbrechen, haben wertvolle Zeit verloren. Ich würde daher auch darüber nachdenken, den in Deutschland angekommenen Erwachsenen mit großem Nachholbedarf den Weg in unsere allgemeinbildenden Schulen zu öffnen, zum Beispiel bis zum Alter von 25 Jahren. Gleichzeitig geht es darum, in den Herkunfts- und Transitregionen die Bildungsangebote zu erweitern und so die Bleibeperspektive dort zu verbessern.

GIFFEY Sie sprechen da eine Altersgruppe an, die im Augenblick tatsächlich noch durch alle Raster fällt. An den allgemeinbildenden Schulen können wir uns nicht um diese jungen Erwachsenen kümmern, wir haben dafür schlicht nicht die Ressourcen. Das würde schon am Platz scheitern. Wir kommen teilweise schon jetzt an unsere Grenzen mit dem Anspruch, Kinder nicht in den Flüchtlingsunterkünften zu beschulen, sondern in einer regulären Schule. Für die Älteren braucht es andere Formen; Bildungsträgern könnte da noch eine wichtige Rolle zukommen.

ZEUNER Aber Sie würden mir zustimmen, dass etwas für diese Altersgruppe getan werden muss, in ihrem und in unserem Interesse?

GIFFEY Das ist auf jeden Fall so. Viele junge Männer versuchen, schnell etwas Deutsch zu lernen, und greifen nach jedem Job, der sich ihnen bietet. Aber das sind in der Regel Gelegenheitsjobs ohne Entwicklungspotenzial. Wir aber haben einen Fachkräftemangel. Auch deshalb sollten wir Menschen mit einer Bleibeperspektive adäquat qualifizieren.

ZEUNER Zumindest sollten wir nutzen, dass viele der jungen Männer und Frauen gerne noch ein paar Jahre Ausbildung machen würden. Das ist besser als Sonderwege, die in einem Arbeitsmarkt für Flüchtlinge enden. In 10 bis 15 Jahren kommt ein kräftiger Rückgang des Fachkräfteangebots auf uns zu. Es gibt also ein gewisses Zeitfenster, in dem sich Bildungsinvestitionen besonders lohnen werden. Nebenbei: Ich bin auch davon überzeugt, dass wir weiterhin hochqualifizierte Arbeitsmigration benötigen, um die Probleme des demografischen Wandels in allen Arbeitsmarktsegmenten zu lösen. Damit verbunden sind zusätzliche Beiträge in unser Sozialsystem. Das wird dadurch stärker.

GIFFEY Bei allem, was wir tun, ob es dabei um Bildung, Wohnen oder Arbeit geht, müssen wir immer im Auge behalten, dass es in diesem Land gerecht zugeht. Wenn wir also über Sonderwege sprechen, dann muss immer auch mitgedacht werden, wie das auf die Bevölkerung wirkt, die seit langem hier lebt – also in unserem Fall auf die Urberliner wie auch auf frühere Generationen von Migranten. Sonst ist das nicht gut für den sozialen rieden. Wir setzen in Neukölln daher auf integrierte Ansätze statt auf Sonderwege. Daher kann ich mich nur schwer damit abfinden, dass wir in der jetzigen Notsituation große Flüchtlingsunterkünfte für 400, 500 Menschen errichten, in denen sie für längere Zeit leben sollen. Das kann nicht integrativ wirken.

Was also ist zu tun?

GIFFEY Wir brauchen dringend mehr Wohnraum in Berlin. Die Stadt wächst. Das war schon so, bevor die Flüchtlinge kamen. Aktuell leben mehr als 10.000 Menschen in Turnhallen. In dieser katastrophalen Situation staut sich natürlich auch Aggression an. Das ist problematisch für die Menschen, die dort leben, und es ist problematisch für den Schul- und Vereinssport, der dort nun schon seit Monaten nicht stattfinden kann. Wir müssen also schnell handeln. Ich halte es daher für richtig, intensiv darüber zu sprechen, wo in dieser Notsituation vereinfachte Verfahren, die mit dem Baurecht vereinbar sind, angewendet werden können.

ZEUNER Ich rate da bei allem Verständnis für Ihre Lage zur Vorsicht. Sonderregeln schaffen Sondermärkte. Senken wir jetzt die Standards, steigen später die Sanierungskosten und die Risiken der Weiterverwertung. Wenn es gilt, unnötige Bürokratie abzubauen, stehe ich aber klar an Ihrer Seite. Der entscheidende Flaschenhals beim Wohnraum ist jedoch das Bauland. Es fehlt in vielen Ballungsräumen an Bauflächen und teilweise wird vorhandenes Bauland nicht genutzt.

Was brauchen Sie in Neukölln am nötigsten, damit die Integration gelingt?

GIFFEY Menschen, die es machen. Es braucht Ehrenamt, aber auch Hauptamt. Wenn sich niemand um die Ehrenamtlichen kümmert, werden sie irgendwann nicht mehr die Kraft haben, sich zu engagieren. Wir brauchen mehrLeute, die den Zuwanderern vor Ort erklären, wie unser Land funktioniert.

Würden Sie das bitte erläutern?

GIFFEY Gerade in Bezirken, die ohnehin schon von Migranten geprägt sind, ist es immer wieder wichtig zu sagen, dass das Grundgesetz unsere gemeinsame Basis ist. Was dort steht, ist ausreichend, damit wir hier gut zusammenleben können. Werte wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder die Meinungs- und Religionsfreiheit sind hier erkämpft worden und nicht verhandelbar. Jeder, der in diesem Land leben will, muss sich daran halten. Das ist genauso wichtig wie das Sprachkursangebot und die Integration in den Arbeitsmarkt.

Kommentare bitte an:

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Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey und KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner reden über Zuwanderung.

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