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Dicke Luft?

Ein Disput über den richtigen Umgang mit dem Klimawandel und eine effektive Entwicklungshilfe

Interview Dr. Christian Chua

Vor sechs Jahren verständigte sich die UN-Weltklimakonferenz in Kopenhagen darauf, den Anstieg der Erderwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf weniger als zwei Grad zu begrenzen. Ist das Abschlussdokument bereits Makulatur?

ZEUNER Nein, aber der Gipfel der Staats- und Regierungschefs Ende November in Paris muss mit einem verbindlichen internationalen Klimaschutzabkommen die Weichen für den Schutz des Weltklimas stellen. An der Verbindlichkeit mangelt es bisher.

LOMBORG Dem stimme ich absolut zu. Die Politik ist gefordert. Ich fürchte aber, es gibt keine sinnvolle globale Lösung, die in CO₂-Zielen verankert ist. Niemand stößt CO₂ mutwillig aus, um das Klima zu belasten. Der CO₂-Ausstoß ist die Nebenwirkung einer Energieerzeugung, die für die Industrienationen lange Zeit von enormem Nutzen war und immer noch ist. Gleichzeitig sind die Kosten zur Senkung von CO₂-Emissionen hoch. Wir sehen das derzeit in Deutschland. Warum sollten die Entwicklungs- und Schwellenländer auf günstige Energie verzichten und teure CO₂-Ziele anstreben?

Was können wir also tun?

ZEUNER Die Industrieländer müssen hier Vorreiter sein, allen voran Deutschland. Wir vollziehen die Energiewende ja auch, weil wir uns das materiell eher leisten können als die Entwicklungs- und Schwellenländer, und sorgen so für Innovation und Fortschritt. Die KfW finanziert Umwelt- und Klimaschutz weltweit und sie transferiert Know-how. Dabei weiß niemand besser als wir, dass Umweltschutz am Ende auch wirtschaftlich sein muss. Wir reden fast täglich mit Unternehmern darüber.

LOMBORG Wir müssen erheblich mehr Geld in Innovationen investieren, um günstigere Solar- und Windenergie mit einer besseren Energiespeicherung zu entwickeln. Zudem müssen wir einen Weg finden, um China und Indien an Bord zu holen. Klimaschutz muss so günstig sein, dass alle Länder mitmachen wollen. Aber wenn man sich die europäische Lösung anschaut und feststellen muss, dass Spanien aktuell mehr Geld für Subventionen erneuerbarer Energien ausgibt als für höhere Bildung, dann könnten viele zu dem Schluss kommen, dass die Prioritäten möglicherweise falsch gesetzt sind.

ZEUNER Zugegeben, die Energiewende in Deutschland ist teuer, Fehler wurden gemacht und müssen korrigiert werden. Aber neue Technologien sind anfangs immer kostspielig. Und noch etwas sollten Sie berücksichtigen: Wenn wir in der EU einen besser funktionierenden Markt für CO₂-Verschmutzungsrechte hätten, wäre es hierzulande möglich gewesen, den erneuerbaren Energien mit viel geringeren Subventionen zum Durchbruch zu verhelfen. So aber erlebte die Kohle eine Renaissance als preiswerter Energieträger.

Wie würden Sie also die Effektivität der deutschen Energiewende unter dem Strich beurteilen?

ZEUNER Auf vielen Feldern kommt die Energiewende sehr gut voran, während sie auf anderen Gebieten zu langsam ist. Wind und Sonne wurden dem Energiemix sogar zu schnell hinzugefügt. Das war zu teuer und wird jetzt gebremst. Auf der anderen Seite hinken wir beim Energieverbrauch hinterher. Der ist noch viel zu hoch. Hier werden aber bereits neue Anreize für Hausbesitzer, Kommunen und Unternehmen gesetzt. Auch von uns.

LOMBORG Die deutsche Energiewende verfolgt zwar im Kern das richtige Ziel. Vor dem Hintergrund hoher Kosten sollten die Schwellenländer die wenigen Ressourcen, die sie haben, aber besser in die Anpassung an den Klimawandel investieren, statt den Kampf gegen die Erderwärmung anzutreten.

Wäre das nicht eine Kapitulationserklärung?

LOMBORG Ich versuche, knappe Ressourcen so effektiv wie möglich zu verwenden, denn Sie können jeden Euro nur einmal ausgeben. Meine Frage ist, wie viel Euro bekomme ich über die Zeit für jeden ausgegebenen Euro zurück. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das nicht aus der Klimapolitik kommt. Es war typisch, wie im vorigen Jahr alle über Ebola diskutierten, während niemand mehr über Tuberkulose, HIV-Infektionen oder Malaria sprach, die viel mehr Todesopfer fordern. Ich sehe meine Aufgabe darin, solche Diskussionen anzustoßen. Weit größere Gesundheitsrisiken als das von Ebola können mit einem weit geringeren finanziellen Aufwand reduziert und vielleicht sogar ausgeschlossen werden. Muss das nicht unsere Priorität sein?

ZEUNER Zunächst mal hat Ebola in einer globalisierten Welt ein Ansteckungsrisiko, das es bei Malaria in dieser Form gar nicht gibt. Für einen Gesundheitspolitiker, Arzt oder Entwicklungshelfer ist das aber eine unzulässige Abwägung. Abgesehen davon stellt sich die Frage so in der Praxis nicht. In einigen Regionen dieser Welt gibt es keine Malaria, aber andere große Gesundheitsrisiken, die dort bekämpft werden können und müssen.

LOMBORG Aber Sie geben mir recht, dass wir für unsere Entscheidungen Orientierung brauchen. Wenn in einem Restaurant auf der Karte keine Preise stehen, werden Sie sich beim Bestellen nicht besonders wohlfühlen. Für die wenigsten von uns spielen Preise keine Rolle. Sie helfen bei der Zusammenstellung des Menüs.

ZEUNER Einverstanden. Aber ich denke auch daran, was ich gestern gegessen habe, was mir mein Arzt empfiehlt und was mir schmeckt.

LOMBORG Ich würde nie sagen, dass wir nichts gegen Ebola tun sollten. Aber selbst im Worst-Case-Szenario der Weltgesundheitsorganisation WHO war die prognostizierte Zahl an Ebola-Toten geringer als die jährliche Todesrate von Tuberkulose-Erkrankten. Darüber sollten wir nicht hinwegsehen, auch wenn es hart ist. Wenn Sie Entwicklungsziele mit Preisschildern versehen, machen Sie nicht nur Proportionen kenntlich, Sie beeinflussen auch Entscheidungen.

LOMBORG Natürlich, das hoffe ich auch. Wir möchten Zielen, die sich als kosteneffektiv erweisen, Rückenwind geben. Eine Person vor Malaria zu retten, kostet Sie ein Zehntel dessen, was Sie aufwenden müssen, um ein Leben vor einer tödlichen HIV-Infektion zu bewahren. Das liegt vor allem daran, dass Sie jemanden sehr einfach vor Malaria schützen können. Sie müssen nur zehn Tage lang ein ziemlich günstiges Medikament verabreichen. Sie können also entweder zehn Menschen vor Malaria oder eine Person vor dem tödlichen Verlauf einer HIV-Infektion bewahren. Ich weiß, das fühlt sich nicht gut an, aber das ist die Realität.

ZEUNER Die Gefahr Ihres Ansatzes, Herr Lomborg, liegt darin, dass Sie wichtige Aspekte von Entwicklung außer Acht lassen. Über die punktuelle Bekämpfung von Krankheiten hinaus muss den Entwicklungsländern zu robusten Gesundheitssystemen mit einem umfassenden medizinischen Angebot verholfen werden.

Herr Lomborg, die Staatengemeinschaft will die Millenniums-Entwicklungsziele fortschreiben. Wenn Sie die 2,5 Billionen Dollar, die die Welt bis 2030 für Entwicklungshilfe einsetzen will, verteilen dürften, welche drei Prioritäten würden Sie setzen?

LOMBORG Wenn sie lediglich den Nutzen jedes ausgegebenen Dollars oder Euros maximieren wollen, dann steht der Freihandel ganz oben auf der Liste. Sie könnten die Volkswirtschaften von Entwicklungsländern schneller wachsen lassen. Bis 2030 würden 160 Millionen Menschen die Armutszone verlassen. Der zweite Punkt wäre die Empfängnisverhütung für Frauen. Hier können Sie mit dem Einsatz von einem Euro eine Wirkung von 120 Euro erzielen. An dritter Stelle wäre eine Vielzahl von Gesundheitsinterventionen zu nennen. Bei Tuberkulose würde beispielsweise jeder investierte Euro einen Nutzen von 43 Euro haben. Auch der Schutz der Korallenriffe ist eine unglaublich gute Investition.

Erläutern Sie das bitte.

LOMBORG Es ist sehr billig, einfach auf das Dynamitfischen in Korallenriffen zu verzichten. Das schützt die Riffe, hilft, neue Fischgründe zu schaffen, und steigert den Tourismus. Für jeden Euro, den Sie für Korallenriffe ausgeben, errechnen wir einen Nutzen von 24 Euro. Die Ursache vieler Schwierigkeiten sind Armut und soziale Probleme.

Sollten wir nicht besser die Ursachen bekämpfen, statt Symptome zu lindern?

LOMBORG Es ist doch nicht falsch, Symptome zu behandeln. In einer Welt, in der wir nicht alles reparieren können, sollten wir uns auf die Dinge konzentrieren, für die wir Lösungen kennen. So werden zwar nicht alle Probleme beseitigt, aber es ist besser als nichts. Ist das ein Rezept für die KfW?

ZEUNER Wir arbeiten mit Ländern und Projektpartnern zusammen, die ihr souveränes Recht nutzen, eigene Prioritäten zu setzen. Wir beraten sie dabei und helfen bei der Umsetzung dessen, was wir sinnvoll finden. Hierbei fließen globale Überlegungen selbstverständlich ein, etwa die Erderwärmung – über den Klimaschutz haben wir ja bereits gesprochen. Wir sind keine Feuerwehr, sondern nehmen eine langfristige Perspektive ein, um funktionierende Institutionen entstehen zu lassen. Wir engagieren uns langfristig. So können wir allen Beteiligten dabei helfen, jenseits der Tagespolitik mit einem langen Atem zu agieren.

LOMBORG Ich finde auch, dass langfristige Ziele außerhalb eines allzu stark politisch eingefärbten Kontexts wichtig sind. Die Arbeit der Entwicklungsbanken könnte aber noch besser sein, wenn sie sich deutlicher auf die wirklich besten Projekte konzentrieren würde.

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