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Was lässt Egoisten kooperieren?

Der Evolutionsbiologe Prof. Dr. Manfred Milinski und der KfW-Chefvolkswirt Dr. Jörg Zeuner überwinden die Grenzen ihrer Fachdisziplinen. In einem Gespräch über Egoismus und Gemeinsinn erörtern sie, unter welchen Umständen Menschen kooperieren, um die großen Probleme unserer Zeit zu lösen.

Interview: Bernd Salzmann

Herr Prof. Milinski, Herr Dr. Zeuner, Sie gehören unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen an, aber Ihr Menschenbild gleicht sich.

MILINSKI Deshalb kann ich so gut mit Ökonomen zusammenarbeiten, zumindest mit denen, für die der Homo oeconomicus der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist.

Also einer, der immer nach seinem persönlichen Nutzen strebt, ein Egoist.

MILINSKI Genau. Diesen Nutzenmaximierer können Sie glatt gegen den Fitnessmaximierer in der Evolutionsbiologie austauschen. Deshalb ist es auch sinnvoll, wenn beide Fachdisziplinen ins Gespräch kommen.

ZEUNER Ja, unsere Grundhypothese ist die Gleiche: Niemand tut etwas gegen sein eigenes Interesse.

Eine Sicht auf die Welt, für die Sie immer wieder kritisiert werden.

ZEUNER Stimmt, aber zu Unrecht. Wir Ökonomen stellen uns ja auch die Frage, wie die Gemeinschaft davon profitieren kann. Adam Smith sah als Erster im Markt den geeigneten Mechanismus, Anbieter und Nachfrager von Ressourcen, Gütern und Dienstleistungen optimal zur Zusammenarbeit zu bewegen. Er hat dafür das Bild von der unsichtbaren Hand geprägt.

Aber schützt die unsichtbare Hand auch das Klima und sichert sie die Rente nachfolgender Generationen?

MILINSKI Als Evolutionsbiologe muss ich Sie vor allzu großen Hoffnungen warnen. Die Zukunft kümmert uns Menschen recht wenig.

Warum ist das so?

MILINSKI Weil wir uns grundsätzlich schwer damit tun, Probleme zu lösen, die unsere Vorfahren nicht hatten. In grauer Vorzeit dachten sie allenfalls an den nächsten Winter. Das steckt noch heute tief in uns drin. Der unmittelbare Konsum hat Priorität.

ZEUNER Das berücksichtigen wir in den Wirtschaftswissenschaften. Wir unterstellen ja auch, dass ein Euro heute mehr wert ist als ein Euro morgen. Daher gibt es den Zins.

MILINSKI Da das so ist, müssen wir neue Probleme mit alten Gehirnen lösen. Nachhaltiges Wirtschaften ist uns nicht in die Wiege gelegt, wie die Ausbeutung der Weltmeere und der Klimawandel zeigen. Wir haben da keinerlei Hemmung geerbt, denn unsere Vorfahren waren technisch gar nicht in der Lage, die natürlichen Ressourcen zu übernutzen. Wissenschaftler sprechen hier von der ›Tragedy of the Commons‹.

Das müssen Sie erklären.

MILINSKI Der Ökologe Garrett Hardin sagte bereits vor fast 50 Jahren voraus, dass gemeinsam genutzte, frei zugängliche Güter über kurz oder lang gnadenlos ausgebeutet werden. Das zeigen ›Public Good Games‹, also experimentelle Spiele um öffentliche Güter, noch heute.

Wie funktionieren solche Spiele?

MILINSKI Beispielsweise werden vier Spieler gefragt, ob sie bereit sind, jeder einen Euro in einen Gemeinschaftstopf einzuzahlen. Dann verdoppelt der Versuchsleiter die Summe und verteilt sie gleichmäßig auf alle Spieler – unabhängig davon, ob sie tatsächlich etwas eingezahlt haben. Zahlen alle ein, bekommt jeder zwei Euro und gewinnt nach Abzug des Einsatzes einen Euro. Zahlt aber einer nicht ein, bekommt jeder nur 1,50 Euro. Das bedeutet einen Gewinn von 1,50 Euro für den Trittbrettfahrer und lediglich 50 Cent für jeden kooperativen Spieler. Normalerweise beginnen solche Experimente kooperativ, aber über kurz oder lang investiert niemand mehr in den Gemeinschaftstopf.

ZEUNER Gerade die Wirtschaftswissenschaften haben aber auch Rezepte formuliert, die diesen frustrierenden Ausgang verhindern.

MILINSKI Das stimmt. Ihre Fachkollegen, die Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr und Simon Gächter, haben nachgewiesen, dass die Bestrafung von unkooperativen Spielern das Problem lösen kann. Aber die Sache wird teuer: Sie müssen Institutionen schaffen, die das durchsetzen. Polizei etwa oder Justiz.

ZEUNER Die Strafen müssen in der Tat ausreichend hoch sein, damit sich die Kosten für entsprechende Institutionen decken lassen und die Anreize stimmen. Sonst läuft es wie mit unserem CO2-Handelssystem in Europa, das zwar grundsätzlich immer noch das beste Rezept zur Eindämmung der Treibhausgasemissionen ist, aber eben viel zu niedrige Strafzahlungen in Form von CO2-Preisen generiert.

Wir haben aber auch noch andere Lösungen, auf die gerade Sie, Herr Prof. Milinski, immer wieder hinweisen.

MILINSKI Genau, die Reputation. Unsere Experimente zeigen, dass wir unseren Euro einzahlen, wenn nachher bekannt gegeben wird, wer nicht gezahlt hat. Unser Ansehen ist uns wichtig, weil es uns in der Zukunft die Unterstützung anderer einbringen wird. Das ist sogar genetisch fixiert. Wir verhalten uns automatisch kooperativer, wenn wir uns beobachtet fühlen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

MILINSKI Bahnbrechend war ein Versuch der Verhaltensbiologin Melissa Bateson in Newcastle. Besuchern der Cafeteria dort ist freigestellt, wie viel sie an einem Getränkeautomaten zahlen. Der Effekt war phänomenal: Wer sich durch zwei stilisierte Augen beobachtet fühlte, zahlte mehr. Wir haben unlängst gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Meteorologie ein Experiment durchgeführt, bei dem sich Studenten für den Erhalt des Klimas engagieren sollten. Der Einsatz fiel weitaus höher aus, wenn die Spieler wussten, dass jeder erfährt, wer wie viel gespendet hatte. Die Experimente zeigten auch, dass Spieler umso mehr Unterstützung erfahren, je höher ihre Klima-Reputation ist.

ZEUNER Da bin ich ja froh, dass nicht evolutorisch vorgegeben ist, dass wir keine Lösungen finden können für die Herausforderungen unserer Zeit. Offensichtlich gibt es Belohnungs- und Strafmechanismen, die uns zusammenarbeiten lassen. Das bestätigen Ihnen auch meine Fachkollegen. Von entscheidender Bedeutung ist hier immer wieder die Transparenz. Ich deute die Erkenntnisse aus Ihren Experimenten so: Je mehr sich im Verborgenen abspielt, desto größer ist die Gefahr, dass die Interessen der Gemeinschaft zum eigenen kurzfristigen Vorteil ignoriert werden.

Das gilt auch für die Finanzbranche?

ZEUNER Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre ist da nur eine Antwort möglich. Aber ich möchte gerne beim Stichwort ›Reputation‹ bleiben und unsere Aufmerksamkeit auf den Premierminister eines beliebigen europäischen Staates lenken. Dessen Reputation ist ja nicht von nur einer Grundgesamtheit abhängig. Er ist natürlich der Vertreter seines Landes, aber er ist auch Verhandlungspartner in Brüssel und fällt Entscheidungen, die auch andere Länder betreffen. Von denen wird er aber nicht gewählt. Wo wiegt Reputation mehr – daheim oder in der Fremde? Oder, um es etwas abstrakter zu formulieren: Was passiert,wenn Reputation nicht für alle Teilnehmer eines Experiments wichtig ist? Je nachdem könnte man so erklären, warum die europäische Integration kaum mehr die dringend notwendigen Fortschritte macht, will man sie wirklich erfolgreich zu Ende bringen!

MILINSKI Das haben wir noch nicht ausprobiert. Eine gute Idee! Es kann ja sein, dass es ein Land gibt, dem seine Reputation egal ist, weil es sich sehr stark fühlt oder sehr mächtig ist. Was würde passieren, wenn sich dessen Reputation nun negativ verändert? Das könnte man sogar zunächst in einem mathematischen Modell rechnen.

Herr Prof. Milinski, wir haben eingangs schon mehrfach über den Klimawandel gesprochen. Meist zeichnen Sie ein düsteres Bild, was die Chancen einer Weltgesellschaft aus Egoisten angeht, die Erderwärmung zu stoppen.

MILINSKI Ich wäre da gerne optimistischer, aber diejenigen, die sozusagen aus dem Bauch heraus auf andere Rücksicht nehmen, ihren CO2-Ausstoß minimieren, nicht mehr fliegen, möglichst wenig Auto fahren, im Winter lieber einen dicken Pullover zusätzlich anziehen, statt die Heizung hochzudrehen, sind wenige. Wir müssen hier zu rationalen, hirngesteuerten Lösungen kommen. Wir benötigen eine schnelle und große Lösung wie ein riesiges Solarkraftwerk von 100 mal 100 Kilometern in der Sahara …

ZEUNER … oder das flexible Zusammenschalten vieler kleiner Blockheizkraftwerke zu sogenannten virtuellen Kraftwerken.

MILINSKI Und wir müssen in vielen Bereichen auf Transparenz, Öffentlichkeit, Kontrolle und Ansehen setzen.

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Im aktuellen KfW-Magazin diskutieren Evolutionsbiologe Prof. Dr. Manfred Milinski und KfW-Chefvolkswirt Dr. Jörg Zeuner über die Frage "Was lässt Egoisten kooperieren?"

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