Tipp: Aktivieren Sie Javascript, damit Sie alle Funktionen unserer Website nutzen können.

Tief einatmen, Schweinehund!

Jörg Thadeusz ist Journalist und Moderator. Im RBB ist er regelmäßig mit "Thadeusz" und "Thadeusz und die Beobachter" auf Sendung

Ich muss mit meiner Seele mal Kontakt aufnehmen. Denn sie will leider nicht wandern. Kürzlich lag ich auf der Wiese vor einem Hotel und passte meine Atemzüge dem Wellenschlag des nahen Ozeans an. Auf Geheiß einer Yogalehrerin. Brasilianischstämmig. Es gab noch mehrere andere gute Gründe, vor ihr seelisch gut aussehen zu wollen. Sie versicherte, ich müsse für eine Seelenwanderung nicht zwangsläufig ableben und wiederauferstehen. Stattdessen würden ihre körperlichen Übungen helfen, um meiner Seele Beine zu machen. Denn für die Wanderung auf der Astralebene versprechen diejenigen, die dort schon unterwegs waren, einen 360-Grad-Blick. Ich würde die Yogalehrerin mit den Augen eines Greifvogels sehen, denn die können sehr weit gucken. Die Seelenwanderung verheißt alle Facetten der außerkörperlichen Erfahrung. Mich selbst würde ich von außen sehen. Was ich, nach dem Betrachten des ein oder anderen Strandfotos, verzichtbar fand.

Die entsprechenden Fachleute nennen aber auch ein Gefühl der "Vollständigkeit". Menschen, die einen oder mehrere Finger verloren haben, spüren seelenwandernd wieder die ganze Hand. Ich erträumte mir Ähnliches auf dem Kopf. Freute mich auf einen vollen Haarschopf, in den ich selbst in Trance noch kraftvoll greifen können würde. Wer im Internet zum Thema veröffentlicht, für den ist Seelenwanderung ein Klacks. So leicht, wie andere bei einem Weinfest zum Vollrausch kommen, so ungehindert kehren diese Leute ihr Inneres nach außen. Die entsprechenden Seiten im Netz sind seelenvoll gestaltet. Als Titelbilder gern verschwommen fotografierte Brücken, die in einen Regenbogen führen.

Meine Seele hat sich nicht einmal die Wanderschuhe angezogen. Sondern sich regelrecht festgesessen. Die Yogalehrerin befahl: Im Schneidersitz kauernd in den Beckenboden atmen. Den hätte ich niemals für den Aufenthaltsort der Seele gehalten. Sondern im männlichen Fall für den Dienstsitz des inneren Schweinehundes. Der Situationen heraufbeschwört, die später mit dem Satz "Es hatte nichts mit dir zu tun" beruhigt werden müssen. Es geschah nichts. Die Sicht blieb, wie sie war. Das Kopfhaar unvollständig. Da war aber auch immer noch die Verheißung: Was, wenn sich wirklich keine schönere Reise buchen lässt als die Seelenwanderung? Warum erleben andere diese gesunde Form der Bewegung und ich nicht? Bin ich womöglich seelenlos? Wenn hoffentlich nicht, wie kann ich das dann überprüfen?

Ein befreundeter Gerichtsmediziner berichtete, ihm sei bei seinen Untersuchungen in vielen Dienstjahren noch keine Menschenseele begegnet. Auch wenn er es nicht angeboten hat: Ich möchte ihn bei mir vorerst nicht suchen lassen. Sondern gucke lieber selbst noch einmal in der Nähe des Beckenbodens nach.

Sie wissen, wo unser Kolumnist seine Seele finden könnte? Dann schreiben Sie ihm unter:

CHANCEN bestellen

Wenn Sie eine gedruckte Ausgabe unseres Magazins CHANCEN bestellen möchten, klicken Sie bitte hier:

CHANCEN herunterladen

Wenn Sie die digitale Ausgabe unseres Magazins CHANCEN lesen möchten, klicken Sie bitte hier:

Online-Version

Download  (PDF, 9 MB, barrierefrei)