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Nix wie rüber

Die Freiheit lag auf der falschen Seite des Eisernen Vorhangs. Damals, Mitte der 80er-Jahre. Mein Bruder und ich wollten auf dem Gebiet des Warschauer Pakts ein Bündnis mit dem Bösen eingehen. Mindestens alles machen, was zu Hause verboten war. Unmittelbar vor dem Abendessen Süßigkeiten essen. Nachts nicht ins Bett gehen, sondern lange duschen. Im günstigsten Fall nicht allein. Denn ein Freund von uns hatte sich dort in Ungarn vielversprechend in ein wunderschönes Mädchen verliebt. Deutsch, gleichaltrig, mit sächsischem Akzent.

Immer wenn nicht Urlaubszeit war, gab es zwischen ihr und unserem Freund die unüberwindbare deutsch-deutsche Stachelnaht. Für ihn begann damals auf der DDR-Seite des Zauns das romantische Paradies. So gut, wie sie küsste, mussten sich dort drüben alle ständig zum Schmusen in den Armen liegen. Nach allem, was wir hörten, gab es dort auch keine Armut, keine Ungleichheit. Nur Liebe. Woher sollten wir es besser wissen? Eigentlich müsste sich unser Freund heute noch schämen, dass er die Grenztruppen der DDR zu Komplizen seiner Ruchlosigkeit machte. Wären die nicht gewesen, hätte er schließlich mit Petra, Ulrike oder Dagmar in flagranti ertappt werden können.

Uneingeschränkte Freiheit ist immer auch eine unerreichbare Idealvorstellung. Das mussten mein Bruder und ich einsehen, als wir uns der österreichisch-ungarischen Grenze näherten. Uniformierte Männer stiegen zu und verbreiteten eine misstrauische Atmosphäre, als hätte unsere Mutter sie geschickt. Ein Soldat mit einer Schirmmütze, der mir rübezahlriesig schien, trug einen Stempelkasten um den Hals. Funkelte uns an, wie wir es von zu Hause kannten, wenn wir im Stehen verrichtet hatten, was nach mütterlichem Diktum nur im Sitzen geschehen durfte. Die Spitzen seines gezwirbelten Schnurrbarts zitterten, als er die unverständlichen Konsonantenkaskaden seines Beamten-Ungarisch auf uns prasseln ließ. Er knallte die Einreisestempel auf eine Weise in unsere Pässe, die wir als strenge Ermahnung verstanden. Baut keinen Mist, Leute, oder ich weiß, wo ihr seid.

Die Stempelkästen stehen mittlerweile im Museum, als Zeugen eines historischen Happy Ends. Auf die heutigen Grenzen passt kein deutlich sichtbarer Schnauzbartriese mehr auf. Stattdessen sollte jeder selber wissen, warum er eine rote Linie überschreitet, wenn er seine Tochter heute noch Petra, Ulrike oder Dagmar nennt. Ich müsste so übermütig sein wie damals, um beispielsweise in Leipzig eine moralische Grenze zu verletzen. Indem ich schon beim Einchecken im Hotel der Rezeptionistin entgegentute: »Ich bin hier, um zu überprüfen, ob ihr immer noch so wahnsinnig gut küsst.«

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