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Isländische Traumfabrik

Deutsche und isländische Investoren bauen in Húsavík eine der modernsten und nachhaltigsten Siliziumanlagen der Welt. Der für die Herstellung des Metalls benötigte Hauptrohstoff Quarzit wandert quer durch Europa.

Text: Martin Sattler

Húsavík ist ein Ort, wie es ihn wohl nur in Island gibt. Ein kleiner Hafen und eine Holzkirche mit grünem Dach. Mit etwas Glück sind im Meer sogar Blauwale zu sehen. Für viele Reisende sind das genug Gründe, den malerischen Fischerort mit seinen 2.200 Einwohnern zu besuchen. Für Peter Wenzel gibt es einen weiteren: Silizium. Besser gesagt: die Siliziumschmelze der PCC BakkiSilicon hf, eine der modernsten und umweltfreundlichsten der Welt, die hier gerade entsteht. Sie soll schon bald eine wichtige Rolle bei der Rohstoffversorgung Deutschlands spielen. Peter Wenzel, Aufsichtsratsvorsitzender des isländischen Unternehmens, sagt: "Das gesamte Projekt ist für uns in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes – und mit einem Investitionsvolumen von etwa 265 Millionen Euro die größte Einzelinvestition, die wir bei der PCC bisher getätigt haben."

Von großer Bedeutung ist das Engagement der deutschen PCC SE in Island aber nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für deutsche Kunden. "Nahezu die gesamte Produktion des isländischen Werks wird über Langfristverträge an deutsche Unternehmen geliefert und leistet somit einen signifikanten Beitrag zur Rohstoffsicherung von Siliziummetall in Deutschland", sagt Wenzel. Anfang 2018 soll die Anlage in Betrieb gehen und das erste Silizium an Kunden verschifft werden.

Island
Großbaustelle mit Meerblick: Auch während der kalten Jahreszeit schreiten die Arbeiten an der Siliziumschmelze in HúsavÍk zügig voran. Anfang 2018 soll die Anlage in Betrieb gehen und das erste Silizium an Kunden geliefert werden

Die Nachfrage nach dem Metall, das unter anderem als Hauptrohstoff für Photovoltaikmodule, für vielfältige Anwendungen in der chemischen Industrie und als Legierungselement in der Aluminiumindustrie genutzt wird, ist groß. So groß, dass der Hauptteil des Bedarfs in Deutschland nur durch Importe aus verschiedenen Ländern gedeckt werden kann – insgesamt rund 300.000 Tonnen pro Jahr. Vor diesem Hintergrund investiert die PCC SE in eine Fabrik für Silizium mit einer jährlichen Produktionskapazität von 32.000 Tonnen. Doch warum entsteht diese ausgerechnet auf einer Atlantikinsel, auf der es mehr Schafe als Einwohner gibt? Um diese Frage zu beantworten, geht es auf eine Reise nach Polen.

Rund 200 Kilometer südlich von Warschau wird in einem PCC-eigenen Steinbruch der Rohstoff Quarzit abgebaut, aus dem in der isländischen Fabrik später Silizium entstehen wird. Der Transportweg nach Island steht längst fest: Auf Güterzügen wird das Gestein nach Stettin gebracht und von dort per Schiff direkt zum Hafen Húsavík transportiert. Vom isländischen Kai ist es dann über die neu gebaute Industriestraße nur noch ein Katzensprung, bis der Rohstoff die Schmelze des Siliziumwerks erreicht. Mit nur zwei Umschlagpunkten legen die Steine dabei mehr als 3.000 Kilometer bis zum Lichtbogenofen zurück – wäre da nicht der Neubau einer Schmelze in Polen deutlich effizienter? "Wir haben diesen Plan verworfen, da wir mit unseren Partnern in Island eine langfristige, kostengünstige Stromversorgung vereinbaren konnten. Denn nahezu der gesamte Strombedarf wird durch erneuerbare Energien wie Geothermie oder Windkraft gedeckt, die am Produktionsstandort reichlich vorhanden sind", so Wenzel. "Der Logistikaufwand wird durch die Vorteile beim Strombezug deutlich überkompensiert." Zumal die Herstellung von Silizium besonders stromintensiv ist: In zwei Elektrolichtbogenöfen wird das Quarzit bei über 2.000 Grad Celsius zu Siliziummetall reduziert. Die Staubemissionen, die dabei entstehen, werden durch das moderne Anlagendesign nahezu komplett gefiltert.

Polen
Rund 200 Kilometer südlich von Warschau wird in einem PCC-eigenen Steinbruch der Rohstoff Quarzit abgebaut, aus dem in der isländischen Fabrik später Silizium entstehen wird.

Doch nicht nur die günstigen Strompreise waren für die Standortwahl entscheidend. "Das Gesamtpaket hat einfach gepasst", sagt Wenzel. Die Bevölkerung, die Gemeindeverwaltung und die Staatsregierung unterstützten die Industrieansiedlung von Beginn an sehr engagiert. Mit dem Werk entstehen nun rund 125 neue Arbeitsplätze im strukturschwachen Norden Islands. Die Kommune hatte zehn Jahre lang um Unternehmen geworben. „Wir bei PCC sind als Investoren in verschiedenen Gebieten der Welt unterwegs Wir haben wohl sehr selten so viel Wertschätzung und Entgegenkommen seitens der Bevölkerung und der lokalen Partner erhalten.“ Hinzu kommen ideale logistische Rahmenbedingungen, zum Beispiel ein eisfreier Hafen, neu gebaute Transportinfrastruktur bis zum Werkstor und umweltfreundliche Geothermievorkommen in der Nähe.

Um ein solches Projekt zu realisieren, bedarf es hoher Professionalität aller beteiligten Partner. "Wir hatten von Beginn an das Gefühl, hier besteht der gemeinsame Wunsch, etwas zu erreichen", so Wenzel. Den Bau der Anlage übernimmt die Düsseldorfer SMS group GmbH, eines der weltweit führenden Unternehmen im Bereich Hütten- und Walzwerkstechnik. An der Finanzierung ist die KfW IPEX-Bank mit rund 170 Millionen Euro beteiligt. Da das Projekt auch für Deutschland eine strategisch wichtige Bedeutung besitzt, wird es von der Bundesregierung mit einer Exportkreditgarantie sowie einer Garantie für Ungebundene Finanzkredite (UFK-Deckung) unterstützt.

"Wir kamen mit diesem Projekt zur rechten Zeit an den passenden Ort", sagt Wenzel. Für ihn ganz klar: Mit einer der modernsten Siliziumfabriken der Welt, die sich durch eine terrassenförmige Anordnung und eine speziell ausgewählte Farbgebung gut in die Landschaft einfügt, haben Besucher spätestens ab dem Frühjahr 2018 neben Holzkirche und Walmuseum einen weiteren Grund, Húsavík zu besuchen. "Wer Interesse hat, einmal persönlich vorbeizukommen, ist herzlich willkommen!", sagt Wenzel. Also bis bald – oder "sjáumst", wie man in Island sagt.

Island
Blick in die Zukunft: Wie auf dieser Computersimulation sieht die fertige Schmelze nach nicht einmal drei Jahren Bauzeit aus. Es handelt sich um die größte Einzelinvestition in der Firmengeschichte der PCC
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