Tipp: Aktivieren Sie Javascript, damit Sie alle Funktionen unserer Website nutzen können.

Anders angepackt

Ostmarke gelingt Sprung ins 21. Jahrhundert

In der Vorweihnachtszeit stellt sich Gerhard Köhler selbst an den Packtisch in der großen Werkshalle von ORWO Net und tütet Fotobücher und -kalender ein. Auch Frau und Kinder müssen dann ran. Die Maschinen hinter ihnen drucken Bilder, schneiden, leimen, kleben Umschläge drum herum, und die Köhlers verpacken, was als Weihnachtsgeschenk in die Post geht.

»Wenn wir 2006 nicht mit Fotobüchern angefangen hätten, wären wir jetzt platt«, sagt Köhler. Er ist Vorstand der ORWO Net AG, die ihm fast zur Hälfte gehört. ORWO? Die Filmfabrik in Wolfen, das DDR-Pendant zu Agfa-Gevaert? Ja, von ORiginal WOlfen, kurz ORWO, mit zuletzt 15.000 Beschäftigten führen ein paar Umwege zu ORWO Net mit heute 315 Arbeitnehmern. Pleiten verschiedener Besitzer pflastern den Werdegang von ORWO nach der Wende, auch der ORWO-Net-Vorgänger pixelnet meldet Insolvenz an.

Jetzt tritt Köhler auf den Plan. Köhler, aufgewachsen in Aschersleben, ist Banker. Er weiß, wie man Geld besorgt. »Wichtig war, dass ich gesagt habe, was die Vorgänger falsch gemacht haben.« Im Laufe der Jahre sammelt er 27 Millionen Euro bei Banken ein, auch Darlehen der KfW gehören dazu.

Köhlers ursprünglicher Traumberuf? »Chefvolkswirt bei der Staatsbank.« Daraus wird nichts, die DDR geht ein. Dann wäre er gern Chef einer Sparkasse geworden. Auch daraus wird nichts. Also arbeitet er bei Commerzbank und Dresdner Bank, amtiert zwei Jahre als Finanzvorstand beim Neue-Markt-Sternchen pixelnet in Wolfen, macht sich als Unternehmensberater selbstständig und stellt 2003 mit zwei Partnern das pixelnet-Geschäft unter dem Namen ORWO Net auf neue Beine. Die Digitalfotografie entwickelt sich technisch rasend schnell, die Kundenwünsche ändern sich. ORWO Net macht zunächst vor allem Papierabzüge der digitalen Bilder, die Kunden beim Discounter Aldi oder bei der Drogeriekette Rossmann bestellen. Das einstige Brot- und Buttergeschäft nimmt aber kontinuierlich ab. Was wächst, ist der Wunsch, Bilder nicht nur auf Laptop oder Smartphone anzuschauen. Und so druckt ORWO Net Fotos auf Tassen und T-Shirts und arrangiert die Bilder in Büchern und Kalendern.

Wenige Orte haben so unter dem Zusammenbruch der DDR gelitten wie das 2007 mit Bitterfeld zusammengelegte Wolfen. Die Einwohnerzahl ist von 44.000 (1990) auf 18.000 (2013) geschrumpft. Mit ORWO verschwanden 15.000 Arbeitsplätze. ORWO stand für analoge Fotografie. Die macht bei ORWO Net nur noch knapp zehn Prozent des Geschäfts aus. Der Rest verteilt sich zu gleichen Teilen aufs digitale Bildergeschäft und den Digitaldruck.

Köhler zeigt eines seiner Lieblingsfotobücher. Es dokumentiert die Begegnung der alten Schach-Großmeister Viktor Kortschnoi und Wolfgang Uhlmann in diesem Jahr in der Universität in Leipzig. Köhler hat das Treffen organisiert und anschließend das Buch selbst produziert. Man muss wissen, dass ein Gespräch mit dem 58 Jahre alten Vorstandsvorsitzenden von ORWO Net schnell beim königlichen Spiel landen kann. Als Schüler wollte er selbst Großmeister werden. Besiegt hat er einige von ihnen im Laufe seiner Amateurkarriere immerhin schon.

Schach, findet der promovierte Volkswirt, bereite aufs Leben vor – und aufs Unternehmerdasein: »Beim Schachspiel lernt man, mit Chancen und Risiken auf der Basis von unsicheren Informationen über die Zukunft umzugehen.«

CHANCEN bestellen

Wenn Sie eine gedruckte Ausgabe unseres Magazins CHANCEN bestellen möchten, klicken Sie bitte hier:

CHANCEN herunterladen

Wenn Sie die digitale Ausgabe unseres Magazins CHANCEN lesen möchten, klicken Sie bitte hier:

Online-Version

Download

bruno banani

Ein Hauch Italien - Mit Unterhosen in die Selbständigkeit

Mehr erfahren

ENERCON

Mit neuem Antrieb - Windradbauer rettet Kombinat

Mehr erfahren

Wirthwein

Zuschlag für den Aufbau - Mittelständler expandiert gen Osten

Mehr erfahren